Game of Thrones und Feminismus

Achtung SPOILER; nach Ende der Serie hat die katholische Kirche – langsam wie eh‘ und je – GoT-Spoiler ENDLICH als 10. Gebot verboten. Die bisherigen Gebote 9+10 wurden dazu als 9. Gebot zusammengefasst, was anderswo das 10. ist. Aber davon mal ganz ab:

Bento, mal wieder.

Ok, ein gemeiner Witz, um das Verhalten einer Frau zu beschreiben, ist zwar ein Witz, aber gemein. Es ist aber ein gemeiner Witz bei Twitter, nicht etwas, was in der Story selbst erzählt wird, es ist außerdem tatsächlich nicht als Erklärung gemeint, sondern soll das Nicht-Erklärbare beschreiben.

Aber der generelle Anspruch mal wieder, den man an eine Fernsehserie haben will, und eine Fantasy-Serie insbesondere – arrggs. Niemand hat je gesagt: „Wir wollen mit GoT eine bessere, schönere Welt darstellen.“ Niemand hat je gesagt: „Die Welt von GoT ist ja viel besser und schöner als meine eigene – ich wünschte, ich könnte da leben.“ Der einzige messbare Vorteil bei GoT ist die fehlende Erderwärmung mangels Industrialisierung – könnt Ihr hören, wie die Leute da vor Neid platzen? Ich auch nicht.

Also gut, nachdem es offensichtlich ist, dass GoT nicht ST ist, wo die Schilderung einer besseren, schöneren Welt tatsächlich Teil der Geschichte ist und wohl auch sein soll, wieso kommt jemand auf die Idee, sich über mangelnden Feminismus oder negative Frauenbilder zu ärgern? Das Männerbild ist auch nicht besser, oder das Menschenbild allgemein.

Vergleichen wir das mal mit Prinz Eisenherz. Prinz Eisenherz lebt in einem anachronistischen Auflauf aus Spätantike, Frühmittelalter und Hochmittelalter. Er ist Ritter an König Arthurs Tafelrunde – obwohl er eigentlich aus Norwegen stammt und auf Seiten der Wikinger kämpfen sollte – und lebt die Ideale von Ritterlichkeit. Und außerdem nach dem Motto: „Behandele alle fair, aber verlasse Dich nie auf die Fairniss der anderen.“ Er ist sowohl kämpferisch als auch intelligenzmäßig als auch durch seine angesammelte Ausrüstung meist ausreichend gewappnet (In Silber ein roter Pferdekopf), es im Zweifel drauf ankommen zu lassen. Klappt nicht immer, aber ganz gut. Hierzu muss man verstehen, dass Ehrenkodizes keine reine Schikane sind, sondern einen Sinn in einer Gesellschaft haben. Menschen, die sich an den jeweiligen Ehrenkodex halten, insbesondere, wenn er sie materiell benachteiligt, werden sozial belohnt, weil sich ihre Ruf verbessert und sie mit wichtigeren Aufgaben belohnt werden, die ihnen Vorteile verschaffen. Eisenherz bspw. wird als Ausländer zum Ritter geschlagen und bekommt die entsprechenden Privilegien.

Bei GoT wird ziemlich schnell klar, dass ritterliches Verhalten quasi NIE belohnt wird. Auch Fairniss ist eine Schwäche, die sofortig ausgenutzt wird. Man mag das als „Realismus“ sehen, weil die Ideale der Ritterzeit in der Ritterzeit nicht ganz so verbreitet waren, wie sie in den Ritterromanen dargestellt wurden. Hallo, Don Quichotte. Andererseits sind fliegende Echsen auch nicht besonder realistisch (schaut Euch mal die Flügelform an), und das ein König oder eine Königin einfach einen Herzog oder vergleichbar wichtigen Adeligen zum Tode verurteilen konnte, wäre im richtigen Mittelalter auch nicht SO einfach gewesen.

Also gut, GoT gibt weder eine idealisierte NOCH eine realistische Sicht des Mittelalters wieder, umso weniger gibt es Grund, sich um mangelnden Feminismus zu beschweren. Oder, wenn „wir“ schon dabei sind, beschweren „wir“ uns doch bitte auch über mangelndes Wahlrecht, mangelnde Trinkwasserversorgung, mangelnder Arbeitnehmerschutz, mangelnde Religionsfreiheit, mangelnde Krankenversicherungen und mangelnde Diversität. Achja, letzteres passiert ja auch.

Ok, zu letzterem: Westeros ist anscheinend England bzw. die Insel Großbrittanien, wenn diese so groß wie ein Kontinent sind. Vor der Eroberung durch die Dänen war das spätere England in +- 7 Königreiche aufgeteilt, die dann dänische Kolonie wurden. Hallo Hamlet. Das klingt dann in den Namen an: Dorne sieht auf der Karte aus wie die Halbinsel bestehend aus Devon und Cornwall, die Targaryens sind die Dänen (sahen deutlich skandinavischer aus als ihre neuen Untertanen, statt blond und blauäugig weißblond und lilaäugig, und wenn man ein Mädchen ausgerechnet „Däne-risch“ nennt…), zwei wichtige Adelshäuser heißen so ähnlich wie die aus den Rosenkriegen, und habt Ihr schonmal vom Hadrianswall oder Antoniuswall gehört? Kam mal bei Prinz Eisenherz vor.

Wie auch immer, man hätte schon von Anfang an darauf achten können, dass die Leute in Südwesteros südländischer aussehen als „Spanier“, aber nunja, Westeros ist in mehrfacher Hinsicht „europäisch“. Wenn man mit dem drölfzigsten Aufguss weißer oder gar angelsächsischer Helden NICHT einverstanden ist, mache man einfach die Augen zu und tue so, als sei Hermine schon immer schwarz gewesen. Oder lese halt in Zukunft afrikanische Fantasy, wie Jim Knopf und, ähm… Oder schreibe Fantasy mit schwarzen Hauptpersonen. Nein, Dunkelelfen zählen nicht.

Ja, Daenerys Charakterbogen kann man als „White Saviour“-Story sehen, das wäre zwar etwas anachronistisch, weil die „Bürde des weißen Mannes“ bzw. der weißen Frau im richtigen Leben erst zu Ende der Kolonialzeit aufkam, als der Wham so etwas wie „Gewissens“bisse entwickelte, aber andererseits wäre auch Westeros aus Danys Sicht einfach eine Kolonie, deren Bevölkerung von ihrer unterdrückerischen Oberschicht befreit werden müsste. Nur, dass in Westeros die Leibeigenschaft tatsächlich weitgehend abgeschafft wurde. Insofern kann sie ihren neuen Untertanen nicht soviel Freiheit schenken, wie sie das in Essos konnte, und wird dementsprechend auch nicht so geliebt. Dass ihre bisherige Taktik „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ jetzt in „Brennen muss Alles“ gekippt ist, ist aber vllt. trotzdem nicht ganz aus ihrer Geschichte erklärbar. Muss an den Genen liegen…

Aber selbst, wenn es für Danys Charakterbogen eine schlüssige Kurve ohne Sprünge ergeben hätte – erst nur Sklavenhalter, dann Sklavenhalter und Sklaventreiber, dann noch deren Familien, dann auch noch Mitläufer, usw. – sie ist trotzdem eine Adelige. Auch die anderen Hauptpersonen sind Adelige, die alle ihre Privilegien erweitern, verteidigen und wiedergewinnen wollen. Inklusive dem Privileg, andere Menschen zum Tode zu verurteilen. Hätte eine Frau „gewonnen“, wäre das auch nicht „feministisch“ gewesen, wenn man mit „Feminismus“ „Gleichberechtigung“ meint. In Adelsgesellschaften kommen bzw. kamen gar nicht so selten Frauen an die Macht – auch im Verhältnis zu modernen Demokratien – weil in der Logik von Aristokratien eine Frau mit der richtigen Familie besser geeignet ist als ein Mann aus der falschen*. Eine Frau auf dem Eisernen Thron wäre in dem Zusammenhang nicht feministischer als ein Mann maskulistisch wäre. Es sei denn, man hätte eine Frau aus dem einfachen Volk genommen.

Der Punkt, wo ich Bento mal zustimme, ist, dass es generell unglücklich ist, wenn die (positive) Charakterentwicklung einer Frau auf ihre Peiniger und Vergewaltiger zurückgeführt wird. Aber wie will man das anders darstellen? Wenn solche Erfahrungen keinen Einfluss auf einen Menschen hätten, wäre das unrealistisch und verharmlosend. Wenn diese Erfahrungen jemand zu einem „schlechteren“ oder „schwächeren“ Menschen machten, könnte das Publikum das so verstehen, dass alle Menschen mit solchen Erfahrungen so werden, was eine schreckliche Botschaft wäre, beabsichtigt oder nicht. Also MUSS man entweder Sansa als starke, kluge Frau darstellen, oder aber ihre Leidensgeschichte weglassen. (Sansa war zu Beginn der Serie nicht DUMM, nur arglos. Ob sie – von ihrem Nachnamen abgesehen – stark war, sei mal dahingestellt. Andererseits war sie auch einfach jünger.) Allerdings könnte der Dialog mit Sandor Clegane ruhig anders formuliert sein. Jedenfalls, und von daher passt es doch, ist sie die einzige, die Daenerys mit Misstrauen begegnet zu einem Zeitpunkt, wo es keinen Grund dazu gibt. Weil eine Lehre, die Sansa aus ihren Erfahrungen gewinnen konnte, aber jetzt nicht unbedingt mit Stärke und Klugheit zu tun hat, diese ist: „Meine Familie verrät mich nicht, alle anderen aber schon.“ Ob das jetzt eine Botschaft ist, die man ins Richtige Leben übertragen soll, sei mal dahingestellt, aber es ist aus der Geschichte und der Charakterentwicklung heraus plausibel, und das ist mir zumindest wichtiger als Übereinstimmung zu meiner Agenda.

Bleibt als einziger Feminismus, dass Frauen bei GoT als Personen und nicht als schmückendes Beiwerk bzw. „Fräulein in Nöten“ dargestellt werden. Und das hat doch geklappt. Frauen können wie Männer Hauptrollen sein, Frauen können böse, ambivalent oder auch völlig abgedreht sein und Frauen können sogar STERBEN. Brienne, Arya und mit Abstrichen Dany sind bereit, ihr Privileg zu töten mit der Gefahr zu bezahlen, dabei getötet zu werden. (Bei Warhammer mussten Helden zumindest früher niemals auf Furcht oder Entsetzen testen, wenn sie auf einem Drachen ritten.)

Kurzum, Frauen bei GoT sind in keinerlei Hinsicht besser als Männer, sondern das zynische Produkt einer schlechten Welt. Wem dies unfeministisch vorkommt, hat vllt. ein etwas zu optimistisches Frauenbild oder ein etwas zu pessimistische Männerbild.

 

* Und, weil auch weibliche Adelige zu Machtbewusstsein erzogen wurden. Hallo, SPD!

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