Verantwortung als Schriftsteller

Vorab gesagt, ich lese hauptsächlich phantastische Literatur. Mein letzter Krimi war irgendein Bibelzitattitel von Elisabeth George. Insofern betrachte ich mich nicht als „Genre-Kenner“ oder ähnlich Cooles. Andererseits richtet sich Folgendes auch an die Allgemeinheit.

Hierzu

Die Verantwortung der Krimi-Autor*innen: Einige Forderungen an ein obrigkeitshöriges Genre

Ich kann z.B. nicht einschätzen, ob heutige Krimiautoren gendern.

Haben Kriminalroman-Autor*innen eigentlich irgendeine Art von Verantwortung?

Klar: Steuern zahlen, Miete zahlen, ihre Kinder beaufsichtigen, sich um ihre Haustiere kümmern…

Vor ein paar Jahren hätte ich auf diese Frage vermutlich glatt und schriftstellerig geantwortet: Ja, nicht zu langweilen.

Man kann es aber auch nicht jedem Recht machen.

Oder, an einem anspruchsvolleren Tag: Ja, auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam machen, die Abgründe hinter der Normalität auszuloten, sowas.

Schritt 1: sich etwas ausdenken, was „normal“ sein soll. Schritt 2: sich etwas ausdenken, was stattdessen ist. Wenn bspw. Hochbegabte nicht die Klischees und Vorurteile erfüllen, die man von ihnen hat, oder nur die, von denen man will, dass sie sie erfüllen, kann man sich hinterher selbst auf die Schulter klopfen.

…ich habe in meinen ersten Jahren im Krimi-Genre wenig über die Verantwortung der Autor*innen nachgedacht. Warum eigentlich? Und wie hat sich das geändert?

Oder, wem genau gegenüber muss man sich verantworten? Dem Lektorat? Dem Verlag? Der Leserschaft? Der übrigen Gesellschaft??? (Guckt mal, wie ich „nicht“ gendere…)

Sandra Beck hat im letzten Jahr bei 54books einen Text über die Parallelität der Bilder des Mordes an George Floyd und der gleichzeitig ausgestrahlten Kriminalerzählungen im Fernsehen geschrieben.

Okeee, die niemals korrupten, niemals rassistischen und niemals sonstwie unmoralischen Polizeibeamten in manchen Krimis ist bestimmt ein Stück „heile Welt“, aber wenn man korrupte, rassistische oder sonstwie unmoralische Polizeibeamte als Protagonisten einführt, verharmlost man das doch noch mehr.

„[Die] Erzählstruktur [der meisten Kriminalerzählungen] ist darauf zugeschnitten, Zuschauer*innen zu überzeugen, sie würden als Teil der Polizei ähnlich denken, fühlen und handeln.“

Jein. Bzw., ja, es ist darauf zugeschnitten, aber das funktioniert so auch nur bei solchen Zuschauern, die tatsächlich ähnlich fühlen, denken und handeln würden. Leichte Unterschiede sind vllt. tolerierbar, aber irgendwann kommt der Punkt, wo man denkt: „Hätte ich an Deiner Stelle nicht gemacht. Und zwar nicht, weil ich zu dumm oder zu ängstlich dafür bin.“ Und dann ist man raus.

Zentrales Ziel dieses Curriculums scheint es zu sein, kritische Systemfragen umso nachhaltiger auszublenden, je ausführlicher über die emotionalen Belastungen der Ermittler*innen gesprochen wird.

Bei Lynley und Havers ging es anfangs genau darum: Er ist Adeliger und reich genug, dass er den Job nicht bräuchte. Sie kommt aus einem Arbeiterviertel und musste sich ganz alleine um ihre alten Eltern kümmern. Die emotionalen Belastungen, die daraus entstanden, waren systembedingte. Also Mitleid mit den Ermittlern und Ausblenden von Systemfragen stehen in keinem kausalen Zusammenhang. Was nicht heißen soll, dass dieser Zusammenhang aus Versehen oder mit Absicht nicht doch hergestellt wird.

Tatsächlich ist ja kein anderes Genre so fest an eine staatliche Institution gekettet wie der Kriminalroman an die Polizei; nicht einmal die romance novel an das Institut der Ehe.

Nein. Bzw., ja, diese Verkettung wird teilweise genau so hergestellt, sie ist aber kein konstituierendes oder definierendes Element von Krimis. Krimis sind definiert, dass es in ihnen um die Aufklärung eines Verbrechens geht. Wenn das Publikum die Auflösung schon zu Anfang kennt, oder wenn das Verbrechen am Ende doch nicht aufgeklärt wird, oder wenn sich am Ende herausstellt, dass tatsächlich keine Straftat begangen wurde, gilt die Geschichte meist trotzdem als Krimi. Literarische Genres sind mehr durch Konventionen definiert als durch mathematisch-empirisch eindeutige Eigenschaften, aber niemand behauptet, dass die Hauptperson eines Krimis ein Polizist oder Kriminalbeamter sein muss. Eine MENGE davon handeln von dumme Polizei/schlauer Detektiv. Soll heißen, wen eine allzu sympathisierende Darstellung von Polizei und Staatsanwaltschaft stört, muss das weder schreiben noch lesen.

Nur der Kriminalroman ist diese narrative, emotionale und ästhetische Symbiose mit einem Instrument staatlicher Autoritätsausübung eingegangen.

Manche ja, manche nein. Niemand zwingt Dich. Hoffentlich. Es gibt keine „Krimipolizei“, die beim Tatort oder Law&Order oder meinetwegen Akte X darauf achtet, dass staatliche Autoritätsausübung narrativitätsmäßig eine emotionale Ästhetik vermittelt. (In einer Folge erschießt Scully einen Verdächtigen, den Mulder gerade verhaftete. Zu Ihrer Verteidigung: Er hatte sie gerade schon zum 2. Mal entführt. Außerdem: möglicherweise hat sie Gottes Hand geführt. Allerdings: möglicherweise auch die des Teufels. Es hatte allerdings keinerlei Konsequenzen, soweit man das überblicken kann.)

Ich möchte eigentlich nicht so weitermachen. Das hat für mich sehr aktuelle Konsequenzen, denn ich habe nach der Lektüre von Sandra Becks Text die Arbeit an “Hausbruch”, dem sechsten Kriminalroman über den Kommissar Adam Danowski begonnen.

Auch Kriminalbeamte, die sich mit ihren korrupten Kollegen oder autoritären Vorgesetzten anlegen, gibt es schon in meinem begrenzten Krimiwissen mehrere. Ich sehe jetzt kaum das Problem, eine solche Geschichte zu schreiben, wenn man wollte.

Wie kam es eigentlich dazu, dass ich selbst über fünf, sechs Kriminalromane eine „monoperspektivische Verengung auf die Wahrheit der Ermittlungsbehörden und die sie narrativ absichernde Affektpolitik“ vornahm?

Mathematisch gesagt: wenn man mehrere Perspektiven zeigt, weiß das Publikum hinterher mehr als der Protagonist. Das macht das Miträtseln leichter und daher weniger spannend. Wenn man die Perspektive des Täters einbringt, wird es ganz schwierig – entweder, der Leser weiß nicht, dass das der Täter ist, und kommt sich hinterher verarscht vor, oder, er weiß es schon, und dann ist das Rätsel nur, wie man dem Täter sein Verbrechen nachweist. Es ist generell schwierig, zwei Antagonisten so darzustellen, dass sich das Publikum (Leser, Zuschauer, Spieler) sich mit beiden Parteien so gut identifiziert, sympathisiert oder solidarisiert, dass es beide Teile der Geschichte mag. (Soll niemanden von der künstlerischen Herausforderung abhalten, aber das wird bei vielen Krimis der Grund sein.)

65 Prozent der Deutschen lesen „gern“ Krimis, über 23.000 Krimis sind in Deutschland erhältlich, mehr als jedes vierte aller verkauften Bücher ist ein Krimi.

Ja, aber auch dann sollte man nur dann Krimis schreiben, wenn man sich für das Genre interessiert. Und wenn man sich für das Sub-Genre (ich nenn das mal so) interessiert, in welchem ein Kriminalbeamte mit persönlichen Problemen und so versucht, Krimis in der korrupten Großstadt oder der unangenehmen Kleinstadt zu lösen, dann ist das eben so.

Ich schlug dem Agenten eine Reihe über eine junge Frau vor, die als Redakteurin einer Promizeitschrift entlassen wird und sich nun mit ihren professionellen Kenntnissen als Privatdetektivin in Berlin selbständig macht.

Aber nein, lieber etwas, was in eine andere Richtung geht. Sherlock Holmes in weiblich. Oder Miss Marple in jung. Und hei, man könnte die Routine auch dadurch durchbrechen, dass die Heldin sich nicht in den nichts-checkenden Kommissar verliebt, sondern die Spannung zwischen den beiden bedeutet tatsächlich, dass sie sich nicht mögen.

Mein Agent sagte: „Wenn du im Krimi anfängst, musst du dich an ein paar Regeln halten. Das muss an einem Ort spielen, wo die Leute gern hindenken. Hamburg oder sowas, nicht Berlin. Dein Ermittler muss ein Kommissar sein. Das ist vertraut, das erwartet man einfach. Und damit man ihn unterscheiden kann, muss er irgendeine psychische Beschädigung haben.“

Vom rein marktwirtschaftlichen her wird der Agent Ahnung haben. Ich habe mal von so etwas wie „Alleinstellungsmerkmal“ gehört, aber ich habe vom kaufmännischen keine Ahnung. Aber hier ist das Problem entweder der Agent, wenn er Unrecht hat, oder das Publikum, wenn er Recht hat.

Ich erfüllte diese Parameter von meinem ersten Krimi an gewissenhaft. Meine Hauptfigur Adam Danowski ist der klassische Hauptkommissar, er ermittelt in Hamburg und erhält im ersten Band die Diagnose, er sei „hochsensibel“.

Etwas OffT: Der Begriff „hochsensitiv“ statt „hochsensibel“ trifft das Gemeinte besser, andererseits finden Betroffene „hochsensibel“ schneller mit Google. (Ich unterstelle mal, dass das im Roman angemessen und realistisch dargestellt wird.)

Auch meine Kriminalromane sind also im Sinne Sandra Becks eine Empathieschule für den Standpunkt und die Perspektive der Polizei.

Eigentlich nur für genau die eine Figur. Nur, weil ich Havers mag oder Lynley mag ich nicht notwendigerweise die Polizei. Oder umgekehrt, nur weil ich Sherlock Holmes und Doktor Watson mag, bin ich nicht notwendigerweise gegen Polizei.

Ich habe nie die Illusion erzeugt, der Ermittler könnte am Ende der jeweiligen Erzählung so etwas wie eine tatsächliche oder symbolische Ordnung wiederherstellen.

Ordnung im Sinne von „alles erfassende Ordnung“ ist nicht herstellbar. Wenn das jemand für die Realität erwartet, ist das illusorisch. Aber im Sinne von: Probleme sind lösbar, Verbrechen kann man aufklären und evt. auch bestrafen, ist das keine Illusion. Warum sollte man sonst im richtigen Leben ein Justizwesen haben?

Es gehört zur Ästhetik von Krimi-Genres, die nicht cozy crime oder humorvoll oder sehr regional sind,dass am Ende die ermittelnde Polizei die Wunden der Verletzten nicht heilen und die Schäden der Gesellschaft nicht reparieren kann, oft nicht einmal durch den symbolischen Akt einer Verhaftung oder Verurteilung.

Ein Mord ist – auch wenn das jetzt etwas verharmlosend klingen mag – kein Schaden an der Gesellschaft. Das Opfer wird nicht dadurch wieder lebendig, dass man jemanden verhaftet oder verurteilt, aber erst überhöhte Erwartungen zu behaupten, um sie dann nicht zu erfüllen, ist eigentlich nur eine Variante des beiden Schritte: „Abgründe hinter der Normalität aufdecken.“, siehe oben. Die

Praxis der deutschen Kriminalerzählung, dass das Verbrechen entweder auf einen nicht behebbaren sozialen Missstand oder auf eine dahinterliegende Verschwörung verweist, die größer ist als die Befugnisse der psychisch angeschlagenen Ermittler*innen.

ist halt ein Problem, von dem man sich entweder lösen könnte, indem man Verbrechen darstellt, die einfach auf keinen gesellschaftlichen Missstand beruhen, sondern „nur“ auf die Person, die das Verbrechen beging, oder, wenn man die Autoritätshörigkeit in Krimis schlecht findet, dann lässt man die allg. Autoritätshörigkeit und Polizeikorruption im Besonderen eben zu dem gesellschaftlichen Missstand werden, auf dem das Verbrechen beruht. Vermeintliches Opfer eines Bandenkrieges ist in Wahrheit von der Polizei zu hart angefasst worden, tote Polizistin ist nicht von Terroristen erschossen worden, sondern vom Kollegen, das übliche halt.

Mir fallen jedoch keine Beispiele ein, bei denen die Institution Polizei selbst grundsätzlich und nachhaltig zum Gegenstand dieser pessimistischen Praxis wird.

Nun, als Krimiautor hätte man da doch eine ganz einfache Möglichkeit, solche Beispiele herzustellen.

Ich kenne Kriminalerzählungen, in denen Polizist*innen versuchen, die Institution, an die sie immer geglaubt haben, vor jenen Polizist*innen zu schützen, die diese Institution pervertieren.

Ja, dann. Das wäre doch das, was ich gerade…

Ich kenne Kriminalerzählungen, in denen Ermittler*innen sich desillusioniert von der Institution Polizei abwenden.

Um dann als Privatdetektive sich selbstständig zu machen und denen zu helfen, die nicht zur Polizei gehen wollen oder sollten? Und sich mit der Ex-Redakteurin aus Berlin zusammentun?

Aber nicht, indem sie diese aktiv, im Sinne von Reform oder Abschaffung, infrage stellen, sondern nur im Rahmen einer individuellen Entscheidung.

Wenn die Prämisse sein soll, dass die Verschwörung oder das gesellschaftliche Problem, welches die Ursache (nicht das Motiv, wenn ich das richtig verstanden habe) des Mordes oder des sonstigen Verbrechens ist, nicht durch die Ermittlungsarbeit zu beseitigen ist, weil es „zu groß“ ist, dann würde die „Institution Polizei“ als Verschwörung UND als gesellschaftliches Problem, dass der Kommissar nicht beseitigen kann, doch wunderbar ins Schema passen. Sogar noch besser als die Reptilioiden-Mafia.

Das bereitet mir inzwischen Unbehagen. Ich sage inzwischen, weil ich zu Beginn meiner Laufbahn als Krimi-Autor zwei Irrtümern aufgesessen bin.

Jetzt wird es philosophisch.

Irrtum 1: Das Genre Kriminalroman enthebt mich als Autor von der Verantwortung, mich mit der Realität des von mir benutzten Materials auseinanderzusetzen, weil Genre sich aus Fiktionalitäts-Markern zusammensetzt.

Die sehr klischeehaften Geschichten von TKKG (die Profis in spe) sind diesbezüglich vermutlich deutlich schlimmer. Aber wenn die Mehrheit aller Deutschen Krimis liest, und in der Mehrheit dieser Krimis Kriminalkommissare vorkommen, die mehrheitlich „einen Schuss weg“ haben, erzeugt das ganz eigene, neue Klischees. Gabis Vater ist dann vllt. der letzte Kommissar ohne Macke im deutschen Buchhandel. (Und wenn jetzt Leute ohne Macke nicht Kommissar werden wollen, weil sie sich ohne Macke für überqualifiziert halten oder aber Angst haben, eine zu kriegen – mir schwant grausiges…)

Irrtum 2: Polizei ist cool.

Ok, das hätte man wissen können.

Denn: Die Waffen. Die Uniformen. Die Büros. Das Blaulicht. Die Rituale. Die Ermächtigung. Die Gewalt.

Naja, hauptsächlich, weil das ein gefährlicher und undankbarer Job ist. Für Ritaule gehe ich aber auch in die Kirche – Saaain Bluht trinken wiiiir, Saain Flaisch essen wiiiir!

Ich erteile mir als Autor und Leser die Lizenz von Irrtum 1, weil ich die Ästhetik von Irrtum 2 genießen möchte.

Ok, als eher nicht so krimi-affiner Mensch frage ich mich jetzt: „Ist das so?“

Liest man Krimis nicht wegen der intellektuellen Herausforderung, die Auflösung herauszufinden, oder wegen der psychologischen Abgründe bzw. Flachwasserzonen, den Millieustudien in der Schickeria oder Schützenfestszene oder was es ist, oder weil man die Ex-Redakteurin/Privatdetektiven einfach mag, sondern, weil man gerne selbst in Uniform und mit Blaulicht unterwegs wäre?

Die Konsequenzen von Irrtum 2 sind mir egal, weil ich mich durch die Lizenz von Irrtum 1 quasi im verantwortungsfreien Raum befinde.

Um dieser Verantwortung gerecht zu werden – ich will die Verantwortung „als Schriftsteller“ nicht überbewerten, aber man kann eine Menge dummes Zeug als „Tatsachen“ verkaufen, wenn man in einem eher „realistischen“ Genre wie Krimis unterwegs ist – würde es tatsächlich reichen, wenn der Ermittler entweder tatsächlich gegen Polizisten(e/t/c) ermittelt oder aber von Polizisten/Kommissaren/Staatsanwälten ständig behindert wird. Man muss Polizei nicht cool darstellen, um einen spannenden Krimi zu schreiben.

Diese beiden Irrtümer führen zu einer merkwürdigen Vermischung und Nähe von Staatsapparat und Literatur, in ästhetischer wie in räumlicher Hinsicht. Zum Beispiel beim verbreiteten Phänomen von Krimi-Lesungen auf Polizeiwachen, in Gerichtssälen, auf Friedhöfen oder in der Pathologie.

Okeeee. Also einfach nur: okeeee. Ist das nicht so, als würde man SF-Romane in Unis vorlesen und Kriegsromane in Kasernen? Also klar, ich glaube ihm ja, dass das vorkommt, und ich verstehe, wieso er das „merkwürdig“ findet, aber was oder wer zwingt ihn, dieses Spiel mitzuspielen?

Mir ist kein anderes Genre bekannt, in dem es zu ähnlich deutlichen Überlagerungs- und Rückkopplungseffekten kommt.

Historische Romane könnte man an den Originalschauplätzen vorlesen. Oder „de bello gallico“. Man weiß nämlich inzwischen, wo Alesia lag. Es gab es nämlich DOCH!

Im weiteren gibt es einige „Manöverkritik“. Ich nenne das mal so, militärische Metaphern als Zivi. Weil ich es kann! Ich zitiere das jetzt nicht komplett, weil ich bei einigen Stellen gar nichts zum Buch selbst sagen kann.

Wie groß war meine Nähe als Schreibender zur Polizei schon beim Recherchieren und Figurenerfinden?

Sehr groß. Ich habe bei einem Hauptkommissar vom Landeskriminalamt Hamburg recherchiert, war also im Polizeipräsidium und habe mir die Organisationsform der Hamburger Mordbereitschaften und den Ablauf von Mordermittlungen erklären lassen. Ich habe das dort erworbene Wissen vertieft, indem ich mit meinem Cousin, Hauptkommissar an einem Dezernat für Tötungsdelikte, über Details gesprochen habe.

Jaaaa, und eine Cousine von mir ist Krankenschwester. Wenn ich mal einen Arzt-Roman schreibe, würde ich die fragen, wie es in Krankenhäusern zugeht, aber alleine schon die Tatsache, dass ich sie kenne, kompromittiert doch meine Unvoreingenommenheit. Aber ja, je kritischer der Krimi sein soll, desto besser wären mehr oder andere Perspektiven.

Wie sehr habe ich Rassismus und Sexismus reproduziert, indem ich durch Sprache und Handlungen “Authentizität” usw. erzeuge?

Das Buch beginnt mit einem willkürlichen Gewaltakt an einer Frau, der für meine heutigen Begriffe zu anschaulich beschrieben ist.

Ok, als Romanleser kann ich typischerweise nicht einordnen, wie authentisch eine Situation ist. Als Phantastikleser ist mir das auch weitgehend egal. Wenn in einem SF/F/Horror-Roman jemand einen Labortest verwendet, um herauszufinden, ob jemand von einem Dämonen besessen ist oder einen Chip von Aliens implantiert bekam – Keks! Ich verstehe aber den Wunsch von Krimi-Fans, dass die Forensik „echt“ ist, oder dass es eine realistische Möglichkeit ergibt, das Verbrechen aufzuklären.

Das betrifft auch die Sprache. An einer Stelle benutzt ein Polizist das deutsche N-Wort, damit die Leser*innen begreifen, wie rassistisch diese Figur sich verhält. In der neuen Ausgabe des Buches, die jetzt erscheint, habe ich das N-Wort gestrichen. Die Figur wird ohne das Wort genauso begreifbar.

Den letzten Satz muss man ihm hier glauben, weil der Autor selbst natürlich am wenigsten einschätzen kann, wie andere seine Figur begreifen können. Eine Vergewaltigung darzustellen oder Beleidigungen oder einen MORD sind jetzt aber Dinge, die man prinzipiell bei einem Krimi erwarten muss. Das ganze Genre ist eine einzige Warnung, dass es um Verbrechen gehen wird, und wer das nicht mag, sollte sich ein anderes Buch suchen. Andererseits gibt es natürlich unterschiedliche Geschmäcker, wie drastisch die jeweiligen Verbrechen geschildert werden. Jedenfalls, wenn jemand denkt, ein Wort wäre deshalb keine Beleidigung, weil es im selben Buch wie eine Vergewaltigung vorkommt, hat wohl generell keine Ahnung.

Wie sehr habe ich durch dieses gefühlte Genre-Underdog-Ding offenbar den Eindruck gehabt, ich könnte mir alles erlauben?

Mit „das gefühlte Genre-Underdog-Ding“ meine ich: die wohlwollende Abwertung des Genres im literaturkritischen und privaten Diskurs:

Zählt „Selbsthass“ wohl auch zu den psychologischen Problemen, die man als Kommissar haben kann, um als Krimi-Kommissar etwas zu gelten? Aber ja, als Schriftsteller „kann“ man schreiben, was man will. Wenn man sich nicht an die jeweilige Genre-Konventionen halten will, ist das eben so. Manche Leser schreckt man damit ab, manche lockt man damit an. Und wenn man irgendwann findet, dass eine Szene in einem früheren Buch zu heftig war – ja, aber andere fanden die genau „richtig“. Soll man Vergewaltigungen etwa verharmlosen?

Die Außenwahrnehmung erlaubt eine Selbststilisierung als jemand, der etwas „nicht Richtiges“ tut, etwas, was außerhalb oder unterhalb gängiger literarischer Qualitätsmaßstäbe steht.

Romane sich erfunden. Also gibt es keine Romane, die „richtiger“ sind als andere. Sie sind vllt. spannender, trauriger, lustiger, authentischer oder schöner.

Wenn hierzu, wie so oft im Krimi, Darstellung von Gewalt vor allem an Frauen, Affirmation von Grenzüberschreitungen der Polizei, Pathologisierung aus der Norm fallenden Verhaltens oder Traumata als Verbrechensmotive dient, entsteht eine toxische Brühe.

Es kommt sehr darauf an, ob eine Sache tatsächlich „affirmiert“ wird oder bloß vorkommt. Hat der rassistische Polizist Probleme bekommen? Oder ist er nicht nur rassistisch, sondern außerdem auch schwulenfeindlich, bestechlich, sadistisch und der Erzfeind des Kommissares? Oder ist er dessen bester Kumpel und ansonsten der beste Mann bei der Polizei? Kontext und so.

Über die ersten Jahrzehnte war der Kriminalroman auch bei den Ermittler*innen, hauptsächlich Privatdetektiv*innen, eine Außenseitererzählung. Diese Tradition haben wir abreißen lassen.

Selber schuld. Außerdem müsste das Außenseiter*innenerzählung heißen. Geil, oder? Aber ja, das sind die Krimis, die ich am liebsten mag. Ich merke gerade erst, warum ich mit moderneren nicht so recht warm werde.

Die Außenseiterposition des Detektivromans haben wir auf den Polizeiroman übertragen, indem wir uns auf das Privatleben der Ermittler*innen konzentrieren, indem wir über Polizist*innen schreiben, die mit ihrer Arbeit und womöglich der Institution Polizei hadern.

Sherlock Holmes hatte kaum Privatleben. Das ist ja das Coole. Bei Lynley und Havers ist das Coole, dass die beiden zwar ein Privatleben haben, oder jedenfalls Lynley, aber sie passen trotz ihrer Gegensätze so super gut zusammen. Nach Anfangsschwierigkeiten.

Wodurch wir, wie Sandra Beck argumentiert hat, die Identifikation mit der Polizei noch verstärken, indem wir die Polizist*innen näher an unsere eigene Arbeitnehmerpsychologie und an unsere eigene Erfahrenswelt heranrücken.

Naja, so weit weg sind die wohl wirklich nicht. Aber ja, als Leser will ich Charas haben, mit denen ich mich identifizieren kann. Wenn man Polizisten als herzlose, faschistische Möchtegernmörder (oder streicht das „möchte“) darstellt, wird das etwas schwierig. Andererseits, wenn ich privat Polizei für überflüssig hielte, oder jedenfalls für extrem reformbedürftig, dann lese ich Polizeiromane sowieso nicht.

Für meinen eigenen Kommissar habe ich einen Weg gewählt, der vielleicht symbolisch ist für mein Handeln als Kriminal- oder Polizeiroman-Autor: Er möchte die Polizei ganz dringend verlassen, er hat das Gesuch zur Auflösung des Beamtenverhältnisses schon formuliert. Davon handelt jetzt “Hausbruch”.

Na, dann ist das Problem insoweit doch gelöst. Aber was will er eigentlich? Es ist wenig bis gar kein Problem, eine Hauptfigur als von lauter böswilligen Idioten umgeben zu schildern. Mitgefühl und Identifikation mit dieser Hauptperson sind praktisch vorprogrammiert. Wenn diese böswilligen Idioten alle bei der Polizei arbeiten, ist die kritische Distanz zur Institution ja wohl auch gegeben. Jetzt muss man nur noch den Leser konditionieren, dass der keine Romane mit positiverer Polizeidarstellung lesen will. Wegen „Missstände in der Gesellschaft“ und „Abgründe hinter der Normalität“ und so.

3 Gedanken zu “Verantwortung als Schriftsteller

  1. Ich enpfehle dem Autoren mal, ein paar Jahre in Brasilien oder Russland zu leben.
    Danach wird er sich nach unserer Polizei sehnen.

    Konstruktiver Vorschlag:
    Warum nicht einmal einen Ermittler (m/w/d) der Innenrevision?
    Recherchiere mal in dem Milieu.

    Kleine Fangfrage: warum lesen wir nie davon, was aus Dienstaufsichtsbeschwerden usw. wird?
    Antwort: das sind alles Verwaltungsverfahren. Die sind nicht öffentlich (im Gegensatz zu Strafverfahren). Wenn also ein Polizist z.B. ein Amtsvergehen nachgewiesen wird und er daraufhin aus dem Dienst entlassen wird, so steht das in keiner Veröffentlichung…

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  2. „Forderungen an ein obrigkritshöriges Genre“ … Es gibt heutzutage wohl kaum etwas Obrigkeitshörigeres, als zu gendern und vom „N-Wort“ zu reden. Na ja, (ex?-)Redakteur der „Brigitte“ …

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