Tränen lügen nicht

Weil.

Wisst ihr noch, als Papa damals weinte?!

Anscheinend nicht.

Macht er das mit Absicht, oder ist das unwillkürlich, oder hat er einfach mehr Anlässe zu weinen?

Wenn Feministen jahrelang erzählen, wie verwöhnt Männer sind, wäre es kein Wunder, wenn sich „die“ Gesellschaft wundert. Aber eigentlich wundert sich die Gesellschaft nicht – kleine Kinder weinen, wenn ihnen was weh tut, wenn sie Angst haben, oder wenn sie aus sonstigen Gründen mit einer Situation nicht klarkommen. Älteren Kindern – aber wohl mehr Jungen als Mädchen – wird klar gemacht, dass man das nicht will: 1. sollten sie mit den meisten Situationen inzwischen klar kommen, 2., wenn nicht, dann sollten sie mindestens formulieren können, warum sie nicht klar kommen, und 3. wird man ihnen ab einen bestimmten Alter so oder so nicht mehr helfen. Kann man doof finden oder auch nicht, aber das sind die offensichtlichen Gründe. Die weniger offensichtlichen wären noch:

  • ich will Dir nicht helfen, also tu nichts, was mein Mitleid erregen könnte
  • ich will nicht, dass Dir geholfen wird, also tu nichts, was das Mitleid von irgendwem erregen könnte
  • ich will, dass Du weinst, weil mir das zeigt, dass Du von der Situation, in die ich Dich gebracht habe, überfordert bist; wenn ich Dich dafür noch kritisiere, ist das purer Sadismus
  • ich bade täglich in Männertränen, mein Sadismus ist noch viel reiner und purer als jeder andere

Natürlich sind Männer, die nicht weinen (können oder wollen) frauenfeindlich, sonst wäre das kein feministisches Thema, s. #17.

Als ich meine praktische Fahrprüfung nicht beim ersten Mal bestanden habe.

Ok.

Als ich betrogen wurde.

Auch ok.

Als ich das erste Ultraschallbild meiner grossen Tochter gesehen habe.

Was war anders bei den Ultraschallbildern der anderen Kinder?

Als ich meine Familie aus einem Urlaub nach Hause gefahren habe und alle von Krankheit oder Migräne geplagt vor sich hinvegetierten, während ich versucht habe, uns völlig unbeschadet nach Hause zu fahren.

Ehrlich gesagt, ganz schlechter Zeitpunkt. Anhalten und warten, bis man wieder was sehen kann.

Als ich für mein erstes Buch «Prinzessinnenjungs» meine eigenen Gewalterfahrungen schriftlich anpacken musste.

Standhaft und tapfer! Kauft sein Buch! Sorry, aber er hat mit dem Zynismus angefangen.

Als ich meinen winzigen Sohn über Wochen in eine sogenannte Tübinger Schiene zwängen musste…

Ok.

Als meine Lebenskomplizin einen so schlimmen Radunfall hatte…

Ok.

Ich weine nicht oft, aber ich weine.

Nachdem Feministinnen Männer, die nicht weinen, als frauenfeindlich gefrämt haben, klingt das jetzt sehr nach „nach Komplimenten fischen“. Nichtmal nach Virtue-Signaling, weil, ehrlich gesagt, Feministinnen dafür schon zu abgebrüht sind.

Je älter ich werde, umso näher baue ich mich ans Wasser. Umso bereitwilliger setze ich mein Herz in diese See.

Die schiefe Metaphorik mal beiseitegelegt, jetzt wäre die Frage, warum? Weil er sich von seiner gegenteiligen Erziehung freigearbeitet hat? Weil ihm die Meinung dritter egaler ist? Seine Selbsteinschätzung wäre hier das Interessanteste.

Vermutlich hat das etwas mit der anschwellenden Wahrnehmung der eigenen Sterblichkeit zu tun. Und mit Vaterschaft. Mit meinen Kindern. Mit Liebe.

Aber nein – da redet ein Mann tatsächlich über seine Gefühle, und er kann sie nicht erklären. Welchen Sinn hat das dann? Bzw., was er erzählt, sind ja triviale Gemeinplätze: natürlich weint man wegen Menschen, die man liebt!

Mittlerweile bin ich von diesen Gefühlen so durchdrungen, dass es ausreicht, wenn mich ihre Darstellung benetzt, damit ich sie selbst empfinde.

Es gibt die Theorie, dass Kunst genau dazu da ist: Gefühle zu verursachen. Achtung Spoiler!

Man braucht auf der Klaviatur meiner Gefühle gar nicht «On the Nature of Daylight» von Max Richter zum Film «Arrival» spielen, in dem sich eine Wissenschaftlerin dafür entscheidet, ihre Tochter zu bekommen, obwohl sie weiss, dass diese als junge Frau sterben wird.

Das ist nebenbei die Frage: könnte sich die Wissenschaftlerin überhaupt dagegen entscheiden, oder verhindert ihre Präkognition, dass sie in der Hinsicht freie Entscheidungen treffen kann? Wenn man das überhaupt kann; offenbar werden keine Versuche unternommen, das Leben der Tochter anderweitig zu retten. Es ist übrigens kein Beitrag zur Abtreibungsdebatte – die Wissenschaftlerin könnte in der fraglichen Woche auch einfach keinen Sex haben. Jedenfalls bin ich bei dem Film froh, gespoilert geworden zu sein (manchmal ist Vorwissen doch nicht schlecht), weil ich nicht glaube, ihn zu mögen. Warum sich Kunst aussetzen, die schlechte Gefühle verursacht?

Es funktioniert auch mit Blockbuster-Movies wie «Armageddon», die voller Plot Holes, Machismo und schmierlappiger Dialoge sind

Auch, wenn Armageddon schon SEHR hart die Klischeekeule schwingt: Die Art, wie Dr. Banks in „Arrival“ ihre präkognitiven Fähigkeiten kriegt, ist jetzt auch nicht besser als: „Lehren wir Bohrleuten Astronautik…“

wenn Bruce Willis kurz vor seinem Tod das Leben seiner Filmtochter in Flashbacks durchlebt

… ein Leben, das er gerettet hat, und das demnach weiter geht. Dr. Banks, was wäre Ihr Beitrag? Eines der beiden Elternteile wehrt sich gegen das „Schicksal“ bis zuletzt, das andere ist fatalistisch.

Verteufelte Männertränen

Verteufelt von wem?

Es gibt einen einfachen Grund dafür, warum ich Ihnen das alles erzähle: Meine kleine Tochter hat mich gefragt.

Nichts gegen seine kleine Tochter, aber die hat bestimmt noch viele andere Fragen, die uns eigentlich auch nur am Rande interessieren. Also „uns“ jetzt.

Ich weine also und meine Kleine fragt mich trotzdem, ob ich es überhaupt tue.

Offenbar ist das Mädchen nie dabei, wenn sein Vater Armageddon guckt. Und welches Kind, dessen Mutter gerade schwerverletzt im Krankenhaus liegt, hätte einen Blick für solche Details übrig?

Ich sage meinen Kindern, dass Weinen wirklich okay ist, und reguliere in den meisten Fällen wie selbstverständlich meine Emotionen, weil Männertränen sehr oft einfach nicht okay sind.

Fürs Protokoll: Gefühle zeigen und Gefühle haben sind zwei paar Schuhe. Wie Reichtum haben und zeigen. Abgesehen davon ist „Mutter liegt schwerverletzt im Krankenhaus“ und „Ich bin durch die Fahrprüfung gefallen“ auch nicht ganz dieselben Situationen.

Oder Grossereignisse, von denen man noch lange sprechen wird: Wisst ihr noch damals, als Vater weinte?!

Mutters schwerer Unfall, als Arrival im Fernsehen kam, und die x-te Wiederholung von Armageddon…

Denn so aufgeklärt wir uns geben und für wie modern wir uns auch halten:

Wer ist jetzt schon wieder „wir“? Pickerts Familie?

Wir leben immer noch in einer Gesellschaft, in der man sich darüber wundert, warum ukrainische und russische Männer nicht an der Front sterben wollen.

Ungeachtet, wie man zum Ukrainekrieg steht, also Ursachen, Gründe, Ziele und was nicht alles, ich unterstelle mal, dass eine sehr große Mehrheit aller Menschen klar ist, dass ukrainische und russische Männer typischerweise nicht sterben wollen. Und auch der Grund: weil sie sonst tot sind. Aber natürlich ist es einfacher, die Gesellschaft als „unempathisch“ zu främen, bzw. als empathiloser, als sie tatsächlich ist.

In der sie alle Emotionen zu kontrollieren haben, die ihnen irgendwie als Schwäche ausgelegt werden könnten.

Ok, es gibt sicher Situationen, bei denen Emotionen als „Schwäche“ ausgelegt werden. Es gibt auch Situationen, bei denen Emotionen Schwäche sind, weil man damit manipuliert werden kann. Im Soldatenbeispiel ist das aber egal, weil man die Soldaten trotzdem hinschickt.

 In der «Kevin nicht weint, als er die fünfte Klasse nicht geschafft hat, als seine Mutter ihn verliess, als seine Freundin starb und sich bei seinem Suizid fragte, wer wohl weinen würde»

Seine Schule hätte ihn auch nicht versetzt, wenn er geweint hätte, wenn seine Mutter ihn verließ, war es ihr offenbar egal, ob er weinte oder nicht, und seine Tränen machen seine Freundin auch nicht wieder lebendig. Kevins mangelndes Weinen ist nicht die Ursache für seine Probleme und kann sie offenbar auch nicht lösen. Wenn er weinen würde, anstelle sich umzubringen, wäre das sicher besser, aber wenn tatsächlich niemand um ihn weint, wenn er sich umbringt, wird ihm wahrscheinlich auch niemand helfen, wenn er weint. Cui bono also?

Das ist sicher kein Grund, um den Kampf für emanzipierte, freie Jungen und Männer aufzugeben. Aber ich glaube, es ist ein Grund zum Weinen.

Wenn „trauriger Film“ und „schlimmes Ereignis im richtigen Leben“ dieselbe emotionale Reaktion auslösen, welche Wertigkeit hat die dann überhaupt? Hätte man mehr Empathie mit Wehrpflichtigen, wenn diese weinen würden? Man braucht keine besondere Empathie und auch keine Anzeichen von Emotionen wie Tränen, um erkennen zu können, dass Kevin darunter leiden wird, wenn seine Mutter ihn verlässt. Einschließlich besagter Mutter.

4 Gedanken zu “Tränen lügen nicht

  1. Männer weinen. Pickert nennt genug Beispiele, wo es vollkommen legimtim ist zu weinen.

    Aaaaber, das soll nicht öffentlich zelebriert werden. Mann weint nicht öffentlich. Mann weint nicht, um Mitleid zu erhalten.

    Ach ja, mir hat mal ein Ami gesagt, dass Fußball bei denen als Weiber-Sport gilt, weil da so viel geweint wird („take it like a man“). Ist auch ne kulturelle Frage.

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  2. Es ist doch nicht nötig, dass die Wehrpflichtigen weinen. Es würde Pickert bestimmt reichen, wenn Putin und seine Generäle mit entsprechender Miene sagen würden: „Jungs, es tut uns so leid, aber jetzt müsst ihr leider verrecken… Schnüff …“ Stattdessen eifern diese Bösen dem „großen“ Friedrich nach, der mit seinem Stock auf seine Soldaten eindrosch, mit den schönen Worten „Hunde, wollt ihr ewig leben!“
    Nur deshalb sind die armen Männer, gerade rund um Putin, nicht ausreichend emanzipiert. Frauen kriegen diese aufrichtige Betroffenheit einfach besser hin.

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  3. Frauen fordern vielleicht, dass Männer weinen und Gefühle zeigen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, du bist bei den meisten Frauen einfach unten durch, falls dir das in ihrer Gesellschaft passiert. Außer vielleicht bei einer Beerdigung, aber ansonsten hast du einfach in deiner Rolle zu bleiben.

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