…und dann die Rassisten?

11. MENSCHEN, DIE RASSISMUSERFAHRUNGEN GEMACHT HABEN UND SIE ANPRANGERN, SIND NICHT PAUSCHAL DUMM, HYSTERISCH ODER VERRÜCKT. IHRE ERFAHRUNGEN SIND VIELLEICHT KEIN ALLGEMEINWISSEN. ABER SIE SIND DESWEGEN NICHT FALSCH. Ok, wenn ich andere Menschen pauschal als dumm, hysterisch oder verrückt abtäte, wäre ich so xyistisch, dass ich mir gar nicht die Mühe machte, diese Empfehlungen zu lesen. Mir ist klar, dass sich diese Empfehlungen nicht an die „Hardcore-Rassisten“ richten, aber letztens gab es Empfehlungen, sich beim antirassistischen engagieren etwas zurückzunehmen, jetzt muss derselben Zielgruppe gesagt werden, dass man die Existenz von Rassismus überhaupt anerkennen soll? Da passt zumindest die Reihenfolge nicht.

12. Du findest schwarze Männer oder Asiatinnen besonders heiß? Es gibt eine lange Geschichte der Sexualisierung von Fremden. Betroffene empfinden diese vermeintlich positiven Zuschreibungen manchmal als entwürdigend. Hmm, wenn ich mal eine Dating-App habe, werde ich schwarze Männer direkt wegwischen. Ach nein, da kann man bestimmt das gesuchte Geschlecht vorgeben. Aber gut, wenn ich auf brünette Frauen stehe, diskriminiere ich blonde und schwarzhaarige, weil ich nicht auf sie stehe, und brünette, weil ich mit ihnen Sex will. Das schränkt meine Beziehungsmöglichkeiten nun doch schon ein bisschen ein.

13. Es gilt grundsätzlich, bei diesem Thema aber umso mehr: Eigne dir das Wissen fremder Leute nicht so an, als wäre es dein eigenes. Wenn du etwas Interessantes gehört oder gelesen hast, zitiere die Urheberin oder den Urheber. achja: Ruhm und Ehre an:  und 

14. Als Frau oder Ossi machst du ähnliche Erfahrungen wie Migranten? Setze Rassismus nicht mit anderen Diskriminierungsformen wie Sexismus gleich. Manchmal wird es noch komplizierter: Diskriminierungsformen können sich überlappen und verstärken, wenn eine Person mehrfach diskriminiert wird. Manche sind schwarz, weiblich, homosexuell und haben körperliche Einschränkungen – und sind in Ostdeutschland groß geworden. Ohne Frau und Ossi zu sein, „ähnliche Erfahrungen“ ist nicht dasselbe wie Gleichsetzung. Auf dem ganz allgemeinen Level sind Rassismus, Sexismus und wasnichtalles alles dieselbe Scheiße, auf dem konkreten Level unterscheiden sie sich in der „Ausführung“, und wenn man ins Detail geht, sind ja auch nicht alle Rassismuserfahrungen gleich. Nicht jeder oder jede, die oder der _ähnliche_ Erfahrungen gemacht hat, will damit Rassismus verharmlosen. Vllt. suchen die auch Verbündete. Aber natürlich immer schön silencen. Frauen und Ossis, ey.

15. Es gibt für dich keine Hautfarben, weil alle Menschen gleich sind? Menschen, denen eine dunkle Hautfarbe zugeschrieben wird, machen wegen dieser zugeschriebenen Hautfarbe andere Erfahrungen. Das kann man einfach so akzeptieren. Ok, das ist so ein Fall, wo übertragene und wörtliche Bedeutung einander widersprechen. 1.: Die Hautfarbe ist objektiv messbar und wird nicht „zugeschrieben“*. 2.: mit „es gibt für mich keine Hautfarbe“ ist i.d.R. nicht gemeint, „ich glaube nicht, dass es Rassismus gibt!“, sondern: „ich glaube nicht, dass Rassismus stimmt!“ Wenn jemand nicht an Gott glaubt, behauptet sie oder er ja auch nicht, dass es keine Christen gäbe. Aber ja, manche „farbenblinde“ sind latent oder unbewusst doch rassistisch. Wäre es also weniger rassistisch, wenn jemand sagt: „Für mich gibt es Hautfarben, weil alle Menschen ungleich sind.“?

16. Wenn dich jemand darauf hinweist, dass eine Bemerkung verletzend war, atme tief durch und zähle im Kopf bis mindestens zehn, am besten bis 100, bevor du zum Gegenangriff übergehst. Vielleicht hat sich der Gegenangriff bis dahin verflüchtigt. Dann hättest du nur einmal verbal verletzt, das reicht. Ja, gute Idee. Übrigens, wenn jemand was frauenfeindliches postet, trendet das eher selten bei Twitter. Nochmal an alle #menaretrash-ApologetInnen. Hättet Ihr mal bis 100 gezählt.

17. FÜHL DICH BEI DEBATTEN ÜBER RASSISMUS ODER WEISSE NICHT PERSÖNLICH ANGEGRIFFEN. ES GEHT UM EINEN GESELLSCHAFTLICHEN MISSSTAND, NICHT UM DICH. Ob ich mich von Kritik persönlich angegriffen fühle, hängt von Formulierung und Inhalt ab.

18. Trenne die analytische Kritik am Rassismus von deinem individuellen Handeln. Manche Phänomene muss man auch analysieren können, ohne in eine Gut-oder-böse-Diskussion zu verfallen. Manche Phänomene ja, aber da Rassismus böse ist, ist das automatisch eine gut-böse-Diskussion. Und da ich genau genommen nur mein individuelles Handeln ändern kann, wozu das trennen?

19. Nur weil du niemanden mit Rassismuserfahrungen kennst, heißt das nicht, dass es keinen Rassismus gibt. Achwas?

20. Es geht nicht um Schuld, sondern um Verantwortung. Ja, ok. Habe ich jetzt die Verantwortung für die Ausschreitungen in Chemnitz?

Die Empfehlungen richten sich an zu übereifrige AntirassismusaktivistInnen, die möglicherweise als ostdeutsche Frauen mit Behinderung auch schon diskriminiert wurden, ihre Erfahrungen aber nicht mit Rassismus „gleichsetzen“ sollen, aber überzeugt werden müssen, dass es Rassismus in D. überhaupt gibt. Okeeee…

Vermieter, Lehrer, Arbeitgeber, Vorgesetzte, Professoren, Polizisten und Politiker (weibliche bitte mitdenken) werden völlig außen vorgelassen. Soll das so?

 

*Für’s Protokoll: „Rasse“ wird zugeschrieben; weil es Rassen nicht gibt, kann eine Rasse nicht festgestellt, sondern nur zugeschrieben werden. Bzw., der Begriff wird in der modernen Biologie nur bei Nutztieren und -pflanzen verwendet, afaik. Und der Begriff „Rasse“ wird von denen, die ihn noch verwenden, nicht nur am Melaninanteil der Haut festgemacht, aber davon mal ganz ab.

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