Wer soll sterben?

Man kennt das:

Man fährt mit seinem Auto über eine Bergkuppe, als plötzlich die Bremsen versagen. Die Straße hat weiter unten einen Fußgängerüberweg, über den gerade eine Frau einen Kinderwagen schiebt – ob sie schwanger ist oder nicht, lässt sich auf die Entfernung nicht feststellen – auf der Gegenspur kommt gerade ein anderes Auto, auf dem rechten Bürgersteig laufen zwei Kinder, auf dem linken drei Rentner. Außerdem sind die Bürgersteige mit Mauern begrenzt. Was macht man also?

  • man fährt geradeaus weiter und tötet die Frau, das Kind im Wagen und ggfs. das Kind im Mutterleib (2-3 Tote)
  • man überfährt die beiden Kinder rechts (2 Tote)
  • man fährt in das entgegenkommende Auto, bei dem man aber nicht genau weiß, wie viele Menschen darin sitzen, beim aktuellen Tempo wird man selbst und mindestens eine Person im anderen Auto sterben (≥2 Tote)
  • man schneidet das Auto hart und fährt in die Rentner, die die Geschwindigkeit hoffentlich derartig abbremsen werden, dass man zum Halten kommt, und möglicherweise nicht alle Rentner sterben (1-3 Tote)
  • man fährt einfach in die nächste Mauer und stirbt halt selbst (1 Tote(r))

Fragen, mit denen sich prinzipiell schon die alten Griechen beschäftigten. Für extra Tragik: man hat selbst Kinder im Auto, oder man kennt mindestens eine der zu überfahrenden Personen persönlich. Also, was macht man?

Nun, Justiz und Technik haben ein philosophisches Problem technisch und juristisch in den Griff bekommen: kein Kfz darf in D. zugelassen werden, welches nicht mindestens über zwei voneinander unabhängig funktionierende Bremssysteme verfügt.

Also, nimm gefälligst die HANDBREMSE! UND HAU NOTFALLS DEN VERDAMMTEN RÜCKWÄRTSGANG REIN; SCHEISS AUF’S VERFICKTE GETRIEBE; WAS STIMMT NICHT MIT DIR, DU IRRE PERSON?!?!?!

Falls jetzt einer fragt, was ist, wenn die Handbremse auch kaputt ist? Nun, dann war das Auto wohl lange nicht mehr beim TÜV, was? Dass Hand- und Fußbremse gleichzeitig kaputtgehen, ist so unwahrscheinlich, dass das eher Sabotage ist. Oder jemand ist losgefahren, obwohl mindestens eine der beiden schon vor Fahrantritt kaputt war. Was grob fahrlässig ist und verboten, denn ein Kfz, dass nur noch ein funktionierendes Bremssystem hat, hat keine zwei voneinander unabhängigen Bremssysteme mehr und ist daher nicht mehr für den Straßenverkehr zugelassen. Doh.

Was heißt das für die Zukunft mit selbstfahrenden Autos? Ein selbstfahrendes Auto wird sich an die zulässigen Geschwindigkeiten halten. Ein selbstfahrendes Auto wird errechnen können, in welcher Strecke es zum Stillstand kommen kann, in Abhängigkeit von Wetter, Gefälle und Straßenzustand, und gleichzeitig ermitteln, in welcher Entfernung sich sicher niemand befindet. Es hat dazu Normalsicht-Kameras, Nachtsicht-Kameras, Infrarot-Kameras, Radar, Laserscanner und, wenn die Technik mal soweit ist, auch den Röntgenblick. Es kann ebenso Abstand zu anderen Fahrzeugen halten. Und, wenn die Umstände wirklich schwierig sind, fährt es eben langsamer. Und ein selbstfahrendes Auto wird seine Bremssysteme selbstständig auf Funktion überprüfen, und einfach nicht mehr losfahren, wenn die versagen.

Ist sicher leichter zu programmieren als ein Algorithmus, der todkranke 20-Jährige von rüstigen 40-Jährigen unterscheiden kann.

 

29.10.18 Ergänzung:

Die maximale Bremsleistung ist durch die Haftung Reifen/Asphalt begrenzt, so dass man bei optimalen Bedingungen (trockene, saubere Straße) mit etwa einem g (Oberflächenbeschleunigung der Erde) bremsen kann. Wenn man (als Fahrcomputer) keine Rücksicht darauf nehmen muss, ob der Mensch am Steuer damit klar kommt, oder ob die Bremsen überhitzen (was in diesen Augenblicksituationen auch eher nicht passieren wird), kann das Auto diese Bremsleistung zumindest bei guten Bedingungen besser nutzen als ein Mensch, weil es Bremsen und Lenken feiner aufeinander abstimmen kann. Und die restliche Geschwindigkeit wird von den Airbags aufgenommen, wenn das Auto am Ende doch mit der Mauer oder Leitplanke bremst. Der Schaden des Autos ist in Kauf zu nehmen, sofern die Insassen heile rauskommen. Oder halbwegs heile.

Oder, das Auto wirf einen Anker aus, der per Bolzenschuss in den Asphalt gerammt wird, und kann mit mehr als einem g bremsen. Gleichzeitig löst es die Airbags aus. Geht pro Auto vermutlich auch nur einmal, aber hey.

10 Gedanken zu “Wer soll sterben?

  1. Also, nimm gefälligst die HANDBREMSE!

    Ja, aber…

    UND HAU NOTFALLS DEN VERDAMMTEN RÜCKWÄRTSGANG REIN

    Nein! Das Getriebe zu demolieren würde eine weitere Bremse, die Motorbremse außer Funktion setzen. Dazu ist nichts weiter notwendig, als die Gänge bis in den ersten Gang nach unten durchzuschalten. Am Ende sollte die Geschwindigkeit weit genug reduziert worden sein, um das Fahrzeug mit der Handbremse gefahrlos zum stehen bringen zu können.

    Ein solches Vorgehen hat zudem den Vorteil, dass das Fahrzeug nicht durch blockierende Räder und dem darauf folgenden Haftungsverlust außer Kontrolle gerät.

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    1. Ok, im Falle eines Falles würde ich persönlich nur irgendwelchen Quatsch machen und froh sein, wenn alle rechtzeitig aus dem Weg springen.
      Für das selbstfahrende Auto gehe ich aber davon aus, dass es einen praktikablen Weg gibt, z.B. runterschalten, der das Ding schnell abbremst, die Lenkung weiterhin ermöglicht und schlimmeres verhindert, selbst, wenn Getriebe, Motor oder sonstige Teile am Ende kaputt sind.

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  2. Solche theoretischen („philosophischen“) Fragen sind irrelevant, solange man keine vergleichbaren tatsächlichen Geschehnisse kennt, also dokumentierte reale Fälle.

    „Ein selbstfahrendes Auto wird errechnen können, in welcher Strecke es zum Stillstand kommen kann, in Abhängigkeit von Wetter, Gefälle und Straßenzustand, und gleichzeitig ermitteln, in welcher Entfernung sich sicher niemand befindet.“

    Das ist sehr optimistisch, denn es wird kaum möglich sein, sämtliche notwendigen Parameter zu messen oder vorauszusagen. Z.B. die Traktion des Straßenbelags in 10m Entfernung. Das Gewicht des auf der Straße liegenden Hindernisses. Das Verhalten einer anderen Person 2 Sekunden vor einem eventuellen Aufprall.

    Gerade in potentiellen Unfallsituationen müssen die Ausweich- und Bremsmanöver „ans Limit“ gehen, man muss also auch riskieren, dass man sich verrechnet, und da können ein paar cm zuviel oder zuwenig entscheidend sein. Man wird solche Situationen prinzipbedingt nicht völlig unter Kontrolle bekommen.

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  3. Dummerweise gibt es schon bei der technischen Ausführung einige Denikfehler, nicht nur von dir.

    Und ein selbstfahrendes Auto wird seine Bremssysteme selbstständig auf Funktion überprüfen, und einfach nicht mehr losfahren, wenn die versagen.

    Wenn es zu einem plötzlichen Ausfall kommt, ist es zum Anhalten, erst recht aber zum nicht Losfahren längst du spät.

    kann das Auto diese Bremsleistung zumindest bei guten Bedingungen besser nutzen als ein Mensch, weil es Bremsen und Lenken feiner aufeinander abstimmen kann.

    Der Mensch wird längst durch die Technik unterstützt, um optimale Bremsleistung zu erzielen. ABS sorgt dafür, dass die Räder nicht blockieren, dies verkürzt den Bremsweg (im Vergleich zu einer Blockierbremsung) und lenkbar bleibt der Koffer auch noch.
    Einen Nachteil hat der Mensch. Er wird wahrscheinlich nicht hart genug ins Bremspedal treten. Das ist aber notwendig, um maximale Verzögerung zu erreichen. Da macht die Technik dann vermutlich doch die bessere Notbremsung.

    Ein solches Vorgehen hat zudem den Vorteil, dass das Fahrzeug nicht durch blockierende Räder und dem darauf folgenden Haftungsverlust außer Kontrolle gerät.

    Wenn mit der Handbremse (Feststellbremse) gebremst wird, besteht aber genau die Gefahr, dass die Räder blockieren. Zum Einen werden durch den Bremsvorgang die Hinterräder entlastet, weil das Fahrzeug an der Vorderachse eintaucht. Zum Anderen arbeitet das ABS nicht mit der Handbremse, sondern nur mit der normalem Betriebsbremse.

    Ganz nebenbei wage ich außerdem zu bezweifeln, dass man mit der Hand- bzw. Feststellbremse die selbe Bremskraft aufbringen kann, wie mit der regulären Fußbremse. Die Handbremse ist nämlich nicht zum Bremsen da, sondern hauptsächlich als Feststellbremse beim Parken gedacht.

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    1. Wenn man ein selbstfahrendes Auto baut, könnte man die Mechanik für den Computer optimieren. Also so, dass z.B. die Feststellbremse genausogut bremst wie die andere, oder dass das ABS vom Computer derartig feingesteuert wird, wie es ein Mensch unmöglich könnte, und dass das ABS auch für die Feststellbremse wirkt.
      Hätte zwar den Nachteil, dass man keinen Selbstfahrcomputer in ein altes Modell einbauen kann, aber das wäre immer noch ein kleineres Übel als einen Tötungsalgorythmus einzubauen.

      Da es dazu mit Sicherheit eine juristische Regelung geben wird, wird es auf „langsam fahren“ hinauslaufen, weil es kein Grundrecht auf Geschwindigkeit gibt.

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  4. Prima Artikel.

    Auch wenn die Kritiker im Detail alle Recht haben:
    Grundsätzlich wird ein selbstfahrendes Fahrzeug so fahren, dass es gefälligst noch in der Lage ist, auf Eventualitäten zu reagieren.
    Sprich: Wenn da tatsächlich Fußgänger, vielleicht gar Kinder auf der Seite laufen, Geschwinfigkeit so reduzieren, dass es bremsen kann.

    Und wenn die Gefahroptionen zunehmen eben noch weiter reduziert.
    Das mag einem eiligen Insassen vielleicht nicht Recht sein, aber ist dann halt so.
    Dafür kann man davon ausgehen, dass bei einem weitgehend von automatischen (und miteinander kommunizierenden) Fahrzeugen durchströmten Innenstadtbereich kaum Stausituationen auftreten werden. Verlangsamungen schon, aber es kommt nicht zum Erliegen.

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    1. Oh doch – wird es 🙂

      Weil ich mir mit meinem alten handgesteuerten Vehikel den Spaß mache, diese ganze Automatik-Herde auszubremsen, wo es nur geht ….

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      1. „Weil ich mir mit meinem alten handgesteuerten Vehikel den Spaß mache, “

        Wenn dein „handgesteuertes Vehicel“ ein Fahrrad ist, magst du das so machen können. Mit einem Motorisierten sicher nur für kurze Zeit.
        Erstens wirst du das ohne Einbau von irgendwelcher Zusatzelektronik nicht bis ans Ende der rein technischen Betriebstauglichkeit nutzen dürfen, und zweitens ist das Verkehrsbehinderung, daher verboten , und wird deshalb teuer werden. Frage, ob du dir das leisten willst- abgesehen davon, dass ab einem gewissen Grad und einer gewissen Punktzahl auch der Entzug der Fahrerlaubnis möglich wird.
        Und irgendwann die Dinger ohne gültige Fahrerlaubnis vielleicht gar nicht mehr losfahren.
        Die notwendige „kriminelle Enrgie“, um sich darüber hinwegsetzen zu können, wird also immer größer, entsprechend steigt auch die entsprechende rechtliche Wertung des Vergehens .

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  5. Wer soll sterben? Keine Ahnung, aber ich weiß, wer nicht sterben soll. Die Insassen! Oder glaubt jemand ernsthaft, dass sich ein Auto verkaufen lässt, dass den Schutz der Besitzer nicht als Top – Priorität hat?

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  6. In Schweden geht man so weit die Strassen so zubauen(man glaubt es nicht!) das eine Verkehrstotenzahl von 0 in worten Null erreicht wird!
    Also in Deutschland wird das nicht passieren

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