Weil’s Hate Speech ist

Die Diskussion zu #menaretrash derailt derzeit, oder manche sagen auch eskaliert, da sie sich nicht nur um Männer dreht, sondern auch oder insbesondere darum, ob der Hashtag überhaupt in Ordnung ist. Überraschung!

Das liegt daran, dass das Schlagwort „Männer sind Müll“ hate speech ist. Oder Hassrede. Einfachste Erklärung Ever. Ockham rasiert sich damit die Achselhöhlen.

Aber, um diverse „aber!“s vorwegzunehmen, erkläre ich das etwas ausführlicher. Zunächst einmal wird sich jemand fragen, ob hate speech denn nicht normalerweise von rechtsgerichteten Internettrollen ausgeht. Nagut, was heißt „normalerweise“? Unglücklicherweise haben die rechtsgerichteten I-Net-Trolle darauf kein Patent angemeldet, also sind Hassreden gemeinfrei. Außerdem: Frauen können reden, Frauen können hassen, also können Frauen Hassreden. Es gibt keine einheitliche Definition, wann eine Rede Hass ist, aber so ein paar Merkmale sollten eindeutig sein, z.B.:

  • einer Gruppe von Menschen wird pauschal eine schlechte oder minderwertige Eigenschaft zugeschrieben: [x]
  • diese Eigenschaft wird abwertend oder verächtlich formuliert: [x]
  • der Menschengruppe wird ihr Menschsein dadurch abgesprochen: [x]
  • etwaige Gegenbeispiele werden als „Ausnahmen bestätigen die Regel“ oder „Anekdotische Evidenz“ abgetan: nein, die Existenz von Gegenbeispielen wird pauschal bestritten, weil es sich um ein strukturelles Problem handele

Was soll das anderes sein als Hassrede? Oder, wenn das keine hate speech wäre, was denn dann?

Jetzt gibt es diverse Positionen im Netz, wonach „Männer sind Müll“ entweder keine Hassrede sei, oder aber _legitime/legitimierte_ Hassrede. Ich werde auf die Argumente, soweit ich sie verstanden habe, eingehen, und eigene Gegenargumente darstellen.

  1. Es ist ein Unterschied, ob eine benachteiligte oder eine privilegierte Gruppe beleidigt wird. Ja, schon. Wenn ich einem Arbeitslosen 1.000 € klaue, ist das auch „was anderes“ als bei einem Milliardär. Es ist aber beides Diebstahl. Oder, wenn ein türkischstämmiger Gemüsehändler übelst beschimpft und beleidigt wird, ist das auch „was anderes“ als bei Mesut Özil, dem es materiell besser geht als schätzungsweise 99,9% seiner Hasserinnen und Hasser.
  2. Ja, aber die Privilegien! Da steht nicht „privilegierte Männer sind Müll“, oder? „Männer“ sind eine diverse Gruppe, zu der u.a. folgende Teilmengen gehören: a) Schwule; b) Männer in Rollstühlen; c) männliche erwachsene Flüchtlinge; d) die meisten Obdachlosen. Zwar haben die bestimmt alle schon mal gehört, dass sie Müll seien, werden sich aber sicher freuen, wenn man ihnen mal ihre Privilegien erklärt. Nämlich Behindertenparkplätze und, äh, … (wenn Ihr’s wisst, schreibt’s in die Kommentare!)
  3. Es sind ja nicht alle Männer gemeint. Dann sollte der Hashtag aber #Notallmenaretrash heißen, oder?
  4. Frauen werden auch oft übel pauschal beschimpft. Das stimmt, ist dann aber auch hate speech.
  5. Manche Männer schließen sich dem Hashtag ja auch an. Ja. Und? Das ist ein freies Land. Aber wer hat die zum Sprecher aller Männer gewählt?
  6. Die Ärzte haben mal so einen ähnlichen Spruch als Lied gebracht. Die Ärzte sind selbstkritisch, ironisch, links und können Lyrik. Dieses Argument ist fehlerhaft.
  7. Männer werden nicht pauschalisiert, sondern wegen ihres Verhaltens gebasht. Nein, die angebliche Müllhaftigkeit der Männer soll ein strukturelles Problem sein, weshalb individuelles Wohlverhalten einzelner Männer diese nicht besser macht. Wenn das Verhalten eines Mannes für seine Be- bzw. Verurteilung egal ist, wird er also genau NICHT für sein Verhalten gebasht.
  8. Frauen werden in sozialen Medien ständig pauschal beleidigt und beschimpft. Ja, und wurde daraus jemals eine halbwegs konstruktive Debatte? Vermutlich nicht. Ergo kann so ein Hashtag nur von Leuten kommen, die an keiner konstruktiven Debatte gelegen ist. Glückwunsch!
  9. Polemik ist ok, wenn man eine benachteiligte Randgruppe ist. Dazu habe ich eine etwas differenziertere Meinung, aber – um das hier abzukürzen – Frauen stellen in D. die Mehrheit aller Wahlberechtigten. Frauen können nicht in Anspruch nehmen, eine Minderheit zu sein.
  10. Es ist ein strukturelles Problem, kein individuelles, deshalb ist eine allgemeine Aussage wie #menaretrash ok. Mal abgesehen davon, dass auch Frauen von den Strukturen unserer Gesellschaft profitieren, und dass Männer diese Gesellschaft nicht alleine formen – ein einzelner Mann hat schlicht nicht die Möglichkeit, die Gesellschaft zu verändern, und er hat diese Strukturen auch nicht erschaffen. Genausogut könnte man Rollstuhlfahrern vorwerfen, nicht laufen zu können.
  11. Es geht ja gegen die Gruppe „Männer“ als solche. Diese sogenannte „Gruppe“ ist keine Partei oder Interessenverband. Es ist auch nichts, woraus man aus Protest einfach austreten könnte. Genausogut könnte man sagen, man sei gegen Schwarze als „Gruppe“, aber nicht gegen individuelle Schwarze.
  12. Es ist bloß ironische Überspitzung, um die Debatte anzukurbeln. Nicht alle verwenden das ironisch, was man spätestens daran bemerkt, dass die meisten Apologetinnen und Apologeten nichts von Ironie posten. Und apropo: Eine SUPER DEBATTE, die ihr da laufen habt.
  13. Der Hashtag soll dazu dienen, dass Männer mal im Stillen über ihre Rolle in der Gesellschaft nachdenken. Habe ich jetzt gemacht und komme zu dem Ergebnis, dass meine persönliche Rolle darin besteht, dumme Argumente zu zerpflücken.
  14. Frauen werden andauernd beleidigt, und niemand regt das auf! Niemand verbietet beleidigten Frauen, sich aufzuregen (jedenfalls in D.), falls es doch jemand verbieten wollte, könnte sie oder er das nicht durchsetzen, und es gibt auch tatsächlich massenhaft aufgeregte Frauen. Warum sollten Männer anders reagieren? Weil wir keine Gefühle hätten? Das ist ein sexistisches Vorurteil.
  15. Was Sexismus ist, bestimmen Frauen, nicht Männer! Was frauenfeindlich ist, bestimmen Frauen, was männerfeindlich ist, bestimmen Männer. Ist doch logisch.
  16. Der Vergleich zwischen Männern und Gruppen, die tatsächlich diskriminiert werden, ist unzulässig. Wer sollte zu Gewalt gegen Männer aufrufen? Diskriminierung fängt nicht erst bei Gewalt an. Aber, falls das keine rhetorische Frage ist, Valerie Jean Solanas.
  17. Hatten wir schon erwähnt, dass Frauen auch oft beleidigt werden? Ja. Wenn irgendwelche Männer DICH beleidigen, beleidigst Du dann irgendwelche anderen Männer? Und wenn irgendwelche Männer DICH bestehlen, lässt Du irgendwelche andere Männer einsperren? Ist dieselbe Sippenhaft-Gruppenschuld-Logik, die ich so hasse. Merkt man doch, oder?
  18. Ursprünglich ging es bei #menaretrash um einen Tod einer Südafrikanerin, und dann um Gewalt, Vergewaltigung und Mord gegen Frauen durch Männer im Allgemeinen. Ja. Dazu: Sollte das Hashtag dann nicht besser #menwhohitwomenaretrash heißen? Davon abgesehen, ok, ernstes Thema, aber was genau erwartet Ihr von dieser Debatte, wenn Ihr DAMIT argumentiert? Gesellschaftliche Strukturen bringen Leute normalerweise nicht dazu, jemanden zu ermorden, vergewaltigen, schlagen, bestehlen oder sonstwie zu schaden; das weiß ich deshalb, weil Menschen sonst nicht in einer Gesellschaft leben wollten. Aber gut, gesellschaftliche Strukturen schützen auch nicht hundertprozentig. Jetzt gibt es zwei Sorten von Männer, die einen üben Gewalt gegen Frauen aus, die anderen nicht. Wenn man zu der ersten Gruppe twittert, „Ihr seid Müll!“ ist denen das entweder egal, oder sie drohen mit Gewalt. Wenn man das zur zweiten Gruppe sagt, ist denen das egal, oder sie fühlen sich beleidigt, weil ihnen eine Sache vorgeworfen wird, die jemand anderes getan hat. Inwiefern hilft das weiter?
  19. Ja, aber manche Männer stimmen dem Hashtag trotzdem zu. Schön. Eine mögliche Erklärung dafür stammt von den Männerverstehern in der bästän Bänd där Wält (aus Bärlin*): „Er lügt, dass sich die Balken biegen, nur um einen Keks zu kriegen.“
  20. Wenn Männer sich falsch verhalten, ist es nicht die Aufgabe von Frauen, das zu ändern, sondern von Männern. Mal ganz abstrakt gefragt, es gibt Gesetze gegen Mord, Vergewaltigung und Körperverletzung. Sofern ich nicht bei der Strafverfolgung oder anderen Behörden arbeite, zu deren Aufgaben es gehört, diese Gesetze entweder durchzusetzen oder aber Verstöße im Vorfeld zu verhindern, wie kann dann meine Verantwortung darin liegen, dass andere Männer sich nicht wie Arschlöcher verhalten?
  21. Wenn Männer sich falsch verhalten, ist es aber trotzdem die Aufgabe von Männern, das zu ändern! Ich bin nur sehr begrenzt bereit, die Verantwortung für das Fehlverhalten anderer Männer (oder Frauen, nebenbei) zu übernehmen. U.a., weil andere Männer sich von mir nichts sagen lassen. Sie sind schließlich erwachsen.
  22. Männer sind ein Kollektiv, welches alle Privilegien und Ressourcen für sich und seine Mitglieder gebunkert hat, und deshalb kann ich die Gruppe als ganzes genauso kritisieren wie alle sogenannte „Individuen“ oder Untergruppen darin. Ok, das Argument habe ich mir nur ausgedacht, aber wenn es zuträfe, wäre der Hashtag vllt. sogar berechtigt.
  23. Ok, der Hashtag könnte eventuell doch als „hate speech“ missverstanden werden, obwohl ich das nicht beabsichtigt hatte. Aber ich habe nichts gegen Männer. Einige meiner besten Freunde sind Männer. Da Männer, die mit einer Frau verheiratet sind, ja auch frauenfeindlich sein können, beweist das leider gar nichts.

Wer sich darin wiederfindet, darf das Argument behalten.

*aus Bärliiin!

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15 Gedanken zu “Weil’s Hate Speech ist

  1. Verstehe ich jetzt nicht ganz.

    Ja, aber die Privilegien! Da steht nicht „privilegierte Männer sind Müll“, oder? „Männer“ sind eine diverse Gruppe, zu der u.a. folgende Teilmengen gehören: a) Schwule; b) Männer in Rollstühlen; c) männliche erwachsene Flüchtlinge; d) die meisten Obdachlosen. Zwar haben die bestimmt alle schon mal gehört, dass sie Müll seien

    Sind Männer für dich schon deshalb privilegiert, nur weil sie keine Schwulen, Behinderte, Flüchtlinge oder Obdachlose sind?
    Ich würde mal schätzen, 98% aller Männer in Deutshland sind Otto-Normal-Bürger und nicht wirklich privilegiert. Eben weil es „normale“ Menschen sind.

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  2. Männer werden seit Jahrzehnten medial, öffentlich-rechtlich als die schlechteren Menschen dargestellt.
    Diese mediale Einseitigkeit entwickelte sich immer mehr zur Hetze, auch in den (a-) sozialen Medien. Sie fällt inzwischen selbst vielen strammen MitläuferInnen des verstaatlichten geschlechtsspezifischen Chauvinismus auf.
    Wann bemerkt eigentlich die Allgemeinheit, dass den genitalisierten B-Menschen schon gar keine sexuelle Würde zugestanden wird und diese deshalb scheinbar auch nicht verletzt werden kann.
    Zum Spaß zwischen die Beine treten ( Kinofilm “ Voll auf die Nüsse“ ab 6 Jahre ), wäre bei Frauen wohl ab 106 Jahren, faschistoide Gewaltverherrlichung gegenüber weiblicher Sexualität, unglaublicher neuer Höhepunkt von Frauendiskriminierung und der kulturelle Untergang des Abendlandes.
    Hurra…wir feiern die verstaatlichte Doppelmoral….!!

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  3. Zwar haben die [Obdachlosen] bestimmt alle schon mal gehört, dass sie Müll seien, werden sich aber sicher freuen, wenn man ihnen mal ihre Privilegien erklärt.

    Die sind selber schuld, da sie nichts aus ihren Privilegien gemacht haben.

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    1. Weiss ich.
      Gunther hat mMn korrekt von „faschistoid“ geschrieben.
      Ich hab bewusst „faschistisch“ geschrieben, hätte auch „Nazi-Dreck“ schreiben können, weil ich den ständigen Vorwurf, MR, Antifeministen etc seien Nazis oder Faschisten, einfach zurückgeben wollte 😉

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  4. Prima Analyse – danke hierfür!

    Die obigen Punkte 4, 8, 14 und 17 finde ich zu nachgiebig: Es ist nicht der Fall, daß Frauen als Gruppe in der Öffentlichkeit oft beschimpft werden. Die genannten Punkte scheinen diese angebliche Beschimpfung aber einzugestehen.

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    1. Jein.
      Man könnte Strichlisten aufmachen „Frauen werden pauschal als (lange Liste von Schimpfwörtern) bezeichnet“ und „Männer werden pauschal als (lange Liste von Schimpfwörtern) bezeichnet“, aber es geht mir jetzt nicht um die Häufigkeit. Sonst kommt noch irgendjemand Schlaues auf die Idee, dass man von Amts wegen Hate-Speech-Quoten einführen muss.
      Außerdem habe ich zum Punkt: „Frauen werden Opfer von Hassreden“ gleich vier Gegenargumente.

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