Maaßen, ey. Kein Bock, dreist und geht zu BILD

Irgendwelche Leute „verstehen“ nicht ganz, was genau Herr Maßen denn falsch gemacht haben soll. Deshalb hier mal die Erklärung ohne Juristendeutsch-Überdosis:

Erstens, es kommt eher selten vor, dass Leute von Polizei, Staatsanwaltschaft oder gar Geheimdienste Interviews zu laufenden Ermittlungen bzw. tagesaktuellen Vorgängen geben. Die machen sich Gedanken, welche Infos so gut nachgewiesen sind, dass man sie der Öffentlichkeit präsentieren kann, welche eher fraglich oder noch spekulativ sind und deshalb nicht veröffentlicht werden sollten, auch, um keine Gerüchte zu streuen oder mögliche Zeugen nicht zu beeinflussen, und welche Erkenntnisse zwar gut nachgewiesen sind, aber schlauerweise trotzdem nicht verraten werden, um die Verbrecher nicht zu warnen („aus ermittlungstaktischen Gründen“). Maaßen hat das aber gemacht. Dass er das bei BILD gemacht hat, ist dabei fast egal, denn:

Zweitens, er hat dabei Quatsch erzählt. Sich zur Hetzjagd-Frage zu äußern und zu sagen, dass er den Begriff der „Hetzjagd“ für die Vorgänge auf diesem Video für übertrieben hält, und dass es auch keine anderen Videos gebe, bei denen der Begriff vllt. eher passt, wäre ja ok. Für mich jedenfalls, ich hänge mich nicht an der Hetzjagd auf, und etwas mehr Sachlichkeit stünde einem Ermittler ja gut zu Gesicht. But wait, there’s more: er schwadroniert davon, dass es keinerlei Beweise gäbe, dass das Video „authentisch“ sei. Der Begriff „authentisch“ ist jetzt keine Metapher wie „Hetzjagd“, „authentisch“ heißt, dass das Video im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen in Chemnitz aufgenommen wurde, nicht gestellt ist, nicht aus einem wie auch immer gearteten Zusammenhang gerissen wurde, und dass Bild- und Tonspur nicht irgendwie manipuliert worden sind. Ok, ein Video im Internet ist vllt. kein Beweis, aber immerhin ein Indiz oder meinetwegen eine Spur, der man nachgehen könnte oder eher sogar müsste; jetzt wäre ich zwar der Meinung, dass der Verfassungsschutz noch am Ermitteln ist, aber vllt. sind die da ja so schnell, dass die schon ermittelt haben und zu neuen, wichtigen Erkenntnissen gekommen sind. Hurra. Wie sich aber herausstellte, hatte der Verfassungsschutz zum damaligen Zeitpunkt nicht (und anscheinend auch nicht bis jetzt):

  • die Leute auf dem Video identifiziert und befragt
  • die Person ermittelt, die das Video aufgenommen hat, und befragt
  • sonstige Personen, die Zeugen des Vorfalls waren, befragt
  • Manipulationen am Video nachgewiesen
  • den Nachweis geführt, dass das Video bspw. von 2010 ist
  • oder sonstige „gute Gründe“, die gegen die Authentizität sprechen, gefunden

Jetzt könnte man aber trotzdem annehmen, dass der Verfassungsschutz als Geheimdienst und aus Ermittlungstaktik solche Informationen vllt. doch nicht ausgerechnet bei BILD raushaut; dessenungeachtet scheint Frau Merkel etwas angefressen zu sein, dass sie die Andeutung solcher Infos in der Zeitung lesen musste, ohne von den Infos selbst zu wissen. Und, liebe Kinder, wenn Maaßen seine Behauptungen hätte erklären können, hätte er das zumindest bei Frau Merkel gemacht, und damit kommen wir zu

Fehler drei: das genau hat er wohl NICHT gemacht. Stattdessen fing er an, zu behaupten, „authentisch“ hieße, dass da keine Hetzjagd auf dem einen Video zu sehen sei. Ehrlich, eigentlich schon für diese Dreistigkeit gehört er nach unten befördert, nicht nach oben.

Vierter Fehler: Wenn das eine Video der einzige Grund wäre, anzunehmen, in Chemnitz und Umgebung hätten sich – zeitweilig oder permanent – einige, viele oder sogar sehr viele Personen aufgehalten, die evt. möglicherweise rechtsextrem oder vllt. sogar verfassungsfeindlich sind, dazu gewaltbereit und irgendwie gegen Ausländer, Presse und außerdem Leute, die sie für Ausländer oder Presse halten, wäre man vllt. geneigt, Maaßen evt. zuzustimmen, dass nicht nur der Hetzjagdvergleich, sondern die ganze Aufregung etwas übertrieben sei. Ist es aber nicht. Allein die rechtsradikalen Übergriffigkeiten, die in den letzten Tagen an die Öffentlichkeit gedrungen sind, zeigen, dass die Aufregung durchaus angemessen ist, und selbst, wenn dieses eine Video die Öffentlichkeit „ablenken“ soll, Herr Maaßen hätte sich nicht ablenken lassen sollen, und seine Leute losschicken, den vielen, vielen anderen Hinweisen nachzugehen. Stattdessen konzentriert er sich auf genau ein Video, von dem er zugleich behauptet, es sei nicht „authentisch“. Das ist Arbeitsverweigerung.

Man stelle sich bitte eine Reinigungskraft im Kanzleramt vor, die keinen Schmutz sehen will? Geht Merkel dann los und sucht den Schmutz? Oder veranlasst sie die Ausschreibung einer neuen Stelle als Reinigungskraft? Jahaa, ich weiß, was ich täte.

 

7 Gedanken zu “Maaßen, ey. Kein Bock, dreist und geht zu BILD

  1. „er schwadroniert davon, dass es keinerlei Beweise gäbe, dass das Video ‚authentisch‘ sei“ – von dem Video ist weder Ort noch Zeit der Aufnahme bekannt. Der gefilmte Hergang fällt eindeutig in die Kategorie „harmlos“.

    Das Video ist authetisch höchstens im Sinn von „nicht gestellt, sondern real aufgenommen“. Hier geht es aber um Bezug zu Hetzjagd. Das Video ist kein „authentischer Hinweis“ auf solche, sondern anonymer Zufallsfund.

    „zum damaligen Zeitpunkt nicht (und anscheinend auch nicht bis jetzt): die Leute auf dem Video identifiziert und befragt (…)“ – wäre Aufgabe von Staatsanwalt und Polizei, aber nicht des Verfassungsschutzes.

    „Stattdessen fing er an, zu behaupten, ‚authentisch‘ hieße, dass da keine Hetzjagd auf dem einen Video zu sehen“ – nicht dreist, sondern zutreffend.

    „die rechtsradikalen Übergriffigkeiten, die in den letzten Tagen an die Öffentlichkeit gedrungen sind“ – ah? Übergriffigkeiten?

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    1. „Nicht authentisch“ hat eine andere Bedeutung als „Harmlos“. Wenn er der Ansicht ist, dass der Vorgang harmlos sei, soll er das halt sagen.

      Dass Polizei und Staatsanwaltschaft ebenso ermitteln sollten, ok. Die Aussage von Herrn Maaßen war aber nicht: „Darum kümmert sich die Polizei.“ (Mal abgesehen davon, dass die sächsische Polizei auch schon ein paar fette Böcke geschossen hat.)

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  2. Achja, ein jüdisches Restaurant wurde angegriffen. Irgendwie kommt mir das schon so ein kleines bisschen vor wie etwas, was Nazis täten. Also, wenn Maaßen gesagt hätte, dass bei DEM Übergriff (Übergriff klingt schon fast wieder niedlich) mehr Einsatz und Personal erforderlich seien als bei irgendeinem Video, und er sich lieber darum kümmert, hätte ich das auch ok gefunden.

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