Neues vom Sport 2

Als Sportmuffel will ich nicht sagen: „Hab‘ ich ja immer gewusst!“

Aber es überrascht mich auch nicht.

Missbrauch für Medaillen

Der Ex-Wasserspringer Jan Hempel wirft seinem ehemaligen Trainer Vergewaltigung vor. Es ist dies nur einer von vielen Gewaltskandalen im Sport.

Dass das tatsächlich an einem männlichen Opfer festgemacht wird, durchbricht die typischen Narrative ja schon ein bisschen. Allerdings sind es nicht nur „Gewalt“-Skandale – Machtmissbrauch oder Erpressung ist keine physische Gewalt.

Schon wieder ist massive sexualisierte Gewalt und Vertuschung im Spitzensport ans Licht gekommen. Wieder wurde zuvor intern geschwiegen, abgewiegelt, ignoriert. Business as usual im organisierten Sport.

Ohne dergleichen rechtfertigen zu wollen, offenbar haben (Sport)verbände kein Interesse daran, die Strafverfolgung ihrer Mitglieder zu beschleunigen. Was für mich die Konsequenz hat, dass man gar nicht erst versuchen sollte, auf dieser Schiene Aufklärung zu erwarten.

Hempel gibt an, 14 Jahre lang von seinem Trainer Werner Langer schwer sexuell missbraucht worden zu sein, zum ersten Mal mit elf Jahren.

Im Zusammenhang mit der katholischen Kirche wird das Narrativ verbreitet, dass Männer, die keinen Sex mit Frauen haben (dürfen), irgendwann pädophil werden. Dieser Mechanismus ist in mehrerer Hinsicht unplausibel, sondern umgekehrt ist er plausibler, dass Menschen (nicht nur Männer), die pädophil sind, sich einen Beruf aussuchen, in dem sie entweder nicht erklären müssen, warum sie nicht heiraten, oder einen, bei dem sie in die Nähe von Kindern kommen. Was jetzt nicht im Umkehrschluss heißt, dass alle Sporttrainer, Lehrer und Kindergärtner (alles m/w/d) potentiell pädophil sind, aber aus reinem Glauben an das Gute im Menschen die Möglichkeit zu ignorieren, kann es ja auch nicht sein.

Langer beging 2001 Suizid. Schon 1997 hatte Hempel sich nach eigenen Angaben der damaligen Bundestrainerin Ursula Klinger anvertraut.

Also ein Jahr nach seiner ersten Medaillie. Ich unterstelle mal, dass der Druck, nicht einfach Anzeige zu erstatten, obwohl man ihn an der Stelle nicht einfach rausschmeißen konnte, schon ziemlich hoch gewesen sein musste, und dass der Druck auf andere Menschen in vergleichbarer Situation, aber mit weniger Prominenz, noch schlimmer sein muss. Trotzdem wären Polizei und Staatsanwaltschaft das Mittel der Wahl gewesen.

Zwar wurde der Trainer daraufhin entlassen, allerdings unter dem Vorwand seiner Stasi-Vergangenheit. Er durfte unfassbarerweise weiter im Schwimmsport arbeiten – beim österreichischen Verband.

Nun, offenbar wurde irgendein „Deal“ gemacht. Wäre er wegen genau der Vorwürfe angezeigt worden, wäre das nicht passiert. Ich weiß, dass das besserwisserisch klingt, aber man merkt doch, dass alles andere nicht klappt.

Unter anderem der heutige Bundestrainer der Wasserspringer, Lutz Buschkow, soll die Vorwürfe gekannt und vertuscht haben.

Teil der Vertuschung ist, dass man nicht den oder die Vertuscher kennt.

Schwimmtrainer Stefan Lurz durfte, trotz mehrerer mutmaßlicher sexueller Übergriffe gegen Schwimmerinnen, Bundestrainer werden.

Das ist das andere Problem – ein Arbeitgeber sollte einen mutmaßlichen Verbrecher anders behandeln als einen verurteilten Verbrecher. Weil sonst das Justizsystem unterlaufen wird. Andererseits…

Und auch nach rechtskräftiger Verurteilung und einer Anweisung des Amtsgerichts, dem Schwimmsport fernzubleiben, arbeitet er offenbar weiter beim Schwimmverein Würzburg 05, wo sein Bruder Thomas Lurz Präsident ist, als kaufmännischer Angestellter.

…soviel anders ist das ja auch nicht. Ich nehme aber an, als kaufmännischer Angestellter kommt man mit Schwimmerinnen eher nicht in Kontakt. Wer kontrolliert eigentlich solche Anweisungen?

Dass ein derart prominenter Sportler mit Klarnamen spricht, ist bemerkenswert.

Wieso? Wenn er das nicht macht, warum sollte es jemand anderes tun? Der Trick ist doch, dass der Verband es ihm schlechter heimzahlen kann als jemand völlig unbekannten.

In Deutschland machten 2020 Weltmeisterin Pauline Schäfer-Betz und andere Turnerinnen psychischen Missbrauch, Schikane und körperliche Quälerei durch Trainerin Gabriele Frehse in Chemnitz publik.

Noch ein Narrativ durchbrochen – die taz ist schon nicht so verkehrt.

Frehse wurde erst gekündigt, dann wies das Arbeitsgericht die Verdachtskündigung wegen handwerklicher Fehler ab.

Scheiß Rechtsstaat.

Der Verein und einige Eltern und Sportlerinnen stellten sich hinter die Trainerin.

Scheiß Solidarität. Bzw., natürlich müssen solche Vorwürfe auch vor einem Arbeitsgericht Bestand haben. Natürlich haben Beschuldigte Freunde und Unterstützer. Natürlich ist das nicht einfach.

So zahlreich sind die Fälle sexualisierter, körperlicher und psychischer Gewalt, dass viele Be­ob­ach­te­r:in­nen das System Sport mit jenem der katholischen Kirche vergleichen.

Natürlich tun sie das. Solange die das nicht auf die „Männer sind Monster, die ständig Sex brauchen.“-Theorie schieben, ist das ja ok. Aber…

 Patriarchale Monopol-Organisationen, in denen fast ausschließlich Männer die Macht halten,

Inwieweit ist Sport patriachal? Inwieweit hat die katholische Kirche ein Monopol? Und wenn ausschließlich Frauen die Macht hätten, wäre das kein Deut besser. Oder denkt wer, sexueller Missbrauch durch Frauen wäre weniger schlimm?

 wo ­Wagenburg-Mentalität, vielfache Abhängigkeitsverhältnisse,

Ok, das sind wohl eher die Ursachen der Probleme.

große persönliche Nähe durchs Ehrenamt

Was haben die bitte gegen das Ehrenamt?

und wenig Einblick von außen herrschen.

Einerseits haben Kinder und Jugendliche Eltern, die theoretisch von außen Einblick nehmen können. Andererseits verschleiert dieser Satz, dass sexueller Missbrauch meistens zu Hause stattfindet. Ich habe die Floskeln allmählich raus.

Hinzu kommen spezifische Charakteristika des Sports: Viel Körperkontakt bei Übungen, autoritäre Kultur im Training, Karriererisiken in einer ohnehin kurzen Laufbahn bei Nestbeschmutzung und Trainer:innen, die gewohnheitsmäßig über die Körper der Ath­le­t:in­nen verfügen.

Hey! Gendern bei etwas Negativem! Die bauen Narrative vllt. wirklich ab. Aber bis auf den Körperkontakt ist das dasselbe wie „Abhängigkeitsverhältnisse“ – also im Grunde doppelt gemoppelt.

Je­de:r Dritte gab an, im Sport sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Endlich nun bewegt sich etwas. Auch, weil Betroffene durch Vorbilder den Mut fassen, zu sprechen, sind lawinenartig Systeme von Missbrauch weltweit publik geworden.

Vor allem, wie viele hören wegen solcher Erlebnisse einfach auf, Sport zu machen? Das sind „Kader“athletinnen und -athleten, also solche, die trotz solcher Erfahrungen genug Spaß oder Ehrgeiz haben, weiterzumachen.

Und ja, eine hoffentlich „neutrale“ Anlaufstelle ist besser als nichts, und in manchen Fällen, die eher „harmlos“ sind, ist das wohl auch die bessere Methode, aber einen gewissen Pessimismus in der hinsicht kann ich nicht überwinden. Irgendwann kommt nämlich die Stelle, wo die Anlaufstelle entweder sagen muss: „Damit solltest Du zur Polizei gehen, unsere Mittel sind erschöpft.“ oder: „Wenn Du es uns erlaubst, gehen wir zur Polizei.“, weil die Machtverhältnisse und Daumenschrauben sich ja nicht in Luft auflösen.

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