Feminismus GoT vs. HdR

Wie im vorigen Beitrag ausgeführt, ist GoT nicht direkt feministisch. Einige Figuren könnten feministisch interpretiert werden, weil da Frauen oder Mädchen Männerberufe ergreifen, weil sie das entsprechende Talent und Interesse haben. Aber bei einer ganzen Serie mit zig wiederkehrenden Hauptfiguren sind die feministischen Charaktere eine Minderheit. Cersei bspw. glaubt ganz sicher nicht, dass alle Menschen gleich sind. Dany eher auch nicht: „Alle Männer müssen sterben.“ – „Aber wir sind keine Männer.“ Jaa, ne. Ihr seid Hauptpersonen bei GoT. Der schnittige GRRM kriegt Euch alle.

Jetzt vergleiche man das mit Eowyn, Eomunds Tochter*. Besonders die im Hörspiel. Wird von Ihrem Onkel als Kommandantin einer Fluchtburg eingesetzt. Beschwert sich, dass sie in der Etappe Däumchen drehen muss, während die Männer das Böse bekämpfen. Bekommt gesagt, dass so, wie sich der Krieg entwickelt und die Aussichten sind, besagte Männer wahrscheinlich nicht wiederkehren werden, und sie genug Gelegenheit haben wird, das Böse selber zu bekämpfen, danke der Nachfrage. Darauf Eowyn (sinngemäß): „Das heißt doch nichts weiter, als dass die Frau sich um Haus und Hof zu kümmern hat, wenn der Mann unterwegs ist, aber wenn er stirbt, darf sie ruhig mit Haus und Hof verbrennen, der Mann braucht die drei dann ja nicht mehr.“ Was jetzt nicht ganz das war, was Aragorn gemeint hat, aber sie zieht die Konsequenz, dass es besser ist, auf die eigenen Privilegien zu verzichten, wenn es dem Überleben dienlich ist, und zieht in die Schlacht, anstatt abzuwarten.

Entweder sie kehrt mit den anderen heim und hat dann einen Beitrag dazu geleistet, dass das Böse besiegt wurde, oder sie fällt in einer siegreichen Schlacht, und hat dann trotzdem einen Beitrag geleistet, dass andere leben werden, oder aber, sie fällt in Schlacht und das Böse siegt. Dann hat sie’s nur unwesentlich schlechter getroffen als in der Fluchtburg.

Und DAS ist für mich schon auf dem selben Gleichberechtigungslevel wie Arya und Brienne. Dabei möchte ich auf einen allgemeineren Unterschied zwischen GoT und HdR hinweisen. Am Beispiel von Aragorn.

Aragorn ist von der Motivation ähnlich drauf wie die/der durchschnittliche Thronbesteigungswillige: seine Vorfahren haben mal viele Länder beherrscht, also will er das jetzt auch. Allerdings hat er ein soziales Gewissen: er will seine Qualifikation beweisen und sein Recht untermauern, indem er die Länder, die er beherrschen will, vorher erstmal vorm Bösen rettet. Oder genereller gesprochen: die Leute in Mittelerde sind der Ansicht, dass Privilegien mit Pflichten korrespondieren müssen. Aragorn riskiert sein Leben und das Fortbestehen seiner Familie, um sein zukünftiges Königreich zu retten. Aragorn versucht lieber zwei Freunde aus der Gefangenschaft zu befreien, anstatt die vermeintliche Hauptquest zu verfolgen (wobei das noch andere Gründe hatte). Aragorn lässt sich erst feiern, wenn es was zu feiern gibt. Aragorn hält Anstand und Moral eben für besser als Egoismus und Asitum. Offenbar soll Westeros und Co. die Antithese zu Mittelerde sein. Schließlich spricht man da westerosi statt westron. Völlig anders und so.

Jetzt sehe ich natürlich ein, dass ein selbstloser Mensch wie Aragorn möglicherweise langweiliger ist als Tyrion Lennister. Oder dass komplexe Charaktere generell interessanter sind. Und das komplexe Figuren interessantere Konflikte führen als solche, die alle anständig und vernünftig sind. Und Ambivalenz ist komplexer und interessanter als schlichtes Schwarz-Weiß-Denken. Außerdem ist die Geschichte so viel länger. Der Hauptteil vom HdR wurde innerhalb eines Jahres abgeschlossen. Ob-WOHOHL Tolkien sich Gedanken um Reisezeiten und dergleichen machte (Hallo Teleporter-Varys). Selbstlose und vernünftige Menschen Zweibeiner überwinden ihre Konflikte und rassistische Vorurteile, um die gemeinsame Bedrohung zu besiegen. Ich sage mal so: wenn die Leute in Mittelerde so drauf gewesen wären wie die bei GoT, dann hätte Sauron so einen Durchmarsch gehabt. Im Herrn der Ringe erfährt man nur indirekt von ihm und seinen Plänen, aber es wird spekuliert – und wohl nicht zu Unrecht – dass Sauron sich einfach nicht vorstellen kann, dass seine Feinde der Versuchung widerstehen könnten, sich des Ringes und seiner Kräfte zu bemächtigen, so dass sie sich eher gegenseitig bekämpfen würden, aus Machthunger und Misstrauen. Wie Smeagol. Vetter gegen Vetter, Bruder gegen Schwester, Ehefrau gegen ihren Mann, Eltern gegen ihre Kinder, Vasalleneide und Bündnisse fliegen direkt aus dem Fenster… Also das, was die in Westeros schon die ganze Zeit machen, OHNE, dass es um den einen Ring geht. Die hätten keine Chance gegen Sauron. NULL.

Hier liegen daher auch zwei Risiken bei Geschichten wie die von GoT: das erste ist, wenn man nur ambivalente Figuren hat, die nicht immer vernünftig oder selbstlos handeln (beide Eigenschaften können auch alleine vorkommen), dann hat man keine Konfliktpartei, die nur böse ist, und viel mehr potentielle Identifikationsfiguren, was ja schon schön ist. Man hat aber auch keine Figur, die nur gut ist, was einen davon abhalten könnte, sich zu sehr mit irgendjemanden zu identifizieren, weil soe später als weltfremder Idiot und sadistisches Monster vorgeführt werden könnte. (Die geschätzte Leserschaft mag individuell entscheiden, ob das bei GoT so war oder nicht.)

Das zweite Risiko dabei ist, dass man keine „moralischen Botschaften“ im Sinne von vorbildlichen Verhalten präsentieren kann. Bzw., das ist natürlich kein Problem, wenn man einfach eine spannende Geschichte mit ambivalenten Figuren erzählen will. Oder leserseitig, wenn man keine Moralpredigt hören will. Aragorn begründet seine Entscheidungen zwar ethisch, aber man kann dazu natürlich trotzdem sagen: „Idiot, warum nutzt Du das nicht besser aus? Wieso bist Du so gutherzig? Hast Du ein Glück mit Deinem Autoren. Bei GRRM hättest Du so schon verloren!“

Es nimmt hoffentlich niemand an, GoT (bzw. dessen Autorenteam) würde Blutrache als gängigen Weg zur Gerechtigkeit verkaufen wollen. Oder Drachenodem für eine sozialere Welt fordern. Und daher kann niemand darauf zeigen und sagen: „Das ist feministisch, maskulistisch oder Leute-ohne-Keimdrüsenistisch!“ Bzw., können schon, ist aber eher dämlich. Die Probleme in der GoT-Welt sind nur sehr am Rande durch die unregelmäßigen Jahreszeiten verursacht und sonst sehr hausgemacht.

Wenn man eine moralische Botschaft daraus ziehen wollte, wäre die entweder: „Menschen sind nicht so selbstlos wie Aragorn!“ oder „Seid besser nicht so wie die bei GoT!“ Also ja, Cersei überwindet weibliche Rollenklischees, Cersei ist sicher auch ein hinreichend interessanter Charakter, um sich mit ihm zu identifizieren, aber Cersei ist aber trotzdem kein besonders geeignetes Vorbild für Frauen. Oder Feministen. Oder sonstwen.

Eowyn schon eher. Und bei Eowyn kann man die Aristokratie abstrahieren und überlegen, dass auch eine Bürgerliche sich so verhalten könnte.

 

*Googelt halt, Ihr BANAUSEN!

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