Der Horror

Jetzt mal wieder

Das Horror-Genre war eine Männerdomäne. Kuratorin Deniz Sertkol erklärt, wieso sich das jetzt ändert, warum Frauen andere Horrorfilme machen als Männer – und wie man es schafft, sich weniger zu gruseln.

Ähh, was? Die Schurken sind überwiegend männlich, die überlebenden Hauptpersonen überwiegend weiblich – kommt mir sehr feministisch vor. Allesdings bin ich kein Horrorexperte. Um mich weniger zu gruseln schaue ich mir einfach andere Filme an.

Toll sei das, wurde in der vergangenen Woche immer wieder kommentiert: In Cannes wurde endlich der Film einer Frau mit der goldenen Palme als „bester Film“ ausgezeichnet.

Herzlichen Glückwunsch an der Stelle.

Gewonnen hat diese Auszeichnung die Französin Julia Ducournau für ihren Film „Titane“. Und tatsächlich ist sie erst die zweite Frau, die den Preis in der mehr als 70-jährigen Geschichte des Filmfestivals verliehen bekommen hat.

Um das einzuordnen wäre wichtig, wieviele Männer und Frauen insgesamt Regie führen. Da gibt’s zwar keine Statistiken zu, aber mehr als zwei pro Jahr wird es wohl geben, oder? Oder?

So groß ist die Freude, dass eine zweite Besonderheit des Filmes fast zu kurz kommt: „Titane“ ist ein Horrorfilm.

Ja, und zwar einer mit weiblicher Schurkin/Antiheldin. Die Autosex hat. Und sich als Mann tarnt. Außerdem bricht sie sich die Nase, wie eine gewisse andere Person. Selbstverletzung ist kein Zeichen für Emanzipation, aber eine Frau muss manchmal tun, was eine Frau tun muss. Wenigstens triggert das keine Terfinnen.

Er gehört damit zu einem Genre, das sowohl unterschätzt wird, als auch für die längste Zeit eine Männerdomäne war.

Männer=Böse -> Männerdomäne. Frauen=Böse -> Frauendomäne.

warum wäre es so wichtig, dass mehr Frauen Horrorfilme machen?

Wenn bei Frauenhorrorfilmen mal zur Abwechslung der Junge überlebt, wäre das ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichberechtigung. Echt, Jetzt? DAfür braucht Ihr ein Interview? Dafüq.

Das ist aber schon etwas Besonderes, dass man sich als Mädchen und später als Frau für Horror-Filme begeistert.

Naja, ich kenne genügend Frauen, die sich Horror anschauen, und genügend Männer, die sich das lieber nicht antun.

Ja, eben. Wenn es Genres gibt, die als „männlich“ gefrämt werden, dann Fantasy-Superhelden-SF-allg., siehe auch Big Bang Theorie. Was zum Geier soll denn diese Frage?

Oft wird ja auch gesagt, dass es daran liege, wie Frauen in solchen Filmen dargestellt werden?

Von WEM bitte? Außer von Jetzt jetzt?

Ist da was dran?

Ja, bestimmt auch. In den Slasher-Filmen der Achtzigerjahre gibt es etwa das sogenannte „Final Girl“ – also die eine junge Frau, die am Ende überlebt.

Wie Ripley? Sarah Connor? Ist DAS also die Art von Frauendarstellung, die Frauen abschreckt und Männer anzieht? Es gibt aber keinen „Final Boy“. Nicht in Alien, nicht in Terminator, und bei Freitag, 13., Elmstreet und Halloween habe ich auch noch nie davon gehört. (Ok, wer doch, bitte schreibt’s in die Kommentare.)

Zumindest bis zur Fortsetzung.

Verdammt!

Das waren oft Frauenrollen, die abstinent und nicht sexuell aktiv waren oder keinen Alkohol getrunken haben.

Ähh, gut, dass Sarah das Memo nicht bekommen hat. Aber OHNE Alkohol ist man in einer stressigen, gefährlichen und sonstwie schwierigen Situation besser geeignet, aus der Nummer zu entkommen. Nastrowje, Natasha!

Andererseits kann man mit so deutlich sexistischen Narrativen auch die patriarchale Struktur vieler Filme erkennen lernen und dann hinterfragen.

Ok, es gibt ganz bestimmt Filme – nicht Genres, aber Filme – die tatsächlich implizit oder explizit Frauenfeindlichkeit zu Tage treten lassen, aber inwiefern ist ein Horrorfilm per se frauenfeindlich? Das einzige andere Genre, in dem ähnlich viele Männer, auch solche, die im Abspann namentlich auftauchen, sterben, ist der Antikriegsfilm. Antikriegsfilme, die frauenfeindliche, patriarchaische Machoscheiße.

Und weibliche Regisseurinnen machen bessere Horrorfilme?

Ich glaube schon, dass Regisseurinnen und alle Filmschaffende, die als Frauen gelesen werden, anders Filme machen.

Das war nicht die Frage. Es wurde explizit nach „weiblichen Regiesseurinnen“ gefragt, nicht nach männlichen oder diversen Regisseurinnen, und nach besseren, nicht anderen Horrorfilmen.

Ich halte es einfach manchmal für nicht so glaubwürdig, wie männliche Regisseure Frauen inszenieren

Ja, aber Männer werden auch nicht immer authentisch inszeniert. Egal, welches Geschlecht die Regie hat. Wobei bei Horrorfilmen immer die Idee ist, dass Menschen über ihre Grenzen getrieben werden und Dinge tun oder lassen, die sie normalerweise anders handhaben.

Das passiert oft, wenn sie nicht versuchen, Geschichten authentisch zu erzählen. Ich denke da besonders an deutsche Horrorfilme.

Ja, die sind bestimmt Scheiße. Andererseits sind Frauen, die auf Autos stehen – nicht auf Typen mit Autos, Autos – auch nicht so besonders echt. Aber gut, das soll vllt. gar keine Frau sein…

Bei welchem Film eines männlichen Regisseurs hat das denn beispielsweise gar nicht geklappt?

„The Descent“ war so ein Fall für mich.

Hey, den kenne ich sogar. Aber hier ist Tante Wiki.

Man könnte glauben, dass es sich um einen feministischen Film mit starken Frauen handelt.

Wenn Frauen in Filmen vorkommen, wird auch immer gemeckert. Also, von feministischer Seite. Die Power der Geschlechtertauschprobe – würde eine Gruppe von sechs männlichen Höhlenkletterern, deren Anführer sie aus Ehrgeiz in die falsche Höhle lockt, von Feministinnen für unauthentisch gehalten werden? Oder hielten die das für tyisch männliches Verhalten?

Letztendlich ist es aber ein sehr misogyner Film, der die Frauen gegeneinander ausspielt

Ja, die gruseligen Monster sind nur das halbe Problem. Aber auch hier die Frage – fände man bei einem Film, der nur von Männern handelt, oder bei einer gemischten Gruppe, besser oder schlechter?

natürlich geht es am Ende doch um einen Mann.

Dein Ernst? Ja, Sarah hat auch ihren Mann verloren, aber der Verlust ihrer kleinen Tochter ist wohl das schlimmste für sie. Angenommen, bei einer Männerrunde träumt einer ständig von seiner toten Frau und Tochter, dann würde das auch niemand als „Frauenfilm“ feiern, weil es am Ende „nur um eine Frau“ ging.

Das ganze Subgenre „Torture Porn“ ist eine Unverschämtheit. Also alle „Saw“-Filme, „Hostel“, „The Hills have Eyes“ oder etwa „The Human Centipede“.

Der letzte it wohl wirklich eklig, aber beim ersten Saw-Film ist keine Frau unter den Opfern, beim zweiten schon, aber die überlebt – und zwar NICHT wegen ihres untadeligen Lebenswandels, sondern wegen ihrer Opfer-Täter-Umkehr – und den Rest habe ich nicht ganz verfolgt. Hochintelligenter, aber totkranker Bauingenieur mit viel Geld, der Leute nicht direkt umbringt, sondern in existentielle Krisen führt, ist nicht „relatabel“ genug für mich, wenn er eine große Feuerwehraxt herumstehen lässt, mit der man ausbrechen könnte. Oder, wenn er aller gut vermauert hat, warum versuchen die idioten das nicht wenigstens? Und bei dem „Hills have eyes“ Film, den ich gesehen habe, waren Männer und Frauen gleichemaßen unter den Opfer wie unter den Überlebenden. Wie frauenfeindlich.

Wie Frauen von hinten bis vorne gequält werden, muss ich nicht sehen. Das brauche ich nicht.

Aber Männer? Ich kenne „Hostel“ nicht und will nicht googeln.

Hast du ein Beispiel, wo weibliche Regisseurinnen es besser gemacht haben?

Sogar zwei, beide sind recht aktuell. Einer der letzten Horrorfilme, den ich jetzt gesehen habe, war „Saint Maud“ von Rose Glass. … Dass diese Kategorien „böse“ und „gut“ so aufgebrochen werden, finde ich sehr spannend.

Wie bei Juno in „Descent“ oder Jigsaws Helferin also?

Und das zweite Beispiel?

„Shirley“ von Josephine Decker. Das ist eigentlich ein Biopic

Okeee.

Gibt es heute mehr Frauen, die Horrorfilme machen…?

Statistik?

bekanntere Beispiele wie „American Psycho“ von Mary Harron, „Carrie“ von Kimberly Peirce, oder „Friedhof der Kurscheltiere“ von Mary Lambert.

Die alle Buchverfilmungen von Romanen sind, die Männer geschrieben haben. Was die ganze „authentische Inszenierung von Frauen“-Argumentation nur dann erfolgreich macht, wenn die Frauenrollen authentischer werden als die Frauen in den Romanvorlagen.

Das Horror-Genre ist in den letzten zehn Jahren aber definitiv diverser, weiblicher und durchlässiger geworden.

Und woher kommen all diese weiblichen Horror-Regisseurinnen jetzt auf einmal? 

Die hat es schon immer gegeben!

Ja, was denn nun?

Jason Blum produziert jetzt auch einige Filme mit weiblichen Regisseurinnen.

Nach dem Shitstorm blieb ihm auch nicht viel anderes übrig.

Naja, wo haben diese Regisseurinnen denn vorher Regie geführt? Oder, wenn sie das nicht taten, wie sind sie dann Regisseurin geworden?

Es sind vielmehr die Strukturen der Filmindustrie, die dazu führen, dass Frauen ihre Filme nicht machen können – etwa wegen fehlender Finanzierung ihrer Projekte.

Auch hier wären die Statistiken interessant – von allen angehenden männlichen Regisseuren schaffen es x %, wenigstens einen Film zu drehen, von allen angehenden Regiesseurinnen y %, ist x kleiner, gleich oder größer als y?

Hältst du es für wichtig, dass Frauen Horrorfilme machen?

Ja, aber vor allem auch, dass insgesamt mehr Vielfalt an Filmsets vor und hinter der Kamera herrscht. Was am Horror ja besonders interessant ist, ist die Art und Weise, wie Angst verhandelt wird.

Ist das so? Kann ja sein, dass eine Horrorregisseurin das genau so sieht, aber für mich ist die ganze Formulierung „wie Angst verhndelt wird“ einfach nur unverständlich.

Je mehr unterschiedliche Perspektiven sich also in diesem Genre wiederfinden, es prägen und verändern, umso besser.

Naja, Angst ist etwas ähnlich grundlegendes wie Sex. Diverserer Pornodarsteller sind demnach auch besser für die Porno-Industrie, aber Sex oder Angst werden ja nicht neu erfunden. (Hetero-Tentakel-Zwitter aus Deiner Umgebung stehen auf alles außer anderen Tentakelzwitter!)

Dann gibt es vielleicht auch nicht mehr diese Tendenz, die zehnte Fortsetzung eines einigermaßen erfolgreichen Horrorfilms zu machen, sondern mehr „Original Content“ zu präsentieren.

Also kein Friedhof der Psycho-Carrie? Alles klar!

Zum Beispiel ist Ana Lili Amirpours „A Girl Walks Home Alone at Night“ ein toller Vampirfilm, der Feminismus intelligent und humorvoll in das Genre einbettet.

Weil??? Der Film ist der hier. Männer=Böse. Ist jetzt die Schnittmenge aus Horror und Feminismus, für die man keine besondere Intelligenz braucht. Vampirin im Tschador auf einem Skateboard, DAS ist humorvoll. Natürlich hat sie das einem kleinen Jungen abgezogen, aber nun ja, Antiheldin halt.

Hätte ein weißer Mann diesen Film so machen können? Ich glaube nicht.

Iraner sind doch weiß. Aber gut, umgekehrt hätte statt Polanski eine schwarze Frau „Tanz der Vampire“ auch nicht so machen können. Wäre Sertkol dann Horror-Fan geworden?

Jetzt mal ganz abgesehen davon: Was macht für dich guten Horror aus?

Zu gutem Horror gehört für mich aber auch mehr, als dass man sich erschreckt. Ich finde, auch die Themen müssen einen bereichern.

Silent Hill, der FILM. Hachja, der ist schön!

Hast du einen Tipp, wie man sich einen Horrorfilm anschauen kann, ohne sich danach im Dunkeln zu fürchten? 

Es kommt darauf an, ob man nach so einem Film tatsächlich auf lange Sicht verängstigt ist. Dann sollte man Horrorfilme vielleicht einfach nicht mehr anschauen.

So ist es auch mit Drogen.

Ansonsten ist es auch immer eine gute Idee, Horrorfilme nicht alleine anzuschauen, sondern als Gruppe. Horror ist ein soziales Genre.

So gesehen ist das dann doch nichts für mich.

Aber das erklärt, was sie gegen „The Descent“ hat.

2 Gedanken zu “Der Horror

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s