Hachja mal wieder

Niels Pickert hat auch seine guten Seiten.

hier

‹Ich bin gebürtiger Ossi, esse kein Fleisch, trinke keinen Alkohol, interessiere mich nicht für Autos und Fussball, habe vier Kinder, für die ich mich in der Hauptverantwortung sehe, und bin mit meiner Lebenskomplizin seit über zwanzig Jahren liiert. Wer noch?›

Wo man geboren ist, ist kein Verdienst. Wie lange man mit jemanden zusammen ist, schon, aber nicht nur die eigene Leistung, dito die Anzahl der Kinder. Der Rest ist tatsächlich die eigene, alleinige Entscheidung. Jetzt kann jeder Mensch ein halbes Dutzend Punkte seiner Biographie angeben, und die Wahrscheinlichkeit, dass jemand genau dasselbe halbe Dutzend hat, ist eher gering. Von daher ist:

Die Antwort ist bislang immer die gleiche: ungläubiges Staunen, verlegenes Hüsteln, Schweigen. Niemand also.

eigentlich wenig überraschend. Es wäre interessant, ob das komplette Publikum wegen derselben Dinge „ungläubig“ oder „verlegen“ ist? Und wenn, wegen welcher? Kinderzahl? Vegetarismus? Zwanzig Jahre?

Ich stelle diese Frage, weil es Teil meiner Arbeit ist, mit Menschen über das Für und Wider von Gleichberechtigung zu sprechen.

Eigentlich nein. Wer ist schon gegen Gleichberechtigung? Bzw., welches „Wider“ gibt es? Das ist reines Främing – wer gegen Pickert ist, ist gegen Gleichberechtigung.

Und in letzter Zeit auch zunehmend darüber, inwiefern Feminismus als politische Idee und Ermächtigungsstrategie nicht auch etwas für Männer sein könnte.

Ja, klar. Männerquoten in typischen Frauenberufen. Frauen, die Männer zum Essen einladen. Sowas, ja? Ehrlich gesagt, wenn ich machen will, was ich will, ohne auf gesellschaftliche Konventionen zu auchten oder dem sozialen Druck nachzugeben, dann mache ich das. Denn je älter man wird, desto weniger macht einem das aus (jedenfalls, wenn man es sich finanziell leisten kann…)

Am häufigsten werde ich dabei mit dem Vorwurf der Gleichmacherei konfrontiert.

Echt? Ok, das ist natürlich Unsinn. Bzw., der Vorwurf müsste sein, dass Frauen im Allgemeinen und Feministinnen im Besonderen gegen gesellschaftliche und statistische Ungleichheiten zwischen Geschlechtern wenig bis gar nichts haben, solange diese zugunsten von Frauen ungleich sind, und das Pickert das genau wenig bis gar nicht kritisiert. Und daher ist eher Doppelmoral statt Gleichmacherei das Problem. Pickert will, dass Männer Röcke tragen dürfen, ohne ausgelacht zu werden. Ich möchte lieber, dass Männer so lange leben wie Frauen.

Man wirft mir vor, ich würde die Unterschiede zwischen Männern und Frauen absichtlich ausblenden oder verwischen und eine Art geschlechtsneutralen, politisch korrekten Einheitsbrei anrühren, der gefälligst allen zu schmecken hat.

Nun, auch wenn das nicht mein Vorwurf ist, den gibt es bestimmt auch; das könnte tatsächlich daran liegen, dass Pickert nicht genug Empathie hat um sich vorstellen zu können, dass manche Männer sich für Fleisch, Alkohol, Fußball und Autos interessieren, weil sie diese Dinge mögen und nicht, weil sie sich aus Gruppenzwang und Männlichkeitsklischees sich dazu bewusst oder unbewusst zwingen. (75% davon interessieren mich auch nicht, trotzdem kann ich das nachvollziehen.)

Fast immer kommt dieser Vorwurf dabei von Männern.

Weil er fast nie von Frauen fordert, sie sollen ihr Verhalten ändern, ihre Interessen hinterfragen oder sonstwas tun, vllt.? Nur so als Theorie.

Deshalb richtet sich meine Frage auch ganz direkt an sie und dreht den Spiess um. Ich will wissen, welcher Mann genauso ist wie ich.

Ja, und? Diese Punkte betreffen jetzt nicht die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, und nur am Rande die ansozialisierten. ein Mann, der sich um seine Kinder kümmert, pardon, darin seine Hauptverantwortung sieht? Heteronormative Dingsbums. Ein Mann, der im Osten geboren wurde? Ist ja trotzdem ein Mann. Und der Rest? Dass Männer sich für Fleisch, Fußball, Alkohol und Autos interessieren, ist nur im allerweitesten Sinne Teil der sozialen Rolle von Männern.

Das macht mich weder besonderer noch besser oder schlechter als jeden x-beliebigen Mann.

Echt nicht? Ok, aber ich wette, eine Menge Männer im Publikum verstehen das genau so: Pickert ist ein besonderer, besserer Mann als andere. Umgekehrt – wenn nicht, warum sollten sich Männer, die nicht wie Pickert sind, sonst ändern?

Es spielt den erhobenen Vorwurf lediglich zurück, indem es auf ein Phänomen verweist, das man als binnengeschlechtliche Gleichmacherei bezeichnen könnte: Frauen sind nach dieser Logik eben Frauen und Männer bleiben Männer.

Jein. Man könnte der Ansicht sein, dass es tausend mögliche soziale Rollen für Männer und tausend mögliche soziale Rollen für Frauen gäbe, und trotzdem der Ansicht sein, dass es keine Rolle gibt, die beide Geschlechter ausüben können oder sollten.

Für Vielfalt und Facettenreichtum bleibt dabei kaum Raum.

Das ist jetzt Pickerts Vermutung, was seine Kritiker denken. Aber gut, wenn er für Vielfalt und Facettenreichtum ist, seine Einleitung ist trotzdem: „Ich bin im Osten geboren, habe seit 20 Jahren dieselbe Lebensgefährtin und vier Kinder und sonst keinerlei Interessen oder Hobbys.“ Möglicherweise nicht ganz die beste Werbung für Vielfalt und Facettenreichtum.

Auch nicht für Neugier und Staunen.

Tja. Auch dafür nicht. Wofür genau interessiert sich Pickert? Was bringt ihn zum Staunen?

Zum Beispiel darüber, dass ich mit einer gleichaltrigen weissen Frau aus Ostberlin, die drei Kinder hat, womöglich sehr viel mehr gemeinsam habe als mit einem schwulen jungen Mann aus Basel, der in seiner Freizeit gern feiern geht oder Fussball schaut.

Jaaaaaa, ne. Ist klar. „Ich bin mehr wie die Frau als wie der Schwule.“ – „Ich will trotzdem nicht tauschen.“

Oder darüber, dass das, was wir als klassisch männlich oder weiblich definieren, sehr viel beweglicher und freier ist, als vielen von uns recht ist.

Das „wir“ und das „uns“ ist sicher nicht deckungsgleich. Wenn „ich“ männlich und (nicht „oder“) weiblich definiere – egal, ob biologisch oder sozial – definiere ich das so eng oder frei, wie es mir passt. Pickerts „wir“ definiert Geschlechtsunterschiede möglicherweise freier als das „uns“ seines Publikums.

Warum eigentlich?

Weil da jemand einen ziemlich beweglichen und freien Umgang mit Pronomina praktiziert, und ich meine nicht er, sie, soe.

Was spricht denn gegen Flexibilität und Freiheit?

Nuuun, zu Flexibilität und Freiheit gehört, dass man sich nicht vorwerfen lässt, wie man lebt. Und dieser Vorwurf durchzieht sich durch alles, was Pickert schreibt.

Stereotype Rol­lenklischees sind wie ein Korsett.

Wenn ich mal richtig pingelig bin, muss ich darauf bestehen, dass Klischees keine Ideale sind. Ein Ideal ist: „Mann verdient Geld, um Frau und Kinder zu versorgen.“ Ein Klischee ist: „Mann versäuft das Geld, weil Männer einfach gerne Alkohol trinken.“ Was da also steht ist: „Geschlechtsspezifische Vorurteile sind ein Korsett.“ und nicht: „Geschlechtsspezifische Rollenerwartungen sind ein Korsett.“ (Das eine schließt das andere nicht notwendigerweise aus, aber was ist gemeint? Was soll man abschaffen?)

Ich kann noch so sehr darauf hin­weisen, dass es viel zu eng anliegt und uns allen die Luft abschnürt – wenn ich nicht anerkenne, dass es auch stützt und Menschen durch ihren Alltag trägt, werde ich nie jemanden überzeugen können, es abzulegen oder anderen nicht auf­zuzwingen.

Wen meint er jetzt mit „uns“? Ihn? Mich? Die Leute im Publikum? Wenn er nicht sauber zwischen Klischees und Vorurteilen – die schädlich sind – und Idealen und Rollenerwartungen – die schädlich sein können, aber trotzdem Menschen tragen können, unterscheidet, und zwar nicht nur sprachlich, sondern inhaltlich – „Das ist ein Vorurteil und dies ist eine Rollenerwartung.“ – muss er sich nicht wundern, warum man ihm Gleichmacherei vorwirft.

Männern und Frauen über den Mund zu fahren, weil sie der Auffassung sind, dass Frauen an den Herd und in die Kinderbetreu­ung gehören und Männer an den Arbeitsplatz, ist natürlich verlo­ckend. Sehr verlockend.

Ja, Männern vorzuwerfen, dass sie Geld verdienen, und Frauen, dass sie Zeit mit ihren Kindern verbringen. Wen so etwas verlockt, kritisiert gerne die Lebensentwürfe anderer Menschen. So ein Spießer.

Wie vielen Leuten könnte man jetzt nicht angesichts der problema­tischen Situation ein ‹Das habt ihr jetzt davon!› vor die Füsse knallen.

Non sequitur. Wegen Corona – eine Krankheit, die den Schwulen in Basel genauso betreffen kann wie die Hetera in Berlin – führt zu Problemen, die bestimmte Branchen härter trifft als andere, und die die externe Kinderbetreuung – KiTa und Schule – schwierig bis unmöglich macht. Großeltern sind auch keine gute Option, ergo sind Alleinerziehende richtig gekniffen und Paare haben es schwer, weil eine Hälfte immer zu hause bleiben muss. Auch bei Paaren, wo die männliche Hälfte zu hause bleibt, ist die Situation nicht grundsätzlich besser, insofern wäre „das habt Ihr jetzt davon“ sinnlos.

Denn das haben sie und wir alle ja tatsächlich davon, dass wir Gegen­ständen und Tätigkeiten ein Ge­schlecht zuweisen und Menschen auffordern, die eigene Geschlechts­identität zu belegen, indem sie das eine tun und das andere lassen.

Tja, ich z.B. fühle mich nicht bemüßigt zu arbeiten, um meine Geschlechtsindentität zu belegen, sondern um Geld zu verdienen. Arbeiten um der Nachbarn willen ist Kappes.

Aber wenn Frauen immer die sein müs­sen, die sich aufopferungsvoll und fürsorglich um ihre Kinder küm­mern, und Männer stets die zu sein haben, die Leistung zeigen und die Familie ernähren: Was passiert, wenn beide wochenlang zuhause ho­cken, während die Kinder allmäh­lich einen Lagerkoller bekommen und ihm die Kündigung ins Haus flattert, weil seine Firma coronabe­dingt dichtmachen muss?

Dasselbe, was passiert, wenn SIE die Familie ernährte und ER sich liebevoll und fürsorglich sich um die Kinder kümmerte. Oder wenn beide halbtags arbeiteten. Oder beide Vollzeit, und mit dem Geld den Kindergarten bezahlten, und den Rest der Zeit ist das Kind bei den Großeltern. Firmen, in denen Frauen arbeiten, machen ggfs. auch dicht – außer Krankenhäuser, vllt. ist die Frau klischeegerecht Krankenschwester – und das Ergebnis ist genau das gleiche. Das Ergebnis wäre genau DANN ein anderes, wenn Pickert unterstellt, dass nicht die konkrete Branche oder Firma darüber entscheidet, ob der Job die Krise überlebt, sondern einzig der Lebensentwurf der/s Jobinhabers. Oder dass das Geschlecht der Jobinhaberin den Job retten würde. Nebenbei, die Baubranche ist ziemlich männerlastig, und da wird trotz Corona ganz gut weitergearbeitet.

Wie kön­nen sie noch Frau und Mann sein, wie sie selbst, wenn alles was ihnen geschlechtsspezifisch zugeschrieben wurde, einfach nicht mehr möglich ist?

Nuuuuun, die Frau, deren Leben entweder sowieso schon oder qua Corona auf „Hausfrau und Mutter“ „reduziert“ ist, kann immer noch oder jetzt besonders gut „Frau“ sein, wenn sie oder jedenfalls „die“ Gesellschaft „Frau“ so definiert. Nur für ihn ist es schwer, wenn er seine Männlichkeit über seinen Beruf definiert, und diesen nicht mehr ausüben kann. (Wobei den meisten Leuten klar ist, dass das in dem Fall höhere Gewalt ist…)

Die Antwort auf diese Frage be­steht nicht darin, die Betreffenden auszulachen und aufgrund ihres Schwarzweiss­-Denkens zu Idioten zu erklären.

Naaaaiiiinn, schadenfreudige Häme ist viel besser, woll. Achne, das ist genau das. Ok, offenbar hast dieser Mann keine Antwort darauf, inwieweit nicht-traditionelle Lebensentwürfe in der Coronakrise helfen. Außer, keine Kinder zu haben, natürlich.

Wäre es nicht besser, wenn Küm­mern, Pflegen, Trösten und liebevol­le Zuwendung integraler Bestandteil unserer Vorstellung davon sind, was einen Mann ausmachen sollte?

Eurer Vorstellung oder meiner? Arbeitsteilung hat den Hintergrund, dass zwei spezialisierte Rollen effektiver sind als zwei generalisierte. Natürlich kann auch der Mann zu Hause bleiben und die Frau arbeiten, um die Familie zu verdienen, das bringt bloß keinen materiellen oder emotionalen Vorteil gegenüber einem Modell, bei dem beide Eltern Halbzeit arbeiten und daher seltener befördert werden.

Damit die Person die Kinder betreu­en kann, die dazu gerade nervlich in der Lage ist, und nicht die, die qua Geschlecht dazu verpflichtet wird?

Wäre es nicht NOCH besser, wenn es Euch scheißegal wäre, wie die Eltern nebenan ihre Kinder erziehen, solange sie dies liebevoll und fürsorglich tun? Spießer! Nebenbei, wenn das eine Elternteil nervlich nicht in der Lage ist, Geld zu verdienen, hat das andere ja auch nicht spontan einen Job…

Und wäre es nicht klug, Leistungs­fähigkeit, Zielstrebigkeit und Kar­rierebewusstsein nicht länger als unweiblich zu deklarieren, damit die Brötchen von den Personen verdient werden können, die dafür in der jeweiligen Situation aus welchen Gründen auch immer am besten geeignet sind?

Nein. Ich habe nichts davon, dass meine Nachbarin Karriere macht. Es geht mich auch nichts an. Ich deklariere demnach GAR nichts. Aber wenn meine Nachbarn sich so aufteilen, dass sie arbeiten geht und er nicht, wieso sollte mich das stören? Es nutzt halt trotzdem nichts gegen Corona. Es macht ihr Leben auch nicht reicher. Oder meines.

So ganz ohne über­griffigen Geschlechtstest und kurz­sichtiger Zwangsverpflichtung?

Musterung und Wehrpflicht wurden ausgesetzt. Was sonst wäre „Zwangsverpflichtung und Geschlechtstest“? Übergriffig im Sinne von „Frau fasst meine Genitalien an, und ich durfte mich nicht wehren“?

Ich bin dafür, dass wir für die Freiheit unserer Würde planen und nicht für die Sicherheit unserer Vorurteile.

Die Würde eines Menschen wird nicht dadurch angetastet, dass soe sich für ein bestimmtes Rollenmodell entscheidet. Pickerts eigene Lebensplanung hat nebenbei gegen Corona auch nichts gebracht. Dennoch ist er in Versuchung, andere auszulachen. gut, dass er das unterdrücken konnte…

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