Schwarze Witwe

Der Film. Hir seyen Speuler!

Nach Cpt. Marvel schon der zweite MCU-Film mit weiblicher Hauptfigur. Und der hier hat mir deutlich besser gefallen, yayqoq!

Es soll die „Origin-Geschichte“ von Natasha Romanoff, aka „Black Widow“, sein, was man auch gelten lassen kann, auch wenn der Zeitpunkt der Veröffentlichung eher suboptimal ist, nicht nur wegen Corona, sondern auch, weil die Story der MCU-Filme so weit fortgeschritten ist, dass das nur noch halb so wichtig ist. Außerdem ist das eine eher unorthodoxe Origin-Story.

Orthodoxe Origin-Storys von Superhelden gehen so:

  • Person ohne besondere Kräfte oder Fähigkeiten bekommt welche, und die Geschichte erzählt, wie und was die Person dann damit macht
  • Person ist mit besonderen Kräften oder Fähigkeiten geboren, und die Geschichte erzählt, was und warum die Person dann damit macht
  • Person hat keinerlei besonderen Kräfte, aber kompensiert dies durch Willenskraft, Können, Wissen oder Geld, weil sie ein sehr traumatisches Erlebnis hatte, und die Origin-Story erzählt genau das (meistens ist mindestens ein Elternteil oder nahestehende/r Onkel/Tante dabei gestorben)

Die Superhelden mit SUPER-Kräften haben meistens auch mindestens ein totes Elternteil, bzw., die sterben in späteren Teilen (armer Thor (und evt. armer Aquaman)).

In dieser Geschichte wird zwar erklärt, wieso Natasha so eine kompetente Geheimagentin ist, aber der Film spielt hauptsächlich zwischen „Civil War“ und „Infinity War“, also zu einer Zeit, wo ihr Charakter im Kontinuum der MCU-Filme schon bestens eingeführt ist; auch die Geschichte, wie sie das wohl eher hart zu verdienende Vertrauen von Nick Fury errungen hat, fehlt. (Jaaa, es wird gesagt, dass sie ihren alten Geheimdienstchef ermordet hat, aber die Umstände hätten dazu geführt, dass Fury nur sagt: „Ja, ganz nett, aber evt. war das nur eine Scharade, um mein Vertrauen zu erringen.“ Und Romanoff ist nicht einfach eine Überläuferin, die Shield für Außenmissionen einsetzt, sondern eine enge Mitarbeiterin von Fury bei der Gründung der Avenger.)

Aaalso, der Name „Black Widow“, also Schwarze Witwe, ist eigentlich jedes Mitglied einer Gruppe weiblicher  Geheimagenten (ursprünglich der Sowjetunion, aber das Programm hat die Wende überdauert), die schon als Kind konditioniert werden. Mädchen, die irgendwo ausgesetzt werden, gibt’s schließlich genug. Natasha gehörte da ebenfalls zu, diente aber zusätzlich, zusammen mit einer „Schwester“, einer Widow der vorigen Generation als Mutter und der russischen Antwort auf Captain Amerika als Vater, als Tarnung, um russische Agenten wie eine normale amerikanische Familie aussehen zu lassen.

Jetzt impliziert die Benennung nach eine Spinne, die ihrerseits nach ihrem Verhalten benannt wurde, ihren Partner nach der Paaung zu töten, eine bestimmte Taktik der Spionage und Attentate, die ein geschlechtsspezifische Selektion erforderlich macht, aber das kommt im Film nicht vor. Männer sind im Film generell gesichtslose Schurken, Loser, oder beides, und ohne die sexuelle Ausbeutung sieht es sehr danach auch, als ob Mädchen vom Zentrum der Black-Widow-Organisation – aka der rote Raum (ob das eine Anspielung auf Kommunismus oder Rotlicht sein soll, bleibt natürlich offen) – bevorzugt würden. Was den Film selbst nicht männerfeindlich macht, weil das ganze „kleine Mädchen von der Straße hol“-Geschäftsmodell das Modell der Schurken ist, und außerdem sterben 19 von 20 angehende Schwarze Witwen, aber wenn damit Frauenfeindlichkeit angeprangert werden soll, naja. Die Schurken lassen 95% aller ausgewählten Mädchen und 100% aller Jungen sterben. Welches Geschlecht hassen sie demnach mehr?

Oder man mache mal die Geschlechtertauschprobe – eine Gruppe von Männern, die zumindest dem Namen nach dafür trainiert werden, Frauen ins Bett zu kriegen und sie danach zu ermorden. Klingt das auch noch cool?

Im Film trifft Natasha ihre alte Pseudofamilie wieder. Der Grund, den sie angibt, aus dem sie zu Avenger-Zeiten nie versucht hat, wenigsten Kontakt mit ihrer kleinen Ersatzschwester Kontakt aufzunehmen – sie habe angenommen, der ginge es gut, weil sie die Organisation verlassen habe – ist meiner Meinung nach geflunkert. Sie hatte wohl eher Angst, von ihrer „Familie“ als Verräterin betrachtet zu werden. Und dann entweder von dieser ermordet zu werden oder sie töten zu müssen.

Es stellt sich aber heraus, dass die Gehirnwasch-Methoden inzwischen so perfektioniert und grundlegend geworden sind, dass sie auf der Basis der Hirnchemie funktionieren, und die Einnahme eines Gegenmittels sofort und ohne Zwischenschritte diese Gehirnwäsche komplett entfernen. (Die Vasektomie, damit sie keine Kinder und damit einhergehende Loyalitäts“konflikte“ bekommen, wird beibehalten. Was natürlich auch Vorteile bei der Verfolgung männlicher Zielobjekte hat.)

Jedenfalls, bei allem, was der Familie zugefügt wurde, und was die auch selber taten, ist es zwar ein bisschen gruselig, aber auch sympathisch und insgesamt tatsächlich lustig, wenn alle vier sehr schnell in ihre Rollen – „nervige kleine Schwester, nervige große Schwester, peinlicher Papa und haltungsnotenvergebende Mama – fallen, weil das tatsächlich blinde Stellen ihrer Biografien sind, da sie sich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen haben. Wegen traumatischer Vorgeschichte und so. Aber besten war die Stelle, wo die Eltern beim Essen anfangen, miteinander zu schäkern, und die Töchter in die Phase kommen, wo man denkt: „Eigentlich sind ja nicht meine richtigen Eltern, und die haben sich auch nicht besonders gut um mich gekümmert, oder größtenteils gar nicht, und ich bin jetzt eine erwachsene Frau und brauche gar keine Eltern mehr, und außerdem bin ich kein verklemmter Teenager mehr, sondern eine erwachsene Frau, der es nicht peinlich sein muss, wenn ihre Eltern beim ESSEN so peinlich über Sex reden, und eigentlich sind das gar nicht meine richtigen Eltern, aber uneigentlich ist es mir doch peinlich, doch weil ich schon erwachsen bin, kippe ich ein Schnapsglas Wodka. Oder auch zwei. Oder drei. Was für eine westliche Kackscheiße sind diese winzigen Gläser!“

Bzw., russische Supersoldaten und Eliteagentinnen sind offenbar gegen Alkohol resistent (aber vermutlich nicht ganz immun), so, wie das Zeug von denen konsumiert wird. Dass Natasha Romanoff, leicht angetüttert, mehr Körperkontrolle, Konzentration und Hand-Augen-Koordination haben dürfte als ich je haben werde, will ich ja nicht bestreiten, aber in den Mengen, und vor allem in Situationen, wo man eigentlich vorsichtig sein muss, weil man vllt. bald wieder autofahren, hubschrauberfliegen, schießen, schlagen, springen oder schauspielern muss – show, don’t tell. Der Film showt mir, dass die deutlich mehr Alkohol vertragen, ohne irgendwelche erkennbaren Konsequenzen, als realistisch wäre, also SIND die resistent. Egal, was er mir tellt. Wäre auch tatsächlich nützlich, um westliche Luschen zu unterwandern und nach ein paar Bier auszuhorchen.

So gut die Familienszenen sind, so mittel sind die übrigen Teile. Menschen, die das Bedürfnis haben nach anderen Menschen, vor denen man sich nicht verstellen muss, weil die einen auch so lieben, haben eine logische Motivation. Viele andere Handlungen im Film haben keine logische Motivation.

  • Natasha hat irgendwann den Entschluss gefasst, die Black-Widow-Organisation zu verlassen; dass es Gründe gibt, das zu tun, will ich nicht bestreiten, aber was war ihr Anlass? Sie war, soweit man weiß, ein akzeptiertes Mitglied und kannte faktisch auch nichts anderes.
  • Natashas Schwester Yelena durchschaut unmittelbar nach entfernter Hirnwäsche die Zusammenhänge, ihr tut ihre (ehemalige) Kameradin leid, aber sie versucht nicht mit ihren vielen Ampullen, weitere Kolleginnen umzudrehen, also eigentlich zurückzudrehen – warum nicht?
  • Wenn man meint, dass sie sich erst mal selbst klar werden wollte, wie es weiter geht, ok, aber woher wusste sie von Natashas Schutzraumwohnung? Vor allem, werden solche Wohnungen nicht mit verschiedenen Leuten belegt? Dass das Paket bei Natasha gelandet ist und nicht bei Shield, war jetzt schon Glück. (Oder umgekehrt, warum versucht Yelena nicht, mit Shield Kontakt aufzunehmen?)
  • Warum schickt sie Natasha alle Passfotos und alle Ampullen? Und sonst nichts?
  • Hatte der Kasten einen Peilsender? Falls ja, warum hat man ihn nicht eher gefunden? Wenn nicht, wie hat man ihn überhaupt gefunden?
  • Warum wartet Yelena in der Wohnung? Bzw., warum geht Natasha dahin? Wäre ein Treffpunkt, der auf einen Insider-Gag basiert, nicht schlauer? (Und wenn die beiden einander so misstrauen, wie sie das offenbar taten, wäre ein öffentlicher Treffpunkt nicht generell besser?)
  • Warum hilft Natasha einer sie verfolgenden Widow? Sie ist nicht direkt blutrünstig, aber so viel Rücksicht zeigt sie sonst auch nicht. (Die nette Interpretation ist, dass sie bei gehirngewaschenen Exkameradinnen mehr Mitgefühl hat. Die weniger nette, dass sie das macht, weil das eine Frau ist.)
  • Auch hier die Frage, warum Yelena mit den wiedergewonnenen Ampullen nicht versucht, eine einzelne Verfolgerin auf ihre Seite zu bringen.
  • Außerdem scheint der Rote Raum zumindest prinzipiell zu wissen, was diese Ampullen können – warum schickt er nicht entweder Widows aus Nataschas Generation (nur sieben Jahre älter als Yelena), die noch anders konditioniert wurden, oder einfach die normalen Typen (mit den Masken)? Und dafür von denen dann mehr?
  • Warum wird, alternativ dazu, Widows nach Yelena nicht befohlen, Masken zu tragen? Im Rahmen ihrer erfolgten Verchippung würden diese Schlafschafe keine Widerworte geben und wären gegen das Gegenmittel „geschützt“! (So wird nur dargestellt, dass Frauen idR Gesichter haben und Männer nicht. Hmmmm…..)
  • Der letzte Akt basiert auf einer Prämisse, die schon ein guter Twist war, aber andererseits aus Sicht der Beteiligten keinen Sinn ergibt, sofern die ihre Doppelagentenpläne nicht dahingehend optimieren, diesen Twist zu ermöglichen. Nebenbei zeigt das Verstreichen der Tageszeiten, dass Zeitnot kein Grund war.
  • Selbst als die Ampullen am Ende bestimmungsgemäß eingesetzt werden, versucht niemand, die Ex-Widows auf seine Seite zu ziehen, noch bieten diese das von sich aus an. Bei Resident Evil wurde dergleichen besser gelöst.
  • Wieso ist die Fahrzeugkolonne am Ende so schnell vor Ort?

Aber wir haben daraus was gelernt: Frauen, die dem Gaslightning durch die kommunistisch-patriarchatische Weltverschwörung entkommen sind, kaufen sich als erstes ein Kleidungsstück mit ganz vielen Taschen.

Emanzipation!

Achso, es ist möglicherweise kein echter Logik-Bug, weil nicht gesagt wurde, dass es der einzige Schutzmechanismus ist, aber zusätzlich zur sonstigen Hirnwäsche gibt es eine Sperre, die auf „Pheromonen“ basiert, und verhindert, dass Widows – auch solche früherer Jahrgänge – den Oberschurken angreifen. Ok, im Rahmen eines SF-Filmes, der generell Hirnmanipulation zum Thema hat, ist die Idee nicht so schlecht, aber es gibt zwei Probleme: erstens, woher wissen die Manipulierten bei mehreren Anwesenden, welche dieser Personen das Pheromon ausströmt und sie daher nicht angreifen dürfen? Das wird immer dann ein Problem, wenn der Typ mit den Pheromonen eine Exekution in seiner Anwesenheit anweist – ok, an einer Stelle geht er aus dem Raum – oder wenn ein anderer Attentäter im Raum ist, den Pheromontypen angreift und ein paar anwesende Widows keine tödliche Gewalt einsetzen können. Und zweitens, Natasha ist in den bisherigen Filmen eher nahkampforientiert: Beinhebel, Draht, Handgelenkhakenschussgerät oder Pistolen sind die Waffen ihrer Wahl. Zumindest im Freien könnte sie genug Abstand gewinnen, um wenigstens die Pistolen einsetzen zu können. Da aber Widows im Allgemeinen, und vermutlich auch Romanoff, offenbar auch Gewehre mit Zielfernrohr benutzen können, oder eine gewissenlose Eliteagentin auch zu Bomben, Gift und andere Unannehmlichkeiten greifen könnte, ist der Wert der Sache in der Praxis nicht allzu hoch. Und offenbar ist das etwas, was zumindest einige Witwen wissen, die sich natürlich leicht irgendwelche Schutzmasken besorgen könnten. Aber hey! Unterdrückung! Manipulation! Patriarchat!!! Die Art, wie DAS Problem dann wirklich gelöst wird, ist etwas auch der Improvisation geschuldet, aber nunja. Die Familiengeschichte ist das beste.

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