Verspäteter Nachruf

Für bento und so.

Auch, wenn ich ständig über die herziehe, bzw. hergezogen habe, ist es natürlich trotzdem schlecht, wenn sagen wir, ein Journalist im Rollstuhl anderswo keine gescheiten Aufträge bekommt. Also weder darüber, wie das Leben als rollstuhlfahrender Journalist so ist, noch über sein Lieblingsthema, nämlich Fußball.

Erstens, weil natürlich ein Job, von dem man Essen und Miete bezahlen kann, einen Wert an sich darstellt, zweitens, weil die Schwierigkeiten und Probleme von Rollstuhlfahrern vllt. tatsächlich etwas ernster sind als keine gratis Tampons, und Menschen mit Behinderung daher tatsächlich gegenüber solchen ohne bevorzugt werden dürfen, und drittens muss man nicht Fußball spielen können, um eine qualifizierte Meinung dazu entwickeln. Man muss auch nicht Musikinstrumente spielen können, um eine Meinung zu einem Beethoven-Konzert zu haben.

Leider fand ich, dass es bento mehr um die Gefühle ging, als um Lösungen oder Lösungsansätze, und dann noch nichtmal um die Gefühle, die Menschen in bestimmten Situationen oder mit bestimmten Problemen haben, sondern auch um gefühlte Probleme oder gefühlte Ungerechtigkeiten. Und darum, dass die Leserschaft micht nur Mitgefühl, sondern auch Mitleid und/oder Schuldgefühle entwickelt.

Was ich jedenfalls bei Behinderungen für eher semizielführend halte. Selbst, wenn ich gar kein Einfühlungsvermögen hätte, rein durch bloßes Nachdenken könnte ich erkennen, dass es schlecht ist, nicht laufen zu können. Ich bin auch klug genug, mir Möglichkeiten zu überlegen, Häuser barrierefrei zu gestalten – wobei das bereits schon andere gemacht haben – so dass ich auch hierfür kein Einfühlungsvermögen bräuchte. Ich muss auch keine Schuldgefühle entwickeln, da ich keine Querschnittslähmung zu verantworten habe.

Trotzdem betonen diese Magazine die Gefühle; meine Vermutung ist, um bei „mir“, also der Leserschaft, Hilfsbereitschaft zu entwickeln, was mir den Verdacht aufkommen lässt, dass „dem Leser“ unterstellt wird, nur zu helfen, um damit schlechte Gefühle abzuwehren.

Und das ist eben einerseits ein ziemlich pessimistisches Menschenbild, aber andererseits dumm. Wenn ich mich schlecht fühle, weil ich bei bento von Menschen lese, denen es schlecht geht, und ich dieses Gefühl nicht haben will – helfe ich den Menschen, oder lese ich einfach kein bento mehr?

Ich wünsche den Beteiligten trotzdem alles Gute, und dass sie alle Formate finden, wo sie ihre Themen besser unterbringen können.

2 Gedanken zu “Verspäteter Nachruf

  1. Und ich wünsche denen, dass sie einen Blick dafür entwickeln, was es mit einer Welt macht, wenn aus jeder gefühlten Unpässlichkeit oder empfundenen Benachteiligung ein gesellschaftlicher Moralkeulen-Rundumschlag erwächst, der die Leute zur Selbstkasteiung mit Peitsche in die Keller nötigen will, wo die Schreie niemanden belästigen.
    Irgendwann ist nämlich das Empörungsbudget aufgebraucht, und das Mitgefühl gegenüber einem Zusammengeschlagenen gleicht sich dem an, das ein Schneeflöckchen erhält, wenn es einen Satz im generischen Maskulinum hören oder lesen muss.

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    1. Irgendwann ist nämlich das Empörungsbudget aufgebraucht

      Das bringt mich jetzt zu dem Film „Cuties„, ein Machwerk, bei dem der große Aufschrei ebenfalls ausblieb. Ich denke aus dem Grund, den Du anführst und ich weiß nicht, ob mir das gefällt. Einerseits Aufmerksamkeit für Schund, der es nicht verdient, andererseits keine soziale Sanktionierung von Frühsexualisierung. Apropos: Müssen Schüler im Zuge der Frühsexualisierung immer noch Puffs entwerfen und Analverkehr vortanzen oder hat der Aufschrei damals zu etwas geführt?

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