Ein Panzer ist kein Nashorn

Wer behauptet das Gegenteil? Nuuuun…

VATERSCHAFT IST KEIN URLAUB

Ist dieselbe Aussage – niemand behauptet, dass Panzer Nashörner seien, obwohl es Panzernashörner gibt, wenn auch nur noch wenige, und niemand behauptet, dass Vaterschaft ein Urlaub sei, nur weil es das Wort „Vaterschaftsurlaub“ gibt. Nebenbei gibt es auch Mutterschaftsurlaub, und dass Mutterschaft ein Urlaub wäre, insbesondere im Zusammenhang mit der Entbindung, habe ich auch noch nie gehört, aber Pickert anscheinend.

Wenn ich irgendwo das Wort „Vaterschaftsurlaub“ lese oder höre, möchte ich am liebsten laut schreien und etwas kaputt treten.

Tja, liebe Feministinnen, findet ihr Männer, die Gefühle zeigen, immer noch toll? IHR lauft ja auch nicht Amok, wenn Ihr das Wort „Mutterschaftsurlaub“ lest oder hört? Obwohl es Euch eigentlich doch noch mehr stören müsste.

Aber sei es drum, wir müssen darüber reden. Wir müssen darüber reden, dass die EU eigentlich vorsieht, dass Väter nach der Geburt eine zehntägige bezahlte Freistellung bekommen.

Pater semper incertus; aber ja, das ist sehr arbeitnehmerfreundlich. Deutsche Regierungen sind aber selbst dann arbeitgeberfreundlich, wenn die eine oder andere Koalitionspartei ein S im Kürzel hat, von daher…

Das heißt im Klartext, dass Deutschland nicht genug für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf tut. Unter Bundeskanzlerin Merkel hat sich die Regierung immer wieder herausgeredet, dass man den Anforderungen der Richtlinie schon durch das Elterngeld mehr als genüge.

Ich bin selbstständig, insofern kann er mir egal sein. Aber offensichtlich ist das Elterngeld weniger als der normale Lohn, und mit einem Sonderurlaub für angehende Väter nicht exakt vergleichbar.

 Aus dem zum damaligen Zeitpunkt von Franziska Giffey geführten BMFSFJ kam die Vermutung, die Vaterschaftsfreistellung könne das Ziel des Elterngeldes – nämlich die höhere Beteiligung von Vätern an Care-Arbeit – womöglich konterkarieren.

Erstens – ist das überhaupt das Ziel des BMFSFJ? Und außerdem ist das Ziel des Gesetzes, Familie und Beruf zu ermöglichen, genauer: so viel Beruf, dass man sich Kinder leisten kann.

Dabei haben Expert*innen in aller Deutlichkeit darauf hingewiesen, dass eines das andere nicht ersetzt oder gar ausschließt.

Ja, hier ist Pickert natürlich naiv – der Vaterschaftsurlaub wird natürlich von den Elterngeldmonaten abgezogen werden; ich habe da wenig Zweifel, dass das MiniFSFJ exakt so denkt.

Die Möglichkeit, in den ersten Tagen eine bindungssichere Beziehung zu dem Kind aufbauen zu können, ist von zentraler Bedeutung für die weitere Gestaltung der Vaterschaft.

Ich habe ein bisschen die Vermutung, dass das etwas übertrieben ist, vor allem, was die Definition von „bindungssicher“ betrifft, ABER meine Vermutungen sind irrelevant, solange das das Ministerium für alle außer Männer mittleren Alters ist, und ihm Väter eben egal sind.

Außerdem braucht niemand bei aller Freude über die Fortschrittlichkeit des Elterngeldes in Jubelschreie auszubrechen: Mehr als die Hälfte der Väter nimmt das Elterngeld überhaupt nicht in Anspruch.

Ja, davon mal abgesehen. Die Möglichkeit, einen Urlaub im Sinne von: „Arbeitsfreie Tage, die man trotzdem bezahlt bekommt“ zu beziehen, ist möglicherweise verlockender, aber das ist nicht völlig der Kontrolle der jeweiligen väter unterworfen.

Darüber hinaus haben arme Menschen einmal mehr das Nachsehen: Das Elterngeld wird auf die Grundsicherung angerechnet.

Schoooon, aber dasselbe gälte auch für Elternurlaub.

Betroffene sind zugleich verpflichtet, den bürokratischen Aufwand der Elterngeldbeantragung auf sich zu nehmen, auch wenn am Ende für sie faktisch das Gleiche dabei herauskommt.

Im Link steht nichts von Verpflichtung. HartzIV-Aufstocker – die einzige Gruppe, bei der sich das lohnt – können natürlich der Ansicht sein, dass der bürokratische Mehraufwand nicht dem Mehreinkommen entspricht (was ich für seltsam hielte, aber nun denn). Aber was würde der Staat machen, wenn der Aufstocker oder gar der „reine“ HartzIV-Bezieher einfach nicht den Antrag stellt? (Nebenbei, „Rechtsmissbrauch“ ist, wenn man versucht ein Recht wahrzunehmen, dass einem gar nichts nutzt.)

Darüber hinaus profitieren sie im Gegensatz zu Erwerbstätigen nicht von einem Mehrlingszuschlag.

Wetten, dass man den aus Gerechtigkeitsgründen einfach streichen wird?

Nun soll die Freistellung Bundesministerin Paus zufolge 2024 kommen. Und zwar erst dann, weil die wirtschaftliche Situation für kleine und mittlere Betriebe gerade schwierig sei.

Anstelle oder zusätzlich zum Elterngeld? Ich bin ja so gespannt und aufgeregt!

Das ist zweifellos richtig. Richtig ist aber auch, dass aus Fehlern nicht die angemessenen Schlüsse gezogen werden.

Fehler für wen? In guten Zeiten kann sich ein angehendes Elternteil leisten, wählerisch zu sein: es kündigt bei einer Arbeit, die dem Elternsein eher entgegensteht, und sucht sich was besseres. In schlechten Zeiten ist das schwierig.

Wie oft wollen wir denn noch nichts aus der Katastrophe der versäumten Gleichberechtigung lernen?

Wer ist „wir“? Ich als kinderloser Single könnte mir die ganzen familienfreundlichen Regeln anschauen, und dann beim Vorstellungsgespräch sagen, dass ich übrigens in der Hinsicht unverdächtig bin. Außerdem brauche ich ein kleineres Auto und eine kleinere Wohnung und unterbiete meine Konkurrenz mit Kindern bei meinen Gehaltsvorstellungen…

Man muss sich Gleichberechtigung nicht leisten können. Es ist genau andersherum.

Man kann sich Gleichberechtigung leisten müssen? Keine Ahnung, was mir das sagen soll. Mal abgesehen von der Frage, ob Vaterschaftsurlaub in erster Linie dazu dienen soll, die finanziellen Sorgen herunterzuregeln, oder Väter zur Care-Arbeit zu erziehen – Gleichberechtigung ist es auch, wenn niemand benachteiligt wird, weil soe eine arbeitsteilige Lebensführung hat.

Die Krisen der vergangenen Jahre haben deutlich gemacht, dass wir für unsere Versäumnisse in Sachen Gleichberechtigung bitter bezahlen müssen.

Naja – dass ich relativ unbelastet durch die Corona-Krise kam, lag jetzt nicht an meiner Lebensführung, sondern tatsächlich mehr an meinem Beruf. Andere hätten vom „Eingemachten“ leben müssen.

Und die allgemeine Unwilligkeit, diesbezüglich mit nachdrücklichen Schritten voranzugehen, drückt sich eben auch in der Wortwahl aus. „Vaterschaftsurlaub“. Es geht nicht um ein Leckerli, dass man Vätern hinhält, damit sie sich auch mal beteiligen.

Hat so kein Mensch behauptet. Aber offenbar hält ER es für ein Leckerli; anscheinend denkt er, dass das die Idee sei, oder aber, er geht unbewusst davon aus, dass Väter ein Leckerli bräuchten. Und wenn, wozu eigentlich? Um als Väter sich mehr um ihre Neugeborenen zu kümmern, oder um überhaupt Väter werden zu wollen? Wäre „Mutterschaftsurlaub“ demnach dann ein Leckerli für Mütter, oder für Frauen allgemein?

Auch wenn viele Männer nach wie vor sehr befremdliche Ansichten von Care-Arbeit haben.

Ja, Lindner ist eeetwas optimistisch in der Hinsicht. Zu seiner Verteidigung: so ein Ministerium oder Parteiführung ist in Wochenstunden wahrscheinlich schon mehr Arbeit als ein Kind großzuziehen, zu Imkern oder ein Buch zu schreiben. Letzteres ein Unternehmen, was vierfachen Vätern jedenfalls ein Kinderspiel ist. Krawel, krawel.

Worauf warten wir also? Vaterschaft ist kein Urlaub. Es wird höchste Zeit, Care-Arbeit endlich fair zu verteilen und nicht weiterhin so zu tun, als wären Kümmern und seine systemischen Voraussetzungen reine Privatsache.

„Wir“, also das Ministerium, dass sich nicht um die Interessen von Männern kümmern muss, wartet auf etwas bessere Zeiten. Aber da wir, also alle anderen, sehen, was Pickert für fair hält, ist es vermutlich so, dass er nicht zufrieden sein wird, wenn Mütter und Väter sich ihre Zeit selbst einteilen.

Höchste Zeit, Vätern zu ihren Rechten zu verhelfen und sie in die Pflicht zu nehmen.

Macht mal die Geschlechtertauschprobe – was, wenn man Mütter zu ihren Rechten verhelfe und sie in die Pflicht nähme? Meinetwegen – random Beispiel – genauso viel Geld zu verdienen wie ihr jeweiliger Ehemann/Partner? Auf einmal wären weniger gut verdienende Männer viel attraktiver als sonst, könnte ich mir vorstellen.

Weiterhin, diese „Pflicht“ wäre eine Pflicht des Vaters gegenüber der Mutter und des Kindes, nicht gegenüber Staat und Gesellschaft. Vorbehaltlich der Annahme, dass das Kind auch dann von beiden Elternteilen geliebt wird, wenn diese nicht exakt 50/50% Zeit mit ihm verbringen, kann die Mutter der Ansicht sein, dass der Vater seinen Pflichten am besten nachkommt, wenn er Karriere macht. Was täte Pickert dann?

Aber das ist Pickerts Rechtsverständnis – Menschen, die von der Grundsicherung leben, werden in seiner Vorstellung dazu gezwungen, einen Antrag auf Elterngeld zu stellen, dessen Betrag dann von der Grundsicherung abgezogen wird, also darf der Staat nicht nur Arbeitgeber zwingen, Vätern denselben Urlaub zu genehmigen wie Müttern, sondern auch Väter zwingen, dieselbe Care-Arbeit zu leisten wie Mütter. Dann schon lieber Lindner.

Ein Gedanke zu “Ein Panzer ist kein Nashorn

  1. Auch an dieser Stelle sei daran erinnert:

    Ohne einen entsprechenden Kündigungsschutz analog zu dem gem. MuSchG kannste das alles vergessen.
    Einer Frau, die sagt „in 6 Monaten bekomme ich ein Kind und mache danach 1 Jahr Elternzeit“, kann man nicht kündigen; einem Mann schon.

    Like

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s