Neulich in Kärnten

Statt Tirol.

Bei der Standard.

Ein Genderleitfaden des Landes Kärnten hat zuletzt für Wirbel gesorgt, das beigelegte Wörterbuch wurde zurückgezogen. Wie beurteilen Expertinnen die Debatte?

Wieso nicht „Menschen mit Expertise“?

Das Vorhaben der Kärntner Landesregierung, inklusiver zu kommunizieren, wurde nach nur einem Tag wieder zurückgenommen – zumindest teilweise.

Mal ganz losgelöst von gegenderter Sprache und Artverwandtem – Beamtendeutsch gilt generell eher als besonders abschreckende Kommunikationsform. Wenn die dann großspurig versprechen „inklusiver zu kommunizieren“ anstatt bspw. „so zu reden, dass sie verstanden werden“, ist die Verschlimmbesserung doch schon eingebaut.

In der vergangenen Woche hatte sie einen Leitfaden für möglichst geschlechtsneutrale Bezeichnungen in der Verwaltung vorgestellt, dazu ein ergänzendes Wörterbuch.

Weil „liebe Kärntnerinnen und nicht-weibliche Kärntner“ einfach viel zu lang ist?

Letzteres hielt sich allerdings nicht lange: Das Wörterbuch erhitzte die Gemüter so sehr, dass es prompt wieder zurückgezogen wurde.

Das streitgegenständliche Werk wurde also unilateral gekänzelt? Ich frag ja nur…

Von einer „Verhunzung“ der Sprache bis hin zu „sprachlichem Wahnsinn“ sprachen Opposition – allen voran die FPÖ – und Boulevard.

Ok, umgekehrt wäre hier das Argument, dass man Amtsdeutsch auch nicht mehr groß verhunzen kann. Aber offenbar findet niemand den Leitfaden derartig überzeugend, dass dieser irgendeine Verteidigung erfährt.

Wie aber schätzen Expertinnen den Streit ein?

Hmm, Streitschlichterinnen? Mediatorinnen? Solche Expertinnen? Oder Experinnen für Amtsdeutschumsetzungsverordnungen?

Das Wörterbuch befindet Christine Olderdissen für nicht problematisch.

Ja, dann…

Sie ist Projektleiterin der Initiative Genderleicht des deutschen Journalistinnenbundes und bietet Workshops zu geschlechtersensiblem Journalismus an.

Es gibt auch Initiativen für Leichte Sprache. Die haben das Ziel, mit Hilfe von möglichst kurzen Sätzen, idealerweise genau einer Aussage pro Satz, nicht allzusehr verschachtelten Satzgefügen und anderen Dingen, die mir persönlich ja viel Spaß machen, aber ich bin halt nicht das Maß aller Dinge, die Kommunikation mit Menschen zu erleichtern, die mit komplizierter Sprache wenig anfangen können. Fragt mal eine Expertin dafür!

 „Mir scheint, die Verantwortlichen hatten sich argumentativ nicht auf unsachgemäße Ablehnung eingestellt“

Ach, aber auf sachgemäße Ablehnung schon? Welche Argumente gegen meintetwegen: „Bürokratendeutsch ist für den einfachen Bürger schon so eine ernstzunehmende Hürde.“ hätten die denn gehabt?

„Sonst hätten sie das Wörterbuch erst einmal weggelassen.“

Das ist in der Verkettung Blödsinn: „Wenn die kärntner Regierung Argumente gegen unsachgemäße Ablehnung gehabt hätten, hätten sie das abgelehnte Wörterbuch gar nicht erst veröffentlicht, aber sie veröffentlichten es, weil sie keine pro-Argumente hatten.“ Denn es…

…sollte der Landesverwaltung als Hilfestellung dienen, um bei Unsicherheiten eine geschlechtsneutrale Formulierung nachschlagen zu können.

Wenn selbst die Person, die eine bestimmte Sache aussagen will, nachschlagen muss, wie sie die am besten formuliert, dann muss eine andere Person, die die Aussage dann liest, doch erst Recht nachschlagen, um herauszufinden, was die erste Person meint.

Für Kritik sorgten konkret Begriffe wie „Abschluss innehabende Person“ statt „Absolvent“ oder „landwirtschaftlich Beschäftigte“ statt „Bauern“.

Kein Mensch sagt „Abschluss habende Person“. Man sagt „Mensch mit Abschluss“. Oder halt „Absolvent“, wenn man eine generische oder männliche Person meint. Oder „Absolventin“, bei Frauem mit Abschluss. Und „landwirtschaftlich Beschäftigte“ sind nicht nur „Bauern“, sondern auch „Erntehelfer“.

Diese Vorschläge sind Olderdissen zufolge allerdings differenziert zu betrachten

Ich warte mal auf die Klage einer Person, die einer Verfügung von Amts wegen nicht folge leistet, weil diese nicht in einfacher Sprache verfasst wurde. Oder hilfsweise die Rechnung des Übersetzungsbüros erstattet haben will.

denn der Genderleitfaden schlage ja auch vor, je nach Fall auf Genderzeichen zu setzen, in diesem Fall auf einen Doppelpunkt, also: „Absolvent:innen“ oder „Bäuer:innen“.

Wer sind denn Bäueren? Aber was genau würde gegen die Formulierung „Landwirte(m/w/d)“ sprechen? Oder, ganz klassisch, „Landwirt“? „Hilfe, ich weiß nicht, ob ich mitgemeint bin!“ – „Kann ja sein, aber Deine polnische Hilfsarbeiterinnen und -beiter sind bei ‚landwirtschaftlich Beschäftigte‘ ja auch mitangesprochen, auch wenn das Amt das so nicht gemeint hat.“

Wörterbücher würden Menschen helfen, die sich mit Sprache schwertun.

Aber nur, wenn sie in beide Richtungen Übersetzungen anbieten.

Obwohl vieles im Kärntner Wörterbuch gut sei, würden in der Diskussion „die paar genderneutralen Beispiele herangezogen, um das Nachschlagewerk in Diskredit zu bringen“.

Ok, der Großteil des Werkes ist also nicht genderneutral? Wobei die Geschwindigkeit, mit der das ganze Buch – und nicht nur die paar Beispiele – zurückgezogen wurde, ja nicht gerade für seine sonstige Eleganz und Praktikabilität sprechen.

Grundsätzlich empfiehlt die Expertin, eine möglichst verständnisvolle Sprache zu benützen und diese mit geschlechtsneutralen Umschreibungen, wie eben etwa „landwirtschaftlich Beschäftigten“, zu kombinieren.

„Du, ich habe ja vollstes Verständnis dafür, dass Du Spargel zu ultrasuper-Tiefstpreise verscherbeln willst, Du, aber wennste Deine in der Landwirtschaft beschäftigten Polen weiterhin auspeitschst, machen wir Dir Deinen Scheiß-Hof dicht!!!“

In Bezug auf die Kärntner Leitlinien wiederum moniert Olderdissen, dass im Vorwort eine gewisse Verpflichtung vorgegeben sei

Ja, Sprache ändert sich. Deshalb einfach mal eingedeutschte lateinische Verben inkludieren, um die eigene Progressivität zu performen, Franeg?

Leitfäden sollten aus ihrer Sicht stattdessen immer als Empfehlung oder Anregung formuliert sein.

Warum? Ich frage, weil:

Kärnten habe sich bei dem Wörterbuch an anderen Bundesländern orientiert, wie die zuständige Landesrätin Sara Schaar und Landeshauptmann Peter Kaiser (beide SPÖ) argumentieren: Wien, Tirol, Vorarlberg und Niederösterreich hätten bereits ein derartiges Regelwerk. Sie fordern nun ein österreichweit einheitliches Nachschlagewerk, „auch um Rechtssicherheit zu schaffen“.

Rechtssicherheit heißt, dass niemand gegen ein Schreiben der Landesregierung oder sonstigen Behörde Klage einreichen kann mit der Begründung, dass eine bestimmte Formulierung uneindeutig oder gar unverständlich sei. Dann können diese Leitfäden nicht bloße Empfehlungen sein, sondern das jeweilige Amt muss die so benutzen, wie es im Leitfaden steht, damit der Bürger im Leitfaden nachschlagen kann, was die eigentlich Aussage sein soll: Landwirt oder Erntehelfer?

Konkret hatte der VfGH 2018 das Recht auf ein drittes Geschlecht bestätigt – die Behörden müssen ihre Sprache aufgrund eines Erlasses 2020 entsprechend anpassen.

Ja, in D. zumindest ist es so, dass die Definition von bspw. „Mörder“ rein männlich formuliert ist, und niemand leitet daraus ab, dass Frauen straflos andere Menschen umbringen dürften. Auch, wenn das vorkommt. Ergo sind nicht nur Frauen, sondern Personen sonstiger Geschlechtsidentität mitgemeint.

Die Rücknahme des Wörterbuchs findet etwa die Politikwissenschafterin Judith Götz von der Universität Wien „schade, weil entsprechende Leitlinien ein wichtiger und notwendiger Schritt bei der Umsetzung von Minderheitenrechten darstellen“.

Achso, Personen sonstiger Geschlechtsidentität dürfen nicht nur niemanden ermorden, sondern auch nicht ermordet werden. Eine kompliziertere Sprache ist kein notwendiger Schritt, und auch nicht gerade wichtig.

Gleichzeitig machten die Ereignisse deutlich, so Götz weiter, dass Antidiskriminierung nicht allein Sache von sprachlichen Vorgaben sei, sondern dass eine gesellschaftspolitische Aufgabe bestehe

Achwas? Was ist mit den Zielgruppen einfacher Sprache? Also Menschen, für die man einfaches Deutsch verwendet? Sind die eine Minderheit, deren Inklusion keine gesellschaftspolitische Aufgabe ist? Wohlgemerkt, ich selbst bin für einfache Sprache ein eher ungeeigneter Vorreiter, aber ich nehme für mich auch nicht in Anspruch, eine gesellschaftspolitische Aufgabe zu haben.

Allerdings werde auch „der Wind gegen entsprechende Entwicklungen immer stärker, weil manche Menschen sich in ihren Privilegien bedroht fühlen“, sagt Götz.

Keine Ahnung, welches Privileg das jetzt genau sein soll; hier ist das Problem, dass die Regierung, hier die von Kärnten, eine sprachliche Abgrenzung zwischen sich und der Bevölkerung vornimmt – die einen sagen „landwirtschaftlich Beschäftigte“, die anderen „Bauern“ und „Erntehelfer“.

Dabei würden mehr Möglichkeiten in der Sprache aus ihrer Sicht „niemandem etwas wegnehmen, sondern dazu beitragen, dass verschiedene Identitäten auch in der Sprache repräsentiert werden“.

„Auch“ in der Sprache, oder nur in der Sprache? Aber, was „mir“ tatsächlich weggenommen wird, ist die Chance, ein amtliches Schriftstück ohne die Hilfe eines Leitfadens zu verstehen. Das sollte eigentlich kein Privileg gewesen sein.

Die Strategie, sich immer wieder auf eine „vermeintlich natürliche Sprache zu berufen, in die hier angeblich eingegriffen wird, ist unsinnig“

Genau: Sprache wächst nicht auf Bäumen!

 „schließlich sprechen wir ja nicht mehr wie im 18. Jahrhundert“

Aber das Argument ist auch Quatsch, denn es heißt: „Sprache ändert sich.“ Nicht: „Sprache wird per Verwaltungsakt geändert.“

Manche Bezeichnungen seien mittlerweile bereits geläufig, etwa „die Studierenden“ oder „Arbeitskräfte“.

Naja, oder „Feuerwehrleute“. Funfact: dass „Fernseher“ und „Fernsehen“ sich gegenüber „Television“ durchgesetzt hat, liegt nicht nur daran, dass man so Gerät und Inhalt sprachlich trennen kann, sondern auch daran, dass das dt. Wort kürzer ist.

Über Feinheiten lasse sich debattieren, etwa ob der Begriff „Landwirtschaftstreibende“ passender wäre als „landwirtschaftlich Beschäftigte“.

Mit wem denn debattieren? Mit Leuten, die mit „Bauer“ zufrieden sind?

Insgesamt findet Götz die Debatte aber „langweilig, weil sie keine neuen Argumente hervorgebracht hat“.

Ja, das liegt daran, dass es insgesamt so wenig Argument insgesamt gibt. Aber, wenn wir dabei sind – was ist der Artikel von „Landwirtschaftstreibende“ im Singular?

Ein Leitfaden, der mir den Artikel im Utrum nicht nennen kann, taugt nix.

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