Die Gewalt

War ja klar.

GEWALT IN ZEITEN VON CORONA

Vor wenigen Wochen wurde in Deutschland die BKA-Statistik zur häuslichen Gewalt im Vorjahr, sogenannter Partnerschaftsgewalt, veröffentlicht – begleitet von den üblichen, selten lange andauernden Berichten in den Medien, die dieses Problem aufgreifen: 2019 wurden 141.792 Menschen Opfer häuslicher Gewalt – davon 81 % Frauen.

Was die Medien selten überhaupt aufnehmen, sind die Dunkelfelduntersuchungen. Dass nicht jedes Gewaltopfer direkt zur Polizei geht oder sich sonstwem anvertraut, ist sicher wahr und bestimmt ein Problem. Gegenteiligen Narrativen zum Trotz kann eine Frau, die Opfer häuslicher Gewalt wird, sich relativ sicher sein, dass ihr geglaubt wird. Ein Mann hingegen kann sich ziemlich sicher sein, dass ihm nicht geglaubt wird. Das Amber-Heard-Zitat. Ergo sind männliche häusliche-Gewalt-Opfer deutlich stärker entmutigt, darüber zu reden, als weibliche. Und deshalb ist das runde Fünftel der bekannten Fälle mit männlichen Opfern eher nicht die Realität, sondern ein Narrativ, was hier natürlich wieder verbreitet wird.

81 % Frauen. Das ist knapp ein Prozent mehr als noch 2018, in den letzten Jahren konnte ein kontinuierlicher Anstieg der Fälle beobachtet werden.

Im SZ-Artikel waren es 2018 auch 81 % Frauen, also nach offiziellen Zahlen. Oder, die meinen ein Prozent mehr Opfer als im Jahr davor. Mathe – so wichtig. Jedenfalls zitiert die SZ:

 „Allerdings scheint auch die Partnerschaftsgewalt zum Nachteil männlicher Personen von zunehmender Relevanz zu sein. Indiz dafür ist die (fast kontinuierliche) Steigerung der Anzahl männlicher Opfer der letzten Jahre.“

Weiter mit pinkstinks:

Und dabei sind das nur Zahlen aus Kriminalstatistiken – während ein Großteil der Fälle nie zur Anzeige kommt, sodass mit einer erheblichen Dunkelziffer gerechnet werden kann.

Tja. Man muss kein Mathegenie sein, sondern eher ein Mensch von der empathischen Sorte, um erkannt zu haben, dass das „Dunkelzifferargument“ ein Knieschuss für die ganze Argumentationskette ist. Nebenbei sind Leute, die es jedesmal verächtlich machen, wenn Gewalt gegen Männer thematisiert wird, ein Grund für die unterschiedlich hohen Dunkelziffern.

Wir tendieren dazu, uns solche großen Zahlen schlecht vorstellen zu können

Ja, die gute alte: „Wir sind empathisch, nicht mathematisch“-Ausrede.

Alle 45 Min. wird in Deutschland eine Frau Opfer einer vollendeten oder versuchten Körperverletzung in ihrem häuslichen Umfeld. Alle drei Tage wird eine Frau von ihrem Partner oder Expartner getötet.

Jeden Tag sterben ein bis zwei Männer an Arbeitsunfällen.

Für 2020 gibt es noch keine Zahlen, aber die Prognose ist beunruhigend.

Für wen jetzt?

Umfragen während des Corona-Lockdowns im März und April ergaben, dass die Beratungskontakte bei Hilfstelefonen um ca. 20 % gestiegen sind.

Tja, vllt. ist auch einfach die Dunkelziffer kleiner geworden? Wäre doch toll.

Dass der Lockdown zu einem weiteren Anstieg der Gewaltfälle führte, verwundert nicht, stellt doch ihr eigenes Zuhause für gewaltbetroffene Frauen oft den gefährlichsten Ort dar.

Wenn man keinen gefährlichen Beruf hat, kann das sein. Aber ist natürlich auch so eine Tautologie: Für Betroffene von häuslicher Gewalt ist das Haus der gefährlichste Ort. Für Opfer von Verkehrsopfern der Straßenverkehr. Und so weiter.

Eine Botschaft, die dabei selten transportiert wird, ist, dass häusliche Gewalt sich nicht in einem luftleeren Raum ereignet, sondern in einer Gesellschaft, die Frauen weiterhin strukturell diskriminiert und Täterverhalten entschuldigt oder dieses durch die Eröffnung von Schutzlücken sogar ermöglicht.

Wenn die Gesellschaft das unterstützt, dann würde ein Mann, der in der Öffentlichkeit eine Frau angreift, Unterstützung kriegen, oder? Und wenn er von einer Frau angegriffen wird, ebenfalls, richtig? Macht doch mal den Test. Also, mit Schauspielern. (m/w und so)

Ein Beispiel für einen strukturell bedingten Grund, der Frauen dazu veranlasst, sich weiterhin gewalttätigen Beziehungen auszusetzen, ist die wirtschaftliche Abhängigkeit von ihrem Partner.

Das ist nicht die Schuld der Gesellschaft. Es ist möglicherweise die Schuld des Partners, aber nicht die der Gesellschaft.

Frauen arbeiten in Deutschland aktuell häufiger in Teilzeit, weil sie Kinder oder Angehörige pflegen und damit einen Großteil der unbezahlten Care-Arbeit auf sich nehmen.

Wenn es konkret Kinder oder sonstige Abhängige gibt, wäre die Bereitschaft, einfach abzuhauen, selbst dann noch sehr gering, wenn man sich das finanziell leisten kann. Hängt natürlich beides zusammen.

Dies verschärfte sich durch die Corona-Bedingungen – nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung wandten Mütter in den Lockdown-Monaten im März und April 2020 für die Betreuung von ihren Kindern unter 11 Jahren durchschnittlich 9,6 Stunden pro Werktag auf

Kann sein, aber da in der Corona-Krise viele männerdominierte Branchen Einbrüche haben, sollte die finanzielle Abhängigkeit doch geringer werden. Wenn der Mann pleite ist, kann man nicht mehr von ihm finanziell abhängig sein.

Außerdem sind Berufe, die typischerweise von Frauen ergriffen werden, oft schlechter bezahlt

Aber dafür krisenresistenter. Was müsste eine Krankenschwester anstellen, um JETZT die Kündigung zu kassieren? Also ist es momentan eher die Krankenschwester, die ihren Brutalo-Solo-Selbstständigen (seit Mai ohne Einkünfte) über Wasser hält. Aber wahrscheinlich heißt es dann, das seine Abhängigkeit sie davon abhält, Schluss zu machen, weil Frauen ja so empathisch seien. Irgendwas ist immer.

kumulativ führen diese Bedingungen dazu, dass Frauen in Deutschland im Durchschnitt noch immer 20 % weniger verdienen als Männer.

Ja, das. Es ist in D. aber durch verschiedene Gesetze und Vorschriften möglich, dass Frauen Berufe ergreifen, die sie ohne fremde Hilfe ernähren. Dass eine Frau tatsächlich keinen geeigneten Job findet, und deshalb nicht wegrennt, kann natürlich trotzdem vorkommen, aber das sind dann Ausnahmen und nicht Schuld von Staat und Gesellschaft.

Ich erlebe häufig, dass Ratsuchende zu mir kommen, die in einer gewalttätigen Beziehung leben – sich aber nicht trauen, den Schritt zu einer Trennung zu machen, weil sie Angst haben, sich diese finanziell nicht leisten zu können.

Moment, Ratsuchende. Sind das jetzt die Männer oder die Frauen, die Angst haben, sich eine Trennung nicht leisten zu können?

Hinzu kommt, dass in solchen Beziehungen nicht selten der Partner die Teilhabe der Frau an der Gesellschaft verhindern will

Jaaaaa, der Partner die Frau mal wieder. Aber inwieweit ist es die Schuld der Gesellschaft, wenn die gewalttätige Hälfte der Beziehung der anderen die Teilnahme an dieser Gesellschaft erschwert oder verunmöglicht?

Frauen, die sich in einer solchen Situation befinden, haben dann die Wahl zwischen der Gefahr der gewalttätigen Beziehung oder dem Abrutschen in Armut.

Und Männer haben die Wahl zwischen der gewalttätigen Beziehung und der, dass man ihnen die Schuld zuweist, in der klassischen Opfer-Täter-Umkehr.

 Ich möchte den Blick auf die Istanbulkonvention lenken: Hierbei handelt es sich um ein Völkerrechtsabkommen des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen

Aber nicht gegen Männer, was generell sexistisch ist.

So schreibt die Istanbulkonvention beispielsweise vor, dass flächendeckend ausreichende Plätze in Schutzeinrichtungen zur Verfügung gestellt werden. Nach einer Schätzung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages von 2019 fehlen jedoch in Deutschland knapp 15.000 Plätze in Frauenhäusern.

Hm, in Männerhäusern fehlen noch viel mehr Plätze. Vllt. kümmern uns wir erst darum.

Eine Frau, die sich von einem gewalttätigen Partner befreien will, hat  über die genannten Hürden hinaus zudem damit zu kämpfen, dass ihr Leid nicht ernst genommen oder ihr sogar die Schuld für das Verhalten des Täters gegeben wird.

Ja, umgekehrt aber auch. Also, ich will das Thema ja nicht schönreden, aber in Hinblick auf Täter-Täterinnen-Umkehr ist doch die Gleichstellung bereits bestens umgesetzt. Jetzt ist Ergebnisgleichheit eigentlich nicht ganz das Ideale, aber das stört sonst doch auch keine.

Wenn ich aus meinem beruflichen Alltag twitter und von Mandantinnen berichte, die Gewalttaten von ihrem Partner erleiden, erhalte ich Kommentare wie: „Aber es gibt auch Gewalt gegen Männer, weshalb berichtest du nicht darüber?“

Wenn man NUR über Gewalt gegen Frauen berichtet, kommt man in den Verdacht, parteiisch zu sein.

In Deutschland sind jedoch über 80 % der Betroffenen von häuslicher Gewalt Frauen und in meinem Beruf habe ich fast ausschließlich mit diesen zu tun.

Das erste ist etwas, was auf einer sehr wackeligen Annahme beruht, nämlich die, dass es bei beiden Geschlechtern dieselbe Dunkelziffer gäbe. Es gibt keinen Grund, warum das so sein sollte, und auch keinen, warum die bei Männern kleiner sein sollte. Das zweite könnte ein Artefakt der Messung sein – wer sich nur mit Gewalt gegen Frauen befasst und Gewalt gegen Männer nur, wenn soe darauf angesprochen wird, zeigt damit, dass soe er sich nicht für Gewalt gegen Männer interessiert. Wieso sollte man dann entsprechende Mandanten kriegen?

Wenn daher unter meinen Beiträgen regelmäßig über Gewalt gegen Männer gesprochen wird, wird damit das reale Problem kleingeredet, von dem ich eigentlich berichte.

Wenn jemand männliche Opfer als Mandanten hat und darüber berichtet, wie lange würde es dauern, bis jemand: „Aber die Frauen!einself!“ postet? Wenn das nicht länger ist als im umgekehrten Fall, ist das nicht auch kleinreden? Und wieso muss man als Anwältin sich auf ein Geschlecht festlegen? Als Ärztin, ok, aber als Mandantin?

Ich kann daher nur abschließend dafür appellieren, das Problem von Gewalt gegen Frauen als solches anzuerkennen, es ernst zu nehmen und regelmäßig, nicht nur alljährlich im November zur Veröffentlichung der BKA-Statistik, darüber zu berichten.

Es wird überproportional viel über Gewalt gegen Frauen berichtet. Fast nie über Gewalt VON Frauen.

wahrscheinlich hat also jede*r von uns sowohl Betroffene als auch Täter häuslicher Gewalt in ihrem*seinem persönlichen Umfeld.

Täterinnen aber natürlich nicht. Wenn man nicht an generische Maskulinum glaubt, kann das nur so gemeint sein und verstanden werden.

Ein Gedanke zu “Die Gewalt

  1. Wenn die Gesellschaft das unterstützt, dann würde ein Mann, der in der Öffentlichkeit eine Frau angreift, Unterstützung kriegen, oder? Und wenn er von einer Frau angegriffen wird, ebenfalls, richtig? Macht doch mal den Test. Also, mit Schauspielern. (m/w und so)

    Wurde bereits gemacht, you know. Ergebnis: Werden Frauen gewalttätig, passiert nix oder sie werden noch angefeuert. Wird ein Mann gewalttätig gegen eine Frau, wird eingegriffen. Das steht exemplarisch für die ganze Gesellschaft.

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