Wenn Männer Frauen für toxisch erklären

ist das natürlich falsch, weil kein Mensch toxisch ist.

Aber dieser Quotenmann hier sieht tote Menschen Sexismus auch an Stellen, wo die Zahnbürste nicht hinkommt.

Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft endlich mit dem Problem, dass Medizin, medizinische Produkte und Medikamente fast ausschließlich für Männer gedacht, erforscht und entwickelt werden.

Hmm, da Frauen eine deutlich höhere Lebenserwartung haben, ist das eigentliche Problem, dass Männer mehr medizinische Produkte und Medikamente brauchen. (Außerdem sind Männer entbehrlicher und deshalb bessere Testobjekte für neue Substanzen…)

Worüber aber, wenn überhaupt, viel zu wenig gesprochen wird, ist die Tatsache, dass es eine erschreckende Anzahl von Krankheiten, Syndromen, und psychischen Verfasstheiten gibt, die sich Männer ausgedacht haben, um das ihnen nicht genehme Verhalten von Frauen zu pathologisieren

Wie radioaktive Weiblichkeit? Ich finde, radioaktive Weiblichkeit muss dringend diskutiert werden, um folgenden Dialog zu pathologisieren:

Feministinnen: „Das Patriarchat schadet auch Männern, deshalb sollten Männer Feministen werden.“

Männer: „Stimmt, Ihr lebt viel länger. Früher wurde uns erzählt, dass das am Blutaustausch während der Periode liegt, aber das war wohl Quatsch…“

Feministinnen: „Wir wollen, dass mehr Geld in unsere Gesundheit fließt. Ihr seid Schuld, dass das anders ist!“

Die hysterische, verrückte, wahnsinnige Frau, deren Verhalten medizinisch problematisiert wird, obwohl es oft einfach nur den Rahmen gesellschaftlicher, um nicht zu sagen männlicher Erwartungen sprengt.

Wohingegen toxische Männer tatsächlich giftige Substanzen beinhalten, woll?

Es hat einen Grund, warum Menschen, die den Klimawandel leugnen oder verharmlosen, von “Klimahysterie” (Unwort des Jahres 2019) sprechen.

Ja, einen Grund werden die wohl haben. Aber die meisten, die das Wort „Hysterie“ benutzen, tun dies, weil es so gebildet klingt, nicht, weil sie wüssten, was das eigentlich heißt. Wer jemanden „melancholisch“ nennt, oder fragt, was jemanden über die Leber gelaufen sei, ist auch nicht unbedingt ein Anhänger der antiken Vier-Säfte-Lehre.

Stockholm-Syndrom
Ausschlaggebend für diesen Text waren die Rechercheergebnisse der australischen Journalistin Jess Hill zu ihrem Buch See What You Made Me Do über häusliche Gewalt. Hill zeichnet die Geschichte des Stockholm-Syndroms nach, die so absurd klingt, als hätte man sie sich ausgedacht.

Hmm, wohingegen „toxischer Männlichkeit“ ein wissenschaftlich durchdachtes Theoriengebäude zugrunde liegt?

Seitdem wurde das Stockholm-Syndrom häufig diagnostiziert, jedoch nicht von Fachleuten sondern medial – meist sensationsgierig und exploitativ.

Feministen(m/w/d) bei Twitter sind auch keine Fachleute, trotzdem diagnostizieren sie „toxische Männlichkeit“. Der Witz ist aber, dass „toxische Männlichkeit“ tatsächlich an ein bestimmtes Geschlecht geküpft wird, das „Stockholm Syndrom“ kann aber beiden Geschlechtern zugeschrieben werden. Ok, Geiseln sind meist weiblich, aber es ist nicht meine Schuld, dass man Frauen lieber als Geiseln genimmt und Männer lieber direkt erschießt.

Beispielhaft dafür ist beispielsweise der Umgang mit Natascha Kampusch.

Beispielhaftes Beispiel: z.B. ein (1) Mädchen. Aber ja, das sog. Stockholm Syndrom ist wohl kein offizielles Syndrom mehr.

Hysterie
Der Klassiker. Die wandernde Gebärmutter ist Schuld an dem unkontrollierbaren Verhalten von Frauen. … (irgendwas über das 19. Jhrd.)

Zu der Zeit war die Vier-Säfte-Lehre schon veraltet, aber die Äther-Theorie gab es noch. Letztere wird durch den Begriff „über den Äther gehen“ bei Radiosendungen weitergeführt. Die meisten, die das sagen, wissen noch nicht einmal, was dasmit gemeint sein soll, weil die Äthertheorie ebensowenig Schulstoff ist wie die Grundlagen der sogenannten Hysterie. Immerhin, DAS ist jedenfalls etwas, was ursprünglich Frauen, und NUR Frauen zugeschrieben wurde.

Besessenheit
Der eigentliche Klassiker. Daten zu angeblicher Besessenheit und damit verbundenen Exorzismen sind nicht leicht zu erheben, weil die katholische Kirche sie geheim hält.

Ach, eigentlich noch nicht einmal das – die führen halt keine internationale Besessenheitsstatistik. Aber inwiefern ist Besessenheit jetzt etwas, was Männer „diagnostizieren“, um Frauen mundtot zu machen? Es behauptet ja niemand, dass man Männer nicht oder seltener zu Besessenen erklärt. Außer Pickert jetzt.

Aber zum einen ist Besessenheit eng mit dem Thema Hexenverfolgung verknüpft,

Um meine innere Hermine zu aktivieren: Nein. Eine Hexe entscheidet sich freiwillig, einen Bund mit bösen Geistern einzugehen, ein Besessener hat keine Wahl.

Knapp 80 % der etwa drei Millionen verurteilten Personen, darunter 40.000 bis 60.000 Todesopfer, waren Frauen.

Ok, dann waren Hexenverfolgungen sexistisch. Sieht man schon daran, dass die nicht Hexen/rverfolgungen heißen. Aber sie sind nicht so sexistisch, wie z.B. die Sklaverei in den USA-Südstaaten rassistisch war, wo NUR Schwarze Sklaven waren und NUR Sklaven Schwarze. Jedenfalls galten und gelten Besessene als nicht schuldfähig. Ergo kann man die Hexenstatistik nicht auf die Besessenen(m/w/d)statistik übertragen.

Und zum anderen dreht es sich bei den wenigen schließlich doch bekannt geworden Fallbeispielen fast ausschließlich um Frauen.

Was heißt „fast ausschließlich“? Irgendwo las ich mal von einem Exorzismus, wo der Dämon ein WoW-Dämon war, und die besessene Person männlich. Verdammte WoW-Süchtler.

Davon abgesehen ist „Besessenheit“ eigentlich keine Diagnose, sondern eher das Gegenteil – statt eine Diagnose einzuholen, sucht man nach Dämonen, um das zu entpathologisieren…

Piblokto
Steht hier stellvertretend für eine ganze Reihe von Krankheiten, Symtomen oder Besessenheitsformen, die ganz zufällig immer dann “diagnostiziert” werden, wenn weiße Männer sich für die einheimischen Frauen der Gebiete interessieren, die sie gerade erobern oder “besuchen”

Ok, ich habe genau JETZT zum ersten mal davon gehört oder gelesen. Dass das vor allem bei Frauen vorkommen soll, steht nur in der englischsprachigen Wiki, aber egal – hier wird ja kein unerwünschtes Verhalten pathologisiert, sondern ein „erwünschtes“. Im Unterschied zum Stockholm Syndrom scheint das jedoch (noch) als mögliche Diagnose für ein bestimmtes Verhalten zu gelten, welches tatsächlich den Betroffenen schaden kann. Herr Pickert mischt hier also alles mögliche zusammen.

Sehr vieles spricht dafür, dass Piblokto weniger ein befremdliches kulturspezifisches Phänomen ist als vielmehr eine Reaktion auf kolonialistische Besatzung und (sexualisierte) Gewalt.

Also, wie bei einer Geiselnahme?

False Memory Syndrom
Die “Das stimmt doch alles gar nicht, hör auf das zu sagen” Variante.

Ok. „Hysterie“ wurde nur Frauen zugeschrieben. Piblokto meinetwegen überwiegend auch. Kann sein, dass „Besessenheit“ und „Stockholm Syndrom“ häufiger bei Frauen „diagnostiziert“ wird, obwohl hier der Nachweis fehlt. Aber das ist jetzt dreist. Pickert tut hier so, als würde man männlichen Kindern entweder Missbrauchserinnerungen einfach glauben oder aber, als würden nur Mädchen Missbrauchsopfer, was jetzt beides Quatsch ist. Außerdem ist das kein Fall davon, dass „Männer Frauen für krank“ erklären. Frauen machen das bei Missbrauchsfällen genauso, und nicht nur, um Männer zu beschützen, sondern auch sich selber.

Elterliches Entfremdungssyndrom
Wurde 1985 erstmalig von dem Kinderpsychiater Richard Gardner beschrieben und hat seitdem immer wieder dazu gedient, Müttern in Gerichtsprozessen zu unterstellen, sie würden dem Kind bewusst oder unbewusst den Vater so sehr entfremden, bis es mit unbegründeter Ablehnung und Abwertung reagiert.

Das Ding heißt genderneutral „Elterliches Entfremdungssyndrom“, nicht „mütterliches Entfremdungssyndrom“. Wenn man das hauptsächlich Müttern unterstellt, liegt das einfach daran, dass Väter in Sorgerechtsstreiten sehr selten die Gelegenheit bekommen, ihre Kinder der Mutter zu entfremden. Ich halte Väter jetzt nicht für bessere Menschen, aber dass eine prinzipiell neutrale Sache als frauenfeindlich gefrämt wird aus Gründen, die ein Nachteil von Männern sind, ist jetzt schon dreist.

Das elterliche Entfremdungssyndrom ist aufgrund seiner mangelhaften theoretischen Fundierung und seiner anfänglich sexistischen Zuschneidung wissenschaftlich hochumstritten, bzw. wird gänzlich negiert.

Also, wenn das nicht „pathologisch“ ist, sondern Absicht, dann nennen wir es einfach „elterliche Entfremdung“, ja? Aber die Formulierung ist gut:

„Die ‚toxische Männlichkeit‘ ist aufgrund ihrer mangelhaften theoretischen Fundierung und seiner anfänglich sexistischen Zuschneidung wissenschaftlich hochumstritten, bzw. wird gänzlich negiert.“ klingt schon viel einprägsamer als: „Kein Mensch ist toxisch!“

Nymphomanie
Über Satyriasis oder Donjuanismus, also eines übersteigerten sexuellen Verlangens bei Männern, spricht niemand.

Ja, aber das liegt daran, dass Ihr Männer mit übersteigerten sexuellem Verlangen zum Normalfall erklärt und Incels als Verbrecher främt. IHR Feministen, nicht „man“.

Frigidität
Der “Es liegt nicht an mir, es liegt an ihr” Selbstbetrug.

Joah. Manchmal schon.

Würde man den Begriff ernst nehmen, müssten “Geschlechtskälte”, Unerregbarkeit und geringes sexuelles Verlangen ja auch bei Männern vorliegen. Aber es sind zumeist Frauen, die als frigide bezeichnet werden und wurden.

Ja, weil Frauen von Männern erwarten, dass die den ersten Schritt machen, fallen „frigide“ Männer eher selten auf. Diese statistische Ungleichverteilung ist möglicherweise ein Artefakt des Messverfahrens, wie beim sogenannten Stockhom Syndrom. „Frigide“ und „nymphoman“ sind nebenbei umgangssprachliche Begriffe geworden, beziehen sich also wie „Hysterie“, „Melancholie“, „Äther“ und dergleichen mehr nicht unbedingt auf den Stand der Forschung zu dem Thema.

Und zwar nicht aus Sorge um ihre Gesundheit, sondern als Vorwurf, in der sexuellen Performance zu versagen.

Eine Organisation, der männliche Gesundheit nur dann am Herzen liegt, wenn man Männern ihre gesundheitlichen Probleme zum Vorwurf machen kann – „toxische Männlichkeit“ – und ein Mensch, der sich weiter oben beschwert, dass das Geschlecht mit der geringeren Lebenserwartung mehr medizinische Forschung bekommt, beklagt mangelnde Sorge um die Gesundheit von anderen Menschen. Das erregt mein Mitleid, aber auf die schlechte Art.

Wir hätten hier noch einiges auffahren können.

Das glaube ich Euch.

 Aber dann würde der Text immer länger und abschließend nicht eingeordnet. Und eine Einordnung ist wichtig.

Eine Reihe von psychologisch ganz oder teilweise verworfenen Theorien, von denen einige ganz oder teilweise frauenfeindlich sind bzw. waren, bzw., von denen ihr behauptet, dass sie das seien, weil die sonst nicht in die Liste passen.

Denn wir behaupten nicht, dass es keine psychischen Störungen gibt

Ach?

oder dass gar keine Frauen existieren, die versuchen, ein Kind in einen Trennungssituation gegen den Vater einzunehmen.

Ach, nee?

Wir sagen nicht, dass ein Gedächtnis unmanipulierbar ist und Erinnerungen niemals trügen.

Ihr nehmt also alle Gegenargumente und sagt, dass die Euch egal sind.

Oder dass das Verhalten von Männern nie pathologisiert wird.

Ja, wenn nicht, wäre das eine tolle Volksverpetzer-Schlagzeile: „So dreist lügt sonst nur die AfD – pinkstinks leugnet, Männer zu pathologisieren!“

Und selbstverständlich gibt es auch im Bereich des sexuellen Missbrauchs Falschbeschuldigungen.

Achwas? Aber Falschbeschuldigungen sind ja auch absichtliche Falschbeschuldigungen, nicht nur falsche Erinnerungen. Ihr trennt da nicht sauber.

Worum es uns hier geht, ist die Feststellung, dass es offenbar eine lange, bis in die Gegenwart reichende Tradition gibt, das Verhalten von Frauen zu problematisieren, tatsächliche Krankheiten mit Phantasieprodukten zu überdecken und über den medizinischen Zugang weiblicher Autonomie habhaft zu werden.

Und deshalb macht Ihr das mit Männern, ja? Kein Mensch ist toxisch.

Es bleibt also noch viel zu tun. Daten erheben, Forschung betreiben, Mythen entzaubern, Lehrmeinung überarbeiten.

Ja, macht mal. Entzaubert den Mythos der Besessenheit. Erhebt Daten über Geiselnahmen und Entführungen. Erforscht die männliche Sexualität. Und überarbeitet die Lehrmeinung zu Dingen, die seit hundert Jahren niemand mehr vertritt.

edit: Tipselschmach!

5 Gedanken zu “Wenn Männer Frauen für toxisch erklären

  1. Doch es gibt toxische Menschen. Zum Beispiel eine Frau, die giftig wird, wenn sie ihren Willen nicht kriegt, so dass man Selbstmordgedanken bekommt. Eine Frau, der man in ihrem Leben offenbar noch nichts ernsthaft verweigert hat.

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