Happy Gender Empathy Gap Day (nachträglich)

Nein, das ist jetzt nicht der Tag, wo die Empathie von Männern aufgebraucht wäre, wenn Frauen das ganze Jahr über welche haben. Es ist auch nicht der Tag, an dem Empathie FÜR Männer aufgebraucht wäre, während Frauen das ganze restliche Jahr noch welche kriegen. Es ist (also, war gestern) dieser Tag.

Es wird ja oft beklagt, dass Wham oder auch AWM mangelnd eigener Benachteiligungen unfähig sind, sich in die Probleme benachteiligter Leute hineinzuversetzen, aber das gibt das Problem nur unzureichend wieder.

Erstens ist Empathie nicht (nur), sich in Menschen hineinzuversetzen, in deren Situation man ist oder war, denn das kann jede(r), sondern sich auch oder gerade die Fähigkeit, sich in Menschen hineinzuversetzen, deren Situation und Probleme man nicht aus eigener Erfahrung kennt, ist Empathie. D.h., manche Menschen haben welche und manche nicht, aber das hat dann eben nichts mit eigenen Erfahrungen zu tun.

Und zwotens, wer mit Empathie tatsächlich „gemeinsame Erfahrungen und Probleme“ meint, sollte man evt. eher „Solidarität“ als „Empathie“ dazu sagen.

Wenn man aber Empathie auf „gemeinsame, problematische Erlebnisse“ eingrenzt, folgt daraus, dass Empathie keine Einbahnstraße ist – wenn A dieselben Erlebnisse hat wie B, dann hat A Empathie zu B UND umgekehrt. Wenn A aber nicht dieselben Erlebnisse hat wie B, dann hat B auch nicht dieselben Erlebnisse wie A, und keiner hat Empathie für den anderen*.

Das andere Problem, was sich erst ergibt, wenn man Empathie hauptsächlich oder ausschließlich mit „problematischen Erlebnissen“ verbindet, ist, dass man für Menschen, denen es tatsächlich oder scheinbar gut geht, keine Empathie mehr haben kann. Natürlich auch keine braucht, wenn man damit „Solidarität“ meint, aber selbst wenn man wollte, es geht halt nicht.

Es gibt sicher Menschen, die Empathie weiter fassen als das, oder die Empathie und Solidarität als zwei völlig verschiedene Dinge betrachten, aber wenn man das nicht sauber trennt, kann man zu folgenden, falschen Schlussfolgerungen kommen:

  • Männer haben keine Probleme, also keine Empathie (außer höchstens mit anderen Männern, am besten AWM und am allermeisten mit anderen Wham)
  • weil sie außerhalb ihrer Peer-Group keine Empathie empfinden, entwickeln sie auch keine Solidarität außerhalb ihrer Peer-Group, also auch nicht mit mir, wenn ich da nicht zugehöre
  • weil sie keine Solidarität für mich haben, habe ich auch keine für sie

Was jetzt natürlich insoweit ok, als dass jeder Mensch sich seine Freunde und Verbündeten aussuchen darf, aber das mit der fehlenden Solidarität wird recht schnell zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

Ich will jetzt nicht sagen, dass alle Leute, die über alte weiße Männer herziehen, so denken, aber eine Menge Diskussionen diesbezüglich ergeben so viel mehr Sinn, als ursprünglich gedacht.

Und ja, die Opfer von Srebenica waren zwar nicht alle alt, aber weiß und männlich waren sie schon.

 

* Diese rein wechselseitige Vorstellung von Empathie halte ich für falsch; man kann sich in Menschen und Situationen hineinversetzen, ohne sie zu kennen, weiterhin ist es auch nicht notwendig, genau dieselben Gefühle zu haben wie jemand mit einem Kreuzbandriss bspw., um zu erkennen, dass Kreuzbandrisse ziemlich schlimm sind. Umgekehrt ist man nicht verpflichtet, sich aus Empathie einen anderen Standpunkt komplett zu eigen zu machen oder sich mit allen solidarisch zu erklären, für die man Empathie empfindet.

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