Woke ist nicht immer das Problem

Es gibt Star-Trek-Fans, die sich beklagen:

„Das ist nicht mehr Star Trek!“ – „Das ist nicht MEIN ST!“ – „Das ist nicht mehr Gene Roddenberrys ST!“

Solch pathetisches Drama ist sicher übertrieben, richtiger wäre die Aussage: „Dieses ST hat nichts von dem, was ich an ST mag.“ Käsekuchen.

Weiterhin sollte man Gene Roddenberry nicht allzusehr auf ein Podest heben. Bei aller Liebe waren es noch viele andere, die Herzblut und Hirnschmalz in die Serie und das Franchise investierten; weiterhin war er sicher in mancherlei Hinsicht seiner Zeit voraus, also tatsächlich „woke“ im guten Sinne, in anderer Hinsicht aber nicht. Zum Beispiel seine Angewohnheit, weibliche Rollen mit Exfreundinnen von ihm zu besetzen, und das „Ex“ ist auch noch strittig, ist schon „Besetzungscouch„; besonders arbeitnehmerfreundlich war er auch nicht gerade, und ein paar andere Charakterfehler mehr, ABER;

Die Sache, die ich an Star Trek besonders gut finde, ist, dass die Sternenflotte zwar als Raumkriegsflotte der Föderation ein Militär ist, dass seine Angehörigen aber versuchen, ihre Probleme technisch, diplomatisch oder sonstwie unmilitärisch zu lösen. Es klappt nicht immer, aber das ist ganz klar der Anspruch. Und vom philosophischen Standpunkt her, und vor allem von erzählerischen, ist es sogar besser, wenn Situationen vorkommen, in denen Waffengewalt doch die Lösung ist, weil dann der Gedanke aufkommt: „War das jetzt wirklich legitim, oder waren die bloß zu blöd, es ohne Waffen zu schaffen?“

Und dieser Aspekt, diese Lieblingssache von mir, geht sicher auf Roddenberry zurück, auch wenn sich dem andere gerne angeschlossen haben.

Und in der hinsicht ist „Das unentdeckte Land“ (ST VI) der beste ST-Film, weil der tatsächlich diese Prämisse hinterfragt, weil man merkt, dass eine ideale oder jedenfalls idealisierte Gesellschaft keine perfekten Menschen hervorbringt (oder vllt. zufällig doch, aber nicht automatisch). Denn die Frage, die sich der Föderation als Ganzes stellt, ist die, ob man auch dann die nicht-militärische Lösung wählt, wenn die doch-militärische besonders risiko-arm wäre, weil das klingonische Reich gerade am Boden ist, oder ob man die Gelegenheit nutzt, militärisch zuzuschlagen und auf tatsächlich vorliegende diplomatische Angebote verzichtet.

Es gibt die Szene, wo die Offiziere der Enterprise und die klingonischen Diplomaten sich zum Essen treffen, und Kirk und Co sind so gar nicht angetan. Also so richtig nicht. Und das finde ich deshalb wichtig, weil es anders unrealistisch ist. Ja, wie Beamen und Warp 9, aber grundlegender. Wenn die einfach alle gesagt hätten: „Natürlich sind wir für Frieden!“, hieße das höchstens, dass die Menschen in der Föderation in solchem Wohlstand und Sicherheit leben, dass ihnen alles andere egal wäre. So, wie es uns egal ist, ob die Ureinwohner der Insel Sentinel uns den Krieg erklären.

Und dann wäre die ganze Geschichte und jede Philosophie, die man daraus lernen könnte, auch egal. Kirk und Co wären derartig abgehoben vom Menschen des 20./21. Jahrhunderts, dass wir uns nicht in deren Situation hineinversetzen können und umgekehrt. Und das ist halt die Stärke dieses Filmes, und – wie ich das wahrnehme – von Gene Roddenbery.

Nur fand DER den Film nicht gut. Zwei Tage vor seinem Tod hat man ihm den Film präsentiert; er machte wohl das Daumen-hoch-Zeichen, aber dann wurde er in seinem Rollstuhl in sein Büro gefahren, wo er mit seinem Anwalt telefonierte, um 15 militaristische Minuten aus dem Film herausschneiden zu lassen. Man könnte sagen, der Film war ihm nicht „woke“ genug. (Oder er war sauer, dass man ihn nicht öfters angerufen hatte…)

Solche Einwände gab es von ihm wohl öfters, als er noch aktiv mit ST zu tun hatte; aufgeklärte und vernünftige Menschen tun dies nicht oder jenes nicht, wie Sexismus, Rassimus, Religion, Drogen und sinnlose Gewalt, und die Reaktion der Offiziere auf das Angebot der Klingonen gefiel ihm wohl nicht.

Nur bin ich tatsächlich der Ansicht, dass das kein blutiger Aberglaube oder rassistisches Vorurteil ist, sondern ein Misstrauen, dass durch die Erlebnisse und Erfahrungen, die die Besatzung der Enterprise mit Klingonen hatte, gerechtfertigt war. Aus der Vorgeschichte, die in Fernsehfolgen und Kinofilmen gezeigt wurde. Und am Ende sind sie für eine friedliche Lösung. Aber nein, dieser Film war Roddenberry „zu militaristisch“. Genaueres kann man nicht mehr in Erfahrung bringen, weil er ja leider kurz darauf gestorben ist.

Aber Star Trek Discovery (aka STD) fängt mit dem „vulkanischen Hallo“ an, aka: „Erst schießen, dann weiter schießen.“ Das ist das GEGENTeil von dem, was ich an ST am meisten mag. Insofern ja, es gibt Gründe, bei ST sehr vorsichtig zu sein, aber da ist das Problem nicht, dass es „zu woke“ geworden ist. Oder jedenfalls nicht mein Problem. (Die vielen Leute bei Twitter und so sehen das wohl anders, aber deshalb scheibe ich ja diesen Blogeintrag.)

Es ist mein Problem, dass STD (erste Staffel) tatsächlich anti-woke ist: weniger „woke“ als Roddenberry, weniger „woke“ als ich selbst, weniger „woke“ als die 50er, und es gibt niemanden, der die 50er als „woke“ betrachtet.

Es ist tatsächlich die Einstellung aus den Indianerkriegen im späten 19. Jhdt. (aka: den Kriegen gegen die Euro-Amerikaner): „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer.“, nur halt mit Klingonen. Die ihre Stämme vereinigen wollen, um ihre Kultur zu retten und so. qapla‘!

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