He-Man und das moderne Publikum

Um mal über etwas herzuziehen zu reden, wovon ich kein Ultra-Fan bin:

He-Man statt He-Girl!

Ich kenne die alte Serie, fand sie aber nicht sooo toll, mich interessierten die Figuren auch nicht, und rückwirkend waren die obligatorischen „Was wir heute gelernt haben“-Sprüche am Ende wohl auch dazu da, dass die Eltern das als pädagogisch wahrnahmen. Aber hey, Reboot tut gut. Wie absolut niemand sagt.

Actionfiguren gegen Pippi-Langstrumpf-Idylle

Hmmmm. Idylle? Hauptfigur mit überlegenen körperlichen Kräften und ohne irgendwelche finanziellen Probleme löst alle Probleme ihrer Mitmenschen. Bzw. die von Orko. So groß ist der Unterschied einfach nicht.

Es sei fast etwas Verdorbenes gewesen, erinnert sich der Kulturhistoriker Jörg Scheller.

Nur, weil He-Man ein Doppelleben führt? Mal in netten Pasteltönen gekleidet ist, und mal „in“ eine figurbetonende Leder“rüstung“, die die stahlharten, magischerweise gebräunten, übernatürlich dicken Muskelpakete freilässt?

Nun scheinen He-Man und seine Getreuen ein Revival zu erleben: Der Streamingdienst Netflix produziert neue Folgen der Trash-Saga.

„Trash“ ist schon ein hartes Wort. Aber gut, es war eine Werbesendung für die Figuren, musste man aber auch nicht kaufen.

Aus Sicht des Kunsthistorikers Jörg Scheller ist dies eine sinnvolle Marktentscheidung. „Die Kids von damals kommen jetzt in die Midlifecrisis.“

Und haben jetzt das Geld, was sie damals ihren Eltern aus dem Kreuz leiern mussten. Oder dabei scheiterten…

„Das war nicht das, was die Eltern sehen wollten bei uns“, erinnert sich Scheller.

Auch, wenn es eine ser spezielle Mischung aus Fantasy, SF und etwas Horror war. Genre-Mischung ist Völkermord, oder wie ging der Spruch?

Man hat uns eben mit Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga traktiert. Und insofern waren die Masters of the Universe erst einmal ein faszinierendes Paralleluniversum.

Das sind nicht gerade die bravsten und angepasstesten Kinder wo gibt. Aber ok, MotU ist schon etwas krasser…

Angesichts des heute wieder „grassierenden Pippi-Langstrumpf-Booms“

Dem wem?

sieht Scheller daher auch wieder „eine gewisse Aktualität“ für die Masters of the Universe – und einen weiteren Grund für deren Neuerweckung:

Weil muskelbepackte Typen, die gegen Zauberer mit Skelett-Kopf kämpfen, in letzter Zeit ja wieder vermehrt in den Nachrichten vorkommen. Da muss man gegenhalten.

Pippi Langstrumpf war ja so die bildungsbürgerliche Superheldin der Achtzigerjahre. Und ich finde die jetzt im Rückblick eigentlich wahnsinnig spießig und bieder.

Nein, die Spießer hassen sie jetzt auch.

He-Man und seine Getreuen seien eigentlich nicht „originell“ und nicht „innovativ“ gewesen, betont er.

Ja, ein bisschen bei Conan, dem Barbaren, abgekupfert. Ist jetzt nicht ganz das schlimmste, was man machen kann.

Es ist ein klassisches Format für Zielgruppenmaximierung. Und das haben die Masters of the Universe famos geleistet.

Jaaa, und dann kommt der Reboot, und was passiert?

Der muskelbepackte He-Man und seine Mitstreiter waren in den 80er-Jahren die Helden vieler Kinder. Die Netflix-Serie „Masters of the Universe: Revelation“ bringt sie zurück.

Die Kinder jetzt?

Kritiker lieben die Serie. Doch bei einigen Fans fällt sie komplett durch.

„Einige“ sind ziemlich viele. Und jemand, die/der die alte Serie entweder nicht kennt oder jedenfalls definitiv kein Fan ist, würde sich nicht über die Qualität der neuen beschweren, weil soe sie nicht sehen würde.

Die Kritik liebe die Serie, sagt Rezensent Markus Dichmann, der sich diesem Urteil anschließt: Das Comeback von He-Man und seinen Mitstreiter mache „echt einfach Spaß“.

Kleiner Spoiler: He-Man stirbt in Folge 1.

Er lobt die schrille, Action-geladene Welt, die doof-kernigen Sprüche, die völlig sinnbefreite, aber spannende Handlung, den wilden Soundtrack zwischen Heavy-Metal und Orchestermusik, das überragende Sprecherensemble und das hohe tricktechnische Niveau.

Wie gesagt, wenn man He-Man-Fan ist, dann will man He-Man. Bzw., wenn man eine Serie über Teela sehen soll, dann fänden sich bestimmt Leute, die die auch gerne sehen würden, aber niemand will sich reingelegt fühlen. Und da die Serie nunmal nicht „Teela and the Masters of the Universe“ heißt…

Weiterhin sei die Serie „schrulliger Trash“, aber die Macherinnen und Macher seien schlau genug gewesen, nicht einfach eine Kinderserie aus den Achtzigern zu wiederholen, so Dichmann.

Ja, aber da fängt das Problem an – die wollen nicht die Serie modernisieren, die wollen ein „modernes“ Publikum anstelle des alten Publikums. Das sagen die nicht explizit, aber wenn die einerseits sehr mit Nostalgie die alten Fans anlocken – und „neue“ haben die zu Beginn nicht – aber andererseits diese Nostalgie nicht bedienen wollen oder können – weil sie selbst nicht genau wissen, warum die alte Serie beliebt war – dann kriegen die hauptsächlich solche Fans, die die Vorlage wenig bis gar nicht mögen. Modernes statt altem Publikum.

Bei vielen Fans falle die Serie allerdings genau deshalb komplett durch, berichtet der Rezensent.

Käsekuchen? Käsekuchen!

Zum Beispiel muss unser ach so starker He-Man relativ schnell Platz machen, und einige andere Figuren nehmen die Hauptrollen ein.

Ja, wegen akutem Existenzversagen. Nachdem der Macher ausdrücklich erklärte, dass genau DAS nicht passieren würde. Wenn man mist Schokoladenkuchen als Käsekuchen verkauft, wäre der bei mir auch unten durch, obwohl der vllt. keine Rosinen hätte.

Und das sind vornehmlich weibliche Figuren.

Ich will ja nicht Nerwen, aber. Wenn die Hauptfigur He-Man heißt. He. Man. Welche Erwartungshaltung erzeugt das?

Bereits im Vorfeld der Veröffentlichung habe es deshalb Anfeindungen gegeben, dass man He-Man austauschen wolle, weil er nicht mehr „politically correct“ sei.

Gaaanz theoretisch wäre ein Typ, der ein Doppelleben führt, in beiden Leben keine Freundin hat und seine „zweite Identität“ vor fast allen geheim hält, einschließlich seiner Eltern, evt. eine Identifikationsfigur für Schwule, also wäre er politisch super korrekt. Andererseits, ein besonders maskulöser und muskulöser Mann, dessen Nom de guerre He-Man, also Männerich lautet, und der privat aber wie der erste Mensch heißt – nunja. Er ist zwar echt nicht toxisch oder so, aber…

Außerdem sei die Serie düsterer und erwachsener geworden, einige Charakter würden sterben, erzählt Dichmann:

Wie He-Man selbst?

„Da schreiben einige im Netz, ihre Kindheit sei zerstört worden.“

Von Blickwinkel eines Kritikers, der meinetwegen Hamlet schon immer doof fand, ist eine Hamlet-Inszenierung, in der der Titelheld direkt zu Anfang stirbt, bestimmt auch ganz toll.

Die alte Serie, die einen solchen Kultstatus erreicht habe, habe eigentlich als eine Art Werbespot begonnen

Ob Mattel mit der Performance eigentlich glücklich ist?

„Die Leute leckten sich die Finger nach diesen wirren Geschichten“, sagt Dichmann.

Jetzt nicht mehr. Offenbar ist es der Serie nicht gelungen, für jeden vergraulten Alt-Fan mehr als einen Neu-Fan zu aktivieren.

Achso, Leute, die das He-Man-Verse, aber in modern und mit mehr weiblichen Figuren gucken wollen, gucken die hier. Da kommt He-Man in der ganzen ersten Staffel nicht vor (oder sonst einer Staffel, soweit ich weiß), und niemand beschwert sich. Außer möglicherweise Klaus, aber dem kann man es eh‘ nicht recht machen. Jedenfalls, es besteht kein Bedarf an einer He-Man-artigen neuen Serie, in der He-Man zugunsten von weiblichen Figuren – die aber trotzdem öfter auf Frauen stehen – beiseite tritt, weil dieser Bedarf schon gedeckt wird.

2 Gedanken zu “He-Man und das moderne Publikum

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