Die Macht der Geschlechtertauschprobe

Angeblich war Max in Life is Strange ja „geschlechtsneutral“. Eigentlich.

Und doppelt eigentlich, wenn man das macht, müsste man Chloe auch geschlechtertauschen. Halt dieselbe Story mit zwei Jungs statt mit zwei Mädchen, würde funktionieren, denke ich.

Auch von der Idee her, Rachel und Chloe als Jakob und Klaus. Würde das dieselbe Geschichte sein? Bzw., würde die so bleiben? Wenn Jakob Viktor Chase Schlafmittel in den Tee mischt, oder dessen Tee vertauscht, weil die um dieselbe Rolle kämpfen, würde man das noch als witzig främen? Und eigentlich braucht man keine männliche Viktoria, wenn man Nathan hat, im derselben Aufführung des Stückes, welches auf Deutsch „der Sturm“ heißt. Vor dem Sturm ist auch ein Sturm. Nagut, wenn die NPCs auf eine ohnmächtige Victoria nicht weiter reagieren, würden sie das bei einem Victor vermutlich auch nicht.

Aber mal weg vom Entwicklungsteam hin zum Publikum: Würde man Diebstahl bei männlichen Dieben – wie rebellisch und unverstanden sie auch sein mögen – genauso cool, cooler oder weniger cool finden? Oder würde man das bei Chloe/Klaus, ständig pleite, vllt. anders sehen als bei Rachel/Jakob, die sich Alkohol leisten könnten, aber vermutlich keinen bekämen, wegen des Jurahintergrundes (Vater)?

Vermutlich würde man die Geschichte anders schreiben, wenn es sich um zwei männliche Protagonisten handeln würde. Wieso würde? LiS II handelt von einem Brüderpaar, 16 und 9 Jahre alt, die vor der Polizei weglaufen, weil der jüngere mit seiner unerwarteten Telekinese einen Polizisten umgebracht hat. Der unmittelbar zuvor seinen Vater erschossen hat. Jedenfalls kommen die nicht auf die IDEE, sich einfach zu stellen, sondern gehen automatisch davon aus, Ärger zu kriegen. Und an einem Ende hat der jüngere Hausarrest per Fußfessel. Gut, das wird hier mehr ihrem Migrationshintergrund zugeschrieben als ihrem Geschlecht. Andererseits, wie beweist man Mord per Telekinese? Menschen mit Migrationshintergrund kriegen man nur die ganz schlechten Anwälte, wie’s aussieht.

Lange Rede kurzer Sinn, die Art, wie Mädchen und Frauen aus ihrem Geschlecht einen Vorteil gewinnen (können), wird bei LiS: btS mehr unbewusst vorausgesetzt als bewusst dargestellt. Dadurch wird nicht das volle Potential der Geschichte ausgereizt, sondern bleibt auf halber Strecke hängen; besonders vor dem Hintergrund, dass die Nachteile von Mädchen im Original schon thematisiert wurden.

Wer das „volle“ Potential der Geschlechtertauschprobe auskosten will, spiele die neueren Assassin’s Creed-Titel. Man kann sich aussuchen, ob man als Mann oder als Frau spielt. Im Antiken Griechenland oder im Nordeuropa zur Wikingerzeit. In beiden Epochen sind zwar Frauen im Militär belegt, aber zugleich ist belegt, dass sie es dabei nicht direkt einfach hatten. Man sollte meinen, als Frau in einer Männerwelt zu spielen, wäre der höhere Schwierigkeitsgrad, zumindest in den Rollenspielaspekten, aber nö. Volle Gleichberechtigung. Keine Probleme. Danke, Feministen der letzten drei Jahrtausende.

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