Sportler sind Mordler?

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Gewaltige Sportler

Jérôme Boateng ist nicht der einzige Profi, der seine Partnerin geschlagen hat. Was Gerichte ahnden, bleibt in der Sportwelt oft ohne Folgen.

Mal rein statistisch gesehen – jedes Verbrechen, dass in der Gesamtbevölkerung vorkommt, wird auch in einer Teilmenge vorkommen, es sei denn, das Verbrechen ist sehr selten, oder das Verbrechen korreliert mit anderen demographischen Faktoren. Dass z.B. ein Fußballprofi, der Millionen verdient, in seiner Freizeit Handtaschen klaut, ist eher selten, dafür besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit für Steuerbetrug.

Für den Richter am Landgericht München gab es keinen Zweifel. Am Mittwochabend verkündete er sein Urteil im Berufungsprozess gegen Jérôme Boateng.

Und weil der Berufungsprozess das Urteil des ersten bestätigt, wäre es eher unschlau von ihm, es eine Instanz höher nochmal zu probieren. Soviel zum Narrativ vom frauenfeindlichen Rechtsstaat.

Der Prozess lieferte Einblicke in eine finstere Welt, voller Abhängigkeiten und Gewalt, in der Profisportler auch mit der Macht ihrer Prominenz gegen Frauen agieren.

Fürs Protokoll: das liegt nicht daran, dass es Männer sind oder dass es Sportler sind, sondern, dass sie Macht haben. Eine Frau, die sagen wir durch ihre Kunst berühmt und reich geworden wäre, hätte dieselben Möglichkeiten und würde sie vermutlich auch so nutzen, wenn sich die „Notwendigkeit“ ergäbe.

Eine Recherche der Journalismusplattform correctiv.org und der Süddeutschen Zeitung hatte Ende Oktober gezeigt, dass der Fall Boateng kein Solitär in der archaischen Welt des Profifußballs ist.

„Solitär“ ist das neue „Einzelfall“. Aber, wie gesagt, das hat mehr mit Macht und Machtgefälle zu tun. Siehe auch hier. Oder hier. Und jaaa, man könnte annehmen, dass Sportler sportlich wären und nur gegen Gegner derselben Liga/Gewichtsklasse oder je, nachdem antreten, aber das ist ja rein beruflich. Privat können Menschen natürlich anders sein.

Die Recherche hatte auch deutlich gemacht, dass die Klubs und Verbände sich mit dem Thema häusliche Gewalt am liebsten gar nicht befassen wollen.

So allgemein formuliert: warum sollten sie? Aus „Spaß“ ja wohl nicht. Sollte ein Arbeitgeber denn die Pflicht haben, das Privatleben seiner Angestellten auf Straftaten hin zu untersuchen? Wenn jetzt gemeint sein soll: „häusliche Gewalt, die vor Gericht landet“, ist das schon eher ein Argument, weil man ja mit der Beliebtheit von Fußballern Geld verdient.

Bei Olympique Lyon, dem Klub bei dem Jérôme Boateng seit September 2021 unter Vertrag steht, waren die Vorwürfe gegen den Spieler nach dessen erstinstanzlicher Verurteilung nie ein großes Thema.

Anscheinend haben die sich keinerlei Sorgen gemacht, dass ihnen Fans abspringen, oder? Wir wissen allerdings nicht, ob das bei einem anderen Verein auch „kein Thema“ gewesen wäre. Oder ob das bei den Verhandlungen doch eine Rolle spielte, aber kein Ausschlusskriterium war.

Als sein Wechsel im Sommer 2021 verhandelt wurde, war auch Boatengs Rolle im Zusammenhang mit dem Suizid seiner zwischenzeitlichen Freundin Kasia Lenhardt schon bekannt.

Der Zyniker in mir sagt: „Markt regelt.“ Oder, etwas abstrakter gefragt, wäre das beim Hausmeister von Olympique ein Thema, das dem den Job gekostet hätte?

Die hatte Boateng kurz zuvor via Bild-Zeitung diffamiert, indem er behauptet hat, sie wolle seinen Ruf ruinieren und habe ihn erpresst.

Abgesehen davon, dass die bei der BILD nicht die Erfüllungsgehilfen vom Hausmeister von Olympique Lyon geworden wären.

Die weltweiten Schlagzeilen zu diesem Fall haben ihn ein paar lukrative Werbeverträge gekostet. Die Fußballwelt indes wollte sich nicht von ihm lossagen.

Immerhin. Aber, wie gesagt, wie wäre das rechtlich? Sollte bspw. die taz das Privatleben ihrer Angestellten kontrollieren? Oder ihrer freien Mitarbeiter? Oder abwarten, bis es zu einem Prozess kommt? Oder bis zum Urteil? Dass Boateng so wichtig ist, dass man ihn nicht ersetzen kann, im Unterschied zum Hausmeister, verschafft ihm ein gewisses Machtgefälle, ja, und es wäre sicher besser, wenn man das überwinden könnte, aber hier wird das so gefrämt, als ob die einfach nur gerne Frauen schlagen (lassen).

Mitte Oktober ist der ehemalige Radprofi Mario Cipollini von einem Gericht in Lucca wegen häuslicher Gewalt gegen seine Ex-Frau zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt worden. Die Vorwürfe sind seit Jahren bekannt.

Wie die Vorwürfe gegen Johnny Depp, nur das der freigesprochen wurde. Aber wie soll der Radsport einen ehemaligen Radler jetzt noch sanktionieren?

Doch am Ruf des Radstars, der öffentlich immer wieder damit kokettiert, welch unwiderstehlicher Womanizer er sei, hat das nicht kratzen können.

Mitte. Oktober. Also vor zwei Wochen. Man kann ehrlicherweise gar nicht genau wissen, ob und wie das an dessen Ruf kratzt – hallo Hoeneß, hallo Becker – aber wenn man mal annimmt, dass das als schlimmer betrachtet wird als irgendwas mit Steuern, schaunmermal.

Die Radsportwelt lachte munter weiter über den Schönling

Wie über Becker und Hoeneß?

der nicht müde wurde zu betonen, dass er wohl Pornostar geworden wäre, wenn es mit dem Radsport nicht geklappt hätte.

Wird da auch so viel gedopt? Ich frage nur aus zynischem Sarkasmus, nicht für irgendwelche Freunde.

Die Zuneigung der Fans war auch dem georgischen Tennisprofi Nikoloz Basilashvili sicher,

Okeeee, ein Beispiel, was näher ist, fanden sie nicht?

als er vor zwei Wochen einen Gerichtssaal in Tbilisi betrat. Auch Gerichtsangestellte baten um eine Foto mit dem georgischen Sportstar.

DAS ist ernster, von wegen Befangenheit und so.

Wie das News-Portal Open Caucasus Media berichtet, habe sich die Richterin bei der Urteilsbegründung gewundert, warum die Frau Basilashvili nicht früher angezeigt hat und angemerkt, dass die Bilder, die eine Verletzung an ihren Arm zeigten, auch davon stammen könnten, dass sie ihr Kind falsch gehalten habe.

Okeee, das klingt etwas sonderbar – wie falsch kann man ein Kind halten? Aber gut, Rechtsbehelf per Ferndiagnose, die besten aller besten.

Während der Dauer des Prozesses spielte der Georgier munter weiter auf der Profitour des Spielerverbands ATP. An den meisten Verhandlungen nahm er per Videoschalte teil.

Das ist eher die Schuld des Gerichtes als der ATP. Wenn das Gericht keine Fluchtgefahr sieht – was jetzt schon eine Option für ihn wäre – scheint das mit der Befangenheit schon ein Problem gewesen zu sein, Ferndiagnose oder nicht.

In einem anderen Fall ist es noch zu gar kleiner Verhandlung gekommen und so konnte auch Alexander Zverev … von Turnier zu Turnier reisen.

„keiner“, nicht „kleiner“. Aber ja, die ATP will nicht, dass ein Spieler von einer Veranstaltung ausgeschlossen wird, bevor es zu einem Prozess kommt, weil es sonst recht einfach wäre, Konkurrenten auszuschließen, Sportwetten zu manipulieren und was der Dinge noch sind.

Bei allem Lästern – ein Fall von denen oben ist tatsächlich eine Verurteilung. Einen vorbestraften Mitarbeiter nicht weiter zu beschäftigen, insbesondere auf solch einem prominenten Posten, ist jetzt sicher legitim; bzw., eine entsprechende Klausel in einem Spielervertrag wäre sicher nicht gegen die guten Sitten. Aber wenngleich der Profisport die Unschuldsvermutung teilweise wirklich überstrapaziert, die TAZ wirft sie hier aus dem Fenster.

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