Jaaa, klar

Offenbar bin ich Faschist.

«Herr der Ringe» und PolitikWeshalb fahren so viele Rechtspopulisten auf Fantasy ab?

Oder halt Rechtspopulist – wird da eigentlich differenziert? Und wie viele Rechtspopulisten fahren denn auf Fantasy ab, statistisch gesehen? Und nicht jede Fantasy ist „Herr der Ringe“, aber da muss ich sagen, dass sich die Nicht-Herr-der-Ringe-Fantasy sich oft wenig Mühe gibt, sich zu distanzieren.

Italiens wahrscheinliche künftige Regierungschefin Giorgia Meloni ist bekennender Fan von «Lord of the Rings». Das hat seine Gründe.

Weil das ein tolles Buch ist? Nur so eine Idee.

Die Roman-Trilogie «Herr der Ringe» ist eines der meistverkauften Werke im 20. Jahrhundert und hat bis heute unzählige Fans.

Und wird auch in weiten Teilen des Fantasygenres direkt oder indirekt kopiert. Ausnahmen sind: Conan, der Barbar; Fahrfd und der graue Mausling; die Klassiker von Michael Ende; Alice im Wunderland; der Wurm Ouroboros; und noch ein paar…

Zu ihnen gehört auch Giorgia Meloni von der postfaschistischen Partei «Fratelli d’Italia», die am Wochenende die italienischen Wahlen gewann.

Hmm, ist die wohl für oder gegen Pizza Hawaii? Dies ist sehr relavant um einzuordnen, ob Pizza Hawaii gut oder böse ist. Oder anders gesagt: HdR ist so ein weit verbreitetes Buch, dass es bestimmt auch mindestens einen pädophilen Serienmörder gibt, der Fan davon ist – was beweist so etwas, außer Sippenhaft?

Was macht J.R.R. Tolkiens «Herr der Ringe» für Melonis politisches Weltbild so attraktiv?

Gondor ist Italien. Bzw., Ithilien ist Italien, weil das die Landschaft ist, in der Frodo und Sam merken, dass sie in einer anderen Klimazone als zu hause sind, aber Gondor hat wie Italien im Norden Berge, die nach ihren schneebedeckten Gipfeln benannt sind, im Süden das Meer, es ist der Rest eines einst größeren Reiches, seine Sprache ist eine Weiterentwicklung der Gelehrtensprache, und außerdem hat es eine Lautverschiebung gegeben, nach der „y“ nicht mehr „ü“, sondern „i“ ausgesprochen wird. Wie italienisch! Sean Bean sollte keine Italiener spielen.

Christine Lötscher, Professorin für Populäre Literaturen und Medien an der Universität Zürich, über Fantasy-Fantasien, die viel mit Verkürzung zu tun haben.

„Wir“ verkürzen die Gondor=Italien-Theorie zur Holzhammer-Psychologie, um „uns“ danach zu beschweren, dass Literatur etwas tut, was Kunst darf, Wissenschaft aber nicht. Klassiker.

SRF: Erstaunt es Sie, dass sich Giorgia Meloni für ihre Zwecke auf das Fantasy-Epos «Herr der Ringe» beruft?

Christine Lötscher: Einerseits schockiert es mich, und ich finde es absurd. Aber es erstaunt mich nicht unbedingt.

Es ist mMn eine Stärke des Buches, dass es keine Allegorie ist. Der Ring ist die Atombombe oder steht für harte Drogen. Sauron ist Hitler oder Stalin. Meinetwegen – auch wenn’s mir weh tut – steht der Neid der Numenorer auf die Elben einfach für Ausländerfeindlichkeit und Angst um Arbeitsplätze.

Fantasy wird immer wieder von rechter, konservativer Seite instrumentalisiert.

Wohingegen die linke, progressive Seite SF instrumentalisiert? GoT ist übrigens Anti-Kolonialismus, aber andererseits auch nicht gerade links. Nebenbei wechselt sie ständig zwischen „Fantasy“ allgemein und „Herr der Ringe“ im speziellen.

Das hat damit zu tun, dass es in «Herr der Ringe» zwar das Böse gibt, verkörpert durch Sauron und durch die Orks, diese künstlichen Kampfmaschinen.

Sauron hat mehr Charakter als der Nachtkönig, Orks haben mehr Charakter UND Intelligenz als Eiszombies. Ähnliches könnte man über Harry Potter sagen oder auch SF-Titel sagen wie Star Wars. Oder Karl May.

Aber eigentlich ist nicht der Kampf Gut gegen Böse das Thema von «Lord of the Rings», sondern wie die Figuren, die auf der guten Seite kämpfen wollen, immer wieder vom Ring, von der Macht also, korrumpiert werden.

Jaaaa, das ist eine legitime Interpretation, aber eigentlich nicht die einzige, und vor allem – und deshalb ist es wurscht – vermutlich nicht die Interpretation von Meloni. Ob jemand, die offenbar deutliche Sympathien mit Mussolini hat, jetzt wirklich wegen ihrer Tolkien-Interpretation als schlechter Mensch betrachtet werden sollte, als wegen der Mussolinisympathien, sei mal dahingestellt.

Gerade weil das so ambivalent und schwierig ist, finde ich es absurd, die Trilogie auf den Kampf Gut gegen Böse zu reduzieren.

Das ist jetzt eine doppelt unbestimmte Schlussfolgerung: wer HdR als Kampf Gut gegen Böse betrachtet, ist rechts, weil rechte sehr in Gut-gegen-Böse-Kategorien denken. Nein zu beidem. Vor allem, weil es Leute gibt, die Bücher für Böse erklären, weil die eine Botschaft haben, die ihnen nicht gefällt, aber allgemein als links gelten.

Was macht denn «Herr der Ringe» trotzdem anschlussfähig für eine rechte Politikerin wie Giorgia Meloni?

Weil es darin das absolut Böse gibt, das man bekämpfen kann.

Wieso jetzt „trotzdem“? Ich dachte, „deshalb“? Aber nein, dass hat nichts mit dem „rechts“ in „rechtspopulistisch“ zu tun, sondern mit dem „populistisch“. Rechte wie Linke sind Fans sauberer Freund-Feind-Linien, bei den Linken verlaufen sie zwischen Arbeitern und Bürgern, und bei den Rechten zwischen Inländern und Ausländern. Nur die Art des „absolut Bösen“, das man im RL bekämpfen kann, unterscheidet sich.

Das lädt dazu ein, alles Mögliche darauf zu projizieren. Literatur ist ja immer symbolisch und vieldeutig. Je nachdem, wie man Texte interpretieren will, kann man sie auf eine Art reduzieren, die es einem gerade dient.

Das ist jetzt so allgemein formuliert, dass man auch Alice im Wunderland als Symbol für ein weitreichendes Cannabis-Verbot interpretieren kann. Aber unterm Strich bleibt: „Man kann HdR interpretieren, wie man will, also können auch Rechtsextremisten in rechtsextremistisch interpretieren.“ Ergo beweist es nichts, wenn genau das passiert.

Für Rechtspopulisten anschlussfähig ist der Umstand, dass es diese Völker und Rassen gibt, die in konflikthaften Verhältnissen zueinander leben.

Das ist bei Star Trek auch so. Also ist Star Trek anschlussfähig für Rechtspopulisten. Und wenn Rechtspopulisten Brot essen, ist Brot dann rechts? Bzw., wenn der Umkehrschluss nicht gelten soll, es also keine Sippenhaft geben soll, was soll dann dieser Artikel?

Hier werden Krieg und teilweise auch Gewalt idealisiert. Dazu kommt eine gewisse Heldenverehrung.

Wie bei Star Trek?

Worauf rechte Gruppierungen aber vor allem anspringen, ist die Bezugnahme auf die germanische und nordische Mythologie.

Ja, in Deutschland, England oder Skandinavien bestimmt. Und das hatte schon Tolkien selbst geärgert. Nur frage ich mich, ob das für Italiener denselben Appeal hat? Nicht Mucius Scaevola? Nicht Brutus, der ältere? Keine Ahnung, ehrlich gesagt, aber so pauschal sehe ich das nicht.

Gilt denn diese Anschlussfähigkeit nur für «Herr der Ringe» oder generell für das Fantasy-Genre? Man wirft ihm ja immer wieder vor, es habe etwas Reaktionäres und Rückwärtsgewandtes.

Das Fantasy-Genre neigt dazu, Geschichten mit einsamen Helden zu erzählen, die gegen das Böse kämpfen.

Im Unterschied zu Science Fiction? Horror? Krimis? Genausogut könnte man sagen, dass Rechte und Rückwärtsgewandte Katzen mögen, weil die ein weiches Fell haben.

 Aber das müsste nicht sein – und ist auch nicht immer der Fall.

Das ist in dieser Formulierung auch nicht bei HdR der Fall, wo die Helden nicht gerade einsam sind.

Es gibt feministische Autorinnen wie Ursula K. Le Guin, die schon im 20. Jahrhundert Fantasy in ihrer «Erdsee»-Serie aufgegriffen und etwas anderes daraus gemacht hat.

Ähh, nein? Ged ist deutlich ein Einzelkämpfer, der gegen Drachen, den eigenen Schatten und anderes Ungemach kämpft. Und männlich.

 Es gibt sogenannt afrofuturistische Autorinnen und Autoren, die antirassistische, diverse Fantasy schreiben, die sich auch mit Science Fiction vermischt.

Zum Beispiel?

Das Genre bietet ein ungeheures Potenzial, um alle möglichen Geschichten miteinander zu verbinden und eben alte Geschichten neu zu erzählen und umzuschreiben.

Genau! Endlich ist „Galadriel“ hart wie Mithril, zäh wie ein Windhund, schnell wie Leder und noch irgendwas. ENDLICH!

2 Gedanken zu “Jaaa, klar

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