Whataboutismus-Nachklapp

Zu gestern.

Allerdings nicht direkt neu.

„Doppelt so viele Fälle wie in der katholischen Kirche“

Was jetzt mehr plakativ ist – wie viele Kinder und Jugendliche machen Vereinssport bzw. sind kirchlich engagiert? Welcher Zeitraum wird betrachtet?

200.000 Betroffene im Breitensport und 114.000 jeweils in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche:

Letztere hat kein Zölibat, aber ungefähr genauso viele Mitglieder in D. wie die katholische. Dass Männer zu Vergewaltigern werden, wenn sie längere Zeit keinen Sex haben, ist ein männerfeindliches Narrativ; und ein ziemlich übles obendrein.

„Im Leistungssport waren wir schon entsetzt zu merken, dass es mehr als ein Drittel ist, die sexuelle übergriffige Dinge erlebt haben. Und wenn man es sehr eng nimmt, haben drei Prozent tatsächliche Übergriffe mit Penetration, schwerste Taten erlebt, aber es kommt natürlich ein großes Feld dazu von ungewollten Berührungen.“

Leistungssport ist da, wo man aus Ehrgeiz hingeht. Wo man allerdings auch mehr zu verlieren hat, wenn man zum nächsten Wettbewerb nicht aufgestellt wird, und somit eher unter Druck gesetzt werden kann. Soll, wie immer, keine Rechtfertigung der Täter sein, aber eine Erklärung.

Für den Breitensport scheint es aber auch nicht besser auszusehen (ich weiß jetzt nicht, ob das genau dieselbe Studie ist):

Gut zwei Drittel der Befragten hatten angegeben, im Verein mindestens einmal eine Form von sexualisierten Grenzverletzungen, Belästigung und Gewalt erfahren zu haben.

Was u.A. heißt:

  • Knapp ein Fünftel hat im Zusammenhang mit dem Vereinssport ungewollte sexuelle Berührungen oder Handlungen erlebt.

Also weniger als ein Drittel, aber schon sehr viel.

  • Von anzüglichen Bemerkungen oder unerwünschten Text- oder Bildnachrichten berichten ein Viertel der Befragten.

Also mehr als ein Drittel.

  • Sechs von zehn Personen waren im Vereinssport beschimpft oder bedroht, vier von zehn also 37 Prozent gar geschüttelt oder geschlagen worden.

Allmählich frage ich mich, warum dann überhaupt noch jemand Sport machen will? Aber selbst, wenn die Größenordnung eine andere ist, kann man sich vorstellen, wieso man davon Abstand nimmt, missbräuchliches Verhalten irgendwem zu melden.

Das bedeutet, Gewalterfahrungen werden im Sport genauso gemacht, wie in den anderen Bereichen der Gesellschaft.

Ist jetzt vllt. wahr, aber nur ein halber Trost – sollte Sport nicht Teamgeist und Zusammenarbeit fördern? Jugendliche aus schwierigen Familien eine Perspektive geben? Irgendwas mit Pädagogik?

Gleichzeitig hatte die Mehrheit der Befragten im Vereinssport den Angaben zufolge überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Auf den ersten Blick scheint das unlogisch.

Eigentlich ja, uneigentlich gehen alle, die überwiegend keine gute Erfahrungen damit machen, schnell wieder. Außerdem, wenn der Rest der Gesellschaft auch nicht besser ist, Keks…

Allroggen erklärt: „Sport hat ja viele positive Aspekte, und von daher ist es möglich, dass diese negativen Erfahrungen in Bezug auf die positiven Erfahrungen im Sport deutlich geringer bewertet werden.“

Stockholmsyndrom ist übrigens ein Narrativ des Patriarchats. Sagt jemand, der Gewalt gegen Jungen nur dann problematisiert, wenn er Männern Schuldgefühle einreden will.

Die traurige Wahrheit ist, dass das überall passiert. Nicht „passieren kann“, sondern realiter vorkommt. Kirchen und Vereine, staatliche und private Schulen, von Männern und von Frauen, die Singles sind oder auch nicht. Und das will ich ums Verrecken nicht verharmlosen, aber momentan ärgert es mich vor allem, dass das instrumentalisiert wird von einer Anti-Sexismusseite, deren übliches Feindbild nichts schlimmeres ist als Werbetafeln mit leicht bekleideten, erkennbar erwachsenen Frauen und dummen Sprüchen, die eine neue Bohrmaschine anpreisen.

Ein Gedanke zu “Whataboutismus-Nachklapp

  1. Die Sache mit „ein Viertel“ und „ein Fünftel“ (beides einzeln weniger als ein Drittel, zusammen mehr) scheint darauf hinzudeuten, dass ein paar Leute, aber nicht alle, beides erfahren haben, was die Differenz von (0,2+0,25) zu 0,3 periodisch erklären könnte.
    Andere Erklärung: Solange das Narrativ passt, sind die Zahlen egal – Mathe ist sowieso patriarchalisch.

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