Warum Definitionen wichtig sind

Das Thema Fake News ist im letzten Jahr ziemlich hochgekocht, oft im Stil von: „Steht doch nicht nur rum, verbietet endlich etwas!“; aber erst, seitdem ich diesen Artikel gelesen habe, fiel mir auf, dass es irgendwie keine Definition, oder wenigstens einen halbwegs stabilen Konsens gibt, was „Fake-News“ eigentlich sein sollen. Ich hatte mir das immer als „Nachrichten, die gelogen sind“ übersetzt, aber das muss ja nichts heißen.

Im obigen Artikel geht es um einen Bombenverdacht in Berlin, und wieviel dramatischer der Vorgang im Daily Star dargestellt wird. Und das soll zeigen, dass man Fake-News schreiben kann, ohne zu lügen, was nach „meiner“ Definition unmöglich wäre.

Ich weiß, dass manche Medien gerne Überschriften so formulieren, dass sie spektakulärer, interessanter oder wenigstens relevanter klingen, als die Meldung eigentlich ist. Ich kenne auch Fälle, wo etwas gesagt wird, was stark verkürzt, sehr ungenau, irreführend oder tatsächlich unwahr ist – ein Beispiel von „unwahr“ wird hier dargestellt. Das kann unterschiedliche Gründe haben, z.B. ist dem Reporter vllt. eine Sache falsch erklärt worden, oder sie ist falsch verstanden worden, oder ein Fachbegriff wird falsch verwendet, oder die Redaktion verschlimmbessert etwas, was eigentlich richtig war. Und selbst, wenn ein Satz falsch ist, ist ja nicht der ganze Artikel falsch. Und selbst, wenn ein ganzer Artikel falsch ist, ist er ja nicht automatisch gelogen. Journalismus wird von Menschen gemacht, und Menschen machen Fahler.

Aber zurück zur „schöne(n) Fallstudie darüber, wie man Fake News verfasst, ohne dabei zu lügen.“ Der Grundgedanke ist, dass in einem englischen Artikel die Jagd nach einem Terrorverdächtigen in einem Zusammenhang mit einem als falsch erwiesenem Bombenalarm gebracht wird, und zwar durch das Wort „as“, was soviel bedeutet wie „als“ oder „während“, oder in anderen Zusammenhängen „wie“ oder „so“, aber nie „weil“. Jetzt stimme ich Herrn Stefanowitsch natürlich zu, dass es sicher Menschen geben wird, die dies als kausalen Zusammenhang wahrnehmen werden, schon, weil das irgendwie in der menschlichen „Natur“ angelegt ist. Der Angeberausdruck für solche Schlüsse heißt: „Post hoc, ergo propter hoc“ oder dt.: „Danach, also deswegen.“ Und vermutlich hat er auch damit recht, dass das auch die Intention war, die Jagd nach den Terroristen an dieser Stelle überhaupt zu erwähnen.

Aber ansonsten: nö.

Wenn man schon die Meldung auf Dinge abklopft, die jemand anders verstehen könnte, als es der Wirklichkeit entspricht:

  1. Sind mit „Berlin shops locked down“ zwei, mehr als zwei oder alle Läden in Berlin gemeint, die geschlossen sind? (Und ist „Locked down“ mit „Ausgangssperre“ wirklich optimal übersetzt?*) Ein oberflächliches Publikum hat jetzt ausgestorbene berliner Fußgängerzonen vor Augen, was ja falsch ist.
  2. Auf der selben Schiene, sind „trains“ zwei oder mehr U-Bahn-Züge, oder 2 oder mehr U-Bahn-Linien, oder außerdem auch Straßenbahnen und Fernverkehr? All das kann bei „trains“ verstanden werden. Ergo „Fake-News ohne zu lügen“.
  3. Impliziert „gathers pace“ nicht, dass sich die Behörden bis dato eher im Schneckentempo bewegten?

Ja, der ganze Satz ist mehrfach missverständlich; zu seiner Verteidigung möchte ich aber anfügen, dass es zwar keinen kausalen Zusammenhang gab, aber einen temporalen, weil die „Bombenentschärfung“ tatsächlich während der Terroristenjagd stattfand, und einen thematischen, weil das Thema „Anschläge“ ist. Und ich könnte spekulieren, dass die Verantwortlichen in der Redaktion spekuliert hatten, dass der Schuhkarton oder was auch immer vllt. keine Aufmerksamkeit erregt hätte, wenn man in Berlin gerade etwas nervös ist, aus traurigem Anlass.

Oder die Redaktion hat geschlafen.

Natürlich würde kein „Wahrheitsministerium“ diese Meldung verbieten, weniger, weil es nicht die Schuld des Daily Star ist, wenn Leute „während“ mit „weil“ verwechseln, sondern weil ein Wahrheitsministerium solche Meldungen gut fände, um die Bevölkerung auf Linie zu halten: „Terror an jeder Ecke! Seid Ihr immer noch dagegen, überall Kameras zu installieren?“ Nebenbei, wieso unterstellt Herr Stefanowitsch, dass Leute deshalb denken, dass der Verdächtige in der Nähe dieses Einkaufszentrums gesehen worden sei? Und wenn es solche Leute gäbe, wieso wäre das ein Argument, Fake-News nicht zu verbieten? Wenn es Leute gibt, die gegen bestimmte Stoffe allergisch sind, die an sich nicht giftig sind, ist das ja auch kein Argument dagegen, generell Gifte in Nahrungsmitteln zu verbieten**.

Wohlgemerkt, es gibt Argumente gegen ein Verbot von Fake-News, die ich für überzeugend halte:

  • Gesetze gegen Beleidigung und übler Nachrede sind prinzipiell auch auf Nachrichten anwendbar, man braucht keine neuen Gesetze, wenn man einfach vorhandene konsequent anwenden kann
  • es ist möglich, dass Medien einen Widerruf bringen oder eine Gegendarstellung; manchmal erst nach einer Gerichtsverhandlung, aber was sein muss, muss sein
  • es ist eine zumutbare Härte, Nachrichten, seien sie aus dem Internet, der Zeitung, dem Fernsehen oder sonstwo, aufmerksam zu lesen/hören/etc. und nichts hineinzuinterpretieren***, viele Fake-News zerlegen sich dann von alleine
  • einige Ideen zum Thema Fake-News-Verbot laufen nicht nur darauf hinaus, die Fake-News-Urheber zu bestrafen, sondern auch andere Parteien wie hier z.B. Facebook. Ich bin kein Freund von Facebook, aber soll Facebook jetzt entscheiden, was Fake-News sind? Im Ernst? Wird auf eine Miranda-Erklärung: „Wir haften nicht für Falschaussagen unser Mitglieder“ hinauslaufen, ich seh’s kommen
  • Für ein Verbot müsste man erst einmal eine Definition von Face-News haben, woran es offenbar noch hapert
  • auch, wenn es jetzt nur ein Semi-Argument ist: es wird schwierig sein, bei den schlimmsten Fake-News Verantwortliche zu belangen, insbesondere, wenn deren Server in anderen Ländern stehen

Es gibt aber auch Gründe, warum selbst bei einem aktiven Fake-News-Verbot obiges Beispiel nicht erfasst würde:

  • Menschen sind nur begrenzt für die Fehler ihrer Mitmenschen haftbar zu machen; wenn jemand nur wegen dieses Satzes denkt, der Verdächtige wäre in der Nähe vom Prenzlauer Berg gesehen worden, ist das in der Tat nicht die Schuld des Daily Star, und ohne Schuld gibt es keine Strafe (Angeberausdruck dafür fällt mir gerade nicht ein)
  • man müsste vermutlich zumindest grobe Fahrlässigkeit, vermutlich eher Vorsatz auf Seiten der jeweiligen Redaktion nachweisen, und ich bezweifle, dass das hier ohne Geständnis möglich wäre (im Unterschied zu: „Hilary Clinton ist Reptilienmensch!“)
  • es kann von einem halbwegs erwachsenen Menschen erwartet werden, dass er den Stil von Zeitungen einordnen kann; „Berliner Läden geschlossen“ heißt nicht notwendigerweise „ALLE Berliner Läden geschlossen“, ein „Terrorverdacht“ heißt nicht zwingend, dass das ein bestimmter Terrorist gesehen wurde, oder überhaupt ein Terrorist, etc.
  • ein Fake-News-Verbot sähe wahrscheinlich eine gewisse „Bagatellgrenze“ vor, die hier nicht überschritten ist
  • wenn der Satz wahr ist, ist er keine Lüge, und wenn er keine Lüge ist, ist er keine Fake-Nachricht

Womit ich wieder bei „meiner“ Definition bin. Es gibt sicher mehr als diese; Herr Stefanowitsch nimmt eine sehr weite Definition, die dieses Beispiel einschließt, und wohl auch deutlich unwahrere Meldungen, zeigt dann auf ein besonders harmloses Beispiel, legt dar, warum es vom „Wahrheitsministerium“ nicht beanstandet werden würde, und schließt daraus, dass Fake-News generell nicht verboten werden können. Selbst, wenn man seine Definition so akzeptiert, muss man den Schluss nicht akzeptieren, wie folgender Vergleich darlegen soll:

„Diese Meldung ist eine Fake-Meldung, diese Meldung kann man nicht verbieten, also kann man Fake-News nicht verbieten.“ ist dieselbe Logik wie: „Ein Pinguin ist ein Vogel, ein Pinguin kann nicht fliegen, also können Vögel nicht fliegen.“

Ein schlechtes Argument gegen eine Sache ist fast schon ein Argument für diese Sache. Dasselbe Beispiel könnte auch belegen, warum es nie Gegendarstellungen oder Widerrufe in Zeitungen geben wird, schließlich wird es zu dieser Meldung vom Daily Star keinen Widerruf und keine Gegendarstellung geben. Jetzt gibt es aber Gegendarstellungen und Widerrufe, also stimmt wohl eher was mit dem Argument nicht.

 

*Ein Totholz- und zwei Online-Wörterbücher bieten als englisches Wort für „Ausgangsperre (bei Zivilisten)“ „curfew“ an; es ist aber trotzdem nicht die Schuld von Pr. Stefanowitsch, dass ich mir jetzt vorstelle, wie Leute das Einkaufszentrum nicht mehr verlassen dürfen, nur weil er von einer „Ausgangssperre für Läden“ schreibt.

**Um Missverständnissen vorzubeugen: der Vergleich hier ist zwischen einer Sache, die nur einigen Menschen schaden würde (z.B. Gluten), und einer Sache, die jedem Menschen schaden würde (z.B. Arsen) – selbst, wenn manche Menschen wegen obiger Meldung glauben, „der gesuchte Terrorverdächtige sei in der Umgebung des Einkaufszentrums gesichtet worden“, die meisten glaubten das nicht. Bei der unwahren Meldung: „Der gesuchte Terrorverdächtige ist in der Umgebung des Einkaufszentrums gesichtet worden.“ würden praktisch alle fälschlicherweise glauben, dass der Gesuchte gesichtet worden sei. Arsen im Essen ist verboten, Gluten nicht.

***Oder, wenn man schon interpretiert, dass man zwischen eigener Interpretation und fremder Aussage sauber unterscheidet

edit 31.12.16 Tippfehler und Format

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s