Was ist eigentlich genau Mansplaining?

Hier bin ich auf die Frage gekommen, was das genau ist.

Ist Mansplaining, wenn

  1. ein Mann einer Frau etwas erklärt, was die mindestens so gut weiß wie er, aber selten oder nie Männern?
  2. ein Mann sich so zu allen Personen verhält, egal, welches Geschlecht sie haben?
  3. es ist nur Mansplaining, wenn das vom Mann zur Frau geht, egal, ob der Mann das aus sexistischen Gründen macht oder nicht?

Aber ich vermute, solche Unterscheidungen sind Feministinnen egal, weil sie entweder als Entschuldigung oder Ausrede gelten, und ein Argument wären, dass etwas nicht sexistisch ist. Soviel vorab hierzu:

Mansplaining: Der feste Glaube, dass sie es nicht besser weiß

Der feste Glaube, dass er ein Sexist sein muss.

Griffige Beschreibung von männlichem Danebenbenehmen oder zu pauschalisierend?

Wie viel pauschalisieren wäre denn zuviel? Ich frage für all die vielen, vielen Gelegenheiten, bei denen Feministinnen pauschalisieren.

In jedem Fall können „Drüberfahren“ und ungefragtes Erklären Hierarchien festigen

Sicher können die das. Wenn Frauen das machen, stört es aber auch niemanden.

Viele freuen sich über diesen Begriff, um oft Erlebtes kurz und griffig beschreiben zu können. Und wohl ebenso viele ärgern sich über die pauschale Unterstellung, die darin steckt: „Mansplaining“.

Ach? Man mache mal dasselbe mit anderen Gruppen, wie „Franzosenkrankheit“.

seit 2014 steht er im „Oxford Dictionary„. Beschrieben wird er darin so: die Praxis eines Mannes, der etwas einer Frau so erklärt, also würde er davon ausgehen, mehr zu wissen und zu verstehen als sie.

Auf Englisch heißen Röteln auch „deutsche Masern„. Ein Wort muss nicht wertneutral sein, um ins Wörterbuch zu kommen.

Berühmt geworden ist jenes Erlebnis der feministischen US-amerikanischen Autorin Rebecca Solnit. Sie hat den Begriff geprägt, noch bevor es ihn gab:

Ja, hinterher geht das ja auch schlecht. Blitzmerkerin.

Ein älterer Herr erklärte ihr auf einer Party eine Publikation über Eadweard Muybridge, Pionier der Fototechnik aus dem 19. Jahrhundert. … Als schließlich zu ihm durchdrang, dass sein Gegenüber, Solnit selbst, die Autorin dieses Buches ist, war es ihm nicht mal besonders peinlich, erzählte Solnit später.

Offenbar rühmt sich der Herr nicht selbst etwa seines Wissens, sondern verweist auf seine Quelle. Ist insofern fair, aber nunja. Wir wissen natürlich die Namen und Gesichter aller Menschen auswendig, deren Bücher wir je gelesen haben…

Solnit definierte in einem Gespräch dieses Phänomen so: Es sei eine „Kreuzung aus übertriebenem Selbstbewusstsein und Ahnungslosigkeit, an der ein Teil dieses Geschlechts steckenbleibt“.

Funfact: eine Bekannte einer Tante von mir erklärte mal deren Töchter, wie es in Rüthen aussieht. Und hörte selbst dann nicht damit auf, als ihr zum wiederholten Male erklärt wurde, dass meine Cousinen dort zur Schule gingen.

Sie will Mansplaining aber nicht auf heterosexuelle, weiße Männer festschreiben, sondern räumt den Geschlechtern durchaus Handlungsspielraum ein, indem sie sagt, wir bekämen zwar unsere Rollen von der Kultur, „aber was wir damit tun, entscheiden wir selbst“.

Sondern auch auf schwule Schwarze? Oder etwa auch auf Frauen? Nebenbei, wenn ein Mann auch anderen Männern gerne Sachen erklärt, die diese vermutlich wissen, könnte dies beim einen Charakter sein und beim anderen Rollenerwartung.

Als eine, die Mansplaining in seiner offensichtlichsten Form erlebt hat, meint Solnit aber, der Begriff werde inzwischen zu inflationär verwendet.

Schade, schade, Marmelade.

Dieser Ansicht ist auch die Wiener Genderkompetenztrainerin und Coachin Surur Abdul-Hussain. „Der Vorwurf des Mansplaining kommt inzwischen manchmal zu schnell und undifferenziert

Männa sind Schweine, begegne ihnen nur mit List! Hachja, schnelle und undiffernzierte Vorwürfe – gibt es auch andere?

Dass diese Praktiken aber sehr oft von Gender geprägt sind, daran hat Abdul-Hussain keinen Zweifel.

Wegen: Forschung. Denn:

Sie erinnert etwa an die Konversationsanalysen von Linguistin Senta Trommel-Plötz, die in der 1980er-Jahren Interaktionsanalysen zu Gesprächen durchführte und zeigte, wie stark Hierarchien mittels Kommunikation ausgedrückt und reproduziert werden.

Klingt jetzt sehr trivial – wie die meisten zwischenmenschlichen Dinge werden auch Hierarchien mittels Kommunikation ausgedrückt und reproduziert. (Vermutlich meinte die Linguistin da etwas konkreteres als das, aber pauschale Aussagen halt, wer liebt sie nicht?)

Sei es durch Unterbrechungen oder dadurch, andere erst gar nicht zu Wort kommen zu lassen.

Seht Ihr? Sie meinte wohl, „mittels einer bestimmten ART von Kommunikation“ oder „mittels einer Taktik, Kommunikation einzuschränken“. Aber bei der Standard braucht man für Feinheiten den nächsten Satz.

Allerdings sei Geschlecht nicht der einzige Aspekt, so erleben kommunikatives Drüberfahren ebenso Menschen mit Migrationshintergrund sehr häufig.

Und Angestellte (m/w/d). Und Kinder. Vor allem fehlt hier beim Sprung von „Nicht ausreden lassen ist eine Taktik, die eigene (vermeintliche oder tatsächliche) Wichtigkeit zu zeigen.“ zu „Das machen Männer mit Frauen“ der Zwischenschritt, dass Männer/Frauen immer eine Hierarchie darstellen sollen. Bzw., diese Annahme setzt sie wohl beim Publikum voraus.

Im beruflichen Kontext zeige die Forschung bis heute, dass die Redezeit noch immer zugunsten von Männern ausfällt – der sich hart haltende Mythos von den redseligen Frauen und schweigsamen Männern stimmt so also nicht.

Ist doch toll – ein Vorurteil weniger!

Abdul-Hussain empfiehlt für die Unterscheidung, ob man es mit Mansplaining zu tun hat oder nicht, auf den Kontext zu achten.

Allmählich stellt sich die Frage, ob man Abdul-Hussain überhaupt noch als Feministin bezeichnen kann.

Eine Unterrichtssituation ist etwas anderes, als wenn man mit Kollegen am Tisch sitzt und einer davon einer Kollegin – sagen wir einer schwarzen Frau – ungefragt erklärt, wo Rassismus und Sexismus anfängt und was rein gar nichts damit zu habe.

Kann man überhaupt so pauschal sagen, wo Sexismus anfängt und Rassimus aufhört? Ich frage mal aus Neugier. Nebenbei basieren solche Diskussionen häufig auf unterschiedlichen Ansichten, wie sehr man die Intention eine Handlung für deren moralischen Beurteilung zugrunde legen muss, und/oder, wie sehr man anderen deren Intentionen glauben darf.

Herausgefunden haben Forscher:innen auch, dass es im digitalen Raum Orte gibt, die offenbar mehr zu Mansplaining animieren als andere: Demnach scheint Twitter für leidenschaftliche Mansplainer ein besonders guter Ort zu sein – Facebook hingegen nicht.

Wie genau weiß man, welches Geschlecht wer bei Twitter hat? Ich frage für alle ohne Pronomina und genderneutrale Namen/Bilder.

Ein wesentlicher Grund, warum sich in der Kommunikation viele Männer mehr und selbstverständlicher Raum nehmen, sei, dass Frauen bis heute stärker infrage gestellt würden, das seien „wir auch gewohnt“

Hachja, internalisierter Sexismus. Gerade bei Twitter, wo es keine Ressourcenbeschränkung gibt, keine eingebaute Hierarchien und noch nicht einmal ein Zwang, das eigene Geschlecht erkennen zu lassen. Keine andere Erklärung. So ähnlich wie die Beschwerde, dass bei Wiki so wenig Frauen schreiben.

Eine Studie der Uni Wien untersuchte Nachrufe auf Geschäftsführer:innen dahingehend, wie die verstorbenen Personen dargestellt wurden. Die Zuschreibung „Expertin“ kam zum allergrößten Teil nur in den Nachrufen auf die männlichen Geschäftsführer vor.

Wer kennt sie nicht, die ewig gleichen Formulierungen: „Herr X war eine Expertin auf ihrem Gebiet.“ Oder meint sie jetzt „Koryphäe“? Offenbar ist eine Redaktion oder ein Korrektorat bei der Standard nicht erwünscht, weil man sonst eine Frau korrigieren müsste.

Und diese Zuschreibungen beeinflussen das Selbstverständnis.

In Todesanzeigen. Die Zuschreibungen an Tote beeinflussen das Selbstverständnis von Lebendigen. Weil ich als Mann ja ständig die Todesanzeigen von männlichen Geschäftsführern lese, sehe, wie sie von ihren Hinterbliebenden und ehemaligen Angestellten gelobt werden, denke, dass diese lobenden Zuschreibungen ja in keinster Weise unparteiisch, voreingenommen oder sonstwie nach einer kritischen Quellenanalyse nicht mängelfrei sein, und schlussfolgere, dass ich als Mann automatisch genauso toll sein muss. Oder, ich denke: „Scheiße, die haben eine Firma geleitet und ich nicht, ich Versager.“ Was ist wohl plausibler?

Auf sprachlicher Ebene kann man dagegen einiges tun. Ein schlichtes „Bitte lassen Sie mich zu Ende sprechen“ ist immer ein probates Mittel

Hat Sie gerade etwa Frauen ungefragt gesagt, was sie machen sollen? Gut, dass sie kein Mann ist, was.

Wenn eine Mansplaining-Tirade in einem Meeting kein Ende nimmt, rät sie, Blickkontakt mit der oder dem Moderator:in aufzunehmen.

Das wird ja immer besser – was kommt als nächstes, Handheben, wie in der Schule? Das wollen die nicht wissen, „Frau“ Abdul-Hussain, die wollen wissen, wie Männer die Klappe halten müssen, ohne das Frauen irgendetwas an ihrem Verhalten, allgemeinen Auftreten, innerer Einstellung oder sonstwas ändern müssen.

Falls in einem Meeting niemand diese Funktion innehat, gebe es unterschiedliche körpersprachliche Signale

Handheben. Eindeutig. Oder halt:

sich aufrichten, Präsenz erzeugen oder beobachten, wie andere zu Wort kommen – und es ihnen gleichtun.

Präsenz ist eine Disziplin aus Vampire, the Mascarade. Wirkt auch gegen Vampire einer älteren Generation. Wenn der Wham gegenüber tatsächlich aus dem Mittelalter stammt.

Denn wer nicht schafft, zu Wort zu kommen und am Wort zu bleiben, gilt wiederum als weniger kompetent.

Naja, auf einem sehr grundlegendem Level ist das auch weniger kompetent. Ein Stück weit gehört zu jeder Kompetenz, kommunizieren zu können und die eigene Expertise Dritten darzustellen. Das wird bei Männern genauso gesehen, ist also kein Geschlechterding als solches.

Nehmen sich Frauen also weniger Redezeit, kann das den Mansplaining-Teufelskreis noch fester schließen. Eine Motivation vielleicht für all jene, die Ungeduld des Gegenübers auszusitzen – oder besser: einfach weiterzureden.

Jetzt ist es auf einmal ein Teufelskreis. Aber gut, Lanz ist auch irgendwie komisch. Dahin kommen die ganzen hauptberuflichen Selbstdarsteller.

Nebenbei, es gibt eine Geschichte von Isaac Asimov, wie er bei einer Diskussion über eine Geschichte von ihm (kein Sachbuch) merkt, dass das (männliche) Gegenüber offenbar nicht weiß, dass Asimov tatsächlich Asimov, also der Autor der Geschichte ist. Die beiden sind sich über Sinn und Bedeutung der Geschichte wohl nicht im geringsten einig, tauschen etliche Argumente aus – Asimov hatte typischerweise mehr Argumente als die eigene Autorität, wenn man sich Autorität verdient hat, ist das nämlich so – aber irgendwann, als das Gegenüber nicht zu überzeugen war, zog er eben diese Karte – er sei der Autor. Die dann direkt zurückgewiesen wurde mit der rhetorischen Frage, was das damit zu tun hätte?

Immer ein Argument mehr haben als Asimov, dann ist Mansplaining kein Thema mehr.

3 Gedanken zu “Was ist eigentlich genau Mansplaining?

  1. Die Idee dahinter kommt wahrscheinlich durch Projektion. Oder was ist es wenn die Kassierin im Supermarkt den Vater kritisch beäugt, weil der Pamperst gekauft hat und sie automatisch davon ausgeht das er nicht weiß was die richtigen sind, weil er ein Mann ist und ihn deswegen fragt ob seine Frau denn auch genau gesagt hat, welche er kaufen soll? Oder wenn die fremde Frau im Park dem Vater mit Kind erklären wie, wie er sein Kind zu erziehen hat.
    Oder wenn die beliebige Feministin Männern geklärt was diese denken, fühlen und wollen (sollen)?

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  2. Vielleicht ist die Tendenz zum Besserwisser auch eine Frage des beruflichen Hintergrunds?
    War der Mann in dieser Ausgangs-Anekdote vielleicht ein Unternehmer?
    Meiner beruflichen Erfahrung nach sind Menschen, die ein erfolgreiches Unternehmen von null aufgebaut haben und immer noch leiten, häufig von dem Aberglauben befallen, dass sie alles besser wissen.
    Ich nehme an, dass sind vor allem Männer.

    Anekdotisches Beispiel aus meiner Erfahrung:
    Eine Maklerin, Iranerin, soll das Haus verkaufen, in dem wir wohnen. Sie bemerkt, dass wir im ehem. Ölkeller zur Heizung unsere Fahrräder lagern. Sie sagt, das sei verboten (Brandschutz, Heizungsanlagen).
    Ich entgegnete, dass Heizungen erst ab 50kW als Heizungsanlagen gelten. Außerdem verbiete die Bedienungsanleitung nur die Lagerung von leicht entzündbaren Materialien im Radius von 3m. Schließlich beurteile ich beruflich u. a. den Brand- und Explosionsschutz in Industrieanlagen und sei in der Lage, dies auch für eine 19kW-Gastherme zu tun.
    Sie hat es wegewischt. Schließlich verkaufe sie schon seit Jahren Immobilien und wisse es besser.

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