Ich bin kein Quotenmann

Egal, was der bei der Zeit gerne hören will.

Ich bin ein Quotenmann

Eine Kolumne von 

Kann ja sein…

Seit Jahrhunderten sind wir Männer privilegiert.

Ich bin keine Jahrhunderte alt. Vorteile, die ich aus Gründen nicht nutzen konnte, die nicht meiner Verantwortung unterliegen, darf man mir nicht anrechnen. Nebenbei ist das wie beim Wolf und beim Lamm: „Letztes Jahr hast Du mich beleidigt.“ – „Letztes Jahr war ich noch gar nicht auf der Welt.“ – „Dann war das eben Dein Vater oder Dein Großvater!“ sagte der Wolf, und fraß das Lamm trotzdem.

Wenn jetzt eine Frauenquote in Unternehmen gilt, bringt das nicht nur Chancengleichheit.

Nö.

Es nützt auch den Männern.

Sagte der Wolf.

Die Entscheidung, eine Frauenquote in Vorständen einzuführen, hat in den vergangenen Wochen viele Diskussionen ausgelöst.

Die Diskussionen gab es schon vorher. Aber nunja, das ist eben ein Meinungsartikel und kein Tatsachenartikel.

Für die einen ist ein solches Gesetz ein Eingriff in die Freiheit von Unternehmen, den viele als wirtschaftlich schädlich für die betroffenen Firmen ansehen.

Ja. Ist es ja.

Für die anderen schafft dieses Gesetz Freiheiten, reduziert Diskriminierung und verbessert die Chancengleichheit von Frauen nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern in der Gesellschaft als Ganzes.

Chancengleichheit bedeutet, dass, wenn sich 30 % Frauen und 70 % Männer um Stellen in einer Branche bewerben, die Stellen zu 70 % mit Männern und zu 30 % mit Frauen besetzt werden. Weiterhin, wenn das die Gesellschaft als GANZES betreffen soll, darf das nicht nur die Vorstände betreffen.

Wichtig aber ist in dieser Debatte zu betonen, dass dies kein Streit zwischen Männern und Frauen ist, denn wahrscheinlich wünscht sich auch die Mehrheit der Männer Chancengleichheit und Gleichstellung, so wie die große Mehrheit der Frauen.

Chancengleichheit und Gleichberechtigung. Ja, wünsche ich mir beides. Das Problem ist, dass das unterschiedliche Menschen unterschiedlich definieren.

Eine Gruppe prominenter und erfolgreicher Frauen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur hat in der Kampagne für die Frauenquote mit dem Satz „Ich bin eine Quotenfrau“ eine Kontroverse herbeigeführt.

Ja, irgendwie ist es bei einigen von denen tatsächlich ein stärkeres Argument gegen Frauenquoten, als die das selbst vermuten. Auch, wenn es massenhaft unfähige, aber gut vernetzte Männer gibt, ist es keine Verbesserung, sie mit unfähigen, gut vernetzten Frauen auszutauschen.

Sie suggerieren damit in den Augen mancher, sie hätten es ohne ihr Geschlecht nicht zu diesem Erfolg gebracht.

Das vllt. auch.

Schaut man jedoch ehrlich hin, muss jeder, auch jeder Gegner der Frauenquote, realisieren, dass diese Frauen ihren Erfolg nicht wegen, sondern trotz ihres Geschlechts erreicht haben.

Wäre ein Ursus v.d. Leyen Familienminister geworden? Ich denke nicht. Frauen traut man mehr Sozialkompetenz zu, d.h., dieses Vorurteil mag in vielen entsprechenden Berufen und Branchen ein Faktor gewesen sein.

Leider hat diese Provokation bei vielen nicht oder nicht ausreichend funktioniert, denn die Reaktion von erfolgreichen Männern hätte sein müssen: „Ich bin ein Quotenmann.“

Nein. Wenn unter zehn Bewerbern eine Frau ist, und DIE kriegt den Job, kann das daran liegen, dass man eine Frau wollte oder daran, dass sie kompetenter als die Konkurrenten ist. Im letzteren Fall ist „Quotenfrau“ tatsächlich eine Beleidigung. Wenn unter zehn Bewerbern neun Männer sind, und einer von denen kriegt den Job, dann hat er ihn nicht nur, weil er ein Mann ist, denn das sind 88 % seiner Konkurrenz auch, sondern auch aus anderen Gründen. Das muss tatsächlich nicht Kompetenz sein, sondern bloß andere Arten von Korruption, aber immerhin, Geschlecht kann nicht das einzige Kriterium gewesen sein. Ergo wäre das kein Quotenmann. Quotenmann wäre, wenn tatsächlich nur oder zumindest sehr überwiegend Frauen die Konkurrenz gestellt hätten.

Die Privilegierung trifft auf viele Männer sehr viel häufiger zu. Seit Jahrhunderten erhalten Männer Positionen und Privilegien in diesem Land nicht wegen ihrer Qualifikationen, sondern aufgrund des Geschlechts.

Das Privileg, in Schützengräben zu verrecken und von Dächern zu fallen. Geil, oder?

Ein überwältigender Anteil der Positionen in Politik, Wirtschaft und Kultur wird in Deutschland heute von weißen, heterosexuellen, christlichen Männern aus Westdeutschland besetzt.

Na, sowas. Weil es ja so viele schwarze, nicht-christliche Lesben aus Ostdeutschland gibt. Wenigstens eine von den beiden sollte bei VW in den Vorstand kommen.

Genauer gesagt hängen beruflicher Erfolg und die Stellung in der Gesellschaft in Deutschland nicht nur stark vom Geschlecht ab, sondern auch von der Ethnizität, der Hautfarbe, der Religion, der sexuellen Orientierung und sexuellen Identität, der regionalen Herkunft und anderer Eigenschaften.

In meinem Bundesland leben mehr Menschen als in GANZ Ostdeutschland. Es gibt aus Gründen, die man sich jetzt hoffentlich selber denken kann, in D. keine Buchhaltung, wer welche Hautfarbe hat, aber deutsche Schwarze bspw. werden auf 0,5-1,0 der Gesamtbevölkerung geschätzt. Inwieweit die Orientierung eine Rolle bei der Stellenvergabe hat, ist schon deshalb unbekannt, weil man das den Leuten nicht ansieht, man sie nicht fragen kann, bzw., sie müssen nicht antworten, und es kann tatsächlich sein, dass der Anteil an homosexuellen Vorständen genauso hoch ist wie der an der Gesamtbevölkerung.

Die Kritiker der Frauenquote haben nicht unrecht, wenn sie sagen, dass diese ein Eingriff in die Entscheidungsgewalt der Unternehmen ist. Es mag in der Tat in Einzelfällen zu Ungerechtigkeiten kommen, beispielsweise weil betroffene Unternehmen nicht schnell reagieren und Frauen in Vorstandspositionen bringen können.

Wenn 51% aller Bewerber(m/w/d) Frauen wären, aber nur 30% aller, die die Stellen kriegen, wäre eine Quote notwendig. Wenn der Anteil der Bewerberinnen niedriger ist als die angepeilte Quote, ist DAS die Ungerechtigkeit.

Hinzu kommt die Tatsache, dass sich eine Frauenquote auf drei ganz verschiedenen Ebenen positiv auswirkt.

Mehr Frauen in gefährlichen Berufen reduziert die Anzahl von Männern, die bei Arbeitsunfällen ums Leben kommen?

Das zeigt die überwältigende Mehrheit wissenschaftlicher Studien zu den Erfahrungen mit der Frauenquote in vielen anderen Ländern.

Link? Beleg? Nein? Ok.

Erstens ist die Frauenquote positiv für die Gesellschaft insgesamt, weil sie einen weiteren wichtigen Schritt hin zu Chancengleichheit bringt.

Chancengleichheit heißt, wie gesagt, bei x% Bewerberinnen kriegt x% die Posten. Das ist tatsächlich bei der FDP umgesetzt, wo ein Viertel aller Parteimitglieder weiblich sind und ein Viertel aller FDP-Mandate von Frauen besetzt werden.

Sie allein reicht sicherlich nicht aus, aber sie trägt dazu bei, die Diskriminierung zu reduzieren.

Kommt drauf an, wie man „Diskriminierung“ definiert. Ich sag’s nur.

Beispielsweise weil sie Unternehmen zwingt, Mitarbeiterinnen frühzeitig zu fördern und bestehende Hürden etwa bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus dem Weg zu räumen.

Oder, es kommen Frauen ohne Kinder in den Vorstand. Oder die Tochter vom Chef. Oder Frauen, die sich schon auf der mittleren Ebene mehr Kinderbetreuung leisten können.

Frauen in verantwortlichen Positionen sind auch enorm wichtig als Vorbilder für Mädchen und junge Frauen, sodass dies für sie den Rahmen der Möglichkeiten erweitert.

Ehrlich gesagt, wenn man nicht aus eigenem Ehrgeiz Karriere machen will, sollte man es bleiben lassen.

Zweitens ist eine Frauenquote positiv für die Unternehmen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Unternehmen mit einem ausgewogenen Management und einem hohen Maß an Diversität wirtschaftlich erfolgreicher und widerstandsfähiger sind.

Quelle? Beleg? Irgendwas?

 Das Managerinnen-Barometer des DIW Berlin hat Anfang dieses Jahres zudem ergeben, dass Unternehmen, die in den vergangenen Jahren erfolgreich die Frauenquote für Aufsichtsräte umgesetzt haben, gleichzeitig auch mehr Frauen in ihre Vorstände gebracht haben.

Ja, wer hätte das gedacht. Warum nicht einfach eine Frauenquote in Aufsichtsräten vorschreiben, dann kommt die in den Vorständen vllt. von alleine? Aber ja, das, was er verlinkt, ist nicht das, was er belegen will.

Und drittens ist eine Frauenquote gut für jeden einzelnen Menschen – und zwar nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer.

Weil es gerechter ist, wenn das ausbeuterische Großkapital weiblich ist?

Umfragen und Studien zeigen, dass sich eine Mehrheit der Männer mehr Gleichstellung und Chancengleichheit wünscht.

Wie gesagt, damit ist nicht unbedingt gemeint, was behauptet wird – es doppelt so viele männliche Konkurrenten gibt wie Konkurrentinnen, aber am Ende alle Konkurrentinnen und dur die Hälfte der Männer einen Posten kriegen, ist das keine Chancengleichheit.

Auch Männer wollen, dass ihre Partnerinnen gesund und zufrieden eine erfüllende Karriere verfolgen können. Sie wollen genauso mehr Aufgaben in der Familie mit ihren Partnerinnen teilen, wie Frauen dies wollen.

Wenn ich mit einer Frau im Vorstand eines DAX-Konzernes verheiratet bin, arbeite ich nur noch, wenn ich Lust habe. D’oh.

Statt darüber zu spekulieren, ob eine Frau nun eine Quotenfrau ist oder nicht, sollten wir vielmehr darüber diskutieren, ob und wer von uns Männern ein Quotenmann ist.

Was muss man sein oder können, um bei der Zeit Kommentare schreiben zu dürfen?

Oder ob wir es letztlich nicht alle sind, uns dessen aber nicht bewusst sein wollen, weil wir unsere Privilegien schon seit Jahrhunderten genießen.

Wie viele Männer hätten gerne anstelle von Herrn Fratzscher diesen oder einen ähnlichen Artikel geschrieben, und wie viele Frauen?

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