Was ist eigentlich Tragik?

Umgangssprachlich wird „tragisch“ als Angeberwort für „sehr traurig“ verwendet, und davon abgeleitet „Tragödie“ und „Tragik“, aber das stimmt so nicht.

  • Traurig ist, wenn eines Tages Dein Hund oder Deine Katze stirbt.
  • Sehr traurig ist, wenn eines Tages Dein Hund und Deine Katze sterben.
  • Tragisch ist, wenn Du in die Situation kommst, dass Dein Hund oder Deine Katze nicht sterben musst, Du aber Dein anderes liebes Tier retten kannst, aber DU musst entscheiden, welches sterben muss und welches leben darf. Bzw., weil Du mit dem Auto in Deine Einfahrt fährst, wo beide schon freudig auf Dich warten, aber plötzlich Deine Bremsen versagen. Wen überfährst Du?

Wie man sieht, ist „sehr traurig“ mathematisch betrachtet schlimmer als „tragisch“, aber bei „tragisch“ gibt es noch ein paar Gefühle mehr, wie Angst, Zorn, Frust und Verzweifelung. Für Geschichten möchte ich daher eine etwas mathematische Definition einführen, wie ich sie aus diversen Deutschstunden abstrahiert habe:

Wenn eine Person (unverschuldet) in eine Situation gerät, wo sie von zwei (theoretisch) gleichrangigen ethischen Forderungen eine (beliebige) brechen muss, um die andere zu erfüllen, ist das tragisch.

Die Wörter in den Klammern stehen für typische Einschränkungen: bei manche Tragödien ist tatsächlich nicht klar, ob die Person tatsächlich unverschuldet in der Situation gekommen ist, bei vielen Tragödien wird der Konflikt auflöst, indem man eine Forderung am Ende als wichtiger einstuft als die andere, und wenn die Person praktisch keine realistische Chance hat, Forderung A zu erfüllen, Forderung B aber relativ einfach zu erfüllen ist, wird die Person nicht lange überlegen, was sie tun soll.

Jedenfalls stellt eine tragische Situation einen ethischen Logikbug, oder Ethikbug, dar, weil sie beweist, dass ein gegebenes ethisches System nicht widerspruchfrei ist, sondern in mindestens einer Situation kein „regelkonformes“ Verhalten ermöglicht.

Klassisches Beispiel ist Orestes: seine Mutter hat seinen Vater ermordet. Die Regeln der Bronzezeit schrieben vor, dass man seine Blutsverwandten zu rächen habe. Sie schrieben aber ebenso vor, die eigenen Eltern zu beschützen. Catch-22, Orestes!

Daher ist es relativ wichtig festzuhalten, ob die betreffende Person unverschuldet in die Situation gerät – jemand, die oder der nur deshalb vor einem Dilemma steht, weil soe zuvor die Gesetze und Regeln ioser Kultur gebrochen hat, steckt zwar in einer Zwickmühle, beweist aber damit nicht, dass die Gesetze und Regeln einen Logikbug haben.

Um auf GoT zurückzukommen; die Überlegung Daenerys ermorden zu lassen, kann tatsächlich als ethisches Dilemma und Tragik gesehen werden: die Adeligen aus Westeros hatten zwar legitime Gründe, die Targaryens zu stürzen, sind aber in der Situation, eine junge Schwangere nur deshalb zu ermorden, weil diese, oder ihr Kind, oder der Vater des Kindes, mal Städte in Westeros niederbrennen könnte. Selbstschutz ist zwar ethisch vertretbar, es stellt sich HIER aber die Frage der Verhältnismäßigkeit. Da der Versuch scheitert, wird das zu einer selbsterfüllenden Prophezeihung: Dany, bis dato mit ihrem Leben ganz zufrieden, ohne besondere Rachegelüste und ohne besondere Ambitionen, die Weltherrschaft an sich zu reichen, sowie ihr Mann, der mit seinem Teil des Deals (Daenerys) eigentlich auch zufrieden war, ohne ihrem Bruder großartige Gegenleistungen liefern zu wollen, werden dadurch überhaupt erst wütend. Tja, und am Ende…

Im Gegensatz dazu ist Cersei mal völlig untragisch. Ehebruch widerspricht den gültigen Regeln und Gesetzen, Inzest auch, ehebrecherische Inzucht erst recht. Alle GoT-Handlungsstränge, die nicht auf Daeneryssens Geschichte beruhen (oder darauf, dass es in Westeros Eiszombies gibt, aber hey), sind auf Cerseis und Jaimes Verhalten, deren Versuche, selbiges geheimzuhalten, und deren spätere Versuche, ihre soziale Stellung noch zu retten, nachdem es nicht mehr geheim war, zurückzuführen. Jedes angebliche oder tatsächliche Dilemma ihrerseits ist kein bisschen tragisch. Dramatisch schon, aber heult doch! (Jaime hat immerhin in der Vorgeschichte das Dilemma, einen Schutzbefohlenen zu ermorden. Man kann argumentieren, dass seine Entscheidung die deutlich bessere war, sie war aber tatsächlich der Widerspruch zweier ethischer Forderungen. Den König schützen und das Volk zu schützen.)

 

Die obige Definition ist übrigens nicht eins zu eins aufs Richtige Leben übertragbar.

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