Lügen ohne Statistik

Neulich bei Twitter.

Ich bin mal gespannt, was wir zur Fußball WM in México sagen. In diesem Land werden pro Jahr etwa 1.000 Frauen ermordet und die Dunkelziffer liegt weit höher. Mal sehen, ob wir mit einem christlich geprägten Land genauso hart ins Gericht gehen wie mit einem muslimischen.

Von Siegmar Gabriel, irgendwas bei der SPD und der Deutschen Bank. Also eine Fachkraft für… öhm… also Experte, wegen… nunja.

Fürs Protokoll: die Zahlen der Todesopfer auf Baustellen, oder von Gastarbeitern (was möglicherweise schon deshal ein ziemlicher Euphemismus ist, weil ihre faktischen Möglichkeiten, ihre Rechte wahrzunehmen, einen Rechtsstaat voraussetzen, der Qatar nicht oder meinetwegen noch nicht ist) allgemein, schwanken nach Quelle, die 6.500 Toten seit der WM-Vergabe scheint sich nicht auf die Baustellen alleine zu beziehen, die für die WM eingerichtet wurden, sondern auf alle, bzw. auch auf Arbeitsunfälle, die nicht mit Baustellen zu tun haben. Andererseits werden Arbeiter wohl eher für gefährliche Jobs ins Land geholt, und wenn Bezahlung und Rechtsverhältnis schon sehr fragwürdig sind, sind es die Arbeitsschutzbedingungen wohl erst Recht. Und Sklaverei ist ein hartes Wort, aber selbst zwei Nummern harmloser ist schlimmer als man gut finden kann.

Außerdem, ebenfalls fürs Protokoll: es gibt sicher Leute, die Qatar schon deshalb schlimmer als sagen wir Russland halten, weil Russen die „richtige“ Hautfarbe haben.

Ändert aber erstmal beides nichts daran, dass die Arbeitsbedingungen in Qatar, WM oder nicht, Rassismus oder nicht, Moslemfeindlichkeit hin oder her, etwas ist, was die SPD zu Zeit ihrer Gründung bekämpfte.

Weiterhin, Mexico hat immerhin die nötige Infrastruktur und Kapazitäten für eine WM, ist außerdem ein wiederkehrender Teilnehmer, und würde bei einem fairen (unbestochenen) Verfahren sicher auch reale Chancen auf eine WM-Vergabe haben.

Wenn man also die tatsächlichen „Arbeitsunfälle wegen WM-Baustellen“ vergliche, würde Qatar vermutlich immer noch führen. Also „führen“, ist ja kein Rekord, den es zu brechen gilt.

Weiter weiterhin, 1.000 tote Frauen im Jahr. Ja, es gibt auch Gastarbeiterinnen, die in Qatar Unfällen zum Opfer fallen, aber jetzt kommt mein Maskulismus zum Tragen: Wenn Qatar nicht deutlich moderner ist, als es von hier aus aussieht, ist die Frauenquote bei den Bauarbeitern – und das sind die unfallgefährlichsten Berufe – auch dort eher unter 1%.

Aber Gabriel bezieht sich auf Morde bzw. unaufgeklärte Tötungsdelikte. Hmmmmmmm….

Bei 32.000 Mordopfern im Jahre 2017 – und die Dunkelziffer bezieht sich wohl eher auf nicht aufgeklärte Todes- und Vermisstenfälle als auf das Geschlecht der Opfer – wären das, rechne rechne, 31.000 männliche Mord- und sonstige Tötungsdeliktopfer. Und ja, Katar hatte 9, und auch eine deutlich geringere Tötungsrate, also 24,8 zu 0,4 je 100.000 Einwohner.

Jedenfalls, um Stimmung gegen Mexiko zu machen, bezieht er sich ausdrücklich nur auf die weiblichen Opfer, weil er – halt nicht ohne Grund – annimmt, dass das mehr Mitleid generiert. Wobei Österreich sich mal gefälligst an Mexiko ein Beispiel nehmen sollte: in Ö. ist nicht nur jedes 32. Mord- und Totschlagopfer eine FRau, sondern frauenfeindlicherweise jedes 2.!!!

Weiterhin weiterhin, die hohe Tötungsrate in Mexiko ist wohl etwas, was man zumindest teilweise auf Staatsversagen im Allgemeinen zurückführen könnte; die Unfallquoten in Qatar und allg. auch die Arbeitsbedingungen sind etwas, was die dortige Legislative und Exekutive wollen. Mord in Mexiko ist verboten, schlechte Arbeitsverhältnisse in Qatar nicht.

Hinzu kommt, dass die Leute auf mexikanischen Baustellen vermutlich Mexikaner sein werden, die so nicht zu versuchen brauchen, in die USA zu kommen. Glück im Unglück?

Noch weiter weiterhin: wer auch Mexiko kritisiert, wegen Arbeitsbedingungen, Mordraten oder sonstwas, kann sich natürlich auch einen Vorwurf wegen Rassismus abholen. Catch-22 und so. Insofern ist der nächste Whataboutismus-Mechanismus schon eingebaut. Was ich noch gelten lassen würde, ist, wenn jemand praktisch nur Qatar und praktisch nie die Fifa kritisiert, was jetzt an sich auch noch kein Beweis für Rassismus ist, aber tatsächlich schon echt unausgewogen.

Ansonsten: offenbar ist Gabriel nicht nur Sexist, weil ihm 1.000 tote Mexikanerinnen mehr leid tun als 31.000 tote männliche Mexikaner, sondern auch Rassist: tote Arbeiter interessieren ihn nur, wenn es weiße Arbeiter sind. Keine Ahnung, ob er das meint, aber wenn man so sauber argumentiert wie Gabriel, ist das sicher eine legitime Schlussfolgerung.

Außerdem:

„Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will.

Deiner Dränger Schar erblasst, wenn Du, müde Deiner Last,

in die Ecke legst den Pflug, wenn du rufst: „Es ist genug!“

Von Hautfarben steht da nichts.

3 Gedanken zu “Lügen ohne Statistik

  1. Zum Schluß zitierst Du wirklich den Refrain beginnend mit:

    „MANN der Arbeit, aufgewacht, und erkenne Deine Macht“?

    Da steht nicht nur nichts von Hautfarben, das ist auch noch klar geschlechtsbezogen, Du böser Maskulist, Du!

    Aber so lange die SPD das noch im Liedgut hat, müssen sie wohl erst noch „die männliche Gesellschaft überwinden“, wie es in ihrem Parteiprogramm heißt…

    Gefällt 2 Personen

  2. Der Vollständigkeit halber:
    „die 6.500 Toten seit der WM-Vergabe scheint sich nicht auf die Baustellen alleine zu beziehen, die für die WM eingerichtet wurden, sondern auf alle, bzw. auch auf Arbeitsunfälle, die nicht mit Baustellen zu tun haben.“

    Nicht ganz. 6.500 Toten sind ALLE Toten in Katar seit WM-Vergabe, die aus Bangladesch, Indien, Nepal, Pakistan und Sri Lanka kamen (offenbar die Hauptherkunftsländern für männliche Arbeitsmigranten im Niedriglohnsektor).
    https://www.dw.com/de/faktencheck-wie-viele-menschen-sind-f%C3%BCr-die-wm-in-katar-gestorben/a-63751029

    Das beinhaltet also auch alle, die nie etwas mit Baustellen zu tun hatten bzw. deren Tod in keiner Weise mit ihrer Arbeitstätigkeit zusammenhing.

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