The Rant of Eis und Feuer

Alles gute muss einmal Enden, und so auch diese Reihe über GoT.

Ich will noch nicht einmal sagen, dass ich Geschichten mit Moral nicht mag. Oder jedenfalls solche, bei denen ich die Moral nicht mag. Und ich könnte mich sogar damit anfreunden, wenn mir jemand in Form einer Geschichte sagt: „Typen, die zu ihrer gewalttätigen, verräterischen und insgesamt bösartigen Ex zurückkehren wollen, sind dumm und werden damit nicht glücklich.“ oder: „Soziale Gerechtigkeitskämpfer werden irgendwann zu üblen Diktatoren. M/w/d.“ Mein Problem ist, dass viele Geschichten nicht dadurch besser werden, dass man eine Moral oder Botschaft einbaut. Wenn man einfach eine Geschichte erzählt und das Publikum entscheidet, welche Botschaft(en) es daraus ableitet, wenn überhaupt, macht mir das prinzipiell mehr Spaß, denn wenn jemand eine Botschaft zum vermitteln hat, muss soe aufpassen, dass die auch genau SO ankommt. Das nimmt sowohl der Story als auch dem Publikum einen Teil ihrer Freiheit.

Dies gilt umsomehr, wenn man das erst ganz am Ende einbaut, und zwar bei Charas, die bis dahin tatsächlich anders charaktisiert wurden. Jamie war tatsächlich nie derartig egoistisch und sexbesessen, und Dany hatte meiner Meinung nach am meisten Mitgefühl von allen Figuren bei GoT. Jedenfall kümmert sie sich am meisten um andere. Es hat einen Grund, dass Fabeln, wo eine Moral zu jeder Geschichte gehört, einfach nur Tiere als Figuren haben, die sinnbildlich für Charaktereigenschaften stehen. Statt voll ausgebildeter, komplex entwickelten Charaktere, deren Verhalten einen gewissen „Wiedererkennungswert“ haben dahingehend, dass man zumindest im Nachhinein erkennt, warum und wieso soe so oder so handelt (wenn man ioses Verhalten zu sehr vorhersagen kann, wird es ja langweilig), hat man quasi nur die abstrahierten Charaktereigenschaften. Der gierige Wolf, das arglose Lamm, der stolze Löwe und das alberne Hurtz.

Wenn man aber komplexe Charakterstudien liefert, muss entweder die Moral zur Studie passen, oder, man muss den Charakter langfristig auf diese Moral am Ende hinentwickeln, oder, man lässt die Moral einfach weg. Hierzu sei gesagt, dass bspw. Jons Verhalten am Ende sehr zu seinem Charakter gepasst hat, z.B.: „Ich kann und werde nicht verteidigen.“ – *verteidigt unmittelbar danach, was sie getan hat* IST natürlich ein Widerspruch, aber da er ganz offensichtlich und natürlicherweise hin- und hergerissen ist, ist es die logische Reaktion, widersprüchlich zu reden. Nicht rational, aber logisch.

Oder, was auch kritisiert wird, sie wird von den wildesten Kriegern ihrer Welt, den diszipliniertesten Soldaten ihrer Welt und den lebendigsten Drachen ihrer Welt bewacht. Wie hat er damit rechnen können, das zu überleben? Antwort: gar nicht. Er hat bereits im übertragenen Sinne den Weg in Ihr Herz erobert, jetzt muss er es nur noch Mal mit einem Dolch tun. Weil sie ihm vertraut, kommt er an ihren Leibwächtern vorbei, aber unmöglich hat er erwartet, lebend aus der Nummer wieder rauszukommen. Dass er es dennoch tut, ist aber eben seine pflichtbewusste Rechtschaffenheit. Also charakterkonform und damit logisch.

Und er hat Glück, dass er nicht instant verbrannt wird, und das die Leiche verschwindet, so dass dieser glorreiche Tyrannenmord anscheindend erst auffiel, als er in Sicherheit war. Und immerhin wird jetzt ein Problem einer Feudalgesellschaft deutlich: wenn Deine geliebte Anführerin von einem Dolche, Wüterich, penetriert wurde, aber der Täter zum Hochadel gehört, gibt es keine Gerechtigkeit für Dich, Grauwurm. Das Urteil fällen die Familie des Angeklagten, die Freunde des Angeklagten, die Verbündeten des Angeklagten und ein Adeliger aus Dorn, der im Zweifel eher gegen den Soldaten vom Nachbarkontinent ist. Das wäre also ein Beispiel für eine Moral von der Geschichte, die sich tatsächlich aus der Geschichte selbst ergibt. Aber das erklärt nicht, warum die Unbefleckten Jon nicht einfach ermorden. Stattdessen wird Jon wieder zu Mauer geschickt – etwas, was er mal freiwillig gemacht hat – um dort eine chillige Sinecura aufzunehmen, weil die Bedrohung dort sich jetzt auf ein paar Banditen oder so beschränkt.

Und sie führen so etwas wie Protodemokratie ein, indem sie eine Wahlmonarchie einführen. Und Bran wählen. Ok, die Idee finde ich gut, obwohl es wohl keinen Präzedenzfall in Westeros‘ Geschichte gibt, und selbst, wenn es nicht lange halten mag, für den aktuellen Konflikt ist das ein gescheites Ende. Ja, auch wenn es Bran ist.

Aber dann wird Sansa nationalistisch. Was in allen möglichen Szenarien mehr Sinn gemacht hätte als diesem – wenn Sansa Stark den Norden regiert und selbst von König Bran, der erste seines Namens, ebenso aus dem Hause Stark, vom nicht mehr eisernen Thron aus ganz Westeros, das wäre für die kleineren Adeligen und sonstigen Bewohnern des Nordens, die die Nase voll von der Knute der Fremdherrschaft hatten und nur noch Starks als Könige (statt Lords) akzetieren wollten, doch super akzeptabel, oder?

Keine Ahnung, ob das Ende von Game of Thrones jetzt anti-SJW und pro-Nationalstolz sein soll, anti-Inzest und pro-Beziehungen-mit-nicht-Verwandten. Pro-proto-Demokratie und Anti-Feudal-Kaisertum. Und, vielleicht, möglicherweise, sind all diese Inkonsistenzen und Idiotien und fragwürdigen Entscheidungen tatsächlich nicht bei dem Versuch entstanden, eine Moral zu ziehen oder eine Botschaft zu vermitteln, sondern einfach nur die ehrliche Doofheit von DnD.

Vielleicht ist das alles aber auch ein Kommentar zum Post-Kolonialismus, dass es ehemals kolonialisierten Völkern mehr hülfe, wenn sie ihre Probleme alleine zu lösen versuchten, selbst, wenn das nicht reibungslos abliefe, als dass man ausgerechnet die Tochter des letzten Kolonialherren zur Hilfe kommen lässt.

Meine Theorie gefällt mir immer besser.

Vor allem, weil ich nicht glaube, dass sie beabsichtigt ist.

Fürs Protokoll: ich mag das Ende der Fernsehserie von Eis und Feuer nicht. Nicht unbedingt inhaltlich, sondern wie dieser Inhalt erzählt wird. Die Art, wie Jamies Geschichte zu Ende gebracht wird, kommt mir wie eine völlig sinnlose 180°-Wende vor, aber wäre das nicht so abrupt, oder hätte eine bessere Begründung (aka, überhaupt keine), wäre sie ok für mich. Nicht gut, nicht schön, aber ok. Halt eine Geschichte, deren Ende ich mir anders vorgestellt habe und anders erhofft habe, aber – da ich bei allen Hauptfiguren eigentlich nur bei Tyrion sowie Dany und Jon, dem namensgebenden Eis und Feuer, damit gerechnet habe, dass sie die letzte Folge erleben – hatte ich für Jamie keine allzu hohen Erwartungshaltungen. Happy Ending? Nicht bei GoT.

Bei Daenerys und Jon – ich wusste, dass sie keine Geschwister waren, ich habe es IMMER gewusst – sehe ich das Problem, dass die nicht gemeinsam eine neue Dynastie gründen werden sollten. Ok, also musste irgendwas passieren. Und da Dany sich am Ende selbst ins Unrecht setzte – ich befürworte keine Napalmangriffe auf Zivilgebäude – ist Cersei nur deshalb noch schlechter gewesen, weil die schon immer im Unrecht war, d.h., der Konsequenz daraus stimme ich zu, gerade weil mir die Prämisse nicht gefällt. Ich wollte kein Ende, bei dem Jon und Dany ein Paar werden, ich bin nicht traurig, weil sie ihre Weltverbesserungspläne nicht mehr umsetzen konnte, aber ich bin schon traurig, dass sie ethisch derartig abgestürzt ist. Und vor allem so schnell. Aber da kommen wir in The-Last-of-Us-II-Territorium, was die unterschiedlichen Ansichten haben, die Macher und Publikum manchmal zu Moral und Ethik haben.

3 Gedanken zu “The Rant of Eis und Feuer

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