Frauenfilme 6: Silent Hill

…uuuund weiter geht’s!

Silent Hill ist eine Computerspielreihe aus dem Genre des Survival Horror, die ursprünglich auf den Resident-Evil-Zug aufsprang, indem sie Leute gegen gruselige, hässliche oder einfach nur bizarre Monster kämpfen ließ. Aber schon im ersten Spiel zeigte sich, dass beide sich ansonsten sehr unterscheiden, vor allem hinsichtlich der Story, der Thematik und des Hintergrundes. Über die Spiele kann man ewig referieren, aber es sei so viel gesagt, dass sie dazu beitrugen, Computerspiele nicht nur als beiläufige Unterhaltung wahrzunehmen, sondern als eigene Kunstform, die Geschichten nicht schlechter, sondern oft auch besser erzählt als Theater, Bücher oder Comics. Oder Filme und Fernsehserien.

Die Spiele handeln von einem eigentlich idyllischen Ferienort namens Silent Hill, wo die Grenzen zu einer Parallelwelt, oder eher einem ganzen Stapel davon dünn sind. Diese Parallelwelten reagieren auf die Psychen von Menschen, und so geschieht es immer mal wieder, dass Leute in diese Parallelwelten verschlagen werden und ihren Mut, ihre Schläue und ihre Fähigkeiten im Waffeneinsatz aufwenden müssen, da wieder herauszukommen. ODER, es ist alles nur der Versuch der Parallelwelten, das Treiben eines Kultes zu unterbinden, der Gott beschwören will, damit sie die Welt nach den Wünschen des Kultes „überarbeitet“. Ja, Gott ist laut diesem Kult weiblich. ODER, es liegt an diesen Aliens, und dieser Kult ist einfach nur Zufall. ODER, es liegt an dieser Droge namens „White Claudia“, die aus einer gleichnamigen Blume gewonnen wird, und die vom Kult vertickt wird, um ihr Hauptprojekt zu finanzieren, und die Dämonen wollen die Droge unterdrücken. ODER der Drogenring ist die Hauptsache, aber ein paar der Händler haben halt komischen Ideen (eine Frau ist entweder nach der Droge benannt, oder die Blume nach ihr). ODER, man erleidet unter dem Einfluss der Droge einen massiven Realitätsverlust und hält einen idyllischen Ferienort voller harmloser Menschen für eine höllenartige Parallelwelt voller Parodien menschlicher Wesen, die einem ans Leben wollen, und die man deshalb amokartigerweise versucht, niederzumetzeln, und in den Spielen schlüpft man in die Rolle eines dieser Drogenopfer, außer in SH4: The Room, wo man den Amokläufer stoppen muss. Es gibt diverse Theorien, was einer der Gründe ist, warum die Reihe so beliebt ist. Und in ein paar Stunden Spielzeit kann man viel mehr erzählen als in zwei Stunden Film.

Und so geschah es, dass ein Film dazu gedreht wurde. Er orientiert sich im am ersten Spiel, wenn auch mit einigen Unterschieden. Das Verhältnis zwischen Kind, Kult und Dämon ist im Spiel ein ganz anderes als das, was im Film gezeigt wird. Jetzt gibt es zwar immer die Diskussion, wie viel Änderungen des Quellenmateriales man bei Verfilmungen tolerieren sollte, aber da es in Silent Hill ein ständiges Thema ist, dass die Dinge nicht so sind wie gedacht, ist es eigentlich sogar silent-hilliger, wenn es im Film nicht so ist wie im Spiel. Und von der Mythologie der Reihe her ergibt der Film auch Sinn, denn der Kult hat nicht den Dämon beschworen, den er wollte, sondern den, den er verdient: ihn, der vllt. sein Messer schleifen lässt (und zwar am Boden), aber sonst nichts, das Monster, das die anderen Monster fürchten, der Bossgegner aus Silent Hill II und das schlechte Gewissen der ganzen Stadt – der allseits beliebte Pyramid Head.

Zu diesem Monster gibt es die Theorie, dass es das unterdrückte Gewissen der Hauptfigur aus SH2 ist, und deshalb quasi unbesiegbar: man kann vor seinem Gewissen davon laufen, man kann es vllt. auch bekämpfen, aber erst die Einsicht, dass es Gründe für Gewissensbisse gibt, ermöglicht es, damit auch fertig zu werden. Im Film wird dieses „Fertigwerden“ etwas anders gelöst, nämlich recht blutig, was weder dem sonstigen Stil des Filmes als auch der Spielereihe so wirklich entspricht, aber ansonsten eine gute Methode ist, den ollen Pyramidenkopf in die Handlung einzubauen. Und an psychologischem Horror hat der Film auch massig zu bieten: die Stelle, wo die Hauptfigur versucht, ein Feuerzeug anzuzünden. Oder die Krankenschwester. Oder meine allerliebste Lieblingsstelle:

Kennt Ihr das, wenn in einem Horrorfilm die Leute aus irgendwelchen Gründen nicht zur Polizei gehen oder da nicht richtig ernst genommen werden? Oder wenn Leute in irgendwelche gruselige Häuser, Fabriken oder sonstwas laufen, am besten bei schlechter Sicht? Oder wenn sich die Gruppe trennt, weil [schwachsinnigster Grund einsetzen, der Euch gerade einfallt]? Ja, Horrorfilmopfer machen es den Gegnern oft nicht besonders schwer; aber hier kamen mehrere Sachen zusammen, und es ist episch!

  • Rose DaSilva rennt in das nebelige Silent Hill, während im Hintergrund schon die ersten Monster heranwanken
  • dabei verlässt sie die Nähe und den Schutz ihrer Begleitung
  • die nebenbei Polizistin ist

und anstatt vor Frust in den Kinosessel vor mir zu beißen, dachte ich nur „WAAAAAH!!!!“.

  • Achja, und ihre Hände lagen in Handschellen.

Aber alles nicht aus Doofheit, sondern um ihre kleine Tochter vor besagten Monstern zu schützen. Das ist Mut. Wenn schon adoptiert, dann schon am besten von Rose DaSilva. Wer in welchem Film war mutiger?

Ich will in dem Zusammenhang aber auch von einer Schattenseite des Filmes reden, wieder in Hinblick auf Abweichungen von der Vorlage. Silent Hill, der Film, ist sowohl für Fans der Spiele als auch für das Publikum ohne Vorkenntnisse geeignet, aber letzteres weiß nicht, dass Roses Geschichte im Spiel die Geschichte des Witwers Harry Mason. Es handelt sich hier also um „Woman-Washing“ – das Wort, wenn männliche Figuren durch weibliche ersetzt werden, um die Rollenerwartung des Publikums zu bedienen. Kommt selten vor, ich weiß. Punkt hier ist, dass ein Mann, der die nicht gerade klischeemäßige Rolle eines alleinerziehenden Elternteiles ausfüllt, jetzt eigentlich keinen überfordern sollte, der in einen Film geht, wo Leute von Horden von Asche-Lava-Kindern überfallen wird. Oder auch: keine überfordern sollte. Ist vllt. trotzdem nicht schlecht, dass Rose eine Frau ist, weil im Drehbuch der Konflikt zwischen ihr und der Polizistin (Handschellen und so) darin besteht, dass letztere denkt, erstere habe ihre Tochter entführt. Ein Mann, der wegen der Entführung seines Kindes verfolgt wird, würde noch viel schlimmere Vorurteile bedienen. Im Film ist Silent Hill nämlich nicht annähernd idyllisch, sondern wegen eines Kohlebrandes unbewohnbar; mit einem kleinen Mädchen dahin zu fahren ist also nicht die allerbeste Idee, selbst, wenn es unter Albträumen und Schlafwandeln leidet. Und – Fanfact – diese weißen Stoff- oder Papiermasken helfen nichts gegen Kohlenmonoxid oder -dioxid.

Aber von solchen Erbsenzählereien abgesehen, ist das ein toller Film, der seinen Bechdel-Test mit eingedrehten Salto und Rolle rückwärts besteht.

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2 Gedanken zu “Frauenfilme 6: Silent Hill

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