Semi-Zwangsouting

Vor rund 30 Jahren engagierte sich ein Mitschüler von mir in der „Pro-Schwulen-Bewegung“ (ich glaube, das heißt anders), u.a., indem er die „Verstecken gilt nicht“-Aufkleber verteilte. Mir war schon klar, warum und wozu das diente: „Sichtbarkeit“ von Homosexuellen sollte die Akzeptanz von Homosexuellen erhöhen.

So ganz glücklich war ich damit trotzdem nicht – auch als Hetero wollte ich nicht unbedingt, dass alle wissen, wen ich liebe, und wenn ich das schon nicht will, wollen das Homosexuelle wohl erst recht nicht.

Aber heute ist die Gesellschaft ja viel weiter, da sind Aufkleber ja noch harmlos gegen.

Schauspieler Kit Connor hat mit einem vergifteten Coming-Out seine Bisexualität bekannt gegeben. Dazu war er von Fans und Medien gedrängt worden.

Geil, oder? Da werden sich jugendliche Bisexuelle ja hoffentlich eine Scheibe von abschneiden dürfen, oder?

Als ich vom Dorf in die Großstadt zog, war es vorbei mit dem „Gaydar“.

Wegen Überlastung durchgebrannt? In einer idealen Welt wäre das der Grund, aber, alas, in einer solchen leben wir ja nicht.

Plötzlich war, wer meiner Meinung nach „schwul aussah“ (sprich: bunte Socken trug), gar nicht mehr unbedingt schwul.

Bunte Socken sind aber auch HARTE kulturelle Aneignung. Den armen Schwulen wird auch alles weggenommen. Alles.

Ziemlich 2000er. Damals hat man aus Oberflächlichkeiten großzügig auf die Person geschlossen.

Ja, sexuelle Orientierung sagt ja über den Charakter gar nichts aus!

Heute haben wir kapiert: Kleidung, Auftreten, Gestik, Körperhaltung, das ist bloß presentation. Inszenierung. Macht Spaß, hat nichts zu bedeuten.

Leute in Rastas können also verkappte Nazis sein.

Aber ich als 2000er-Dorfkind-Babygay wollte wissen, wer wer ist.

Scheiß-Nazis sollen gefälligst Glatze tragen!

Von Heteros mit Haarspangen und Hüftschwung fühlte ich mich verarscht.

Das wahre Problem für Heteros in bunten Socken waren nicht mehr Homophobiker, die einen für schwul hielten und verprügelten, sondern verarschte männliche Homosexuelle. Nichts darf man hier noch, nichts!

Denn, um ehrlich zu sein: Ich hatte es satt, mich in die Falschen zu verlieben.

Das ist ein unvermeidbares Lebensrisiko. Heteros verlieben sich dauernd in die falschen Heteras, also die, die das nicht erwiedern, und außer einer Menge trauriger Liebeslieder wird dieses Problem nicht angegangen. Einer unglaublichen Menge trauriger Liebeslieder.

Zehn Jahre später gab es für dieses Verarschtwerden ein Wort: „Queerbaiting“

10.000 Jahre Heterobaiting waren lange genug – Liebe Schwule: Heult DOCH!

Eigentlich sollte das Wort die Medienindustrie kritisieren. Die entdeckte in den 2010ern nämlich die LGBTIQ und war sich nicht zu blöd, uns mit bravouröser Geste Häppchen hinzuwerfen.

Na, sowas aber auch. Markt regelt.

Die „erste schwule Disney-Figur“ im „Schöne und das Biest“-Spielfilm? War 0,2 Sekunden lang zu sehen.

Die Figur war schon länger zu sehen. Aber ja, es handelt von einem Romeo-und-Julia-Fangirl, dass sich in einen Incel mit breiten Schultern und behaarter Brust verliebt. Klassiker. Der Spruch über R+J war übrigens kein Neg, das waren seine ehrlichen Gefühle! Zugegeben, es hat ihm geholfen, darüber zu sprechen, weil beide gerne Bücher lesen.

Dann aber haben Leute den Begriff auf einzelne Personen angewendet.

Kämpfen Heteros für eine Welt, in der Schwule bunte Socken tragen können, ohne verprügelt zu werden, oder für eine Welt, in der alle alle Arten von Socken tragen können, ohne verprügelt zu werden?

obwohl von ihnen kein Outing verzeichnet war. Lady Gaga etwa, Billie Eilish oder Harry Stiles.

Ach, der. Auch hier. Oder hier. Außerdem, Namen mit Y sind generell 50% cooler, also heyßt er Harry Styles. Wobei Bylly Eylysh schon cool genug ist.

Mal mehr und mal weniger explizit fordern Fans seither von diesen Personen: Jetzt bitte entweder outen – oder die queere Performance unterlassen!

Wo kämen wir sonst hin? Dann könnte ja jeder kommen! Oder Jede. Oder Jedes, Jedel, Jedet, Jedey…

Ich habe nie verstanden, was das Problem ist.

Chaos und Wahnsinn! Sodom und Gomorrah! Cats and Dogs lay together!!! Man muss sich von der Sittenpolizei doch das Tragen bunter Socken genehmigen lassen.

Das fiel mir ein, als der britische Schauspieler Kit Connor diese Woche mit einem vergifteten Coming-Out seine Bisexualität bekanntgab.

Gab’s nicht mal den Spruch, dass Bisexuelle sich einfach nicht entscheiden könnten? Demnächst diskutieren „wir“ die Frage, was er lieber mag: Männer oder Frauen?

Das fiel mir ein, als der britische Schauspieler Kit Connor diese Woche mit einem vergifteten Coming-Out seine Bisexualität bekanntgab.

Sehr Ihr? Die haben extra gewartet, bis er volljährig war. Standhaft und tapfer! Kauft ein Buch!

Er hat mehrfach darum gebeten, seine Sexualität privat und im eigenen Tempo herausfinden zu dürfen. Trotzdem wird er seit Monaten von Fans und Medien bedrängt, sich zu outen – weil er sonst „Queerbaiting“ betreibe.

Erstmal: zum Baiten gehören auch die Fische, die sich baiten lassen. Zweitens: wenn ein Homosexueller einen Frauenhelden spielt, beschweren sich auch nur die seltsamsten aller Heteros, dass der sein Outing nicht zurücknimmt. Drittens: wenn EUCH die Rolle gefällt, ist es erstmal egal, wie der Schauspieler privat ist. Kunst und Künstler und so. Viertens: wenn IHR eine Serie nur deshalb nicht sehen wollt, weil ein Schauspieler darin hetero ist, na dann lasst es halt. Elrond ist übrigens auch nicht blond. Fünftens: guckt mal, warum die „erste“ Batwoman aufgehört hat. Ja, Unfall und so, aber hier meine ich die Vorwürfe, sie sei nicht lesbisch genug.

Vom „Ködern“ ist diese liebevolle bi-schwul-trans-lesbische Geschichte so weit entfernt wie mein Dorf von der Großstadt.

Naja, technisch gesehen ist das Ködern. So, wie HIMYM hauptsächlich solche Leute als Zielgruppe anpeilt, die aus ungefähr derselben demographischen Gruppe wie die Hauptpersonen kommen: Hetero-mid-30-upper-middleclass-Baiting. Aber da beschwerten sich höchstens Schwulenhasser, dass Barneys Schauspieler schwul ist…

Auf der Suche nach „wahrhaftiger queerer Substanz“ wurde jemand zu einem Outing gedrängt.

Verstecken gildet nicht! Die Substanz muss wahrhaftig sein und rein! Das Queer muss fließen! Das Bekenntnis zur eigenen Sexualität ist wichtiger als Leben und Tod!

Und mich beschleicht das Gefühl, dass wir uns damit am Ende selber verarscht haben.

Funfact: Mulan kann auch keine übermenschlichen Kampfkunsttricks. Dass die mögliche Homosexualität eines Nebencharas nur minimalst angedeutet wird, ist vllt. nicht gerade das stärkste Zeichen für Schwulenfreundlichkeit, aber – und es tut mir Leid, dass ich das Euch sagen muss und nicht irgendwer anders – Disney ist auch nur so eine Firma, die Geld verdienen will. Ein Schauspieler, der eine Rolle spielt, will natürlich auch Geld verdienen, aber er will ja nicht auf solche Rollen beschränkt sein, die seiner eigentlichen Persönlichkeit entsprechen. Mal abgesehen davon, dass Schauspieler in etwas schlechterer Position sind als ein Konzern wie Disney, was Gruppenzwang betrifft.

3 Gedanken zu “Semi-Zwangsouting

  1. Ich hab ganz ehrlich keine Ahnung, was die schwuchtelige Tunte damit sagen will. Ich kann aber was zum Thema „Gaydar“ sagen: Das ist, im Gegensatz zu pädophilen Kabbalen, eine reine Verschwörungstheorie. Oder gar Echsenmenschen. Ich meine, guck mal Kamala Harris oder Hillary Clinton an; ich hab keine Ahnung, was für Drogen die denen geben, aber den relevanten Teil des Gehirns schalten die offensichtlich sehr effektiv aus und lassen einen nur noch blöd kichern.

    Zurück zum Thema „Gaydar“. Ich hab da ja nun persönliche Erfahrungen. Weil es den Mädels zu meiner Studienzeit zu doof wurde, von irgendwelchen Albanern betatscht zu werden, gingen wir halt in die Homo-Disco. Nun bin ich nur aus Gruppenzwang in Discos, aber die haben ein Bar und (damals) Rotwein. Und dann quatscht _mich_ da _zuverlässig_ irgendein sehr, _sehr_ gutaussehnender Typ an, dass er der [Name] wäre, und ob er mir nicht einen Rotwein ausgeben könnte. Da ich keine Frau bin, erkläre ich dann höflich, dass ich da nur bin, weil [Grund oben], und dann zahlt der halt nur seinen Rotwein und wir unterhalten uns, bis er jemand fickfreudigeren findet. Homos haben also defnitiv kein „Gaydar“.

    Heteros auch nicht; ich hab drei jahre mit nicht nur einem, sondern, was statistisch super-unwahrscheinlich ist, zwei schwulen Kollegen promoviert, ohne das irgdendwie zu bemerken. _Frauen_ merken sowas, [Tusse] meinte dann, dass ich mich vielleicht beim Mittagessen mit blöden Schwulenwitzen zurückhalten sollte, weil der [Dings] und der [Bla] ja homosexuell wären. Hab dann also beim Mittagessen den [Dings] und den [Bla] gefragt, ob sie das irgendwie negativ finden, weil die [Tusse] mir ja gesagt hat, dass sie schwul sind.

    Der [Dings] ist so ein politsch korrekter Typ; der meinte dann nur, dass die [Tusse] halt nicht blond ist, und daher nichtmal Blondinenwitze versteht. [Bla] war da weltoffener und erklärte, dass das schon problematischer sei; Judenwitze sind ja auch nicht lustig, da sein Großvater in einem KZ gestorben sei — weil er besoffen vom Wachturm gefallen ist.

    Die [Tusse] hat sich dann vom Rektor anbumsen lassen; die verblödet (aktiv!) jetzt an einer FH Leute wie den Autor des zitierten Artikels, qua Vagina. Der [Dings] ist Professor an einer Ivy-League-Uni. Der [Bla] verdient ne halbe Million Euro im Jahr dafür, dass er unfähigen Leuten erklärt, wie sie ihm noch mehr Geld zahlen können, ohne, dass die das merken.

    Nur ich sitze hier und habe genug Zeit, Quark ins Internet zu schreiben. Der/die Autor/Tunte wird ja dafür auch noch bezahlt. Ich nicht. Das ist doch so dämlch wie das Konzept von „Gaydar“?! Das funktioniert nicht.

    Naja, Dir, Apo, und allen Lesern einen wunderschönen Tag. Ich muss jetzt mal meinen Automechaniker anrufen; und den Typen, der mir mein Brennholz in den Garten schleppt.

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