ADHS

Im Nachgang zum gestrigen Beitrag:

Zu sagen, jemand habe ADHS, ist natürlich nur dann nicht böse, wenn es stimmt und die betreffende Person mit der Weitergabe dieser Information einverstanden ist.

Ich kenne eine Reihe von Menschen nur sehr flüchtig, von denen ich das trotzdem weiß; was aber nicht beweist, dass ich nicht auch Leute mit ADHS kenne, die wollen, dass das Privatsache bleibt.

Über fiktive Personen, also Romanfiguren, Charas in Film und Fernsehen, NSC in Computerrollenspielen und so weiter, zu spekulieren, ob sie hyperaktiv im Sinne einer ADHS-Diagnose sind oder sein sollen (sind zwei nicht deckungsgleiche Fragen), ist natürlich nicht „böse“. Auch, wenn diese Diagnose mit dem laienhaften Kenntnissen eines Sprachwissenschaftlers gestellt wird. ADHS ist kein moralischer Verstoß, also kann daraus kein moralischer Vorwurf entstehen.

Schon aus der Überlegung heraus, dass real existierende hyperaktive Kinder vllt. auch gerne über Leute lesen, die so sind wie sie, ist das unmöglich ein Grund, das entsprechende Buch abzuwerten. Was ein Kritikpunkt wäre, wenn Lindgren oder wer jemanden explizit als „AD-hyperaktiv-S“ bezeichnet, aber ADHS dann abwertend darstellt. Oder es deutlich schlimmer oder harmloser für die Betreffenden darstellt, als es normalerweise ist. Oder, wenn ADHS völlig falsch darstellt wird, oder als „witzig“. Das gilt übrigens für alle Arten von Krankheiten, Entwicklungsstörungen, Behinderungen und sonstigen Problemen: wenn man meint, sie thematisieren zu müssen, sollte man davon ein bisschen mehr Ahnung haben als gar nicht.

Aber all das gilt natürlich nicht für Menschen, für die die richtige Sprache „eine Frage der Moral“ ist. A.S. sagt explizit, dass seine Diagnose von Langstrumpfs ADHS – und da ist es egal, ob er genug Symptome im Text nachweisen könnte – „böse“ gemeint ist; er wertet sie nicht irgendwie „aus Versehen“ ab, oder er verwendet einen neutralen Begriff, der „falsch verstanden wird“, sondern er will, dass wir, die Leserschaft, das abwertend wahrnehmen.

Seid nicht wie Anatol Stefanowitsch: benutzt Diagnosen nicht als Schimpfwörter.

3 Gedanken zu “ADHS

  1. Allein, dass Du dir solche Mühe machen musst, dich gegen so einen haltlosen Vorwurf zu verteidigen, zeigt sehr schön, welche Zustände bereits herrschen. Sofern es nicht gerade gegen weiße Männer geht, muss man jedes Wort auf die Goldwaage legen.

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  2. „ADHS“ oder „hyperaktiv“ ist zwar die falsche Wortwahl, sagt aber etwas, dem ich durchaus zustimmen kann: das Verhalten von Pippi wird gerne als weibliches Self-Empowerment gefrämt, doch in Wirklichkeit ist sie ein verzogenes Gör, und lebenstüchtig ist sie allenfalls aufgrund ihres Wohlstandes (Haus, Pferd, Goldschatz), aber nicht aufgrund ihrer psychischen Disposition. Hätte sie etwas mehr Leidensdruck und fühlte sie sich nicht in der Auffassung bestätigt, dass ihre Kommunikationsschwierigkeiten an den „Verhältnissen“ lägen, dann wäre der Therapeut nicht weit.

    Im Grunde ist sie eine echte Feministin. Das ist es, was uns A. S. sagt, wenn auch vermutlich ungewollt.

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