Gute Männer

Angeblich. Irgendwo.

Beim Standard(m/w/d) jedenfalls nicht.

Na, das fängt ja gut an. Kaum ist das neue Jahr ein paar Tage alt, setzt es schon einen Text, der wirklich und wahrhaftig „Männer sind keine guten Menschen“ heißt.

Jaaaa, das nennt man clickbait. Man kriegt das nicht hin, wenn man „Männer sind doch gute Menschen“ schreibt. Lernt man in der Journalistenschule. Dicke, fette Überschriften. Wie z.B.

SIND FRAUEN ETWA DIE BESSEREN MENSCHEN?

Um dann auf Seite 3 kleingedruckt „nein“ zu schreiben.

Aber 2021 ist ein besonderes Jahr, von dem wir alle viel erwarten.

Nein. Also, ich nicht. Bzw., meine Erwartungshaltung habe ich entsprechend heruntergedreht, um 2021 möglichst viel Gelegenheit zu geben, mich positiv zu überraschen. Das nennt man Zweckpessimismus. Aber Pickerts Arroganz mal wieder, für „wir alle“ sprechen zu können.

Und yours truly Männerhasser erwartet eben noch ein bisschen mehr: nämlich dass wir anerkennen, wie schwer wir es Männern machen, gute Menschen zu sein

Wer macht es mir schwer, ein guter Mensch zu sein? Wem macht Pickert es schwer, ein guter Mensch zu sein? Es ist vermutlich wieder eine Definitionsfrage – was ist ein guter Mensch? Und natürlich: wer verschiebt die Definition von „gut“ so, dass Männer sie nicht erreichen, Frauen aber schon?

und dass wir alles daransetzen, die Situation zu verbessern.

Wir Feministinnen(m/w/d)? Ich halte es nicht für sehr schwer, ein guter Mensch zu sein.

Mir ist natürlich klar, wie das klingt.

Gleichzeitig anmaßend und dämlich? Ich glaube, es ist ihm überhaupt nicht klar.

 Mir ist auch klar, dass ich mit Blick auf meine eigene Geschlechtszugehörigkeit im Glashaus sitze und dieser Text ein ziemlich großer Stein ist.

Nein. Nicht als Mann, sondern als eine Person, die Männern regelmäßig schlechte Eigenschaften zuschreibt, sitzt er im Glashaus – ER gehört zu den Menschen, die das „Männer sind schlecht“-Narrativ bedient.

Aber ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, ihn zu werfen.

Das auf jeden Fall.

Womöglich überzeuge ich sogar den einen oder die andere von Ihnen.

Kommt drauf an, wovon. Das Problem, was er im Folgenden anspricht, hat tatsächlich reale Ursachen, aber nicht unbedingt die, die er meint.

 Der Autor und Referent Ran Gavrieli hat für den Umgang mit den Geschlechterstereotypen von Teenagern ein simple Veranschaulichung entwickelt.

Ich hatte in der Schule in SoWi mal erzählt bekommen, wie leicht man Menschen mit solchen Testen manipulieren kann. Aber gut, mal sehen, was passiert.

Zuerst will er wissen, was einen Mann zum Mann macht, dann, was eine Frau determiniert, und zum Schluss fragt er nach, was einen guten Menschen ausmacht.

Da fehlt die Spalte, was einen schlechten Menschen ausmacht. Der Test ist nicht symmetrisch.

 Jeder und jede von Ihnen kann das gerne für sich durchspielen.

Ja. Das ist noch ein Unterschied – wenn ich von Anfang an WEISS, welche Fragen ich beantworten werde, kann ich Eigenschaften für die dritte Spalte aufheben, die ich sonst bei Männern oder Frauen aufgeschrieben hätte. Eigentlich könnte ich ALLE guten Eigentschaften, die Männer oder Frauen „determinieren“, in die dritte schreiben, und wäre direkt fertig.

Nicht die politisch korrekte „Ich weiß, was hier von mir erwartet wird“-Variante,

…welche natürlich auch nicht die ist, die man in einer Klasse Teenager bekommt, wenn nicht-anonym aufgeschrieben wird…

sondern die Eigenschaften und Zuschreibungen, mit denen Sie aufgewachsen sind und die Ihnen im Herzen liegen.

Ich hatte in der Schule in Griechisch einen Text, wo Sokrates herleitet, dass die Tugenden von Männern und Frauen dieselben sind. Das liegt mir am Herzen.

Die typische Männerspalte, die bei Gavrieli zusammenkommt, sieht wie folgt aus.

Teenager.

Ein Mann ist „stark, furchtlos, tapfer, er ist sportlich, ein Frauenheld, verdient viel Geld, ist ein Chef und ein Anführer“.

„Frauenheld“ ist keine Tugend. „Chef und Anführer“ ist doppelt gemoppelt – und wird daher vermutlich nicht in der Kombi genannt werden – aber auch ein Teenager weiß, dass die meisten Männer das nicht sind. Ich zähle ungefähr sechs Eigenschaften, wenn ich „furchtlos und tapfer“ auch als eine zähle, sportlich und stark aber als zwei. Gegentest – die einzige Eigenschaft davon, die allgemein negativ ist, ist „Frauenheld“, weil ein „typischer“ Frauenheld hauptsächlich an seinem Spaß und nicht an einer glücklichen Zweierbeziehung/Familie interessiert ist.

Bei der Beschreibung von Frauen dreht sich alles um aufopferungsvolle Liebe und Fürsorge, Verschönerung und Zartheit.

Dass „furchtlos und tapfer“ einerseits und „aufopferungsvoll“ andererseits einfach Wörter für altruistisch sind, ist keinem aufgefallen? Nebenbei, ist die Reihenfolge der Fragen immer gleich, so dass die Fraueneigenschaften sozusagen die nicht-Männereigenschaften sind? „Zartheit“ ist auch keine Tugend, sondern die Notwendigkeit, beschützt werden zu müssen. Aber gut, sind rund drei bis vier Eigenschaften, die Frauen zugeschrieben werden. Offenbar wird von Männern mehr erwartet. Und je eine – Frauenheld und Zartheit – sind davon negativ. (Wie ich die Wörter verstehe, s.a. unten)

Und was macht einen guten Menschen aus? Worin unterscheidet er sich von einer schlechten Person?

Hier wird also explizit nach Tugenden, also guten Eigenschaften gefragt. Wenn bei Frauen und Männern explizit nach Tugenden gefragt würde, wäre das jetzt vergleichbar, weil man zählen könnte, welche Tugenden man mehr von Frauen erwartet, welche mehr von Männern, und welche von allen Menschen. Aber dann hätte man vllt. einen Erkenntnisgewinn, aber keine Munition zum Steineschmeißen.

Die Jugendlichen füllen diese Spalte mit Begriffen wie großzügig, hilfsbereit, mitfühlend, freundlich, ehrlich, vertrauenswürdig, offen, loyal, liebevoll, sanftmütig und verzeihend.

Um großzügig zu sein, muss man erstmal Geld verdienen, mit dem man großzügig sein kann. Und „hilfsbereit, mitfühlend, freundlich, loyal“ sind eben NOCH andere Wörter für altruisitisches Verhalten. Die Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehen soll, sind nicht die, die ich tatsächlich daraus ziehe.

Warum sind gute Eigenschaften so wenig „männlich“?

Weil es in dem Test mehr „männliche“ als „weibliche“ Eigenschaften gibt, d.h., wenn die Schnittmenge bei beiden Geschlechtern gleich groß ist – aufopferungsvoller Mut einerseits, aufopferungsvolle Liebe andererseits und Altruismus als Überbegriff – gibt es eben mehr männliche als weibliche Eigenschaften, die nichts oder wenig mit Altruismus zu tun haben.

Die Frage ist, was diese Eigenschaften mit unseren Vorstellungen von Männlichkeit zu tun haben.

Wieso unseren? Das sind irgendwelche Teenies. Aber, wie ich schon sagte, Altruisimus. Hat mit beiden Geschlchtern zu tun.

Wenn Sie die Spalten durchspielen, wie viel Schnittmenge kommt zwischen „Mann“ und „guter Mensch“ zusammen?

S.o., und das sind NUR die Eigenschaften, wie sie hier zitiert werden. Mit allen erwähnten Fragwürdigkeiten, die die Fragestellung betreffen.

Gavrieli jedenfalls beobachtet immer wieder, dass es eine signifikante Übereinstimmung gibt zwischen den Attributen, die Frauen zugeschrieben werden, und denen, die einen guten Menschen ausmachen.

Weil politisch korrekte Teenies sich nicht trauen, negative weibliche Eigenschaften zu nennen? Kann das sein?

Zumeist geschieht das durch die Imagination der Frau als guter Mutter, die sich selbstlos kümmert, die tröstet, liebt und verzeiht.

Das heißt jetzt nicht, dass „wir“ es Männern schwer machen, gute Menschen zu sein, sondern dass „wir“ es Frauen leicht machen, als gute Menschen zu gelten. (Ich weiß jetzt nicht, ob das Gavrielis oder Pickerts Fehler ist.)

Aber was ist mit Männern? Sind die etwa keine guten Väter? Lieben, kümmern und trösten die etwa nicht?

Ein Vater, der viel Geld verdient, kümmert sich auch. Insofern kann „Geld verdienen“ auch zum altruistischen Tugendschwarm gehören, da das anderen nutzen soll.

Ihr Verhalten lässt sich in ihren besten Momenten mit gerade den Begriffen beschreiben, die in der Spalte „guter Mensch“ aufgeführt sind.

Was für eine Binse. Aber ja, Frauen müssen zu ihren eigenen Kindern lieb sein, um als gute Menschen zu gelten, Männer müssen sich auch um Menschen kümmern, mit denen sie nicht verwandt sind, um als gute Menschen zu gelten. Scheiß-Patriarchat, was?

In ihren schlechtesten Momenten scheitern sie daran, so wie alle immer wieder daran scheitern. Aber sie geben ihr Bestes. Warum wird das nicht mit ihnen identifiziert?

Weil man mit Frauen mehr Mitgefühl hat, so dass ihnen genetischer Egoismus schon als gutes Werk angerechnet wird? Von Teenagern, die größtenteils von ihren Müttern versorgt werden und Feministen, die Frauen eh‘ nur kritisieren, wenn diese keine Feministinnen sind? Rhetorische Fragen, ey.

Warum ist das, was wir für gute Eigenschaften in Menschen halten, so weit weg von dem, was wir für männlich erachten?

Ist es nicht. Oder, man sollte das eigene Bild von guten Eigenschaften überarbeiten.

Warum fordern wir Macht, Stärke und Härte von Männern, wenn wir doch eigentlich wissen, dass es darum gehen sollte, den Ohnmächtigen den Rücken zu stärken,

Weil WIR wissen, dass man Macht und  Stärke braucht, um Ohnmächtige zu stärken. Härte ist optional. IHR wisst das nicht, weil Ihr Idioten(m/w/d) seid.

Menschen in schwachen Momenten zu unterstützen und mit ihnen zu fühlen

Vom Mitgefühl alleine wird nicht viel erledigt, und zu viel Mitgefühl macht es einem sogar schwerer, zu helfen.

und die Zartheit aufzubringen, zu berühren und sich berühren zu lassen?

„Zartheit“ ist für mich „Zerbrechlichkeit“. Möglicherweise ist das gemeint, was ich als Einfühlungsvermögen kenne. Aber dann ist das doofes Wording.

Was sind das für Gesellschaften, die kaum bis keine gedanklichen Schnittmengen zwischen Männern und guten Menschen zulassen?

Keine Ahnung? Was ist das für ein Pickert, der keine gedankliche Schnittmenge zwischen Männern und guten Menschen erkennen kann?

Es sind unsere Gesellschaften, Ihre und meine.

Meine nicht. Seine vermutlich auch nicht. Der ganze Artikel beruht auf einem SEHR schweren Fall von Selektiver Wahrnehmung.

Gesellschaften, in denen Männer zu oft keine guten Menschen sind, weil wir sie nicht lassen.

In Pickerts Gesellschaft ist ein Mann nicht deshalb kein guter Mensch, weil Pickert ihn nicht lässt, sondern, weil er dessen Güte nicht sieht. Güte jetzt als Oberbegriff.

Weil wir ihnen erzählen, dass es unmännlich ist, genau die Dinge zu tun, die für uns gute Menschen ausmachen.

Nein. Weil „wir“ – also Pickert et alii/ae – ihnen sagen, dass Männer für „uns“ keine guten Menschen sind. Dass „wir“ deutlich höhere Anforderungen an einen guten Mann haben als an eine gute Frau. Dass „wir“ „männliche“ Tugenden nicht als „Tugenden“ anerkennen. Glashaus halt.

In Wahrheit sitzen wir alle im Glashaus und schmeißen mit Steinen.

Man sollte doch meinen, dass zumindest die männlichen Feministen in der Lage wären, sich in Männer hineinzuversetzen, oder?

Und dieser Text ist auch kein Stein, sondern ein Scheibenreiniger, den ich für einen liebevolleren, unverstellteren Blick auf Männer auftrage.

Ich bin ein Mann, ich nehme das nicht als liebevoll war. Entweder, er ist völlig merkbefreit, dann hat er kein Einfühlungsvermögen, oder er hat Einfühlungsvermögen, dann verarscht er alle.

Können wir also bitte, bitte 2021 endlich von dem für Männer leider immer noch üblichen Arschlochcurriculum absehen

„Stark, tapfer, furchtlos“ ist Arschlochcurriculum. Deshalb sind auch so viele Feuerwehrleute Arschlöcher, ähh, männlich, woll?

damit anfangen, ihnen zu sagen, dass all die Eigenschaften, die für uns gute Menschen ausmachen, Männern so richtig gut zu Gesicht stehen?

Dieselben Männern, die er gerade als „Arschlöcher“ bezeichnet hat, sollen jetzt gefälligst machen, was er will. Einfühlungsvermögen ist keine reine Tugend, man kann sie auch einsetzen, um die eigenen Ziele voranzubringen. Da Pickert dergleichen aber vermutlich nicht besitzt, ist das in seinem Fall aber egal.

Mittlerweile bei Übermedien:

einen Preis ins Leben rufen: für den journalistischen Artikel, dem es am überzeugendsten gelingt, das Gegenteil von dem zu beweisen, was er behauptet.

Als ob Niggemeier es geahnt hätte.

Ein Gedanke zu “Gute Männer

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