Friendzone einmal anders

Auch wenn dieser Artikel das Wort Friendzone nicht verwendet, setzt er sich trotzdem mit dem Thema auseinander.

Also, ansatzweise.

Es gibt vier goldene Regeln, die jede junge Frau lernt, sobald sie anfängt, Sex zu haben:

  • Benutze ein Kondom.
  • Ja, du kannst auch während deiner Periode schwanger werden.
  • Warte möglichst auf den Richtigen.

Und:

  • Schlafe nicht mit den Typen aus deinem Freundeskreis.

Nein, die Goldene Regel lautet: Handele stets nach solchen Maximen, von denen Du wollen kannst, dass sie allgemeine Maxime seien.

Aber gut, diese Regeln sind nicht verkehrt. Bzw. # 2 ist keine Regel in dem Sinne. Hachja, Journalismus.

Diese gesellschaftlich anerkannten Grundregeln wurden von meinem Teenie-Ich nicht infrage gestellt.

Äääähm, nein. Das hat wenig mit „gesellschaftlich anerkannt“ zu tun. Das sind Dinge, die man Teenagern sagt, weil sie im besten Interesse des Teenagers selbst sind. Der Gesellschaft kann es egal sein, ob Teenager überhaupt Sex haben. Und man sagt es Teenagern, weil man selbst mal Teenager war und weiß, dass Teenager eine Menge dummer Sachen machen, insbesondere im Umgang mit Sex. Aber wieauchimmer, man kann den Sinn hinter solchen Regeln erkennen.

Sowieso alles ganz schön krass, das mit dem Sex – wie man da aufpassen muss, um sich nicht den Ruf zu versauen!

Nuuun, das mit keinem Sex im Freundeskreis hat nur am Rande mit dem Ruf zu tun. Außer, wenn man als Teenie ein komplettes Doppelleben führt, so dass Liebesleben mit komplett anderen Menschen stattfindet als der Freundeskreis, ODER, wenn man nur Sex mit Menschen hat, die diesbezüglich gegenüber dem gemeinsamen Freundes- und Bekanntenkreis die Klappe halten, bleibt sowas ja nicht lange geheim. Und die Regel lautet ja nicht: „Lass niemanden mitkriegen, mit wem Du (alles) schläfst!“, sondern: „Kein Sex im Freundeskreis.“

Also wurden … die Jungs in meinem Freundeskreis tunlichst gemieden. Auch wenn ich Rafael süß fand. Und Alex. Und Chris. Aber leider waren die ja tabu, denn wir waren befreundet.

Ok. Als erwachsene, berufstätige Frau sollte man den Sinn der Maßnahme vllt. trotzdem verstanden haben? Nein?

Aaaalso, es ist erstmal kein Tabu. Zweitens, in Zusammenhang mit „auf den Richtigen warten“, ist offenbar der Ratschlag, nur mit Menschen zu schlafen, mit denen man eine Beziehung hat bzw. aufbauen will. Demnach ist gemeint, man solle keine Beziehung mit jemanden aus dem (engeren) Freundeskreis anfangen. (Was jetzt genau als Freundeskreis im Sinne der „keinen Sex mit“-Regel gelten soll, ist nicht abschließend geklärt, aber das ist wiederum ein Grund, warum Definitionen wichtig sind.) Dritttens, das gilt technisch gesehen für Teenager! Als Erwachsene(r) muss man sich eh‘ nicht mehr dran halten. (Außerdem mag das dazu dienen, dass man es sich als Teenie nicht ZU leicht bei der Partnersuche macht.)

Manchmal, wenn ich so an Rafael (oder Alex oder Chris) dachte, fragte ich mich, was da eigentlich für eine zerstörerische Kraft in meinen Küssen läge. Was für eine Splitterbombe ich da scheinbar zwischen den Beinen trüge, sodass der Sex mit ihnen einer Kriegserklärung an das, was wir Freundschaft nannten, gleichkäme.

Ach, die spaltene Wirkung wird erst dann freigesetzt, wenn zwei Menschen im selben Freundeskreis eine Beziehung beginnen UND wieder beenden. Oder, wenn eine dritte Person im Freundeskreis heimlich in eine der beiden verliebt ist, die gerade Sex haben. Ist beides nur begrenzt dem Zusammenhalt im Freundeskreis förderlich.

Doch an den Grundstrukturen der Teenagerregeln wurde nicht gerüttelt, und so begnügten wir alle uns mit mehr oder minder erfolgreichen Versuchen im „Liebe machen“ mit Personen, die wir manchmal noch nicht mal liebhatten.

Weil Teenie ja auch immer machen, was man ihnen sagt – diese Naivität halte ich hier für vorgetäuscht. Aber immerhin, Ex-Teenager entwickeln sich weiter und lernen:

Zum Beispiel, dass mir eine eigene Meinung zu dem Thema zusteht. Und dass Sex in beiderseitigem Einverständnis … okay ist. Ich fand, es sei Zeit, endlich das auszuprobieren, was immer noch als das ultimative No-Go in gemischt-geschlechtlichen Freundschaften gilt.

Die Regel besagt nicht, dass das nicht ok ist. Die Regel besagt, dass das eine dumme Idee ist. Wie Komasaufen. Oder weiße Socken zu schwarzen Schuhen.

Dieses Mal war ich also fest entschlossen, es anders zu machen: Ich wollte endlich auf mein sehr weit südlich gelegenes Bauchgefühl hören. Sollten die anderen doch denken, denken, denken – ich wollte verdammt noch mal fühlen.

Schon mal was von Menschen gehört, die in einer sogenannten „Friendzone“ stecken? Sie vermutlich nicht, so, wie sie das darstellt. Das ist die Situation, wo Person A in Person B verliebt ist, Person B aber Person A als Mitglied-des-Freundeskreises-#31 wahrnimmt. Das ist dann ein stärkeres Hemmnis als irgendwelche sozialen Tabus. Und, ja, als gefriendzoneter Mensch sollte man sich irgendwann fragen, ob man ENTWEDER mal irgendeinen konkreten Schritt macht, damit Person B mitkriegt, was Sache ist, und entweder die Art ihrer Beziehung überdenkt oder A direkt einen Korb verpasst, ODER ob man der Ansicht ist, dass B schon weiß, was Sache ist, und das einfach ignoriert, oder aber, ob man sowieso keine Chance hat und jedenfalls sich anderweitig umsieht. (Tipps, die mein Teenager-Ich nicht hatte. Bzw., eigentlich hätte es auch von alleine darauf kommen können, aber Teenager-Hirne halt.)

Ich fühlte mich immer mal wieder zu ihm hingezogen und hatte keine Lust mehr, das zu bekämpfen. Zum Glück sah er das an einem entspannten Abend und nach dem vierten Glas Rotwein genauso.

Vier Gläser insgesamt oder für jede(n)? („Mach da besser keine Witze drüber!“ – „Ich frag nur aus Neugier…“)

Ja toll, Sex im Freundeskreis kann funktionieren. Eine völlig repräsentative Stichprobe unserer Korrespondentin hat das ergeben.

Wir stellten klar, dass wir beide nicht ineinander verliebt waren (im klassischen Sinne). Wir konnten darüber lachen. Es war kein schlimmes Geheimnis. Kein Übertreten goldener Regeln, da wir diese Regeln einfach mal zünftig ignoriert hatten. Und wo keine Regel, da kein Regelbruch – oder?

Oder. Eine Regel zu ignorieren, um sie zu brechen, ist Teil des Regelbruchs. Eine Regel zu brechen, die es in DER Form nicht gibt, ist kein Regelbruch. Ich habe gerade die platinveredelte „Nicht beim Glockenläuten bloggen“-Regel gebrochen! Feiert mich – ich bin so bad-ass! Eine Regel ausdenken, sie brechen, und dann einen Artikel für die Online-Zeitung zu schreiben, ist Erwerbsarbeit. Herzlichen Glückwunsch, sie hat das Geld für den Wein wieder drin!

Warum schlafen wir mit Menschen? Tausende Gründe, also fange ich bei meinen an.

Weil wir Sex wollen. Weil wir eine Beziehung wollen. Weil wir Kinder wollen. Und vier Kombinationen der drei vorgenannten, also insgesamt 7. „Gut duften“, „witzig sein“ und andere Sachen beantworten die Frage „mit wem?“, aber nicht „warum?“. (Oder meint sie jetzt explizit „warum mit Menschen?“)

So gesehen kann also der Sex mit Freunden viel ehrlicher, viel unprätentiöser, viel harmonischer sein.

Alles kann. Muss aber nicht.

Und vielleicht doch eher bei zwei Gläsern Wein bleiben.

Achwas, zwei Flaschen!

 Tut es. Traut euch. Sex ist Zuneigung, Sex ist: lieb zueinander sein. Er ist kein Damoklesschwert, das wegen ein paar netter Stunden im Bett für immer über eure Freundschaft hängt. Wirklich.

Nein. Nur solange, wie eine der beteiligten Personen grundsätzlich andere Ideen hat, wie’s weitergehen soll, als die andere. Oder, wenn man mit einer Person zusammenkommt, die man jahrelang nicht gesehen hat, die inzwischen geschieden ist, solange, bis die wieder Schluss macht, aber man zu einer Veranstaltung angemeldet ist, die sie mitorganisiert hat, aber coronabedingt ausfällt, so dass man nochmal Glück gehabt hat und sich damit nicht direkt auseinandersetzen muss.

Ja, SO kompliziert können die Folgen von Sex sein.

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