Es geht auch besser

Nicht direkt gut, aber besser als das.

Eine Kritik, die sich zwar gegen negative Kritiken richtet, aber auch eine eigene Meinung hat.

Der Herr der Ringe ist nicht nur Inspiration und Vorlage für unendlich viele andere Fantasy-Reihen, sondern auch eine der beliebtesten Bücher-Reihen aller Zeiten.

D’oh. Das eine liegt am anderen.

Das Gleiche lässt sich auch über die Verfilmung durch Peter Jackson sagen.

Die Gretchefrage ist: ist das so, weil oder obwohl Jackson sich sehr an die Vorlage gehalten hat?

Als Amazon dann vor einiger Zeit ankündigte…

…war ich schon direkt der Miesepeter. Sorry, Star-Wars-Prequels, Star-Trek-Prequels, Dune-Prequels, Alien-Prequels und vermutlich noch ein paar Sachen, die ich erfolgreich verdrängte, haben mich damals schon dazu gebracht, mir Vorfreude zu verkneifen.

Damit einher gingen aber auch gigantische Erwartungen, die angesichts des Budgets nicht eben kleiner wurden.

Das war damals das einzige Argument, dass es gut werden würde. Erst dachte ich noch, die verfilmen das Silmarillion – aka das Prequel, das was taugt – aber NEIN.

Eines der beliebtesten Universen und das größte Serien-Budget aller Zeiten – was sollte da noch schiefgehen.

Da regt mich doch schon die FRAGE auf. Je beliebter eine Vorlage ist, desto höher ist die Gefahr, das gesetzte Beliebtheitsniveau zu unterbieten.

Je näher der Start von Ringe der Macht rückte, desto deutlicher wurde, dass die Erwartungen vieler Fans eigentlich gar nicht erfüllt werden können.

Wenn man akzeptiert, dass man es nicht allen rechtmachen kann, und versucht, es möglichst vielen rechtzumachen, wäre das ein realistisches Ziel geworden. Persönlich war ich teilweise hin-und-her-gerissen, aber das sehr fremdschämlastige Marketing war für mich deutlich schlimmer als die Teaser und Trailer.

Nicht wenige erwarteten nämlich schlicht die beste Serie aller Zeiten.

Tja, dann müssten die Miesepeter doch geholfen haben, oder? Je weniger die beste Serie ever erwarten, desto besser für die Macher.

Dabei ist Ringe der Macht nicht die erste Produktion, der eine solche Erwartung zum Verhängnis wurde.

Jacksons Trilogie würde ich nicht als Opfer von „Verhängnis“ sehen.

Die finale Staffel von Game of Thrones, das Remake von Jurassic Park, Cyberpunk 2077 und nahezu jede WoW-Erweiterung – nichts davon war objektiv wirklich so schlecht, wie es in den Kommentarspalten gerne gemacht wird.

Was immer „objektiv“ bei Geschmacksfragen bedeutet. Sicher ist es so, dass die die etwas gar nicht mögen, mehr kommentieren als die, die etwas nur „ok“ oder „geht so“ finden, aber bei GoT Staffel Acht zumindest gingen die Werte richtig in den Keller. Online-Kritiken, Statistiken, wasauchimmer.

Nicht falsch verstehen. Es ist vollkommen legitim, wenn Dinge nicht gut sind.

Mach Dir nichts draus, Deine Fehler sind völlig legitim!

Aber nur, weil etwas nicht so gut ist, wie man erhofft hat, ist des deswegen noch nicht „die größte Katastrophe aller Zeiten“ oder „absoluter Dreck“

Nun, wenn etwas hypothetischerweise „absoluter Dreck“ wäre, dann ist es aber wirklich nicht so gut wie erhofft, oder? Außerdem, wenn etwas, von dem man legitimerweise hohe Erwartungen hat, höchsten ok ist, ist das eine höhere Fallhöhe, als wenn etwas, was man nur für ok gehalten hätte, ok ist. (Mir ist klar, dass er will, dass man fair bleibt, und gebe ihm diesbezüglich Recht, aber die Kritik ist nicht so unfair, wie er hier tut.)

Lässt man die Wortwahl und die massiven Übertreibungen bei der Kritik mal außen vor, dann kann man viele der kritisierten Punkte sogar nachvollziehen.

Ach? Ja, dann…

Dabei dreht es sich in aller Regel um Abweichungen von der Vorlage. Dunkelhäutige Elben und Zwerge, Proto-Hobbits im Zweiten Zeitalter, Zwergendamen ohne Bart, ein zu niedriger, gesellschaftlicher Stand von Galadriel und Elben mit kurzen Haaren.

Elond ist nicht blond. Zum drölfzigsten Mal! Aber das ist der Punkt – Amazon hätte mit demselben Aufwand, evt. sogar denselben Schauspielern, Drehorten, Zeitrahmen, Budget und so weiter eine „generische“ (tolkienähnliche) Serie drehen können, UND sie hätten eine VIERTEL Milliarde $ gespart. Die Tolkienrechte werden erst fällig, wenn man Halblinge Hobbits nennt oder sonstige Eigennamen verwendet… Numenor hieß auch mal Andor. HEY!

Ja, das alles wurde von Tolkien so nie im Detail beschrieben. In einigen Fällen könnte man sich darauf berufen, dass es auch nie offiziell ausgeschlossen wurde.

Diese ganze Kritik wäre bei einem neuen, eigenen Fantasy-Verse mit Elfen, Zwergen, Halblingen, Orks, Trollen, Drachen, Zauberern und magischen Artefakten gegenstandslos. Und eine gesparte Viertelmilliarde ist eine verdiente Viertelmilliarde. Und Tolkienfans schauen sich auch sonstige Fantasy an. Allerdings würde sich niemand wegen des Namens dafür interessieren, so das Handlungs, Charakter, Erzähltempo und dergleichen alleine Leute dabeihalten müssten. hmm….

Die Macher der Serie nehmen sich die Freiheit heraus, in einigen Punkten von der literarischen Vorlage abzuweichen. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.

Wenn man ein sehr schnelles Auto hat, gebaut von einem der bekanntesten und am häufigsten kopierten Autobauern, und man hat selbst nur sehr wenig Erfahrung mit dem Autobau – wie groß wäre die Chance, dass irgendeine Änderung, die man am Auto vornimmt, diese verbessert?

Viele unzufriedene Fans von Tolkien und Herr der Ringe reicht das schon aus, um die Serie zu verteufeln und sie als schlecht abzustempeln.

Vor allem, weil viele dieser Änderungen völlig unnötig sind.

Manche einflussreiche Menschen sprechen gar davon, dass sich Tolkien im Grab rumdrehen würde, was ich kaum glaube. Würde Tolkien noch leben, hätten es weder Serie noch Film je gegeben, da er bekanntermaßen kein Fan davon war, dass seine Geschichten verfilmt werden.

Abgesehen davon, dass das mit dem Grab eine Redensart ist – meint er, dass man Tolkien lebendig hätte begraben müssen, um einen HdR-Film zu drehen? Die harmlosere Interpretation wäre, dass Tolkien so oder so unzufrieden wäre. Aber naja…

Ich halte Abweichungen von der Vorlage indes keinesfalls für grundsätzlich schlecht, sondern meist für unumgänglich und in den meisten Fällen für äußert wichtig und gut.

Manche sind unumgänglich, manche sind gut. Einige sind ok oder Geschmackssache, und gelegentlich kann es sein, dass man erst im Nachhinein den Sinn erkennt. Aber warum kann Elrond nicht seine natürliche Haarfarbe haben? Wieso rasieren sich Zwerginnen? Warum kann Galadriel nicht tun und lassen, was sie will, mit Elben, die aus eigenen Stücken mitmachen?

Die verschiedenen Ethnien in einer kleinen, nach außen abgeschirmten Gemeinschaft machen vielleicht keinen Sinn, stören aber auch nicht wirklich.

Jein. Mein Hirn erklärt sich das so, dass da mehrere Halblingvölker auf der Flucht vor Menschen und Orks sich zu einem einzigen Stamm zusammengeschlossen haben. Ok eigentlich.

Kaum eine Produktion schafft es, die literarische Vorlage sehr eng umzusetzen, und dabei einen ordentlichen Film auf die Beine zu stellen.

Viele solcher Abweichungen beruhen auf der relativen Kürze eines Filmes. Eine Serie hätte dieses Problem zumindest nicht.

Ob Harry Potter, Tribute von Panem oder Schindlers Liste – alles großartige Filme mit vielen Fans und alle haben teils massive Abweichungen zu den Büchern.

Panem, ok. Potter, naja. Der erste Teil war jedenfalls ziemlich hart am Buch. Das änderte sich, als die Bücher über die Serie immer dicker wurden, aber immer noch in einzelne Filme passten mussten. Und Schindlers Liste gehört einfach nicht in dieselbe Liste. Das ist keine Buchverfilmung, sondern ein Film nach wahren Begebenheiten. Schlimm genug, dass man das dazu sagen muss.

Übrigens sind selbst die drei hoch gefeierten Teile von Herr der Ringe nicht wirklich nah an den Büchern.

Ok, weniger nah als Harry Potter I, aber „nicht wirklich“? Was meint er?

Peter Jackson hat sich eine Menge Freiheiten in seiner Darstellung gelassen und nicht nur Figuren drastisch verändert, sondern auch ganze Storylines einfach dazu erfunden.

Welche Storyline wurde dazuerfunden? Welche Figur wurde drastisch verändert? Film-Gollum hatte mehr als sechs Zähne, aber DAS ist vermutlich nicht gemeint.

Die Gretchenfrage ist, welchen Sinn und Zweck verfolgt ein Film oder eine Serie?

Neue Kunden für Amazon zu gewinnen? Der Gewinn der Serie als solcher wird sich relativ schlecht beurteilen lassen, aber selbst, wenn es 10 Mio. Neukunden sind, die für sagen wir 90 € ein Abo abschließen, um u.a. Die Ringe der Macht zu sehen, nach einer Folge genervt sind, aber dann irgendwas anderes sehen, sind das schonmal 900 Mio. Euronen. Einige Kunden werden aus anderen Gründen bleiben, und irgendwann auch andere Amazon-Dienstleistungen in Anspruch nehmen.

In meinen Augen ist die klare Antwort: Sie sollen den Zuschauer bestmöglich unterhalten.

Unter den genannten Bedingungen ist „bestmöglich“ eventuell nicht so viel wert.

Es handelt sich hierbei letztlich um Unterhaltungs-Fernsehen und nicht um eine Dokumentation über die von Tolkien geschrieben Anhänge zu Herr der Ringe

Inzwischen will ich bitte diese Doku haben.

(nein, Ringe der Macht basiert nicht auf dem Silmarillion, daran hat Amazon keine Lizenzrechte)

Und das, liebe Kinder, ist der Grund, warum ihr nicht sehen könnt, wie der Onkel Finrod starb, weil er einen Werwolf angefallen hat (der umgekehrte Fall ist eine häufigere Todesursache), obwohl er angekettet war (also Onkel Finrod jetzt, nicht der Werwolf) und zwar mit bloßen Händen und Zähnen (genau wie der Werwolf) und wie er immerhin nach Punkten vorne lag, weil der Werwolf eher gestorben ist.

Ich mag einige der Charaktere sehr gerne, bin nach der Folge gespannt, wie es weitergeht und genieße nicht nur die Story, sondern auch die atemberaubenden Settings.

Also alles, was man auch hätte, wenn die Serie in einer völlig neu ausgedachten Welt spielen würde. Also völlig frei nach Tolkien, wie die Vergessenen Reiche, Dere, die Warhammerwelt, World of Warcraft (mit bartlosen Zwerginnen), die Welt der Elder Scrolls, Shadowrun, Bright…

Dabei stört es mich null, dass Elrond keine langen Haare hat

Wären sie doch nur so dunkel wie die Schatten der Dämmerung.

Würde ich allerdings bei jeder zweiten Szene nach Fehlern oder Abweichungen suchen, dann hätte ich auch keinen Spaß mehr an der Serie.

Ich suche in jeder Szene Dinge, die ich an den Büchern liebe. Wenn ich die nicht kriege, nuuuun, das ist dann frustrierend. Sorry, aber das soll Tolkien sein, eine Geschichte, die in Mittelerde spielt und nicht in Midkemia. Wenn das der Anspruch ist, dann darf ich doch wohl überprüfen, ob er erfüllt wird?

Und Zwerginnen mit Bärten können noch so oft in der Lore erwähnt werden, ich schau mir lieber Zwerginnen ohne Bärte an

Menschinnen ohne Bärte unterscheiden sich nicht mehr wesentlich von ihnen, also wozu?

Statt „geht schon, die Abweichungen stören mich allerdings an einigen Stellen“ wird dann eher ein „die größte Scheiße aller Zeiten!!!“ daraus gemacht.

Wenn man bspw. für Galadriels Geschichte die Vorgeschichte und den generellen Hintergrund nicht an vielen verschiedenen Stellen geändert hätte, wie zum Beispiel

  • Galadriel sollte sinnvollerweise Nerwen heißen
  • sie könnte Trolle jagen, soviel sie will, weil Hochkönige nicht allzuviel Autorität haben
  • die grundsätzliche Existenz von bösen Kreaturen sollte allen klar sein
  • die Existenz und Fähigkeiten Saurons müsste auch klar sein
  • Gedankenübertragung, Hellsehen und Vorahnungen gelten als evidenzbasiert
  • die Elben hatten Morgoth (und Sauron) nicht aus eigener Kraft besiegt und sollten schon daher nicht so sorglos sein

würde ihre Geschichte in der gezeigten Form nicht funktionieren. „Also müssen wir das machen, sonst funktioniert die Geschichte nicht so, wie wir sie erzählen wollen!“ Nun, wenn Eure Geschichte in Mittelerde nicht funktioniert, ist Mittelerde das falsche Setting für Eure Geschichte. Wenn Ihr so kreativ seid, denkt Euch Euer eigenes Setting aus. Oder passt Eure Geschichte dem Setting an. Oder gebt Euch mehr Mühe.

Diese Effekte solcher Aussagen rollen dann wie Schneebälle umher. Beispiel gefällig? Schon mehrere Menschen im Bekanntenkreis, die sich eigentlich auf Ringe der Macht gefreut haben, verrieten mir, dass sie die Serie absoluter Rotz ist.

Was ist daran jetzt das „Beispiel“? Weil sie zu „woke“ wäre, oder einfach nur, weil sie ihnen nicht gefällt?

 OHNE, dass sie eine einzige Minute davon gesehen haben.

Das Trailermaterial beinhaltete mehrere Minuten. Und wenn jetzt einer sagt, dass man die Qualität einer Serie nicht anhand eines Trailers beurteilen kann – warum gibt es die dann?

Und dabei bin ich mir sicher, dass sie sie mögen würden, da ihnen Abweichungen von der Vorlage bisher auch immer vollkommen egal waren.

„Du hast die ganzen anderen Kröten schon geschluckt, also musst Du auch die hier schlucken!“ Bzw., spätestens jetzt wäre wichtig zu wissen, welche Abweichungen bei der Jackson-Trilogie „gravierend“ sind im Vergleich zu denen bei den Ringen der Macht. Sofern man das vergleichen kann.

Mein Motto bei Ringe der Macht ist daher: Zurücklehnen und einfach genießen.

Und an England denken?

Wer sich nicht immer auf die negativen Punkte konzentriert, hat nicht nur mehr Spaß mit Ringe der Macht, sondern allgemein mehr Freude im Leben.

An England denken. Ernsthaft, es macht eventuell mehr Spaß, RdM zu zerhacken als zu sehen. Oder sehen ja, aber man denkt sich eine neue Synchro aus. Freude am Leben, pah! Im Grab ist Zeit genug dafür! Moment…

Wer hingegen nach jedem Fehler sucht, der wird kaum etwas wirklich genießen können.

Bei Dingen, die mir egal sind, sind mir auch die Fehler egal. Aber gerade bei Tolkien ist der Weltenbau ein großer Pluspunkt und wichtig für die Immersion. Wenn man den ignoriert, ist die Immersion eben Mist.

Und abseits der angesprochenen Änderungen zur Lore ist Ringe der Macht eine gute Serie. Das zeigen viele, viele positive Kommentare von Zuschauern, die keine Hardcore-Mittelerde-Fans sind.

Aka Leute, die auch eine Fantasy-Serie in einem anderen Fantasy-Setting mit mittelirdisch angehauchten Fantasy-Völkern mögen würden? Ja, ganz toll.

Immerhin, die Kritik ist, dass die andere Kritik zu negativ ist. Nicht, dass alle Kritiker Sexisten, Rassisten, Homophobiker und/oder Antisemiten sind. (Keine Ahnung, ob’s die letzten beiden Vorwürfe schon gab.)

2 Gedanken zu “Es geht auch besser

  1. Dune-Prequels? Brian Herbert? Hab ich noch mehr verpasst als ich dachte??? Ich verfolge das ganze Film- und Fernseh-Business nicht mehr so wirklich.

    Aber die Herbert/Andersson Bücher haben in diesem Zusammenhang zwei Riesen-Vorteile: keiner erwartet dass da bei ’ner Verfilmung was ordentliches rauskommt, und wahrscheinlich ist es den meisten völlig Rille, wenn von der Buchvorlage abgewichen wird.

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