Intersektional oder nicht?

Weil die hier ihre eigene Theorie nicht zu Ende denken.

Die Idee ist, dass sich unterschiedliche Diskriminierungen aufaddieren. Wenn bspw. Schwule mehr Hass abkriegen als Lesben, liegt das daran, dass Männer mehr Hass abkriegen als Frauen, Homosexuelle mehr als Heteroas, und daher Schwule mehr als Lesben oder als Heteros. Die Idee ist nicht, dass in Ixismus auch Ypsismus steckt. (Oder wenn doch, dann wurde das sonst immer falsch erklärt, einschließlich von Pinkstinks selbst.)

Eine Diskriminierung kommt selten allein! Menschen sortieren andere Menschen gern in Schubladen.

Wenn ich sage, Fantasy ist was anderes als SF, heißt das, dass ich Fantasy besser finde als SF, oder SF besser als Fantasy, oder dass ich das nicht unterschiedlich bewerte, sondern bloß unterschiedlich schubladisiere?

Das mag uns bei der Orientierung in der Welt helfen, leider übersehen wir dadurch aber auch oft Probleme, die die Zugehörigkeit zu mehreren Schubladen mit sich bringt.

Niemand zwingt jemanden, die Schubladen auch noch mit gut-schlecht-Etiketten zu versehen. Und zumindest bei Behinderungen sind Schubladen nicht verkehrt, denn es ist explizit erlaubt, Menschen auf Grund einer Behinderung zu bevorzugen.

Einige Menschen erfahren mehrere Arten der Diskriminierung, die sich überschneiden. Diese Kombination von z.B. Sexismus und Ableismus führt dann zu sehr individuellen Diskriminierungserfahrungen. 

Ja, wenn das so ist, heißt das eben nicht, dass Sexismus in Behindertenfeindlichkeit steckt oder umgekehrt. Bzw., man kann über die individuelle oder strukturelle Benachteiligung von Blinden oder Querschnittsgelähmten reden, ohne eine Geschlechtergeschichte daraus machen. Aber nicht hier.

So machen Frauen und weiblich gelesene Personen mit Behinderung andere Diskriminierungserfahrungen als Männer mit Behinderung oder nicht-behinderte Frauen und weiblich gelesene Personen

Eine fehlende Rollstuhlrampe behindert männliche Rollstuhlfahrer genauso hart wie Rollstuhlfahrerinnen. Außerdem: heißt „andere“ jetzt „schlimmere“ oder „weniger schlimme“? Drittens: tut mal für einen Moment so, als habet Ihr eine Leseschwäche, und lest den obigen Satz nochmal. (Ist ein bisschen unfair von mir insofern, als dass ich selbst nicht auf einfache Satzkonstruktionen achte, aber Barrierefreiheit in Hinblick auf Lesbarkeit ist schon ein Argument gegen „geschlechtergerechtere“ Sprache.

Sexismus trifft auf Ableismus.

DAS wäre auch eine bessere Überschrift.

Ableismus benennt die Diskriminierung von behinderten Menschen.

Eigentlich bezeichnet es sie. Benennen wäre die Handlung der Person, die das Wort verwendet. Wie wird „Ableismus“ eigentlich ausgesprochen?

 Das Wort kommt aus dem Englischen und ist abgeleitet von „to be able to“ – also „fähig” oder „in der Lage zu etwas sein”.

Wer so gut englisch spricht, dass er weiß, wie man „able“ ausspricht, weiß auch, was das Wort bedeutet. Nebenbei, was wäre dann Anti-Ableismus? Diskriminierung von Menschen ohne Behinderung?

Nicht-Behindert-Sein gilt als gesellschaftliche Norm – und alles, was ihr nicht entspricht, wird abgewertet, stigmatisiert und ausgegrenzt.

Etwas, was die ganz überwiegende Mehrheit ist, als „Norm“ zu betrachten, ist ja nicht allzu falsch. Aber, ehrlich gesagt, die Diskriminierung von Behinderten fängt schon niederschwelliger an als bei Abwertung.

Sprüche oder Fragen wie „Kannst du eigentlich Sex haben?“ sind nur ein Beispiel für Grenzüberschreitungen durch Mitmenschen.

Typische Antworten wären: „Jetzt gleich?“, „Lad‘ mich doch erstmal zu einem Kaffee ein!“ oder „Grundsätzlich schon, aber nicht mit Dir.“ Ist schon eine etwas komische Art der Small-Talk-Führung, keine Frage.

 Und auch strukturelle Diskriminierung zieht sich durch beinahe alle Lebensbereiche – etwa, wenn Rollstuhlfahrer*innen eine Bahnfahrt 24 Stunden vorher anmelden müssen, nur zu bestimmten Tageszeiten reisen dürfen und somit nicht kurzfristig irgendwo hinfahren können.

Oder genau das Gleis, an dem man ankommt, hat keinen Aufzug. Weil: Gründe. Aber sowohl die Fragen zum Sex als auch die Zugprobleme treffen Männer wie Frauen gleichermaßen.

Das Problem ist unsere Gesellschaft bzw. sind die gesellschaftlichen Strukturen, die Menschen behindert.

Der fehlende Aufzug ist keine gesellschaftliche Struktur, sondern eine technische. Ähnliches gilt für für die hellen Streifen für Menschen mit Sehbehinderung. Bzw., ja, es gibt auch gesellschaftliche Probleme, aber die bisherigen Beispiele sind tatsächlich derartig geschlechtsneutral, dass die Intersektionalität nicht bewiesen ist.

Das Bundesfamilienministerium hat 2012 zum ersten Mal gezielt Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen zu ihrer Lebenssituation, Belastung und ihren Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen befragt. 

Ahhh, das klingt ja nach Forschung. Wie groß ist eigentlich der Frauenanteil bei Menschen mit Behinderung?

Dabei kam unter anderem heraus, dass die Befragten im Laufe ihres Lebens „allen Formen von Gewalt deutlich häufiger ausgesetzt waren als Frauen im Bevölkerungsdurchschnitt“.

Das ist etwas, was ich traurigerweise glaube. Auch wenn „alle Formen von Gewalt“ mal wieder so ein Kaugummibegriff ist. Aber nun gut! Jetzt fehlen, um die Vergleichbarkeit herzustellen, dieselben Zahlen für Männer im Bevölkerungsdurchschnitt und für Männer mit Behinderungen.

Vor allem gehörlose, blinde und Frauen mit psychischen Erkrankungen sind laut der Studie betroffen.

Und, sind das jetzt mehr als nicht-behinderte Männer? Mehr als doch-behinderte Männer? Weniger als eine dieser Gruppen, aber mehr als die andere? Wieviel?

Die Bandbreite der Erfahrungen reicht von Beleidigungen, Demütigungen, Benachteiligung, Ausgrenzung, Unterdrückung bis zu Drohung, Erpressung, Psychoterror und körperlicher sowie sexualisierter Gewalt.

Ok. Ist alles Scheiße, hat kein Mensch verdient. Aber offenbar gibt es keine Vergleichszahlen. Weswegen der Intersektionalismus hier keinen Beleg findet.

Die Täter*innen kommen nicht selten aus dem Umfeld, zum Beispiel der*die Partner*in. Aber auch Fremde werden übergriffig.

Ok. Bzw., alles andere als OK, aber was hat das jetzt mit Intersektionalismus zu tun?

Anlass für ihr Verhalten ist dabei meist die Geringschätzung der betroffenen Person  – nicht nur als Frau, sondern als behinderte Frau. Zum Beispiel, wenn Männer sie sexistisch und ableistisch ansprechen und so tun, als sollten behinderte Frauen auch noch dankbar sein, dass sie jemand belästigt. 

„Tut mir Leid, aber da wird nichts laufen!“ – „Wegen Deiner Behinderung?“ – „Wegen meiner Selbstachtung!“ Geringschätzung ist sicher ein Faktor, aber wenn man ausschließlich Frauen mit Behinderungen nach ihren Gewalterfahrungen fragt, ist das natürlich auch eine gewisse Geringschätzung männlichen Behinderten gegenüber.

Behörden wie Polizei und Gerichte nehmen die Beschwerden behinderter Frauen, die Gewalt erlebt haben, zu oft nicht ernst.

Aber von behinderten Männern schon, soll das das heißen? Ich habe, mit Verlaub, gewisse Restzweifel.

Doch nicht jede Behinderung, Beeinträchtigung oder chronische Erkrankung ist gleich. 

Aber jede Binsenweisheit ist trivial.

„Die Heraushebung ‚der Frauen‘ suggeriert ein einheitliches Problem, obwohl Frauen mit unterschiedlichen Behinderungen konfrontiert sind“, schreibt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes in einer Analyse.

Na, das hat die Antidiskriminierungsstelle da aber völlig falsch verstanden. Die Heraushebung der Frauen soll suggerieren, dass es Frauen bei ansonsten gleicher Art der Behinderung immer schlimmer geht als Männern.

„Die Situation der Diskriminierung aufgrund von Behinderung ist also immer mehrdimensional, doch reduziert geltendes Recht sie auf einen Sonderfall Frauen.“

Hmmm, wäre es nicht einfacher, die Aufteilung nach so schön gendergleichen Begriffen wie Querschnittsgelähmte, Sehbehinderte, geistig Behinderte und so weiter vorzunehmen?

 Frauen und weiblich gelesene Personen mit Behinderungen gelten als verletzlicher, weniger belastbar als behinderte Männer. Und zwar egal, ob im Leistungssport, bei der Arbeit oder im Privatleben. Das schränkt ein, bevormundet, entmutigt. Und muss aufhören.

Ist das so? Ohne belastbare Zahlen könnte man auch annehmen, dass, da Frauen mehr Mitleid erfahren als Männer und Behinderte mehr als Nichtbehinderte, behinderte Frauen mehr Mitleid erführen als behinderte Männer. Gegentest: können nicht-behinderte Frauen mit mehr oder mit weniger Mitleid rechnen als behinderte Frauen?

Wir alle müssen uns über Mehrfachdiskriminierung bewusst(er) werden … um ein kollektives Bewusstsein zu schaffen und dadurch Veränderungen anzustoßen. 

Ein kollektives Bewusstsein führt zur Auflösung des Individuums. Also besser nicht.

Betroffene Personen bevorzugen unterschiedliche (Selbst-)Bezeichnungen.

Ja, behindert ist man nicht, behindert wird man. Aber ich kann auch von „Erschossenen“ schreiben, statt von „erschossenen Menschen“, ohne dass jemand denkt: „Ach, erschossen wird man nicht, erschossen ist man?“

ERSTE-HILFE-BOX

Ganz komische Überschrift für das, was jetzt kommt – aber yäy, Liste!

Statt „an den Rollstuhl gefesselt” lieber „Person X sitzt oder benutzt den Rollstuhl oder ist im Rollstuhl unterwegs.”

Ok, das „gefesselt“ erzeugt wirklich sehr komische Bilder im Kopf.

Statt „Person X leidet an…” lieber „Person X hat die Behinderung ABC oder lebt mit Krankheit YZ”

Warum nicht „hat die Krankheit YZ“? Die Krankheit ist keine feste Beziehung.

Statt „Handicap oder gehandicapt” lieber „Behinderung, behindert”

Genau! Handicap hat man beim Golfen. Priveligierte Kackscheiße!

Statt „gesund oder normal vs. krank” lieber „nicht-behindert vs. behindert”

Tja. Dann ginge aber auch Behinderte und Nicht-Behinderte.

Statt „das Leben oder die Behinderung ‘meistern’“ lieber „mit der Behinderung leben”

Wenn man über diese verdammte Stufe kommt, kann man schon von „meistern“ sprechen, finde ich.

Statt „der*die Blinde*r” lieber „blinde Person” 

Was, wenn ich zufällig das Geschlecht der blinden Person kenne und benennen will, weil ich im späteren Verlauf mit „sie“ und „er“ unterschiedliche Individuen meinen werde?

Allzu betuliche Gönnerhaftigkeit ist eigentlich nichts, was irgendein Mensch braucht, mit Behinderung oder ohne, insofern ist der Teil ja ok. Aber den Teil hätten die auch haben können, ohne die zwei Drittel über „Behindertenfeindlichkeit ist schlimm, denn Frauen sind dabei am Meisten betroffen“ davor.

3 Gedanken zu “Intersektional oder nicht?

  1. Wie befragt man den eine blinde, gehörlose Psychopathein?

    Sollte das gehen: Ist es eine gute Idee, sonderlich viel auf deren Meinung zu geben? Die hat ja nun einen psychischen Schaden…

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  2. Man soll „behindert“ sagen? Ich dachte, das wäre Pfui Bäh?

    Ohne belastbare Zahlen könnte man auch annehmen, dass, da Frauen mehr Mitleid erfahren als Männer und Behinderte mehr als Nichtbehinderte, behinderte Frauen mehr Mitleid erführen als behinderte Männer. Gegentest: können nicht-behinderte Frauen mit mehr oder mit weniger Mitleid rechnen als behinderte Frauen?

    Der Empathy-Gap als Ursache struktureller Benachteiligung von Männern

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  3. „Nebenbei, was wäre dann Anti-Ableismus? Diskriminierung von Menschen ohne Behinderung?“

    — Nebenbei: Anti-Abelismus wäre dann Kainismus.

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