Eigentum und Verlust

Zu dem hier und dem hier.

Die Idee, was „Eigentum“, „Gewinn“ und „Verlust“ sind, wird so abwegig dargestellt, dass die Konsequenzen völlig falsch sind. Damals ging es mir noch darum, dass der ÖPNV tatsächlich auch auf Solidarität baut und weniger auf Gewinnoptimierung, so dass rein marktwirtschaftliche Ansätze schon irreführend sind, aber jetzt geht’s um die eigentliche Begriffe. Ich kann ja nicht immer nur über pinkstinks lästern.

„Mutti, Mutti, ich habe eine Mark gespart!“ Die Mutter fragt erstaunt, wie er das gemacht habe. „Ich habe mir nach der Schule keinen Schokoriegel gekauft.“, sagt Fritzchen. „Schade“, antwortet die Mutter, „dass du nicht stattdessen keine Torte gekauft hast: Da hättest du zehn Mark sparen können.“

Der Denkfehler liegt bei der Mutter. Fritzchen hat eine Mark, die er – so nehmen wir mal an – zu seiner freien Verfügung hat. Er muss sie nicht seiner Mutter wiedergeben. Also hat er sich diese eine Mark gespart und kann sich irgendwann was anderes dafür kaufen. Wenn er das insgesamt zehnmal macht, kann er sich z.B. eine Torte kaufen. Mal unterstellt, dass Fritzchen nicht einfach vergessen hat, sich den Schokoriegel zu kaufen, so wie man im ursprünglichen Witz davon ausgeht, dass Fritzchen freiwillig nicht mit den Bus gefahren ist und ihn nicht etwa verpasst hat, ist das Sparen. Er hat nicht magischerweise zehn Mark in der Tasche, weil er keine Torte gekauft hat, die er sich nicht leisten kann, weil er keine zehn Mark hat.

Sparen heißt: man gibt Geld nicht aus, obwohl man die Möglichkeit dazu hätte, nicht, weil man den Wunsch hat.

Spinnen wir den Witz aus der Sicht des hypothetischen Busfahrers weiter. Der kommt in die Zentrale und murrt: „Mist, wir haben gerade eine Mark Verlust gemacht.“ „Wie das?“ fragen die Kolleg/innen. „Dieser gemeine Fritz ist Schuld,“ sagt der Busfahrer. „Er ist neben dem halbleeren Bus hergelaufen, statt einzusteigen.“ „Nur gut, dass Fritz alleine war“, merkt eine Kollegin an. „Stell dir vor, der hätte zehn Freunde dabei gehabt, dann hätten wir zehn Mark Verlust gemacht.“

Abgesehen vom Rechenfehler der Kollegin ist diese Weiterführung sinnlos, weil „Verlust“ aus Sicht des Busunternehmers ist, wenn über einen Bilanzzeitraum mehr Kosten entstehen als Einnahmen gemacht werden. Jetzt kann man tatsächlich die Strecke von Fritzchens Schule zu ihm nach Hause als Bilanzzeitraum betrachten, aber dann macht ein Laden auch jedesmal „Verlust“, wenn fünf Minuten lang keiner was kauft.

Spinnen wir den Witz aus der Sicht des hypothetischen Kioskverkäufers weiter. Der kommt zu seiner Frau und murrt: „Mist, wir haben gerade eine Mark Verlust gemacht.“ „Wie das?“ fragen die. „Dieser gemeine Fritz ist Schuld,“ sagt der Kioskverkäufer. „Er ist neben dem Kiosk vorbeigelaufen, statt einen Schokoriegel zu kaufen.“ „Nur gut, dass Fritz alleine war“, merkt seine Frau an. „Stell dir vor, der hätte zehn Freunde dabei gehabt, dann hätten wir elf Mark Verlust gemacht.“

Ein Schokoriegel, der nicht verkauft wird, kann später an jemand anderes verkauft werden. Ein Verlust ist er erst, wenn das MHD abgelaufen ist und nicht mehr verkauft werden kann. Ein Busunternehmen, selbst wenn es rein von den Fahrkarten, Monatstickets u.ä. fianziert wird, wird seine Preise von der Länge der vom Gast genutzten Strecke oder der Dauer der regulären Fahrt abhängig machen und nicht davon, wie belegt der jeweilige Bus gerade ist. Sonst müsste Fritzchen, wenn er alleine ist, rd. zehnmal so viel zahlen, als wenn noch neun andere Fahrgäste im Bus sitzen. Für den Fahrgast wäre das ein zu großes kalkulatorisches Risiko, und für die Abrechnung viel zu kompliziert. Ergo gibt es eine Mischkalkulation, ergo werden Leerfahrten querfinanziert. Mit dem Vorbehalt, dass bestimmte Busstrecken ausgedünnt werden, wenn sie nicht nur einmal, sondern immer Verlust machen, also mehr Benzin und Stundenlohn und Verschleiß etc. kosten, als sie einbringen. (Nehmen wir mal an, dass eine Busfahrt dann trotzdem noch eine Mark kosten würde.)

Jedenfalls ist Geld, was Person A spart, noch kein Verlust für Person B. Person B hat genug Gelegenheit, seine Ware oder Dienstleistung anderweitig anzubieten.

Jetzt will A.S. darauf hinaus, dass Regeln, die für materielle Dinge gelten, wie einen Schokoriegel, nicht auf nicht-materielle Dinge wie eine Busfahrt oder einen Musik-Download zu übertragen seien.

Und da fängt der Denkfehler schon an: Bei einer Busfahrt geht vllt. kein materielles Gut in den Besitz bzw. Eigentum von Fritzchen über, der Vorteil, den Fritzchen hat, ist aber physikalisch messbar. Also typischerweise der Zeitgewinn auf dem Schul- und Nachhauseweg, aber der war im Witz wohl eher gering. Oder über den Energieverbrauch: die zusätzlichen Kilojoule, die er beim Hinterherrennen verbraucht hat, hat er ja irgendwann in Form eines Schokoriegels zu sich genommen.

D.h., für Fritzchen ist es physikalisch nicht egal, ob er neben den Bus herrennt, oder drinnen sitzt, so, wie es auch nicht egal ist, ob er den Schokoriegel nur sieht oder ihn isst.

Umgekehrt ist es für das Busunternehmen nicht egal, ob Fritzchen, ohne zu zahlen, neben dem Bus herläuft oder in ihm sitzt. Aber jetzt wird’s philosophisch.

Der Nutzen, den Fritzchen von der Dienstleistung „Busfahrt“ hat, ist messbar, aber woher leitet sich das Recht des Busunternehmens her, ihn ggfs. aus dem Bus zu werfen (nachdem dieser zum Halten gekommen ist, natürlich)?

Der Bus ist Eigentum des Unternehmens, einer juristischen Person. Und ein Eigentum ist ein Recht. Es geht hier also nicht um natürliche Personen und materielle Güter, sondern um juritische Abstraktionen davon. Das Busunternehmen hat u.a. das Recht, jede Person aus jedem ihrer Busse zu entfernen. Der Handel geht so: Fahrgast erwirbt das Recht, den Bus zu betreten und nicht zu dessen Verlassen gezwungen zu werden, durch die Zahlung einer bestimmten Summe. Fritzchen erwirbt nicht den Schokoriegel, sondern das Recht, den Schokoriegel in Besitz zu nehmen, also die komplette Gewalt über den Schokoriegel zu haben, inklusive

  • ihn aus den Laden zu entfernen
  • ihn zu essen
  • weiterzuverkaufen
  • weiterzuschenken
  • oder in in einem abstrakten Kunstwerk einzubauen, um dieses dann dem MoMa zu stiften

Rechtmäßiger Besitz ist Eigentum. Theoretisch könnte der Ladenbesitzer den Riegel auch vermieten, was aber nur das erste der obigen Rechte beinhaltet und zeitlich begrenzt ist, weshalb Fritzchen davon keinen Vorteil hätte und der Handel wohl nicht stattfindet.

Und so lassen sich viele Fragen sehr einfach beantworten („Schokoriegel ok, aber wieso ist eine Busfahrt Eigentum, welche kein Gut ist, oder eine Datei, die beliebig vervielfältigbar ist, oder 1 m² Grundstück, der schon ewig da war und immer sein wird?): man kauft keine Schokoriegel, Busfahrten, Grundstücke oder Dateien, sondern Rechte, die sich auf die Schokoriegel, Busfahrten, Grundstücke oder Dateien beziehen. Der Unterschied ist also keiner mehr, wenn man die Sache hinreichend abstrahiert.

Und weil Fritzchen bei der Busfahrt mit der Mark nicht einen bestimmten Anteil an Benzin, Busfahrerlohn und Nebenkosten erworben hätte, sondern das Recht, nicht aus den Bus geworfen zu werden, muss das Bußgeld sich nicht am Benzin, Lohn, Zeitwert des Busses oder Reinigungskosten durch verschmierte Schokoriegel orientieren, für die Klein-Fritzchen sein Busgeld verprasst hat – was der materielle oder finanzielle Schaden wäre – sondern an dem, was das Unternehmen braucht, um seine eigenen Rechte wahrzunehmen und durchzusetzen.

2 Gedanken zu “Eigentum und Verlust

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