Männernichtversteherinnen

Hier.

Kennt jemand „Der bewegte Mann“? Dort wird eine logische Erklärung geliefert, warum das Zeigen männlicher Geschlechtsorgane bei der Partnersuche logisch ist. Jagut, „Partnersuche“ ist in diesem Til-Schweiger-Film kein generisches Maskulinum, aber prinzipiell – man behalte das im Hinterkopf.

Jedenfalls beschäftigt sich Pinkstinks mit der

Frage, warum jemand ungefragt Dick Pics versendet.

Hmmm. Mir fallen da drei Gründe ein. Gründe, nicht Rechtfertigungen.

  • Partnersuche, wie im bewegten Mann, mit dem Gedanken, dass man die Initiative ergreifen sollte anstatt auf eine Aufforderung zu warten (wobei man sich in einem Datingportal befindet, wo dergleichen Aufforderungen vorkommen),
  • Cybermobbing, weil man jemanden halt mobben will, und
  • Lotto, selbst, wenn nur 1% aller Frauen auf ungefragt zugesandte Penisbilder positiv reagiert, müsste man nur 100 Frauen ein Penisbild zuschicken, um eine positive Antwort zu kriegen. Penisbilder kosten im Unterschied zu losen nämlich praktisch nichts.

Dann gibt es allerdings die hauptberufliche Männerversteherin, die der Spiegel interviewt:

SPIEGEL: Männer denken also nicht ernsthaft, dass sie Frauen mit so einem Bild eine Freude machen?

Krahé: Davon würde ich ausgehen. 

Endlich sagt’s mal eine – ok, sie stellt vor allem auf die Cybermobbing-Schiene ab, aber es gibt generell keinen Grund anzunehmen, Cybermobber würden das „aus Versehen“ machen, oder weil sie dächten, dass ihr Mobbing irgendwie was Nettes sei. Also insbesondere keine Penisbild-Mobber. Aber irgendwie kam das beim Spiegel so nicht an:

SPIEGEL: Also gilt, CC an alle Männer: Solange jemand nicht explizit um ein solches Foto gebeten wurde, sollte er auch keins versenden.

Und solange niemand explizit darum bittet, gemobbt zu werden, sollte soe nicht gemobbt werden. Wer Penisbilder tatsächlich verschickt, um andere zu demütigen und sich selbst stark zu fühlen, hat eigentlich keinen Grund, auf den Spiegel zu hören. Die Penisbild-Lotto-Spieler auch nicht. Nur die, die tatsächlich persönliches Interesse haben, werden evt. darüber nachdenken, ob und wann ein Penisbild sinnvoll oder abschreckend ist. Daher auch die Antwort:

Krahé: Ich würde eher sagen: sehr aufmerksam auf die Signale achten.

Jaaa, irgendwie scheint die Möglichkeit, dass es Frauen gibt, die Interesse an Penisbildern haben, aber nicht einfach so welche, sondern ganz bestimmte, nicht explizit widersprochen zu werden. Aber natürlich wird von Männern erwartet, dass sie das erraten, anstand dass die Frau einfach sagt: „Zeig mir Deinen Schwanz.“ Es hat einen Grund, warum Edward Cullen so beliebt ist – der kann Gedanken lesen. Jedenfalls ist hier die Aussage, dass Männer tatsächlich NICHT einfach zu dumm sind zu erkennen, dass Frauen sich nicht automatisch über Penisbilder freuen (gut, manche schon). Bei Pinkstinks wird daraus geschlussfolgert:

Es trotzdem zu machen, erzählt vor allem die übliche, falsch verstandene Geschichte von Sexualität in der ein Mensch mit Penis der dominante, sich zeigende und übergriffige Part ist

Nuuuun, selbst die Cybermobber halten keine Frau davon ab, selbst sowas zu machen. Bzw., vllt. manche schon, aber die bloße Existenz von Penisbildern hält keine Frau davon ab.

während der Mensch mit Vulva als bedrängt gilt. Dieses Narrativ zementiert sexuelle Stereotype

Ja, das wird die Mobber und die Lottospieler total überzeugen – wer will schon zementieren?

Und auch als Erwachsene gibt es viele, die einen Penis als unschön empfinden, selbst in einer einvernehmlich gestalteten Sexualität nicht gerne in Kontakt mit ihm sind.

Ich werde mich für meine sexuellen Vorlieben nicht rechtfertigen müssen!

Keine Frage, Menschen, die ungefragt Penisbilder erhalten, haben alles Recht genervt, verletzt oder schockiert zu sein.

Das sind ja gleich drei Dinge auf einmal – Penisbilder sind die neue Kinderüberraschung, nur eben negativ.

Und das Recht steht auf ihrer Seite: Man kann als Fotze oder Drecksschlampe bezeichnet oder auf der Straße unvermittelt zum Schwanz blasen aufgefordert werden, ohne dass das strafbar wäre.

Ähm, wo wir bei aktiv-passiv-Narrativen sind – passive Formulierungen sind sowieso nicht toll, aber WENN man die schon verwendet, dann doch richtig. Das Opfer einer Beleidigung zu werden, wie das hier formuliert wurde, ist selbst in den Slut-schämigsten und Victim-Blämensten Diktaturen der Welt nicht strafbar. Höchstens der Beleidiger(m/w/d) kann belangt werden. Das aber geht in D. zumindest in der Theorie, soweit meine juristischen Kenntnisse reichen. (Außer bei Renate Künast.)

Das Bild eines Penis dagegen kann juristisch geahndet werden. Ganz so als verletze ein gesehener Penis stärker als gehörte Worte.

Tja, und Exhibitionismus ist nur bei Männern strafbar. Diese verdammte Patriarchaische Weltverschwörung immer.

Wie aber wäre es, die Antwort auf Dick Pics wäre keine Anzeige bei der Polizei, sondern ein schickes Vulva-Foto?

Ja, dank der allmächtigen globalen Verschwörung des ruhmreichen Patriarchates – wie immer – ist das dann weiblicher Exhibitionismus, und daher nicht strafbar. Und das Beste, manche Männer betrachten das dann nicht als Belästigung, sondern als Flirten. Deshalb gibt es auch tatsächlich Männer, die nach dem „was-Du-nicht-willst,-das-man-Dir-tu“-Prinzip, auch als Goldene Regel bekannt, tatsächlich Dick-Pics für gerechtfertigt halten. Tja.

Aber klar, den Spieß einfach umzudrehen, indem man ungefragt Vulva-Bilder in die Welt setzt, würde kaum funktionieren. Weil Vulven und ihre Besitzer*innen anderen gesellschaftlichen Regeln obliegen als Menschen mit Penis.

Erstens: es würde funktionieren, wenn man es zu Zwecken der Partnersuche einsetzt. Als Mittel der Volkserziehung würde es eher nicht funktionieren, aber das liegt drittens nicht an den „gesellschaftlichen Regeln“, sondern an unterschiedlichen Strategien von Männern und Frauen. Ok, bei weiter Definition von „Gesellschaft“ sind das auch gesellschaftliche Regeln, aber wenn Männer von weiblichen Geschlechtsorganen nicht direkt abgeschreckt werden, hat das nicht den Grund, dass die Gesellschaft das ihnen so vorschreibt…

Wie können allerortens Penisse gezeigt und gefeiert werden, während das Zeigen einer Vulva als obszön gilt?

Weil das in Japan ist? Bzw., wie die aktuelle Gesetzeslage das hier zeigt, würde das hierzulande so nicht passieren.

Zeigt jemand den eigenen Penis, entwickelt diese bewusste Grenzüberschreitung ein Gefühl von Macht, die Person fühlt sich in ihrem Geschlecht bestätigt. Ein Mensch mit Vulva zeigt sein Genital, um vom anderen Bestätigung zu bekommen. Das ist der entscheidende Unterschied

Ähh, die eine Person macht das, um ein Gefühl der Bestätigung zu bekommen, die andere, um Bestätigung zu bekommen. Was zum Geier?

Was für ein kleiner Unterschied!

Ein Teenager, der Vulva-Fotos an jemanden schickt, gilt als Schlampe, ein Teeanger, der dasselbe mit seinem Penis macht als, naja, pubertär.

Hmm, die Eltern besagter Teenager fänden vermutlich beides nicht gut. Aber ja, ein weiblicher Mensch hat mit solchen Taktiken mehr erfolg als ein männlicher. Das ist nebenbei der Grund, warum Männer mit vielen Sexpartnerinnen einen höheren sozialen status haben als Frauen mit vielen Sexpartnern.

Statt das Narrativ zu bestätigen, in dem Penisse ein Zeichen von Macht sind, das strafrechtlich verfolgt wird, wie wäre es Geschlechtsteile neutraler zu bewerten, sie weniger an ein Stereotyp von Sexualität zu koppeln? Sie weniger zu gendern und sie stattdessen als das zu betrachten, was sie sind: simple Geschlechtsteile.

Ja, genau. Berufsbezeichnungen müssen gegendert werden, Geschlechtsorgane(m/w/d) nicht. Dass Geschlechtsorgane mit Sexualität gekoppelt sind, ist nicht direkt ein Stereotyp. Also, Augen sind ja auch irgendwie mit Fernsehen gekoppelt. Aber meinetwegen bestraft auch weiblichen Exhibitionismus, damit es neutral ist.

Kein Grund, sich über sie aufzuregen, aber noch weniger ein Grund, sie per Messenger in die Welt zu tragen.

Welches Körperteil ist bei einem potentiellen Sexpartner(m/w/d) wichtiger – Gesicht oder Geschlechtsorgan? Falls letzteres, wäre das ein Grund, ein Foto davon statt vom Gesicht zu versenden.

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