Black Widow und Feminismus

Männer in Black Widow sind schwach und böse oder stark, aber etwas einfältig, oder kompetent, aber Schlafmützen.  Frauen sind immer kompetent, aber nie wirklich böse. Jetzt stellt sich die Frage, ob das die Botschaft ist, oder das, was das Studio meint, was das Publikum gezeigt bekommen will, oder, ob Studio einfach denkt, dass die Welt so ist. (Ja, ein SF-Superhelden-Film hat nicht den Anspruch, die echte Welt 1:1 wiederzugeben, aber Motivationen und Charaktere können trotzdem nicht allzu beliebig werden.) Alles spoilerverseucht!

Um das mal an einem Beispiel zu verdeutlichen: Alexej ist die russische Antwort auf Captain America, sitzt aber zwischenzeitlich im russischen Gefängnis, hat anscheinend eine etwas lose Beziehung zur Realität und ist dick geworden. Ein übergewichtiger Supersoldat ist immer noch stark genug, um sein überschüssiges Fett durch die Gegend zu wuchten, und im Gefängnis lassen die ihn nicht auch noch Joggen, ist insofern realistisch. Punkt ist aber, er ist nur ganz am Anfang besonders kompetent. Hoffentlich kriegt er bei Cinema Sins Punkte fürs auf-die-Reifen-schießen. Immerhin bemüht er sich, trotz Anfangsschwierigkeiten, schnell wieder ein väterliches Verhältnis zu seinen Töchtern aufzubauen.

Milena hingegen ist die Karriereleiter aufgestiegen, von der – mehr oder weniger – gleichgeschalteten Agentin zur Wissenschaftlerin, die bessere Unterdrückungs- und Kontrollmethoden erforscht. Wie freiwillig das geschieht, sei mal dahingestellt, aber sie wird nicht konstant kontrolliert. Und ihr Verhältnis zu ihren Nicht-Töchtern ist eher kühl. Sie ist anscheinend nicht nur opfer, sondern auch Täterin, erfährt aber keinerlei Strafe wie Alexej. Ok, der kam vermutlich aus den völlig falschen Gründen im russischen Gefängnis, aber immerhin kann man das als Strafe auffassen. Milena hingegen scheint ohne besondere Hirnwäsche oder Überwachung Teil der Schurkenorganisation geworden sein. Ähnlich wie Qi´ra am Ende von Hans Solo-Film von der Sklavin zur Sklaventreiberin befördert wurde, nur bei DER kann es sein, dass das noch Konsequenzen haben wird…

Was Romanoff selbst betrifft, es wäre sicher einzusehen, dass man sie nicht posthum als ehemals brutales und grausames Miststück darstellen will, das irgendwann doch noch die Kurve bekommen hat, sondern als prinzipiell als ein ethisch denkender und handelnder Mensch mit Gewissen. Als solcher kann sie schlecht für den Roten Raum arbeiten, der sehr fragwürdige Ziele und Methoden hat, ok. Der Anlass, aus dem sie sich getrennt hat, wird aber nie erklärt. Musste sie Zivilisten umbringen? War ihr die Behandlung ihrer Mit-Widows zu viel? Oder ging es ihr nur darum, wie sie selbst behandelt wurde? Oder – noch egoistischer – wurde sie vllt. von Shield kompromittiert nach dem Motto: „Wir lassen durchblicken, dass Du uns wichtige Geheimnisse verraten hast. Wenn Du nicht von Deiner eigenen Gruppe erschossen werden willst, mach einen sauberen Schnitt und komm besser gleich zu uns.“? Als Zeichen ihrer ernsthaften Absichten sollte sie den Roten-Raum-Chef per Bombenanschlag töten – echt praktisch, so eine Pheromonkontrolle, was – und erwischt dabei dessen minderjährige Tochter. Das ist Romanoffs wunder Punkt – um zu den Guten zu kommen, musste sie etwas Böses tun.

Das wäre richtig mies, wenn sie bis dato nie Kinder als Kollateralschaden gehabt hätte. Oder wenn doch, aber DAS der Grund gewesen wäre, bei den Widows aufzuhören. „Ich will nie wieder Kinder töten!“ *Kind stirbt – „Also, das war jetzt wirklich das letzte!“ Oder, wenn sie dieses kleine Detail Nick Fury und aller Welt verschwiegen hätte, um bei den Avengern zu bleiben. Glück im Unglück, die Aktion war eine Pleite auf ganzer Linie, Vater und Tochter haben es überlebt, yayHey oder yayqoq?

Es ist, wie gesagt, natürlich verständlich, dass man einen beliebten Chara nicht zu düster darstellt, vor allem, wenn man die Origin-Story ans Ende von dessen Charakterbogen packt, wo man keinerlei gescheite „Buße“ mehr einbauen kann, aber es wäre mMn nach noch Luft gewesen, den Teilaspekt weiter auszubauen. Vllt. hätte man das mehr mit Natashas Interesse für Familie und Kinder (Hawkeye!) verknüpfen können. Vllt. auch mit ihrem Kampfstil, weil sie nach der Aktion nur noch gegen Leute kämpft, die sie wirklich sieht und wo sie höchstens ein paar Meter entfernt ist, damit da keine kleinen Kinder, nette alte Omas und sonstiger kollaterale Kollegen dazwischen laufen. Und, natürlich, sind solche versteckten Schuldgefühle auch eine logische Motivation bei ihrer Opferolympiade mit Hawkeye. Der Sieger oder halt die Siegerin wird das Opfer, das man dem Stein bringen muss.

Und wenn man zumindest den eigentlichen Anschlag mehr thematisiert hätte, war die Zielperson die Vorgabe von Shield oder von Romanoff selbst? Ersteres ergibt Sinn, weil die natürlich eine gefährliche feindselige Organisation bekämpfen will, letzteres, weil sie einen ganzen Stapel Gründe hatte. Wenn Romanoff tatsächlich berichtet hat, dass bei dem Anschlag ein Kind gestorben ist, wie haben Fury oder andere darauf reagiert? Hatte sie Angst, wegen dieser eher semi-humanen Aktion doch nicht übernommen zu werden und den Rest ihres Lebens auf der Flucht zu verbringen? War sie verblüfft oder erleichtert, als man ihr sagte: „Ach, mach Dir keinen Kopf! Bei uns sterben dauernd irgendwelche Kinder.“

Jaaa, dann wären nicht nur Romanoff, sondern auch die Männer bei Shield (ja, das schreibt man eigentlich mit vielen Punkten) moralisch grau.

Oder, wenn das schon zu grau ist, was wäre gewesen, wenn Natasha Taskmaster die Maske abnimmt, ihr eine Ampulle roter Gedankenfreiheit verpasst, und dann entspannt sich diese Szene:

Antonia: *kneift die Augen zu, macht sie wieder auf und sieht sich un

Natasha: „Alles in Ordnung?“

A: „Da hast Du aber einen großen Fehler gemacht!“

N: „Hä? Wieso?“

A: „Als ich noch meine Befehle hatte, warst Du bloß eine Zielperson, ein Gegner unter vielen. Jetzt ist all das weg und nur mein Hass auf Dich bleibt, Verrätersau! Komm sterben!“

Am Ende kriegt Natasha ihre Vergebung dann leider nicht.

Weil eben nicht alles Böse auf der Welt Männern und/oder Gehirnwäsche zuschreiben kann.

Und ja, es ist mir bewusst, dass ich jetzt eigentlich den Film kritisiere, weil die Handlung nicht die ist, die ich haben will, von daher ok, ich gönne es Romanoff, dass ihr vergeben wird, und dass sie sich mit ihrer manipulativen Mutter versöhnt, und der Film ist ja an sich nicht schlecht. Bei männlichen Geheimagenten und ähnlichen Berufsgruppen, so mein Verdacht, wäre die besagte Vergebung entweder gar nicht oder härter errungen worden. Thor in Thor I hat sich z.B. dieser Kampfmaschine gestellt und Loki um Vergebung gebeten, was ihm tatsächlich hätte das Leben kosten können. Hawkeyes Zeit unter dem Bann hatte zwar keine Folgen, aber Bucky hatte es wirklich schwer damit, dass ihm vergeben wurde (ist nicht so super konsequent, andererseits hatte Hawkeye auch nicht Tonys Eltern umgebracht). Loki seinerseits, laange Geschichte.

In Hinblick auf Verantwortung und Schuldfähigkeit wäre Bucky wie Hawkeye zu behandeln, oder wie die durchschnittliche Feld-Wald-und-Wiesen-Widow. Nuuun, es gibt sonst nur noch eine Film-Superheldin, deren Verhalten Vergebung erforderlich machte, und das ist Jean Grey aka Dark Phönix. (Ich schreib das so – verklagt mich!) Und die wurde zwar einerseits im Film richtig gehasst, und leidet deutlich härter unter dem, was sie getan hat, und im ursprünglichen Comic stirbt sie in der Konsequenz, aber andererseits überlebt sie im Film trotzdem. Und ist natürlich das Opfer von Gedankenmanipulation…

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