Man sollte ein Gesetz einführen…

…wonach nur noch Männer bei Scientology mitmachen dürfen.

Wegen ihm hier.

Unser Autor Nils Pickert nimmt aktuelle Diskussionen um die Sekte Scientology auf Twitter zum Anlass, genauer hinzuschauen und die Machtstrukturen, die sich vor allem gegen Frauen richten, einmal mehr zu hinterfragen.

Machtstrukturen, die sich gegen Männer richten, oder gar gegen Menschen allgemein, sind ihm einmal mehr egal. Und, ehrlich gesagt, so „aktuell“ ist der konkrete Vorgang gar nicht.

„Wo ist Shelly?!“
Seit Jahren wird diese Frage gestellt und ist bis heute nicht beantwortet.

Seit 2007. Was jetzt 15 Jahre her ist. Was natürlich den Verdacht erhärtet, dass Shelly Miscavige einem Verbrechen zum Opfer fiel, aber nun denn.

allen voran prominente Sektenausteiger*innen wie die Schauspielerin Leah Remini. Remini gab vor Jahren eine Vermisstenanzeige auf und wartet seitdem auf ein Lebenszeichen ihrer Freundin.

Tante Wiki sagt dazu, dass die Polizei die Vermisste 2013 gefunden habe. Wie genau ihre Identität festgestellt wurde, ob und wie festgestellt wurde, dass sie nicht unfreiwillig nicht in die Öffentlichkeit geht, und warum „Öffentlichkeit“ auch private Kontakte mit nicht-Scientologen einschließt, bleibt offen. Bisschen True-Crime-lastig.

In der Vergangenheit gab es immer wieder Personen im Umfeld der Sekte, die der Öffentlichkeit angebliche Nachrichten über den Verbleib von Shelly Miscavige übermitteln sollten. Es gehe ihr gut, sie habe sich nur vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, weil sie ihre Kraft in Aufgaben innerhalb von Scientology stecken wolle.

Auch hier ist das Problem, dass das für „Externe“ nicht überprüfbar ist – insbesondere scheint sie selbst, sofern sie lebendig und in Freiheit ist, kein Interesse daran zu haben, das irgendwem zu beweisen. Mit einem handgeschriebenen Brief, einer Videobotschaft oder einem neutralen Dritten, der über ihren Aufenthaltsort Stillschweigen hält. Aber – True-Crime-Gegner, der er ist – Pickert sieht einen anderen, verdächtigeren Grund…

 Dass diese „Nachrichten von Shelly“ wenig glaubhaft sind,

nämlich, natürlich, der

Umgang, den die Sekte mit Frauen pflegt.

Weil Männer dort natürlich nie Probleme haben, immer super fair behandelt werden, und überhaupt.

Denn dieser Fall ist nicht der erste, der Fragen aufwirft. Es ist nicht einmal der erste fragwürdige Fall in der Familie Miscavige

Auntie Wiki hat eine eigene Kategorie für Kontroversen über Scientology. Aber ja, dieser Fall ist sehr verdächtig.

Im September 1985 wurde Mary Florence Barnett, die Mutter von Shelly Miscavige und langjähriges Mitglied von Scientology, tot aufgefunden. Barnett hatte aufgeschlitzte Handgelenke, drei Gewehrschüsse in der Brust und einen im Kopf.

Soweit ich das verstanden habe, wurden die Handgelenke anscheinend ein paar Tage vor dem Tod oberflächlich aufgeschlitzt, was als ein Hinweis für einen voraufgegangenen Selbstmordversuch gewertet wurde. Was jetzt nicht beweist, dass sie sich wirklich selbst umgebracht wurde, aber eben ein argument ist.

 Auch ihr Schwiegersohn David Miscavige ließ keinen Zweifel aufkommen, dass es sich um Suizid handele.

Was jetzt – so oder so – keine unbefangene Quelle darstellt. Insofern ja, möglicherweise hat der Mann und seine Organisation eine Tendenz, Verbrechen zu begehen und zu vertuschen.

Nicht nur der angebliche Tathergang klingt bis zur Lächerlichkeit konstruiert. Das ehemalige hochrangige Scientology Mitglied Vicki Aznaran sagte später vor Gericht aus, David Miscavige habe den Tod seiner Schwiegermutter mit dem Satz „Die Schlampe hat bekommen, was sie verdient!“ kommentiert.

DAS ist natürlich das wichtigste: forensische Untersuchungen, ein Motiv oder allgemeine Widersprüche sind das eine, aber so ein Spruch ist schon fast ein Geständnis. (Nicht, dass echte Mörder tatsächlich darauf achten, die trauernden hinterbliebenden zu mimen, wenn sie es hinkriegen…)

Außerdem stimmte sie mit einem anderen ehemaligen Scientologen darin überein, dass Miscavige als damaliger Kronprinz von Sektengründer L. Ron Hubbard äußerst ungehalten über Barnett war.

Dass er „ungehalten“ war, belegt wohl auch der Schlampenspruch. Aber ok, ein Motiv, ein Motiv!

Den Angaben der beiden zufolge hatte sie eine eigene Splittergruppe gegründet und den Führungsanspruch ihres Schwiegersohnes offen in Zweifel gezogen. Derlei Widerworte stehen Frauen aber nach dem von Hubbard installierten Weltbild nicht zu.

Da L. Ron Hubbert zur Tatzeit noch am Leben war, wäre das doch eher dessen Mordmotiv gewesen, oder? Nebenbei, aus dessen Biographie ist zu erfahren, dass „Hubbard … am 24. Januar 1986 auf seiner Ranch in der Nähe von Creston, Kalifornien, an einem Schlaganfall [starb]. Die Witwe aus dritter Ehe wurde seine Nachfolgerin bei Scientology…“ Nagut, die hieß aber auch „Mary Sue„, dann muss die ja was taugen. Man beachte aber auch das traurige Leben und Sterben des eigentlich vorgesehenen Nachfolgers. Der übrigens männlich war. Außerdem er hier. Ich liste jetzt nicht alle Männer im Scientology-Umfeld auf, die Selbstmord begingen…

Eine Gesellschaft, in der man Frauen etwas anderes lehrt als Familienmanagement, das Kümmern um Männer und Schöpfung der künftigen Generation, ist eine zum Scheitern verdammte Gesellschaft.

L. Ron Hubbard: Scientology – Eine Neue Sicht Des Lebens. Kopenhagen 2007

Ohne Hubbard jetzt verteidigen zu wollen, aber Miscaviges „Ungehaltenheit“ scheint noch andere Gründe gehabt zu haben. Männliche Konkurrenten mag er ja auch nicht.

Scientology zwingt immer wieder Frauen in den eigenen Reihen durch massiven Druck dazu, Abtreibungen vornehmen zu lassen.

vs.

Scientology ist homofeindlich.

Es ist möglicherweise Teil der Taktik, als Religion anerkannt zu werden, indem man irgendwelche Logikfehler und Widersprüche einbaut, aber Homosexuelle werden seltener schwanger als Heteroas.

Und Scientology vertuscht mutmaßlich Vergewaltigungen, indem sie Opfer einschüchtert. Aktuell steht der aus der Serie Die wilden Siebziger! bekannte Schauspieler Danny Masterson wegen mehrfacher Vergewaltigung vor Gericht.

Und wenn die dann schwanger werden, müssen sie abtreiben? Ein Teufelskreis.

Masterson ist Scientologymitglied, seine Opfer ebenfalls.

Achwas.

Man sagte ihnen, sie sollten das Wort Vergewaltigung nicht verwenden und hätten vermutlich etwas getan, um „es zu verursachen“.

Das Victim-Bläme-Game. Vermutlich will uns der Autor damit sagen, dass die Frauen einfach nicht hätten Miglied werden sollen? Schuld ist Amerika. Nur Amerika!

Warum ist das wichtig? Ist Scientology in Deutschland nicht einfach irgendeine unbedeutende Sekte mit 3500 Mitgliedern, deren Gebaren uns angesichts der altbekannten „Haben wir gerade wirklich keine anderen Probleme?“ Frage nicht zu interessieren brauchen?

Im Vergleich zu anderen Problemen, die pinkstinks schon thematisiert hat, sind möglicherweise vertuschte Morde und Entführungen, Vergewaltigungen und andere Verbrechen tatsächlich mal nicht so unbedeutend. Oder auch Selbstmord als solcher. Dies auch in Namen von der einen Autowäsche bei Hannover. Aber…

Nun, es handelt sich dabei immerhin um eine Sekte, deren Mitgliederzahl gerade wieder steigt und den Nachwuchs mittlerweile auch auf Datingplattformen rekrutiert.

Verdammt! Nicht Datingplattformen! Für eine homofeindliche Organisation ist es aber komisch, dass die von mal 5.000 in 14 Jahren auf unter 3.500 gerutscht sind. Möglicherweise ist das mit den Abtreibungen doch nicht so schlau.

Es handelt sich auch um eine Sekte, deren Aushängeschild Nummer Eins, Tom Cruise, gerade mit dem erfolgreichsten Film seiner Karriere das perfekte Marketing für Scientology macht.

Ähh, gut, den habe ich mir nicht angesehen, aber, ehrlich gesagt, so überzeugend finde ich das Argument: „Wer Top Gun sieht, wird rekrutiert“ nicht. Also, so gar nicht.

Und nicht zuletzt ist es wichtig, weil wir immer genau hinschauen sollten, wenn geschlossene, intransparente Systeme mit mächtigen Männern, Hinterzimmern und eigenen Verhaltensregeln anhaltend von Gerüchten rund um Frauenfeindlichkeit und Gewalt umschwirrt werden.

Da der Verfassungsschutz die ganze Veranstaltung bereits beobachtet, und weil Kritik an Scientology in Deutschland besonders  weit verbreitet ist, macht er sich hier etwas zu viel Sorgen. Oder, „zu viel“ Sorgen ist vllt. nicht ganz das richtige Wort, aber…

Wenn wir eines von der #MeToo-Debatte gelernt haben sollten, dann doch, dass wir in solchen Fällen als Gesellschaft nicht wegschauen dürfen.

… „wir“ natürlich. Und #metoo. Wie soll „ich“ wissen, ob in der deutschen Scientologen-Zentrale die Reinigungskräfte vom Filialleiter oder wie das bei denen heißt, belästigt werden? Mal ganz vorsichtig gesagt, weil der NSU vom Verfassungsschutz weitgehend unbehelligt gearbeitet hat, will ich hier nicht von einem „Trost“ reden, aber eine Frau, die entweder Mitglied einer beobachteten Gruppierung ist, oder aber mit einem verheiratet ist, würde nicht ganz so einfach verschwinden. Bzw., falls sie verschwinden würde, würde das einerseits öffentliche Aufmerksamkeit nach sich ziehen – die arme FRAU – und andererseits für die einschlägigen Stellen einen willkommenen Grund liefern, einfach mal ein paar Durchsuchungsbefehle zu kriegen.

Aber schuld ist nicht der Vergewaltiger, oder die Gruppe, oder Amerika, sondern „wir“. Weil Schuldgefühle zu induzieren ja von führenden Sekten empfohlen wird. Und von Scientology.

2 Gedanken zu “Man sollte ein Gesetz einführen…

  1. Ich habe mal ein Aufklärungsbuch über Scientology von einem weiblichen Autoren gelesen. Bei der fand sich nichts davon, dass Frauen stärker als Männer unter der Sekte zu leiden hätten, egal ob als Mitglieder oder indirekt betroffene (Familienangehörige, Aufklärer, Journalisten…).

    Man fokussiere auf eine bestimmte Gruppe und blende alle anderen aus und fertig ist der Opfermythos. Eine plumpe Methode, dieser Feminismus.

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  2. Oh sure, let’s talk about how *much* worse it is to have cyanide for breakfast depending on [arbitrary attribute] instead of talking about NOT. HAVING. F*CKING. CYANIDE. FOR. BREAKFAST.

    Gibt’s für diese Art der „Diskussion“ nicht auch ein Tropus?

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