Immer diese Elefanten

Eine Elefant im Raum ist etwas, was jeder wahrnimmt, aber niemand ansprechen will. Weil das Sprechen nichts bringt, oder weil man Angst vor der Auseinandersetzung hat, oder weil das Thema generell zu schmerzhaft ist.

Das kann zum Teil auch auf diese Veranstaltung zutreffen, aber bestimmt sind auch einige dabei, die Angst haben, sich für Mockridge auszusprechen, und solche, denen das Thema relativ egal ist. Soll jetzt natürlich kein Grund sein, nicht darüber zu reden, aber es gibt sehr wahrscheinlich auch drogensüchtige Comedians. DER Elefant wäre größer.

Ohrfeige für die Branche

Weil alle Menschen, die in einer bestimmten Branche arbeiten, für alles verantwortlich sind, was irgendwer anderes in derselben Branche tut.

Schauspielerin Maren Kroymann wurde beim Deutschen Comedypreis mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet. Die Bühne nutzte sie nicht, um zu danken, sondern für deutliche Kritik.

Sie war sogar so deutlich, dass sie gar nicht den Namen „Mockridge“ nennen musste. Magic! Nebenbei wurde die Nominierung für die Mockridge-Show „ÜberWeihnachten“ zurückgezogen. Und jetzt hat „Frau Jordan stellt gleich“ gewonnen. Was möglicherweise tatsächlich die bessere Sendung ist, aber nunja – bei einer Preisverleihung, bei der der Kritisierte gar nicht mehr mitmachen kann, Solidarität mit diesem zu beklagen, ist vllt. nicht komplett überflüssig, aber übertrieben. Immerhin besser als generische Dankesplattitüdensammlung #3547.

Maren Kroymann, Ehrenpreisträgerin des Abends, hatte noch ein Anliegen. Eines, das bestimmt einige im Saal teilten, das aber nur die Kabarettistin ansprach.

„Nur“ stimmt nicht. Neben der zurückgezogenen Nominierung im Vorfeld…

Kroymann adressierte den „Elefanten im Raum“ – so bezeichnete Laudatorin Hazel Brugger kurz zuvor den Komiker unter ihnen

Ja, ich habe das Zitat abgeschnitten. Er ist nicht DER Komiker. Er ist möglicherweise EIN Komiker. Heutzutage kann sich jeder einen Komiker-Ausweis aus dem Internet ziehen… egal. Jedenfalls ist Kroymann nicht die einzige oder erste Person, die das Thema auf der Veranstaltung zur Sprache bringt, und das Thema ist auch sehr weit verbreitet. (Das ist jetzt keine Kritik an ihr selbst, sondern am Zeitungsartikel. Ich hacke darauf aber trotzdem herum, weil das nicht ganz so heroisch ist wie angedeutet.)

 gegen den es Anschuldigungen wegen grenzüberschreitenden Verhaltens gibt, den die deutsche Comedybranche aber monatelang ignoriert hatte.

Die ursprünglichen Anschuldigungen wurden auch nicht „ignoriert“, es kam bloß zu keiner Anklage. Die Anschuldigungen, die jetzt im Spiegel stehen, sind noch nicht so neu. Vermutlich gibt es irgendwen in der Comedy-Branche, der grundsätzlich schon vor dem Spiegelartikel davon wusste, aber die Vorwürfe im Spiegel sind halt nicht strafrechtlich relevant. Was genau soll „die“ Comedy-Branche eigentlich unternehmen? Wenn ein Mitarbeiter einen anderen nach Feierabend belästigt, kann sich der im Personalbüro beschweren. Wenn ein Gast einem anderen in einem Club ein Bier ins Gesicht kippt, spricht der Club vllt. ein Hausverbot aus. Wenn der Hausmeister von SAT.1 sich wie Mockridge verhält, würde man das dem Hausmeister von Pro 7 aber trotzdem nicht zum Vorwurf machen, nur, weil beide den gleichen Job haben. Hoffe ich.

Vor Kroymann hatten Hazel Brugger und ihr Ehemann das erste Zeichen des Abends gesetzt. Sie trugen Shirts mit dem Schriftzug „Konsequenzen für Comedian XY“

Wie schlau. Beim nächsten Skandal kann man die dann wiederverwenden.

angelehnt an das Hashtag #KonsequenzenFürLuke, unter dem Social-Media-Nutzer seit Monaten Forderungen posten, die Anschuldigungen gegen Luke Mockridge aufzuarbeiten.

„Aufzuarbeiten“ ist jetzt so ein Schlagwort. Was Mockridge privat mit Menschen macht, die keine Angestellten von SAT.1 sind, ist erstmal nichts, wofür SAT.1 die Verantwortung hat. Insofern geht die das gar nichts an. Wenn Mockridge tatsächlich illegales macht, ist das was anderes. Bzw., wenn Luke sich so „rufschädigend“ verhält, dass er als „Entertainer“ nicht mehr tragbar wäre, würde SAT.1 evt. auch die Konsequenzen ziehen. Und ich gehe mal davon aus, dass Mockridge während eines Strafprozesses nicht für SAT.1 auftreten wird. Aber bis dato beziehen sich alle Vorwürfe auf Sachen, die die Polizei nicht als strafbar betrachtet, die Mockridge nicht als Mitarbeiter oder Repräsentant von SAT.1 getan hat, und die sich nicht gegen SAT.1-Mitarbeiter richtet, wo der Sender tatsächlich eine andere Verantwortung hat als einfach so.

Dem Komiker warfen mehr als zehn Frauen in einem Spiegel-Bericht grenzüberschreitendes Verhalten bis hin zu sexuellen Übergriffen vor.

Ja, aber „Konsequenzen“ sind ja nicht einfach nur „Aufarbeiten“. Angenommen, SAT.1 dreht einfach eine Reportage über Mockridge. Das wäre ja auch „Aufarbeiten“. Das ist eher nicht das, was den Konsequenzenforderern und -rinnen vorschwebt.

Mockridge bestreitet die Vorwürfe, die Staatanwaltschaft hat die Ermittlungen mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt.

Jein. Es ist zumindest teilweise auch so, dass der jeweilige Vorgang, wenn er exakt so stattgefunden hat wie geschildert, kein Delikt darstellt, was Polizei oder Staatsanwaltschaft beschäftigen würde.

Brugger und Co. haben seitdem dennoch mehrfach ihre Solidarität mit den anklagenden Frauen betont.

Natürlich haben sie das. Was ist jetzt genau der Vorwurf? Mockridge ist ein unsympathischer Kerl, dessen zwischenmenschliche Abgründe aufklaffen, sobald die Kamera aus ist? Na gut, und was soll die Strafe sein? Bzw., welche Konsequenzen wären keine Strafe? Hierzu muss gesagt sein, dass Konsequenzen wie „Hausverbot im Club“ oder „Abmahnung vom Arbeitgeber“, beides wegen sexuelle Belästigung, weniger hart bewiesen werden müssen, weil der Nachteil erstmal geringer ist. Dessenungeachtet sollten diese auch nicht ganz willkürlich oder aus reiner Solidarität ausgesprochen werden.

Gleichzeitig kritisieren sie die Rückendeckung für Mockridge, auch aus der Comedyszene.

Ich muss mich nicht mit Mockridge solidarisieren. Wenn der in jedem Club und jeder Kneipe Hausverbot hat, ok. Wenn kein Sender mehr mit ihm zusammenarbeiten will, weil das Publikum abspringt, meinetwegen. Den Anspruch, dass ich das unterstützen muss, aus Solidarität mit mir völlig unbekannten Personen, weise ich trotzdem zurück.

Die Veranstalter des Preises des Cologne Comedy Festivals ließen Moderator Steven Gätjen eine schriftliche Erklärung vorlesen, warum Mockridges Netflix-Serie ÜberWeihnachten nachträglich von einer Nominierungsliste gestrichen wurde

Hmmm. Nicht lustig genug?

„aufgrund der öffentlich geführten Diskussionen“, hieß es darin. Details wurden darin nicht genannt.

Details sind tatsächlich nicht so wichtig. Offenbar hat die Diskussion dafür gesorgt. Das ist doch eine „Konsequenz“. Aber…

Daran störte sich die frisch gekürte Ehrenpreisträgerin Kroymann so sehr, dass sie in ihrer Rede die üblichen Dankesworte übersprang und deutliche Worte fand

Das liegt jetzt vllt. an der SZ, aber das klingt so, als wäre Kroymann dagegen, dass die Nominierung zurückgezogen wurde.

„Ich hätte gerne gehabt, dass Verantwortliche für diesen Preis – und auch von dem Sender – die Eier gehabt hätten, zu sagen: Wir solidarisieren uns nicht nur mit unserem beliebten Künstler, sondern mit den Frauen, die betroffen sind.“

Sie solidarisieren sich ja gar nicht. Sie verhalten sich abwartend. Und man kann sich schlecht mit beiden Parteien zugleich solidarisieren, besser ist es, sich mit keiner zu solidarisieren. Oder allgemeiner: man muss niemanden „glauben“, man kann auch einfach darauf verzichten, sich eine Meinung zu bilden.

Weiter sprach sie den Wunsch aus, die Frauen zu respektieren und ihren Geschichten Glauben zu schenken.

Ja, Wischiwaschiwünsche. Was soll das heißen: „Aus Respekt mit Frauen, die wir nur aus einem Spiegelartikel kennen, glauben wir von SAT.1 ihnen nicht nur, sondern kündigen unsere Verträge mit Herrn Mockridge, obwohl das eine Vertragsverletzung unsererseits darstellt.“?

„Geht’s noch jemandem so wie mir, dass ich Frauen einfach vermisst habe auf der Bühne?“, fragte sie nach der mehr als dreistündigen Gala in den Saal hinein.

Ja. Sie zumindest ist ja da.

„Und wer hat sich das Kleid ausgedacht, das die fabelhafte Kollegin trägt, die die Preise bringt?“

Wen interessieren solche Oberflächlichkeiten?

13 Jahre sind vergangen, seit Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki den Fernsehpreis für sein Lebenswerk auf der Bühne abgelehnt hatte.

Da ging es tatsächlich auch um ganz was anderes. Aber hey, der Echo wurde wegen eines KZ-Witzes gekänzelt. DAS wäre doch mal wieder was.

Kroymanns Moment ist bedeutsamer, weil sie es eben nicht tat.

Kroymanns win-win. Lehnt sie den Preis ab, ist das bedeutsam. Lehnt sie ihn nicht ab, ist das bedeutsamer.

Was nämlich hängen bleibt, sind keine persönlichen Befindlichkeiten, sondern der Inhalt ihrer Rede, in der Kroymann, die Diskriminierung als lesbische Medienmacherin nur zu gut kennt, für alle Frauen einstand, nicht nur für die aus ihrer Branche.

Äh, ja. Alle Frauen auf der Welt. Hat sich das Kleid vllt. doch ein Mann ausgedacht? Egal. Werden auch Männer sexuell belästigt? Egal. Wusste ich bis eben, dass Kroymann überhaupt lesbisch ist? Nein. Ist das Fehlen von Frauen auf der Bühne eine unpersönliche Befindlichkeit? Keine Ahnung. (Das scheint tatsächlich ein Problem zu sein, hängt aber nur am Rande mit der causa Mockridge zusammen. Wenn SAT.1 Mockridge wegen dergleichen rausschmeißt, stellen die ja nicht zwangsläufig eine Frau als Esatz auf.)

Es ist nicht das erste Mal, dass speziell der Comedypreis in der Kritik steht, Frauen zu benachteiligen. Im vergangenen Jahr schob man eine Kategorie für weiblich geprägte Podcasts hinterher, nachdem in der ursprünglich herausgegebenen Nominierungsliste weniger Frauen aufgetaucht waren (keine) als Menschen, die Thomas Schmitt heißen (zwei).

Ich muss dazu schweigen, weil ich keine Podcasts höre, und mich nur dazu äußere, wenn ich mich darüber per Ferndiagnose ärgern kann. Andererseits fände ich es auch unfair, wenn man Thomas Schmitt nur deshalb nicht nominierte, weil schon der andere Thomas Schmitt nominiert ist. Und was ist eigentlich mit Evo-Chris und Klopfer?

Auch um Shitstorms wie diesen künftig zu verhindern, legte man die Bürde der Nominierung in diesem Jahr vollständig in die Hand der Fans, die im Vorfeld für ihre Favoriten online abstimmen konnten.

Feiglinge! Die Wogen werden Euch nicht tragen! Oder wie der Spruch geht.

Resultat: In der aus unerfindlichen Gründen erneut gemischten Podcast-Kategorie schaffte es diesmal eine Frau auf die Liste – Amira Pocher, als Co-Moderatorin der Sendung, die sie mit ihrem Mann Oliver betreibt.

Ja. Schwierig. Einfach alle ausschließen, die mit SAT.1 nicht verwandt oder verschwägert sind? Und nicht verlobt oder verheiratet? Bzw., das ist ja nicht direkt SAT.1:

„Der Deutsche Comedypreis wird jährlich von der Brainpool TV GmbH verliehen. Da einige Brainpool-Eigenproduktionen ausgezeichnet wurden, ist dieser umstritten.“

Ein Brainpool kommt übrigens auch bei diesen Gedankenschindern aus D&D vor.

[Oliver Pocher] erschien zur Verleihung allerdings allein, weil – kein Scherz – Amira zuhause saß und auf die Kinder aufpasste.

Bei den Gedankenschindern wird der Nachwuchs im Kaulquappenstadium in den Gehirnbecken großgezogen. Wobei die meisten als „Nervennahrung“ enden. Ausgewachsene Gedankenschinder sind Hermaphroditen und haben mit „auf die Kinder aufpassen“ nichts mehr am Hut. Was nicht heißt, dass Pocher keine Gedanken schindet, aber in Hinblick auf gleichberechtigte Care-Arbeit haben die Illithiden im noch was voraus.

Auch ansonsten kann man sich fragen, ob eine Preisverleihung noch Sinn ergibt

Ohne diesen Artikel hätte ich davon gar nicht erfahren. Also ja, für die SZ ist es gut, um die Zeitung voll zu kriegen.

Der lästige Pflichttermin … wird wohl kaum einem abgehen, wie an den vielen müden Gesichtern im Saal abzulesen war.

Da geht eben keinem einer ab. Und keiner.

Ja, man kann definitiv Besseres mit seiner Zeit anfangen, als den Comedypreis zu verfolgen. Maren Kroymann hatte auch dazu Ideen. „Ernährt euch gesund, umarmt Bäume, macht Yoga, habt guten Sex“, gab sie jungen Künstlerinnen mit auf den Weg

Bei Männern ist das ja egal.

 „Achtet auf euch, damit ihr noch nicht tot seid, wenn euch die späte Ehrung erreicht.“

Eben. Ansonsten: MRR covern.

Ein Gedanke zu “Immer diese Elefanten

  1. In diesem Artikel genannte „Menschen“:

    Luke Mockridge
    Maren Kroymann
    Hazel Brugger
    deren namenloser Ehemann
    zehn Frauen
    Steven Gätjen*
    Marcel Reich-Ranicki*
    Thomas Schmitt (x2)
    Amira Pocher*
    deren Ehemann Oliver*

    Also – die mit einem Sternchen hab ich zumindest schonmal gehört.

    Als „Konsequenz“ könnte man die sämtlich (a) entlassen, (b) enteignen und (c) nach Afghanistan abschieben. Mir würde ganz sicher nichts fehlen.

    (das wäre gegenüber Reich-Ranicki etwas unfair, aber der ist doch tot, oder?)

    Gefällt 1 Person

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