Fünf Freunde und der geheime Nazistützpunkt

Hier gibt’s noch eine Leseprobe zu „Einer Frage der Moral“.

… Allerdings darf bezweifelt werden, dass die Kritiker/-innen der politischen Korrektheit tatsächlich der Meinung sind, Kinderbücher fielen in die Kategorie schützenswerter zeitgeschichtlicher Dokumente: Kinderbuchverlage greifen bei Übersetzungen und Neuauflagen oft sehr viel tiefer in den Originaltext ein als in den oben beschriebenen Fällen, ohne dass im Feuilleton auch nur ein leises Murren vernehmbar wäre. In Enid Blytons 1941 erschienenem Kinderbuchklassiker „The Adventurous Four“ etwa entdecken die Arnold-Kinder während des Zweiten Weltkriegs einen geheimen U-Boot-Stützpunkt der Nazis vor der Küste Schottlands und werden von deutschen Soldaten mit Hakenkreuz-Armbinde gefangen genommen. Als das Buch 1969 ins Deutsche übersetzt wurde, machte man aus den deutschen Nazis Unpolitische und Waffenschmuggler ungenannter Nationalität, ließ die Geschichte aber weiterhin im Zweiten Weltkrieg spielen. Die Sorge des Feuilletons bezüglich der damit begangenen Verfälschung des literarischen Werkes oder der jüngeren deutschen Geschichte lässt bis heute auf sich warten. […]

Die Frage, warum man das eine Kinderbuch umschreiben durfte und das andere nicht, verdient eine eigene Antwort. Oder eine ganze Liste von Antworten.

Zunächsteinmal, hier wird ein Buch mit einer Serie gleichgesetzt, was sachlich falsch ist, und zusätzlich als Kinderbuchklassiker gefrämt, um eine Vergleichbarkeit zu suggerieren, die nicht ansatzweise gegeben ist. Kannte jemand hier „Die verwegenen Vier“ wenigstens vom Namen her, bevor soe auf den Link klickte? Das ist nicht PL, das ist auch nicht Hanni und Nanni oder Fünf Freunde, und selbst diese Reihen gelten nicht als „Klassiker“. Gibt’s inzwischen teilweise gratis. Also, falls sich jemand (außer Herrn Stefanowitsch) wundert, warum „das“ Feuilleton  gegen die Änderung von PL war, aber die Umschreibung dieses sogenannten Klassikers nicht kritisierte, diverse Antworten:

  • das Feuilleton von 1969 hat das Buch einfach nicht im Original gelesen
  • das Feuilleton von 1969 hat das Buch überhaupt nie gelesen
  • das Feuilleton von 1969 ist nicht dasselbe wie heute, d.h., das Argument ist „die aber auch“
  • das Feuilleton von 1969 kannte auch PL nicht, sondern nur bunte Kinderbücher mit Hakenkreuzen
  • das Feuilleton von 1969 hatte mit den 68ern genug zu tun
  • es gab gar kein Feuilleton, das sich mit Kinderbüchern befasste, weil Kinderbücher ja „Gebrauchsliteratur“ sind, und Erwachsene ihr Erwachsensein am besten dadurch unter Beweis stellen, dass sie sich Sachen durchlesen, von denen (mindestens) die ersten zwanzig Seiten stinklangweilig sind
  • das Feuilleton von heute hält Lindgren für die deutlich bessere Schriftstellerin als Blyton, so dass bei letzterer Änderungen weniger Verschlechterungen sind
  • praktisch alle anderen Menschen denken das übrigens auch
  • die damaligen Feuilletonisten hätten am liebsten ein Ende gehabt, wo die ruhmreiche deutsche Wehrmacht sich nicht von ein paar Kindern besiegen lässt, trauten sich aber nicht, das zu schreiben
  • einige damaligen Feuilletonisten hatten die Änderung vllt. tatsächlich kritisiert, es gibt aber leider keine Dokumente mehr, die man ohne größeren Aufwand recherchieren könnte
  • die Übersetzung wurde ein Jahr nach dem Tod der Autorin veröffentlicht, möglicherweise war die Änderung bereits abgesprochen
  • Blyton wurde noch ganz anders verändert; z.B. wurde körperliche Strafen praktisch komplett entfernt (ich könnte mir hier allerdings vorstellen, dass der pädagogische Effekt sich nicht an die Kinder richtet: „Eltern, don’t do that at home!“)

Dieses ganze Pseudoargument ist deshalb besonders ärgerlich, weil da ein Buch, das kaum jemand kennt, weil es in D. seit Jahrzehnten außer Druck ist (hätte man mal die Nazis dringelassen, dann wäre es bestimmt interessanter), als Gegenbeispiel genannt wird.

Es gibt eine Menge Änderungen bei Blyton und anderen, die teilweise tatsächlich auch vom heutigen Feuilleton kritisiert wurden, teilweise aber nicht. Der Grund, warum er kein besseres Beispiel genommen hat, obwohl er sich meine obigen Einwände selber denken konnte, könnte zwei Gründe haben:

  1. er hält seine Leser, oder jedenfalls viele von ihnen, für zu dumm, um obige Einwände zu bringen
  2. er will die Kritiker von PL-Änderungen als Menschen främen, die die Nazizeit verdrängen wollen, die Kolonialzeit aber nicht

Wobei es solche Menschen bestimmt auch gibt, aber das entbindet einen nicht von der Pflicht zum sauberen Argumentieren. Selbst wenn man, wie in diesem Fall, sämtlichen Kritiker/-innen einfach unredliche Absichten und Argumente unterstellt, so muss man entweder beweisen, dass alle tatsächlich unredliche Absichten, z.B. Nazisympathien, haben oder, dass die Argumente grundsätzlich schwach sind, also z.B., dass Kinderbücher keinen historischen oder zeitgeschichtlichen Bezug haben dürfen/sollten (keine Ahnung, warum, aber ich ließe mich gerne belehren). Oder aber – wenn man mit „die aber auch“ argumentiert – man zeigt, dass dieselben Personen oder Institutionen, die bestimmten Änderungen in Buch x explizit widersprachen, denselben Änderungen in Buch y nachweislich zustimmten. Ansonsten ist das ad hominem. Oder ad homines, sind ja mehrere.

Wie erwähnt, ich halte die Änderung zu Südseekönig ok, ich interpretiere das Buch aber auch als Parodie auf kolonialistische Klischees als deren Bestätigung. Warum? Man vergleiche mal die Biographie von Vater Langstrumpf, nicht gerade eine Ausgeburt europäischer Hochkultur, der mäßig kompetenterweise über Bord geht, aber dank seines körpereigenen „Rettungsringes“ bis nach Afrika treibt, oder gleich bis in die Südsee, wo er die Kultur seiner selbsternannten Untertanen um ein Lied erweitert, mit der von Robinson Crusoe, der quasi seine ganze Kultur im Alleingang nachbaut. Aber das ist nur meine Deutung, niemand hat die Deutungshoheit.

Ich halte die obige Argumentation, mit der Argumente kontra Änderung nicht widerlegt, sondern abgelehnt werden, für sehr dünn. Wenn ich sie hier akzeptierte, müsste ich sie auch bei anderen Büchern akzeptieren. Und das will ich nicht.

Ein Gedanke zu “Fünf Freunde und der geheime Nazistützpunkt

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