Warum es auch links keine „Gratiskultur“ geben sollte

Dieser Aufhänger ist Jahre alt. Und er soll eigentlich die Urheberrechtsfrage beleuchten. Dazu so viel: wenn ich als potentieller Kulturschaffender keine Möglichkeit habe, dass meine kulturschaffende Tätigkeit mir meinen Lebenunterhalt ermöglicht, habe ich zwei Möglichkeiten. Entweder, ich habe ein Einkommen, dass mir meinen Lebensunterhalt ermöglicht UND mir genug Zeit, genug Geld und/oder sonstige Ressourcen verschafft bzw. freihält, um Kunst und Kultur zu schaffen, oder, ich lasse es.

Der Aufhänger vergleicht das aber mit Busfahren, bzw. veranschaulicht das an folgenden Witz:

Es gibt einen uralten Witz, in dem Klein Fritzchen aufgeregt nach Hause kommt: „Mutti, Mutti, ich habe eine Mark [ja, so alt ist der Witz] gespart!“ Die Mutter fragt erstaunt, wie er das gemacht habe. „Ich bin von der Schule bis hier her dem Bus hinterher gelaufen“, sagt Fritzchen. „Schade“, antwortet die Mutter, „dass du nicht stattdessen einem Taxi hinterhergelaufen bist: Da hättest du zehn Mark sparen können.“

Der Witz geht auf Kosten der Mutter, nicht von Klein-Fritzchen. Offenbar ist der Bus so langsam oder man kann zu Fuß so gut abkürzen, dass Fritzchen ihm „hinterher laufen“ kann. Weiterhin, der Bus fährt tatsächlich regelmäßig in Richtung nach Hause; die Wahrscheinlichkeit, dass ein Taxi genau dieselbe Route nimmt, ist eher gering. Wenn Klein-Fritzchen so schlau ist, wie Leute es in solchen Witzen nun mal sind, wird er demnächst einem Taxi stundenlang kreuz und quer durch die Stadt folgen, weil seine Mutter ihm das gesagt hat.

Das wichtigste aber: Die Mark hat sie ihm gegeben, damit er damit nach Hause fährt. Man kann nur sparen, was man hat. Also kann er nur eine Mark gespart haben.

Spinnen wir den Witz aus der Sicht des hypothetischen Busfahrers weiter. Der kommt in die Zentrale und murrt: „Mist, wir haben gerade eine Mark Verlust gemacht.“ „Wie das?“ fragen die Kolleg/innen. „Dieser gemeine Fritz ist Schuld,“ sagt der Busfahrer. „Er ist neben dem halbleeren Bus hergelaufen, statt einzusteigen.“ „Nur gut, dass Fritz alleine war“, merkt eine Kollegin an. „Stell dir vor, der hätte zehn Freunde dabei gehabt, dann hätten wir zehn Mark Verlust gemacht.“

Esrtens, wieso Freunde und nicht Freund/innen. Zweitens: 1+10=11. Drittens: wenn man als ÖPNV so langsam ist, dass Kinder zu Fuß da mithalten können, ist der „Mehrwert“, den der ÖPNV anbietet, tatsächlich vernachlässigbar, und man hat eigentlich keinen Grund zu murren. Die Dienstleistung ist, dass Fritzchen schneller zu hause ist. Wenn das offenbar nicht funktioniert, tja.

Was diese Gespräche über das Sparen und den Verlust gemeinsam haben, und worauf der (zugegeben ermüdete) Witz beruht, ist natürlich, dass die Summen, mit denen hier hantiert wird, völlig fiktiv sind.

Nein. Der Busfahrer – bzw., das Busunternehmer – will 1 Mark haben, der Taxifahrer 10. Klein-Fritzchen hat ein Budget von einer Mark, das er nicht aufbraucht. Da er sich ein Taxi gar nicht leisten könnte, ist die Behauptung von 10 DM gespart zu haben, illusorisch, aber nicht fiktiv. (Bzw., die ganze Geschichte ist sowieso fiktiv, aber diese Beträge sind nicht fiktiver als Klein-Fritzchen.)

Fritz hatte ja nie vor, den Bus zu nehmen, und deshalb hat er weder gespart, noch irgendjemandem einen Verlust beschert.

Jein. Fritz hatte zu irgendeinem Zeitpunkt die Entscheidung getroffen, zu Fuß zu gehen. Sein Gewinn ist aber nicht notwendigerweise der Verlust der Busgesellschaft. Erstens, weil sie bestimmt nicht mit der einen Mark von dem einen Jungen kalkuliert hat, und zweitens – und DAS ist jetzt ein grundlegender Unterschied zu Kunstschaffenden, die tatsächlich Geld verdienen wollen – das Busunternehmen soll keinen „Gewinn“ machen. Bzw., es soll sich schon finanzieren, aber ÖPNV dient der Daseinsvorsorge. D.h., es ist eine öffentliche Aufgabe, die bestimmten Dienstleistern übertragen wird. Die ihrerseits jeweils eine Monopolstellung haben; in jedem Verkehrverbund sind die Preise einheitlich, also könnte Fritzchen kein Geld sparen, indem er bspw. einen anderen Bus nimmt. Diese konfortable Stellung des Busunternehmens verstößt nicht gegen das Kartellrecht, weil das Busunternehmen nicht dem freien Markt unterworfen sein soll. (Sonst würde es bestimmte Strecken schnell mal stilllegen.)

Warum ist das wichtig? Weil es darüber entscheidet, WEM Fritzchen einen Schaden zufügt, wenn…

Fritz eingestiegen und mitgefahren wäre, ohne dafür zu bezahlen, hätte er nichts gespart, und die Busgesellschaft hätte keinen Verlust gemacht.

Nuuun, auch WENN die Busgesellschaft ein rein kapitalistisches Unternehmen wäre, und Klein-Fritzchen ein sozialistischer Anarchist, der sich bloß gegen die Marktwirtschaft auflehnt, wäre das nicht wahr, weil mittelfristig dieses Verhalten das Geschäftsmodell zerstört, sofern sich das Unternehmen nicht wehrt. Aber hauptsächlich, weil Fritz die Mark, die er hat, aber nicht ausgibt, spart. Zzgl. des Zeitgewinnes, wenn er per Bus im Unterschied zum Beispiel schneller irgendwohin käme.

Gegentest: angenommen, Klein-Fritzchen hätte eine Monatskarte, aber verzichtet – und sei es der sportlichen Herausforderung wegen – auf die Beförderung mit dem Bus, die er bzw. seine Mutter schon bezahlt hätte. Ist das ein Nachteil für ihn bzw. seine Mutter? Ja, weil sie Geld für etwas ausgeben, was sie nicht erhalten. Freiwillig nicht erhalten, aber dessenungeachtet. Ist das ein Vorteil für das Busunternehmen? Auf jeden Fall. Jede Person(m/w/d/j) hat einen Vorteil, wenn sie Leistungen erhalten ohne Gegenleistung.

Denn der Bus fährt mit oder ohne Fritz, und die Kosten hängen nicht davon ab, ob Fritz mitfährt oder nicht.

Und das ist falsch, auch wenn der Bus kein Kapitalist ist. Wenn eine hinreichend große Anzahl von Fahrgästen(m/w/d) nicht bezahlen, macht das Unternehmen Verlust. Dann muss es die Preise erhöhen, d.h., die anderen Fahrgäste finanzieren Fritzchens Beförderung mit, oder die öffentliche Hand muss mehr zuschießen, d.h. der(m/w/d/j) Steuerzahler finanziert Fritzchens Beförderung mit (also mehr als sonst), oder, man ergreift Schutzmaßnahmen gegen Schwarzfahren. Die aber oft nicht kostendeckend sind. D.h., man ahnt es schon, wer anders bezahlt Klein-Fritzchens von-A-nach-B-Kommen. Ok, wenn man das will, kann man das machen. Leute, die in der jeweiligen Stadt wohnen, dürfen den ÖPNV gratis nutzen. Oder Schulkinder generell. Das IST dann Gratiskultur UND sozialistisch. Aber solange das nicht so ist, und die Fahrgäste einen Teil der Finanzierung tragen sollen, ist das eine Solidargemeinschaft und Klein-Fritzchen ist unsolidarisch, wenn er den Bus benutzt, ohne zu zahlen. Wenn er ihn einfach nicht benutzt, nicht. Oder jedenfalls nicht, wenn der Umsatz, den er erzeugt, keinen wesentlichen Teil der Gesamtkalkulation darstellt.

Wenn niemand mehr Bus führe, oder niemand mehr dafür zahlte, wäre das ein Problem.

Wenn niemand mehr Bus führe, würde man die Busgesellschaft auflösen. Wenn noch jemand Bus führe, und man das nicht komplett steuerseitig finanzieren will, hmmm…

Nun, man kann stichprobenartig Jagd auf Schwarzfahrer/innen machen. Das verursacht zusätzliche Kosten. Diese Kosten müssen erst einmal wieder hereingeholt werden.

Ist jetzt ein bisschen die Frage, wie man kalkuliert. Sollen die Strafen die Kontrollen finanzieren, oder reicht es, wenn Strafen und nicht-entgangene Einnahmen die Kontrollen finanzieren, beides vor dem Hintergrund, dass der ÖPNV nicht REICH werden soll, sondern kosten- und flächendeckend die Dienstleistung „Personentransport“ anbieten soll? Aber ja, eine Treibjagd auf schwarz Fahrende mit Hunden und Halali ist vermutlich zu teuer. Främing macht Spaß.

Oder man zwingt die Fahrgäste, vorne einzusteigen und lässt die Busfahrer/innen die Fahrausweise kontrollieren.

Tja, wenn man nur vorne einsteigt und nur hinten aussteigt, ist das organisatorisch gar nicht SO schlimm. Aber natürlich ist es eine Zumutung zu beweisen, dass man ehrlich ist.

Das macht das Einsteigen quälend langsam und das Busfahren weniger komfortabel, sodass die Kundschaft wegbleibt.

Wenn die Busse zu 90% gefüllt sind, sinkt der Komfort auch. Die Kundschaft wird aber sehr subventioniert.

Oder man erhöht die Strafen für diejenigen, die erwischt werden, drastisch, um auf diese Weise die Abschreckungswirkung zu erhöhen.

Ja, aber eine hohe Chance, erwischt zu werden, bei mittlerer Strafe, ist meist abschreckender als eine geringe Chance, erwischt zu werden, in Verbindung mit einer hohen Strafe.

Das Problem: Diejenigen, die sich den Fahrpreis für einen Bus nicht leisten können oder wollen, werden sich davon nicht abschrecken lassen, …

Wer soll sich das nicht leisten können? Es gibt Monatskarten, Semestertickets, Sonderrabatte für Schüler und Rentner? Bleiben die, die das nicht WOLLEN.

… aber diejenigen, die immer einen Fahrschein lösen, sehen sich unter einen befremdlichen Generalverdacht gestellt.

Hach Gottchen, ja. Solidargemeinschaft. Ein Mitglied einer Solidargemeinschaft hat ein Interesse daran, dass die Solidarität erwidert wird, und wird deshalb einsehen, dass die eigene Mitgliedschaft abgefragt wird.

Die Befremdlichkeit wird dadurch verstärkt, dass die Schwere der Schuld (die, da kein echter Schaden entsteht, sehr gering ist) und die Schwere der Strafe in keinem Verhältnis zueinander stehen. Am Ende hat die Busgesellschaft nichts erreicht, außer einem Imageschaden – und natürlich halbleeren Bussen.

Jaa, das wird der Grund sein. Ich persönlich habe seit Jahren kein Monatsticket mehr und fahre auch nicht mehr mit dem Bus, weil ich das Auto praktisch nur beruflich brauche, aber da auch wirklich BRAUCHE, und zum Einkaufen oder ins Kino komme ich auch zu Fuß. Aber ja, die böse Busgesellschaft, die nicht will, dass jemand gratis Leistungen erhält, die u.a. mit meinen Steuergeldern querfinanziert werden. Mit meinen.

Das Beispiel (das ja keineswegs unrealistisch ist, denn genau so verhalten sich Verkehrsbetriebe oft) zeigt, dass selbst beim Busfahren die Metapher des Kaufens und Verkaufens von Eigentum nicht richtig funktioniert.

Nein, natürlich ist. Ich als Gast bezahle keine Ware, die in mein Eigentum übergeht, sondern eine Dienstleistung. D’Oh. Aber da diese Dienstleistung nicht vom Gast allein, sondern von der Gemeinschaft finanziert wird, bezahle ich (zu einem anteilig geringen Beitrag, aber immerhin), die ganze Chose mit, und deshalb ist der folgende Satz falsch:

Wenn ich im Supermarkt einen Apfel mitnehme, ohne zu bezahlen, kann der Apfel nicht mehr verkauft werden. … Wenn ich mich aber auf einen leeren Platz im Bus setze ohne zu bezahlen, würde das nur dann einen finanziellen Verlust bedeuten, wenn ich damit jemandem den Platz wegnehme, der dafür bezahlt hätte.

Ich bezahle dem Platz aber mit, ohne ihn zu benutzen. Weil das so ist, möchte ich, dass die Person, die den Platz tatsächlich benutzt, nicht die Busgesellschaft und MICH betrügt. Und ja, ein zu Unrecht benutzter, steuer-querfinanzierter Platz tut mir nicht weh, aber in der Masse.

Nebenbei, der Supermarkt kalkuliert Diebstähle ein und legt das auf die Preise um, so dass die ehrlichen Kunden die Diebe finazieren. Muss man auch nicht toll finden.

Während Supermärkte also darauf achten müssen, dass ihnen niemand ihre Äpfel stiehlt, sollte das Busunternehmen sich darauf konzentrieren, zahlende Fahrgäste anzulocken.

Naja, das ist tatsächlich eine gute Idee, aber der Preis ist tatsächlich deutlich niedriger, als er eigentlich sein müsste, wenn die Kosten des Unternehmens komplett damit finanziert werden müssten. Bei einer Sache, die zwar nicht geschenkt, aber schon sehr günstig ist, wegen „Befremdlichkeit“ zu maulen, ist schon etwas fragwürdig.

Bei der Verteilung von Immaterialgütern entsteht nur dann ein finanzieller Schaden, wenn sich jemand ein Album, den Film, das Buch usw. kostenlos herunterläd, für den er/sie eigentlich bezahlt hätte.

Hmm, Fritzchen hätte den Bus ja hoffentlich bezahlt, wenn er ihn benutzt hätte. Bzw. seine Mutter könnte die Mark wiederhaben wollen, die sie ihm gegeben hat, um mit dem Bus pünktlich zu hause zu sein. (Drittens, wenn ich eine Album kostenlos herunterlade, und dann wahrheitswidrig behaupte, dass ich nichts dafür bezahlt hätte, ist der fehlende finanzielle Schaden einfach gelogen…)

An der Stelle kommt häufig der Einwand, dass es aber nicht einzusehen sei, dass jemand etwas kostenlos bekommt, für das andere bezahlen müssten.

Wieso „häufig“? Immer. Aber das ist hier gar nicht das Argument. Wenn die Busgesellschaft oder die Politik sagen: „Kinder wie Klein-Fritzchen sollen umsonst fahren dürfen, weil Kinder problemlos zur Schule oder auf den Spielplatz kommen sollen.“, wäre das die eine Sache. Solidarität mit Menschen mit eigenem Einkommen. Eine andere Sache wäre, wenn die Solidarität so groß ist, dass die eigentliche Benutzung des ÖPNV unentgeltlich ist – nicht kostenlos – weil nämlich die Dienstleistung von der öffentlichen Hand bezahlt wird. Solange das aber beides nicht so ist, stellt sich die Frage, warum jemand etwas gratis bekommt, was jemand anderes bezahlt.

Aber mit diesem Argument verlassen wir den rationalen Boden der Wirtschaftlichkeitsdiskussion und begeben uns in eine ausschließlich neidgesteuerte Ethikdebatte.

Das ist der Nachteil an Solidarität – wenn man die Solidarität anderer Menschen nutzt, kommt die Frage, ob man sie vllt. ausnutzt. Daumenregel: je weniger man von der Solidarität anderer abhängig ist, desto besser.

Wer das will, soll es offen zugeben und versuchen, sich damit Freunde zu machen.

Jaaa, da geht es ums Urheberrecht und nicht um den ÖPNV, aber ÖPNV ist der Aufhänger. Und ich bin nicht auf Schwarzfahrer neidisch, aber ich halte Schwarzfahren für unethisch. Das wäre übrigens auch so, wenn ich keine Steuern zahlen würde, nebenbei.

Mich verliert er an diesem Punkt: Wenn ich etwas haben will, ist es mir einen Preis wert, der von der Stärke meines Habenwollens abhängt, und nicht davon, ob und was andere dafür zahlen.

Eigentlich ist das sogar mehrfach falsch. Wenn es Menschen gibt, die für eine Sache deutlich mehr geben, als ICH bereit wäre zu zahlen, warum sollte man mir die Sache zu einem geringeren Preis geben? Selbst WENN die Sache quasi unendlich oft herstellbar wäre, könnte ich die Sache kaufen und den anderen Käufern(m/w/d/j) zu einen geringeren Preis verkaufen als den, den sie zu zahlen bereit wären. Weiterhin, im Zusammenhang mit Leistungen der Grundversorgung, sollte es nicht darum gehen, was jemand bereit ist zu zahlen, sondern darum, dass niemand mehr zahlt als nötig.

Wobei jetzt das „nötig“ auch diskutierbar ist, aber Angebot-und-Nachfrage sollten hier genau nicht der Mechanismus sein. Und daher sollte man auch von einem linken Standpunkt, der die Gesellschaft als Solidargemeinschaft und nicht als Jeder-gegen-jeden auffasst, darauf achten, dass die Regeln eingehalten und notfalls durchgesetzt werden.

Ein Gedanke zu “Warum es auch links keine „Gratiskultur“ geben sollte

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