Life is Strange 0

Prequel von Life is Strange, ein Spiel, dass von einem anderen Entwicklerteam entwickelt wurde. (Allzeit beachte: Spoiler ahoi!)

Es wurde geschrieben, weil die vielen, vielen Fans des Originals schon gerne wissen würden, wer diese Rachel Amber eigentlich ist. Hure oder Heilige? Madonna oder Miststück? Und die Antwort ist: ja.

Eigentlich hätte Life ist Strange: Before the Storm, wie der komplette Titel heißt, auch länger sein sollen, mMn. Andererseits sind denen vllt. auch die Ideen ausgegangen. Und das Ende war…naja. Ich muss nicht in jedem Letsplay, das ich sehe, eine Entscheidung über Leben und Tod haben, aber die letzte Entscheidung war langweilig und uninteressant.

Aber eigentlich geht es mir um das Frauenbild. Auf yt gibt es zwei recht lange Beiträge, dass Chloe in LiS die schlechteste aller besten Freundinnen ist, aber Rachel ist sogar noch schlechter. Und beim ersteren stimme ich nicht zu.

Klar, Chloe ist etwas schwierig, weil sie so „rebellisch“ ist und aggressiv und schnell gekränkt, aber mich stört das nicht, weil

  1. sie ist offenbar der Gegenentwurf zur braven, lieben Max, und ich mag solche Freundschaften – Leute zu mögen, die so sind, wie man selbst, kann doch jeder und jede und jedes und sonstige Personen sonstiger Geschlechter
  2. es wird erklärt, warum Chloe ist, wie sie ist; man muss die Erklärungen nicht als Entschuldigungen akzeptieren, aber andererseits muss auch nicht jede Figur in jeder Geschichte makellos sein
  3. die Geschichte, die man erzählen will, beruht darauf, dass Chloe ein Mensch ist, der ständig in alle Arten von Ärger gerät – das ist für das Spiel so wichtig wie Maxens Zeitreiserei und kann daher nicht weggelassen werden, ohne das Spiel komplett zu verändern

Außerdem, auf der Meta-Ebene, es gibt ja ein Klischee namens „Damsel in Distress“, dt. etwa „verfolgte Unschuld“ oder „Jungfrau in Nöten“, eine typischerweise weibliche Person, die von einer typischerweise männlichen andauernd aus irgendwelchen Gefahren gerettet werden. Müssen. Hier wäre Max die beste Kandidatin für diese Rolle, macht aber die meiste Rettungsarbeit im ganzen Spiel. Klischee umgangen!

Und das ist eben auf die gute Art feministisch und empowernd, einfach nicht nur Klischees umgehen, sondern die außerdem nicht mit perfekter Makellosigkeit zu ersetzen.

Aber gut, dazu muss man eben das Risiko eingehen, dass man halt Figuren hat, die nicht alle mögen.

Und damit komme ich auf LiS: btS.

Rachel ist entweder nicht brav genug, oder ZU unbrav. Und das liegt daran, mMn, dass die nicht mutig genug waren, sie entweder hart zum manipulativen Miststück zu machen, oder ihr richtig harte Probleme zu verschaffen. Der Mittelweg ist hierbei nicht die goldene Mitte.

Kurz gesagt, wenn wir sie kennenlernen, ist Chloe die eher brave Hälfte und Rachel ist rebellisch, Schule schwänzen, Alkohol klauen, die ganze Palette. Wobei es ihr in jeder Hinsicht besser geht als Chloe. Dann erfährt man, quasi gleichzeitig mit ihr, dass zumindest ihre Famile halt keine richtige Bilderbuchfamilie ist. Ok insofern, und da sie schon vorher den Verdacht hatte – sie ist ziemlich gut in Empathie geskillt (nicht Mitgefühl, sondern Einfühlung) – ist ihr Verhalten zumindest teilweise darin begründet. Mir fehlt aber irgendwie die Stelle, wo Rachel und Chloe Opferolympiade spielen und Chloe deutlich mehr Trümpfe auf der Hand hat.

Die andere Erklärung für Rachels fragwürdiges Verhalten wäre vllt. auch, dass sie einfach mit allem durchkommt – sie weiß immer, was sie sich gerade noch erlauben kann, sie kann gut schauspielern, ihr Vater ist Staatsanwalt… moment, wäre die Tochter eines Staatsanwaltes nicht ein sehr ungeeignetes Opfer für ein Verbrechen? Auch, wenn ihr späterer Tod ein Versehen war, sie ist das Mädchen, das am wahrscheinlichsten von ganz Blackwell die Polizei ruft, oder dessen Vater am ehsten Zeichen eines Verbrechen erkennen würde. Außerdem, wenn sie verschwunden ist, würde das nicht viel mehr Aufmerksamkeit nach sich ziehen als Chloe, die ihre knappe Kasse für Vermisstenposter raushaut? Ist nicht direkt ein „plothole“, weil es sein kann, dass diese Aufmerksamkeit zum Zeitpunkt, als Max ein halebs Jahr später zurückkommt, wieder abgeflaut ist. Aber ist vllt. trotzdem nicht die logischste Ausgangslage.

Also, es hätte der Story jedenfalls keinen Abbruch getan, wenn man Rachel komplexer und tatsächlich auch „böser“ dargestellt hätte. Meinetwegen als manipulatives Miststück, was am besten ihre guten Seiten, an die sich ALLE erinnern, erklärt, als auch die dunklen Seiten (Frank), von der nicht mal Chloe wusste. Chloe selbst schien in LiS I schon klar zu sein, dass Rachel nicht ohne dunklen Seiten war, aber, dass Rachel welche vor Chloe geheim hielt, ist natürlich ein Problem.

Und darauf könnte auch viel besser so eine Freundschaft aufbauen!

  1. Chloe ist vllt. die einzige Person, die auf Ambers Bullshit nicht (immer) reinfällt
  2. Chloe ist vllt. die einzige Person, die sich um Amber kümmert, OHNE von ihr dazu manipuliert zu werden
  3. beides. Und eine Runde Opferolympiade.

Im zweiten von den beiden Videos kommt ab 41:30 die Stelle, wo „before the Storm“ hart dafür kritisiert wird, dass Rachel Victoria mit Drogen betäubt und dass das Spiel das als Witz sieht. LiS 1 hat das als eine gefährliche und üble Sache dargestellt. Die Schülerschaft und Lehrkörper von Blackwell sind jetzt eher gleichgültig, und Victoria ist an der Stelle auch nicht direkt unschuldig (weil das, je nach Entscheidungen des Spielers (m/w/d) VICTORIAS Betäubungspillen sind (klingt komisch, ist aber so)), aber eigentlich ist sie in ihrem Konflikt mit Chloe die eindeutige Verliererin – ich sage nur „Fotese“ – so dass sich das nicht „verdient“ anfühlt. Aber der Punkt, wo der Youtuber recht hat, ist der: Rachel kriegt keinen Ärger. Weder von der Schule, noch von Victoria, auch nicht von Chloe. Und ja, wenn das Spiel das nicht als „falsch“ främt, soll das vllt. wirklich witzig sein? (Nebenbei, dass Frauen gerne Gift benutzen, ist ein blödes Vorurteil. LiS 1 hat das besser dargestellt. Jetzt nicht optimal, aber besser)

Und das ist halt das generelle Problem – weibliche Hauptfiguren, die keine moralisch fragwürdigen Sachen machen: gut. Weiblichliche Hauptfiguren, die doch moralisch fragwürdige Sachen machen: auch gut. Beides wird bei männlichen Hauptfiguren auch gemacht. Es gibt Spiele, bei denen man die Wahl zwischen moralischen und nützlichen Optionen hat, und da werden die fragwürdigen Entscheidungen auch meistens irgendwie „bestraft“. Teilweise buchstäblich, teilweise indirekt, weil die gute Tat belohnt wird, und manche belohnen tatsächlich die schlechte Wahl, weil… die Welt ist halt schlecht. Aber dies ist Life is Strange, nicht World is Bad: Rachel ist hier aber völlig schmerzfrei, ohne, dass das Spiel das irgendwie kritisiert. Also findet es das zumindest ok. Weibliche Hauptfiguren dürfen moralisch fragwürdige Sachen machen, ohne dass diese krisiert werden. LiS war besser. Es gibt eine Stelle, wo Max eine andere Max findet, die sie für ihre Zeitreiserei kritisiert. Aka das, was man in dem Spiel machen muss.

Oder überhaupt kritisiert zu werden, kommt in Rachels Leben nicht vor. Als sie von ihren Eltern erfährt, ist sie logischerweise geschockt. In einem Anfall von Teenage-Mega-Terror-Weltschmerz sagt sie, dass selbst die Sterne Lügen sind, weil man ihr Licht noch sieht, wenn sie selbst erloschen sind. Einverstanden, das ist etwas, was Rachel in so einer Situation sagen könnte. Nur, dann sollte man als Chloe – die eine spitze Zunge hat und naturwissenschaftlich vorbelastet ist – sagen können: „Nein, Sterne haben eine Lebensdauer, die sich nach Millionen oder Milliarden von Jahren bemisst. Die Sterne, die man mit dem bloßen Auge sehen kann, sind aber nur wenige hundert Lichtjahre entfernt. Dass eine von denen in den letzten Jahren erloschen ist, ist unwahrscheinlich.“ Oder halt: „Wenn Du Deine Familie doof findest, komm mich mal besuchen.“ Aber ersteres gefiele mir besser. Chloe ist Leonard und Rachel Penny. Die Schöne und der Nerd.

Hach ja. Kritik an Frauen.

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