Kinderbücher sind wichtiger als Leben und Tod

Weil: Gründe

Winnetou-Debatte

Die eigenen Irrtümer mitdenken

Gute Idee, eigentlich. Ich finde in älteren Posts immer wieder Dippfehler.

In der Debatte um das Zurückziehen der Ravensburger Winnetou-Titel ruft Lennart Schaefer, Mitglied im Berufsbildungsausschuss des Börsenvereins und früherer Nachwuchssprecher, dazu auf, sich stärker mit den Hintergründen auseinanderzusetzen – und mit der eigenen Position.

Ja, und wenn man das gemacht hat und trotzdem der Ansicht ist, dass dieses Zurückziehen extrem unangemessen ist in Hinblick auf den angerichteten Schaden?

Die Diskussion rund um den Ravensburger Buchverlag und das zurückgezogene Buch „Der junge Häuptling Winnetou“ beschäftigt gerade viele in der Branche.

Nicht nur in der Branche. Aber ja, wichtiges Thema. Dergleichen ist mindestens einmal schon passiert – also, dass ein Titel freiwillig zurückgezogen wurde, wegen Beschwerden aus dem Publikum – nämlich bei dem hier. Es gibt offenbar über Aleviten das Vorurteil, sie würden Inzest und Inzucht praktizieren, und das wurde in der Folge (mit Absicht oder ohne) thematisiert.

Viele Kommentare dazu haben mich frustriert, einige haben mich sogar wütend gemacht. Das liegt unter anderem an folgenden Punkten:

Nuuuun, das beweist möglicherweise nur eine geringe Frusttoleranz oder leichte Erregbarkeit.

Eine Reihe von Missverständnissen

Es geht nicht um die Empörung einer Gruppe von Aktivisten auf Social Media, sondern um die Kritik der Betroffenen.

Ja, aber die Frage ist doch: steht die konkrete Betroffenheit, also der direkte oder indirekte Schaden, in einem angemessenen Verhältnis zur „semi-freiwillige Selbstzensur“? Also verbreitet das Buch zum Film „Kleiner Häuptling Winnetou“ ähnlich üble Vorurteile wie „Wem Ehre gebührt“?

Es gibt auch keine Zensur, weil nichts verboten wurde, sondern nur Rücksicht genommen.

Ob das tatsächlich Zensur war, glaube ich zwar auch nicht, aber natürlich würde man das nicht sagen, wenn man doch welche praktiziert – Gegenfrage: welche Bücher sollte man noch aus Rücksicht zurücknehmen, wenn die jetzige Entscheidung angemessen wäre.

Es steht auch keine Bücherverbrennung vor der Tür, weil das aus einer Diktatur hervorgegangen ist und es gerade um das Gegenteil geht

Bücherverbrennungen? Doch.

um Vielfalt, darum, allen zuzuhören und alle verstehen zu wollen.

Also das, was Karl Mays literarisches Alter Ego die ganze Zeit macht?

Und dann heißt es oft, dass die Kritik ja „nur“ von einer Minderheit kommt. Aber ist es nicht ein Fortschritt, dass wir auf Minderheiten hören, Rücksicht nehmen?

Wie viel Rücksicht muss man denn nehmen? Ist dieses eine Kinderbuch über einen fiktiven Apatschen, der die Sympathiefigur ist – im Unterschied zu dem Aleviten etwa aus der Tatortfolge – so viel schlimmer als die vielen Western, in denen die Ureinwohner einfach nur die Bösen sind? Ja, das klingt wie „die aber auch“, ist aber mehr: „die sind viel schlimmer!“

Wachsen wir denn nicht genau so als Gesellschaft?

Ein Stück weit ja, aber ab dann geht es nur im Kreis.

Und dann heißt es, kulturelle Aneignung sei doch etwas Schönes, wir essen z.B. ja auch gerne „Pizza“.

Das ist eigentlich nicht dasselbe – eine Kultur falsch darzustellen oder eine Kultur zu klauen. Nebenbei, Kartoffeln, Tomaten, Mais, Tabak… „Pizza“ kommt angeblich wenigstens aus dem lombardischen, was eine ostgermanische Sprache war, und ist verwandt mit „Bissen“.

In der Zeit, in der man so einen schiefen Vergleich in die Kommentarspalten tippen kann, hätte man den Begriff auch einfach bei Wikipedia suchen können:

Erstens – man muss nicht die Argumente der Gegenseite suchen. Zweitens – das Argument hier ist, dass es nicht abwertend gedacht ist, wenn man sich für eine Kultur interessiert.

Im engeren Sinn wird als ‚kulturelle Aneignung‘ angesehen, wenn Träger einer ‚dominanteren Kultur‘ Kulturelemente einer ‚Minderheitskultur‘ übernehmen und sie ohne Genehmigung, Anerkennung oder Entschädigung in einen anderen Kontext stellen.

Chinesen, die Buchstaben benutzen? Und wo bekäme ich die Genehmigung, die Kultur der Apatschen zu benutzen? Wer bekäme die Entschädigung? Anerkennung kommt in den Abspann. Wie bei Real-Film-Mulan. An die chinesischen Behörden…

Geschichten aus anderen Ländern sind also nicht alle automatisch kulturelle Aneignung und die Pizza auch nicht – Glück gehabt.

Nicht automatisch, ja. Also ist „kleiner Häuptling Winnetou“ keine kulturelle Aneignung und die Kritik richtet sich gegen die mangelhafte Darstellung?

Ravensburger hat nach einer falschen Entscheidung die richtige getroffen (auch wenn der Grund für das Zurückziehen natürlich nicht die „negativen Rückmeldungen“ sein sollten, sondern der Inhalt des Buchs).

Ein Buch zu einem Film, den es immer noch zu sehen gibt? Und bei dem der Hauptkritikpunkt ist, dass er zu harmlos ist und die Kolonialisierung besser darstellt, als sie war? Okeee…

Warum sollte man einen verletzenden Inhalt publizieren, um eine Diskussion zu ermöglichen, die es ja offensichtlich auch gerade ohne das Buch gibt?

Um Geld damit zu verdienen? Nur so als Theorie. Wie gesagt, ein ö.-r. Krimi, der ziemlich widerliche Klischees reproduziert, wurde einmal freiwillig in den „Giftschrank“ gesteckt – was steht jetzt in dem Buch, um in eine ähnliche Liga zu kommen?

Dass Karl May ein Kind seiner Zeit war, ist keine Entschuldigung, wenn diese Zeit eine ist, in der es egal war, wie sich Menschen außerhalb des eigenen Dunstkreises fühlen, eine Zeit, in der man das noch nicht einmal mitbekommen hat.

Das ist erstens nicht die Entschuldigung, weil es Karl May selbst offenbar nicht egal war, wie sich Menschen außerhalb des eigenen Dunstkreises fühlten – eine Aussage, auf der ich gerne noch öfter hinweise – und zweitens ist es ja nicht das Buch von Karl May. Sondern die inoffizielle Prequel.

Die Kultur der Natives lebt – auch in Deutschland. Warum hören wir ihnen nicht zu?

Die „Natives“ in Deutschland sind weiße Mitteleuropäer. D’oh. Aber wahrscheinlich werden die für irgendeine „ironische“ Deutschland-den-Deutschen-Gruppe gehalten. Das wäre jedenfalls mein erster Gedanke.

Und dann kommen in der Presse wieder hauptsächlich weiße Menschen zu Wort und in den Kommentarspalten wird gefordert, mal den Autor zu fragen, was er darüber denkt, anstatt Native Americans eine Plattform zu bieten.

Ein Film, der von weißen Mitteleuropäern für weiße Mitteleuropäer geschrieben und gedreht wurde, darf natürlich nur von weißen Mitteleuropäern und ihrer Kultur handeln. Oder, man lässt sich eine Genehmigung erteilen.

Weil man nämlich nicht wirklich an einem Diskurs interessiert ist, wie man es gerne vorschiebt, sondern eigentlich nur die heile Welt aufrechterhalten möchte, in der die eigene Intention mehr zählt als das, was beim Gegenüber ausgelöst wird.

Der Unterschied zwischen Mord und fahrlässiger Körperverletzung mit Todesfolge ist die Intention. Auch, wenn das Gegenüber gleichermaßen tot ist. Aber bei Literaturkritik – um Zensur und so geht es ja nicht – soll die Intention weniger wichtig sein?

Eine bequeme Welt, für die man bei den Rechtfertigungen auch gerne mal erfinderisch wird.

Die Rechtfertigung als jemand, der die in Frage stehenden Bücher nicht geschrieben hat? Ok, hier bitte: „Schlechte Literatur, auch solche, die anderer Leute Gefühle verletzt, muss unterhalb bestimmter Grenzen erlaubt sein, weil man sonst ein ultimates Totschlagargument hätte.“

Was derartige Filme und Bücher für Auswirkungen haben, kann man in den Erfahrungsberichten der „Natives in Germany“ nachlesen (Instagram: @natives_in_germany). Ein indigenes Kind erzählt, dass es in der Grundschule „mit Howgh und wildem Hand-auf-Mund-Getrommel“ begrüßt wurde, als es von der eigenen Abstammung erzählte.

Abgesehen davon, dass die Begriffe „indigen“ oder „native“ hier nicht ganz das bedeuten, was sie wohl bedeuten sollen – das ist nicht die Schuld von dem einen, einzelnen Buch.

Dort wird außerdem erklärt, warum das Wort „Indianer“ rassistisch ist.

Frei nach Brasilien: Das kann man als Kofferwort aus „Indigener Amerikaner“ lesen. Aber gut, eigentlich wäre Indikaner besser.

Es geht nicht darum, einer „Meinung“ nachzugeben, sondern sich zu fragen, was mehr wiegt – ein durch viele großartige Kinderbücher ersetzbares Leseerlebnis oder das Verletzen von Mitmenschen, die wegen solcher Filme und Bücher gemobbt werden und deren Kultur und Geschichte verdreht wird?

Wenn man damit anfängt – „Die unendliche Geschichte“ ist ja schon ein tolles Buch, aber dieser Atreyu erinnert mich an wen… Welche Bücher wären denn nicht geeignet, irgendwen zu kränken, oder Mobbing indirekt zu unterstützen? Schreibt doch einfach, welche gehen, und der Rest wird nicht mehr gelesen.

Auch übergeordnet ist das die Frage: Ist es wirklich schlimm, zum Beispiel ein Wort aus dem Wortschatz zu streichen, das eigene Leben so minimal anzupassen?

Sowas wie „toxische Männlichkeit“? Ja, es ist schlimm. Wer macht, was andere wollen, hat verloren.

Ist es nicht viel schlimmer, jeden Tag Ausgrenzung zu erfahren und sich dann auch noch verteidigen zu müssen, wenn man die Kraft aufbringt, darauf aufmerksam zu machen?

Bestimmt. Diese Ausgrenzung hat aber andere Ursachen als ausgerechnet Karl May. Bzw., es gibt zwar Karl-May-Romane über Kurden, trotzdem kommt niemand im Kindergarten auf die Idee, sich als Kurde zu verkleiden. Wer von beiden Gruppen wird jetzt in Deutschland schlechter behandelt?

Und Rassismus ist keine Meinung. Es ist auch absurd, wenn ein Mensch, der in seinem ganzen Leben keine Rassismuserfahrung hatte, einem Menschen, der damit tagtäglich konfrontiert wird, erzählt, was denn nun Rassismus ist und was nicht.

Was wäre denn im Zusammenhang mit Literatur kein Rassismus? Ein Buch zu schreiben, dass eine zwar idealisierten, aber positive Darstellung über eine fremde Kultur beinhaltet, ist rassistisch. Ein Buch zu schreiben, dass eine negative Darstellung einer fremden Kultur zeigt, erst recht. Eine neutrale Darstellung, das kann daraus interpoliert werden, ebenso.

Einige Menschen in der Buchbranche sind sich ihrer Rolle, ihrer Position, ihrer Privilegien offenbar nicht bewusst und das ist ein echtes Problem, weil diese Intoleranz jeden Tag von indigenen Menschen, von People of Colour und queeren Menschen ertragen werden muss

Gegenfrage: es gibt „Wem Ehre gebührt“, es gab diese ekeligen Minstrelshows, und es gibt auch ziemlich rassistische Western. Ist jetzt der Vorwurf, dass Karl-May-Fans sich in derselben Liga befinden?

Offen bleibt die Frage nach der Deutungshoheit. Und die liegt, finde ich, bei denen, um deren Kultur es geht, um deren Geschichte es geht.

Warum sollte eine Kultur die Deutungshoheit darüber haben, wie sie von anderen dargestellt wird? Ansonsten gehört Karl May offensichtlich zu meiner Kultur, und ich habe die Deutungshoheit über Karl May. Wie gesagt, irgendwann dreht man sich im Kreis.

Weil sie mehr über die Kultur und Geschichte wissen und, weil sie wissen, welche Bücher und Filme zu Rassismus führen, den sie erleben.

Dann bin ich gegen die Mittelalterdarstellung von Game of Thrones, weil die nicht von einem Europäer geschrieben wurde. Auch, wenn es nicht das Europa darstellt, sondern eine Fantasy-Version von Großbritannien in XXXXL.

Der „woken Community“ eine „aggressive Rhetorik“ vorzuwerfen ist dann fast schon ironisch, wenn man bedenkt, dass es der Community nur darum geht, auf eine aggressive Sprache aufmerksam zu machen.

Jein. Sie wollen ja nicht nur „aufmerksam machen“, sondern tatsächlich, dass die Bücher gecancelt wurden. (Dass das geklappt hat, mag nebenbei daran liegen, dass deren zu erwartenden Verkaufserlös nicht allzu groß war, aber egal.)

es gibt Betroffene, die verstehen, dass es schwierig sein kann, zu erkennen, dass man sich unbeabsichtigt rassistisch verhalten hat, die geduldig erklären, und es gibt Betroffene, die müde sind und dafür nicht mehr die Kraft haben, und es gibt Menschen, die das Thema nutzen

„Unbeabsichtig rassistisch“ ist schon ein bisschen ein Narrativ. Ethisch gesehen besteht ein Unterschied, der ignoriert wird. Dass jemand beleidigt sein kann, ohne dass das die Absicht war, kommt sicher vor, und dass man davon müde wird, ist bestimmt auch so – trotzdem muss eine Bagatellgrenze definierbar sein. Sonst endet das in Willkür durch die, die das Thema nutzen.

Dass viele Menschen unbeabsichtigt rassistisch sind und vieles „nicht böse meinen“ ist ja ein guter Startpunkt.

Angenommen, Menschen könnten sich auch unabsichtlich sexistisch verhalten – wäre She-Hulk ein Kandidat, weil sich viele Männer davon in ihren Gefühlen verletzt sehen?

Nur muss man, wenn man erfährt, was man bei anderen auslöst, dem reflexartigen Verteidigen widerstehen und die Möglichkeit ergreifen, sich zu hinterfragen, sich mit anderen Kulturen zu beschäftigen, vielleicht sogar als Person zu wachsen.

Wer ist „man“? Die, die meinetwegen ein Kinderbuch über einen fiktiven Apatschen schreiben oder einen Film über ihn drehen, oder die, die diese verwerflichen Produkte irgendwie konsumieren und gar mögen??? Bis dahin wäre ich nämlich der Ansicht, dass die, die sich nicht für andere Kulturen beschäftigen wollen, sich insbesonder solche Filme nicht anschauen.

Diskussionen sind großartig, aber dann müssen sich beide Seiten informieren und vielleicht muss man auch erkennen, dass die heile Welt, in der man sich als „Indianer“ verkleiden oder das N-Wort sagen konnte, gleichzeitig eine war, in der man andere ausgegrenzt hat

Ich fand Winnetou doof und wollte mich bestimmt nicht so verkleiden. Grenze ich damit amerikanische Ureinwohner weniger aus als die, die das doch taten, oder etwa mehr?

und dass das keine schöne Erkenntnis ist und ein Auseinandersetzen Zeit kostet und Energie und Selbsteingeständnisse, aber dass man am Ende dadurch nur gewinnen kann.

Was kann ich davon gewinnen? Die Botschaft hier ist doch die, dass man nur in Fettnäpfchen oder schlimmere Sachen treten kann, wenn man sich mit fremden Kulturen beschäftigt. Ungeachtet dessen, ob man sie mag oder nicht.

Es ist auch nicht das Ziel, Fiktion zu verbieten und nur noch Sachbücher zu erlauben.

Wenn das nicht das Ziel ist, was sonst?

Es geht darum, sich bewusst zu machen, aus welcher Perspektive wir welche Geschichten erzählen, welches Bild wir damit erzeugen und was das für andere bedeutet.

Ich kann mir offenbar eine Menge Ärger damit ersparen, indem ich nur meine Geschichte aus meiner Perspektive erzähle. Oder komplett fiktionale, wie Echsenmenschen gegen Jedi-Orks…

Es geht darum, wie wir mit der Kultur und Geschichte von Minderheiten rücksichtsvoll umgehen, die heute mit uns zusammenleben.

Am besten gar nicht. Kann man nichts falschmachen.

Deshalb hinkt auch der Vergleich zu Asterix und Obelix oder zu Büchern über Hexen, die es damals bei der Hexenverbrennung nämlich (und das ist vielleicht überraschend) gar nicht wirklich gab.

Ach, siehe oben. Und ja, Einzelfälle und so, aber so zu tun, als gäbe es das gar nicht, ist falsch. (Und – wenn man das Fass aufmacht – Asterix und Obelix treffen nicht nur auf Römer, Piraten und andere Gallier, sondern auf klischeehaft überzogene Versionen der heutigen Nachfahren antiker Völker.)

Es geht um das Verdrehen von Geschichte, darüber, sich eine Kultur zu eigen zu machen, davon zu profitieren und gleichzeitig die auszuschließen, die sie heute leben.

Eine Kultur verächtlich zu machen und sie sich zugleich zu eigen, ist sicher möglich, aber eher schwierig. Meistens ist es eines davon. Und da bleibe ich dabei: die Verächtlichmacher sind eine andere Liga.

„Asterix und Obelix“ werden zum Beispiel auch in Italien gelesen.

D’oh? Uderzo wuchs als Sohn italienischer Einwanderer, die 1934 die französische Staatsbürgerschaft erhalten hatten, in der Nähe von Reims auf. Also, das beweist jetzt gar nichts.

Und bei Märchen besteht keine Verwechslungsgefahr mit der Realität.

Na, das ist ja auch die Hauptsache.

… aber die Geschichte, die in Winnetou erzählt wird, malt ein romantisiertes Bild einer grausamen Geschichte. Sie nimmt sich Bilder und Figuren, die es vielleicht wirklich so hätte geben können und erzählt mit ihnen eine gänzlich andere Geschichte.

Im Original ist die Geschichte grausam. Die Stelle, wo Winnetou weiterhin kommandieren muss, obwohl – Spoiler – sein Vater und seine Schwester gestorben sind? Der Kinderfilm scheint nicht ganz so realistisch.

Und wo ist da das Gegengewicht? Kinder sehen Yakari, besuchen die Karl-May-Festspiele und sehen im Kino „Der junge Häuptling Winnetou“, erfahren aber im Zweifel in der Schule nicht unbedingt etwas über die Geschichte der Native Americans.

Man darf nur solche historische Epochen darstellen, die im Schuluntericht vorkommen? Oha. Die Geschichte von der Eroberung Alesias ist tatsächlich viel weniger lustig als bei Asterix und Obelix angedeutet, und die hatte ich in der Schule nicht. Das wäre in Latein gekommen. Bei guten Lateinlehrern fallen die Lücken auf, wenn der Sieger die Geschichte schreibt. Oder, in Caesars Falle, diktiert.

Was hängen bleibt, ist also dieses romantisierte Bild. Während in anderen Geschichten die Trennung von Fiktion zur echten Welt klarer wird.

In welchen „anderen“ Geschichten jetzt? Dass historische Romane Romane sind, sollte man als heranwachsende Jugendliche lernen.

Wir sind noch weit von einer Diskussion auf Augenhöhe entfernt. So muss auch niemand Angst haben, dass die Menschen, die „Winnetou“ verteidigen, zu sehr eingeschüchtert werden.

Angst ist ein Gefühl, und Gefühle scheren sich wenig um Tatsachen. Wollte ich die ganze Zeit mal anbringen.

Widerstehen wir doch einmal dem Drang, uns direkt verteidigen zu wollen

Warum sollten „wir“ „uns“ an der Debatte beteiligen, wenn nicht, um „uns“ zu verteidigen?

und nehmen uns ein paar Tage Zeit, um etwa den Instagram-Account @natives_in_germany anzusehen

Ich bin nicht bei Insta.

vielleicht noch ein Buch zu lesen

Ich lese einfach nochmal das Silmarillion.

eines von Tupoka Ogette zum Beispiel oder „Sprache und Sei“ von Kübra Gümüşay.

Zu welcher Kultur gehören die? Nicht, dass ich mir etwas unbeabsichtigt aneigne.

Und dann erkennen wir langsam, was wir alles unbeabsichtigt sagen und tun.

Gar nichts?

Und, dass wir alle noch so viel zu lernen haben (großartig!).

Eigentlich nicht. Aber ehe ich mich mit einer anderen Kultur befasse, entwickle ich doch besser Kulturpessimismus und befasse mich höchstens mit meiner eigenen: Tolkien-Nerdtum.

…und morgen werde ich mich vielleicht darüber ärgern, hier „Indianer“ geschrieben zu haben oder darüber, dass ein Abschnitt zu überheblich klingen könnte

Also, IndiKaner ist vllt. eine Alternative, die ich der Welt gerne überlasse, aber den letzten Nebensatz kann ich direkt ausschließen. Für ihn jetzt, bei mir ist das so eine Sache…

Ein Gedanke zu “Kinderbücher sind wichtiger als Leben und Tod

  1. „Es steht auch keine Bücherverbrennung vor der Tür, weil das aus einer Diktatur hervorgegangen ist und es gerade um das Gegenteil geht.“

    — Nee, is kla‘. „Bücherverbrennung ist rechts und da wir nicht rechts sind, gibt es auch keine Bücherverbrennung. Höchstens eine oxidationsbedingte Umgestaltung bestimmter Werke.“; Boah, kotzen mich solche Wortspielereien an.

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