Paardiologie und Paradox

Alkohol verleiht Superkräfte, jedenfalls Charlotte Roche. Oder sie hat generell Superkräfte, kann sie aber sonst besser verbergen. Oder es gibt auch sehr kleine Tische aus Eichenwurzelholz. Jedenfalls ist die Reaktion darauf, dass sie mal damit nach ihrem Mann warf, nicht „WTF?!“ bei folgenden Medien:

Taz nennt das „Gewaltvorkommnisse(n)“, Stern sieht „Charlotte Roche als Pippi Langstrumpf„, Bayern 2 oder jedenfalls Sammy Khamis findet das „sehr witzig“ und vor allem er hier ist direkt „neidisch“, oder will jedenfalls, dass man neidisch wird. Denn Neid frisst entweder einen leer oder ist ein Ansporn, entweder so stark zu sein, um einen Tisch werfen zu können, oder aber, jemanden zu vergeben, der genau das versucht hat. Wobei bei letzterem dieser Tisch nicht vorkommt.

Etwas kritischer sind: Tagesanzeiger, der tatsächlich die Formulierung „häusliche Gewalt“ verwendet, Stuttgarter Nachrichten, auch wenn die es unsympathischer finden, dass Roche und Keß sich wegen getrennter Beziehungen anderer Leute abklatschen, und die Leipziger Volkszeitung (LVZ) teilt zwar den witzigen Pippi-Langstrumpf-Witz, verwendet aber weniger nette Formulierungen; statt „brisant“, weil es „ordentlich zur Sache“ ging wie beim Stern, teilt die Volkszeitung mit, dass „es für ihren Mann … deprimierend [war]“, wenn sie ihren Kater „abgefeiert“ hat. Allerdings vermasselt die LVZ ihren Titel:

Echtes Unbehagen scheint nur Konstantin Nowotny vom Freitag zu haben:

Noch schön oder schon schaurig?

Ernsthaft, man googele bitte mal nach „Paardiologie häusliche Gewalt“. Vllt. kommt dieser Post hier ganz nach oben.

Und, mit der Macht der Gendertauschprobe: Was würde man einer Frau Kess sagen, wenn sie von einem betrunkenen Herrn Roach mit Möbel und heißer Milch (erfolglos) beworfen würde?

  1. trenn Dich; nur, weil er im Vollrausch nicht so gut zielen kann, heißt das nicht, dass er nie trifft!
  2. trenn Dich; nicht der Erfolg zählt, sondern die Absicht!
  3. trenn Dich; er hat offenbar ein Gewalt- und ein Alkoholproblem!
  4. trenn DICH!!!!
  5. bleib bei ihm, in ein paar Jahren hat er seine Probleme im Griff, wenn Du ihm hilfst, natürlich, und dann ist er zum Glück prominent, so dass er sein Fehlverhalten und Dein Trauma monetarisieren kann.

Leute, die für Nr. 5 sind, haben jetzt wenigstens ein Argument.

Der Podcast ist ja bestimmt handwerklich gut, unterhaltsam, lehrreich und künstlerisch wertvoll, aber das muss niemanden davon abhalten, den Beteiligten gegenüber kritisch zu sein. Mal abgesehen von dem Problem, dass Antworten auf Fragen, die Kess und Roche stellen und geben, genaugenommen NUR für Roche und Kess gelten und nicht beliebig zu verallgemeinern sind; mal abgesehen davon, dass man sich in der Zeit, in der die beiden ihre Ehe in den Griff bekommen haben, trennen UND wen besseres finden kann; mal abgesehen davon, dass die Welt ein (friedlicherer) Ort ohne gewalttätige Partner wäre, wenn ihre Opfer sich immer sofort trennen würden, anstatt auf Besserung zu warten (dafür aber mit vielen gewalttätigen Singles, aber hey); und mal GANZ davon abgesehen, dass ich immer noch nicht neidisch bin: weder frisst es mich leer, dass Kess schon seit Jahren nicht mehr beworfen wurde, noch habe ich Probleme, ein tendenziell besserer Mensch zu sein als Roche, ABER:

Wenn man die Gewalttätigkeit von Mann A gegenüber seiner Frau B verurteilt, aber die von Frau X gegenüber ihren Mann Y „witzig“ findet, dann ist das sexistische Doppelmoral.

Entweder, Ihr lacht in Zukunft auch über Männer, die mit Tischen nach Ihren Frauen werfen, oder ihr kritisiert mal öfters Charlotte Roche.

2 Gedanken zu “Paardiologie und Paradox

  1. Tja, und was passiert einem Mann, der öffentlich macht, mutmaßlich häusliche Gewalt erlitten zu haben? Er wird dargestellt als eine narzisstisch gekränkte Person, die nur einen auf Opfer machen will. Und das von einer „Psychotherapeutin“:

    https://web.archive.org/web/20170622050033/http://www.amica.de/liebe-psychologie/liebe-sex/boris-becker-rechnet-ab-wie-boris-becker-mit-seinen-ex-frauen-umgeht-wirkt-sehr-pubertaer_id_3238142.html

    Psychotherapeutin in Anführungszeichen, weil es mir die fachliche Kompetenz besagter Dame sehr fragwürdig erscheinen lässt, wenn sie sich dazu versteigert, dermaßen tiefgreifende Aburteilungen über eine Person zu verlautbaren, mit der sie sich nie persönlich unterhalten hat. Konkrete Ferndiagnosen werden meines Wissens von allen SERIÖSEN Wissenschaftlern aus dem Bereich der menschlichen Psyche als schwer bis unmöglich erachtet. Aber Frau kann das natürlich, zumindest dann, wenn man unter Psychotherapie / -Analyse auch das stumpfsinnige Rauskotzen männerfeindlicher Vorurteile versteht. Da ist so manch Frau geradezu Fachmann; insbesondere die medial präsenten…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s