Wenn man selbst in Klischees denkt…

…dann sieht man die auch bei anderen.

Was Frauen denken

Was, Frauen denken? DAS ist sexistisch!

Zwar dezenter, aber die Werbeindustrie bemüht noch immer Klischees.

Was wohl so ist, aber wenn die damit nicht ab und an damit Leute ansprechen könnten, wären sie pleite.

Dabei wäre es so einfach, mal einem Mann Sorgenfalten wegen seines Hinterns ins Gesicht zu zaubern

Weil Männer sonst nie Sorgenfalten entwickeln? Man könnte denken, Frau Hausbichler hätte noch nie einen Mann gesehen. (Laut Kommentare soll das Bild androgyn sein, aber das macht ihre Argumentation nicht besser…)

Die sexistische Werbung im öffentlichen Raum ist in den vergangenen Jahren deutlich weniger geworden. Sich räkelnde Frauenkörper in Hotpants und knappen Oberteilen oder dumpfe Geschlechterklischees gibt es zwar noch immer.

Was impliziert, dass die Darstellung von sportlichen Männern in figurbetonenden Kleidungsstücken, wenn es denn mehr als ein Kleidungsstück ist, nicht als „sexistisch“ gilt, denn Bodyshaming bei Männern ist ihr natürlich egal.

Sie finden sich inzwischen allerdings eher via Airbrush auf Lkw-Türen als in teuren und aufwendig gestalteten Werbekampagnen.

Ja, die gefürchteten halbnackten Frauen in Laatzen. Markt regelt und so.

Sexismus kann für ein Unternehmen inzwischen ziemlich peinlich sein – oder, besser: offensichtlicher Sexismus.

Der gutaussehende, kompetente „Badguy“ bei Ringe der Macht ist in Wahrheit ein böser, magisch begabter Gestaltwandler? Und nicht nur auf Teenie-Film-Level „Badguy“? Was sagt das wohl über Männer allgemein aus? Nichts gutes, würde ich sagen.

Trotzdem wuchern die „Männer sind so, Frauen so“-Behauptungen weiterhin.

Das mag anderswo ja sein, aber dieses eine Plakat stellt ja eine Frau dar, nicht „Frauen“ als Kollektiv. Es steht auch nicht daneben ein Bild von einem Mann, der ganz andere Dinge denkt. Insofern ist das schon formal keine „Männer sind so, Frauen so“-Behauptung.

Und das ist ebenso ein Hemmschuh auf dem Weg zur Befreiung von engen Geschlechtergrenzen wie eine primitive Objektivierung von Frauen.

Ob eine „primitive Objektifizierung“ ein Hemmschuh ist, sei mal dahin gestellt, aber wer sich von diesem Bild hemmen lässt, hat jetzt einfach Pech gehabt.

Ein hervorragendes Beispiel dieses stereotypen Hintergrundrauschens, das schier ständig zu hören ist, bietet derzeit eine riesige Werbefläche für die Kampagne „Glaub an dich“ der Erste Bank.

Ich möchte hier nochmal darauf hinweisen: jede Werbung, die die Zielgruppe nicht anspricht, ist eigentlich ja gut, weil die Zielgruppe dann ja ihr Geld nicht für Quatsch raushaut.

Das Bild ist sage und schreibe 350 Quadratmeter groß, die Frau darauf ist somit kaum zu übersehen, ebenso die ihr ins Gesicht geschriebenen Sorgen, Gedanken und unerledigten Aufgaben, die ihr offenbar durch den Kopf gehen.

Das ist natürlich das größte aller Klischees – jeder weiß doch, dass Frauen gar keine Sorgen haben und alle Aufgaben direkt erledigen. Immer dieser Frauenhass, der Frauen sympathisch erscheinen lässt?

„Mama anrufen“ zum Beispiel.

Weil Männer ja ständig ihre Mütter anrufen, kann das ja nur von einer Frau kommen.

Die großen Sorgen der Frau betreffen hingegen die „Zukunft“, „Krieg“ oder die „Inflation“.

Wohingegen Männer mehr Angst vor „Vergangenheit“, „Frieden“ und „stabile Währung“ haben. Männer sinn duhm, d’oh!

Und dann sind da noch diese klischeehaften Vorstellungen, was in einem Frauenkopf so vor sich geht.

Große Teile dieser Gedanken könnte man auch Männern zuschreiben. Aber Männer sind nicht die Zielgruppe. Weil Männer mal wieder bevorzugt werden, oder so.

„Warum ruft er nicht an?“, „Wie sehe ich wohl mit 40 aus?“, „Mist, da ist ein Pickel“, „Ich glaube, ich habe zugenommen“

Außer dem Klischee, dass die meisten Männer auf Frauen stehen, kann das alles nicht bei Männern vorkommen? Ich weiß, wie ich mit 40 aussah, und ich habe ab und zu Pickel. Und naja…

Es gibt Schlimmeres, könnte man einwenden. Stimmt, das gibt es immer

Das ist SO wenig schlimm, was wäre denn gut?

Andererseits: Muss das wirklich noch immer sein?

Keine Ahnung, muss irgendwas sein? Gegenfrage – wenn es so ein Plakat über Männer gäbe, wäre da nicht der Vorwurf, dass mal wieder nur Männer angesprochen werden?

Es beschleicht eine fast das Gefühl, als ob die Annahme herrschte: Ohne Klischee würden Menschen nicht verstehen, dass da eine Frau denkt.

Wenn da eine Frau dargestellt würde, wäre das ausreichend, um die Aussage „Hier denkt eine (diese) Frau!“ ausreichend zu kommunizieren, aber 350 m² sind angeblich nicht genug. Die Welt ist nicht genug.

Nun wird es schon wahr sein, dass sich manche öfter genau diese Dinge denken. Das Problem daran ist aber, dass selbst die, die kaum ängstlich darüber nachdenken, warum „er“ etwas tut oder nicht tut, angesichts solcher Bilder glauben könnten, das wäre der Standard.

Sagt die Standard. Und? Wenn irgendeine Frau das sieht, deshalb denkt, dass das bei den meisten Frauen so sei, auch wenn es bei ihr nicht so ist, wo ist das Problem? Was sollte die Frau dazu motivieren, so zu werden wie die in der Werbung? Bei den Supermodels mit dem perfekten BMI, der makellosen Haut und tollen Haaren, die anscheinend superattraktiv für das jeweils andere Geschlecht* sind, ok, aber diese hier wird ja gerade nicht als attraktiv dargestellt.

Sich über die Figur das Hirn zermartern, die Haut, den Typen.

Schwule Männer machen das nicht?

Aber dann schreiben wir es wenigstens allen zu und hören auf, derlei als „Frauending“ zu framen.

Also, ich fühle mich insoweit angesprochen, dass ich, auch als Mann, mich mit den Problemen dieser Frau identifizieren kann, selbst wenn die teilweise nicht genau auf mich zutreffen. Offenbar habe ich doch Rudimente von Empathie.

Geschlecht dient noch immer als Leitplanke, um sich von Unbekannten ein erstes Bild zu machen.

Leitplanken verhindern, dass man sich oder andere lebensgefährlich verletzt, um im Bild zu bleiben. Aber hey…

Damit sind nervige Klischees verbunden, die von uns fordern, erst einmal um die Ecke zu denken, um womöglich draufzukommen: Aha, der ist ein Mann – er schläft aber deshalb noch lange nicht mit Frauen.

Ja, liebe Incels, die meint Euch!

Oder: Das ist eine Frau, die will deshalb aber noch lange keine Kinder.

Weil nur Frauen Kinder wollen, Männer aber nicht, und deshalb sind Männer für ein liberales Abtreibungsrecht, Frauen aber dagegen… ääh, ja, darum geht es auf dem Plakat aber so oder so nicht, oder?

Es wäre wirklich nicht viel Aufwand, hier zukunftsgewandter zu agieren.

Es ist nicht Aufgabe, Ziel oder gar Sinn von Werbung, zukunftsgewandt zu sein. Die wollen was verticken, fertig.

Auch einmal einem männlichen Mittdreißiger Sorgenfalten auf die Stirn zu zaubern, weil er das Kindergeburtstags-Gastgeschenk vergessen hat oder der Hintern nicht mehr in die Jeans passt.

Hmm, vllt. mögen Männer es ja nicht, wenn sie in der Werbung als Versager dargestellt werden? Hallo Edeka, hallo Gillette. Oder Gilette, ich vertuhe mich dauernd. Jedenfalls verrate ich jetzt den Trick: wenn IHR, liebe Frauen, eine bestimmte Werbung doof findet, dann kauft das Produkt nicht.

*Ja, DAS Supermodel. Supermodels sind sprachlich gesehen geschlechtsneutral und müssten selbst dann nicht gegendert werden, wenn man ausdrücklich alle Geschlechter meinte.

Ein Gedanke zu “Wenn man selbst in Klischees denkt…

  1. Ok, stellen wir nur noch Männer als sexy Sexobjekt dar und Frauen als hässliche, unfähige Couchpotatoes. Hat meinen Segen.

    Was für ein dämliches Bild: Was nutzt der feuchte Händedruck „glaubandich“, wenn die Welt immer unsicherer wird?

    Gefällt 1 Person

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