Nein. Einfach nur: Nein!

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Die Spuren des Antiken Römischen Rechts lassen sich oft noch in rechtlichen Institutionen der Gegenwart nachweisen

Ja, das hatte man mir schon in der 5. Klasse erklärt. Aber in dubio pro reo will ich mal annehmen, dass das jetzt zu irgendetwas tiefgründigem führt.

Ein simpler Vergleich zum Einstieg: Was haben der Satz des Pythagoras „In einem rechtwinkligen Dreieck ist die Summe der Kathetenquadrate gleich der Fläche des Hypotenusenquadrats“ (oder als Formel dargestellt: a² + b² = c²) und der Satz „Der abgeleitete Eigentumserwerb ist von der dinglichen Berechtigung des Vormannes, einem rechtfertigenden Grund für die Übertragung und einem anerkannten Übertragungsmodus abhängig“ gemeinsam?

… quarum unam incolunt belgae, aliam aquitani, tertiam quae ipsorum linguam celtae, nostram galli appelantur. Maximale Präzision im Ausdruck?

Beide Erkenntnisse wurden in der Antike gewonnen – und beide haben noch heute Gültigkeit.

Das eine ist eine Erkenntnis über eine „ewige Wahrheit“. Das andere ist einfach eine Festlegung.

In der Mathematik wie in der Jurisprudenz überwucherten die in den Jahrhunderten seit diesen Erkenntnissen entwickelten Präzisierungen und Verästelungen die grundlegenden Aussagen der Anfänge ihrer Disziplin.

Kann ja sein. Bei Juristen liegt das wohl weniger an der universellen Wahrheit oder träger Bequemlichkeit, sondern daran, dass die Idee von „Gerechtigkeit“ einerseits relativ konstant ist, und andererseits, dass die Methoden, Gerechtigkeit zu erreichen, nicht beliebig sind.

Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass zwar alle kontinentaleuropäischen Rechtsordnungen auf dem Römischen Recht basieren, aber etwa in Deutschland, Österreich und Frankreich unterschiedliche Voraussetzungen für den Eigentumserwerb bestehen

Wohingegen die Frage, was ein Dreieck ist und was ein rechter Winkel, ablschließend definiert ist. Vermutlich kann man sogar mit Aliens am besten über Mathematik reden, selbst wenn diese völlig andere Vorstellungen von Gerechtigkeit haben. Oder gar keine.

Dass man die Ausgangspunkte und damit Grundstrukturen kennen muss, um den Überblick im Urwald der verschiedenen Theorien, Formeln und Normen behalten zu können, leuchtet für die Mathematik oder Physik unmittelbar ein. Nun, ebenso verhält es sich auch im Recht.

Schon, aber in der Mathematik ist es so, dass die Formel schon galt, als es noch niemanden gab, der sie kannte, und dass sie weiterhin gelten wird, wenn jedes denkende Wesen im Universum tot ist. Ansonsten ist die Aussage trivial. Man muss die Grundstrukturen einer Grammatik kennen, bevor man kompliziertere Sätze formulieren kann, man muss die Grundlagen eines Sports können, bevor man gut wird, die Grundlagen einer Kunst, eines Berufes, einer Wissenschaft, alles dasselbe.

Für das Recht stellt ebendiese Grundstruktur das in vielen Aspekten so zeitlose Römische Recht dar.

Das ist jetzt teilweise historischer Zufall, denn wenn nicht, hätten wir ein anderes Recht als Grundlage.

Freilich „gilt“ nicht alles heute noch unmittelbar, wie auch nicht alle Theorien des Pythagoras heute noch „gelten“ (man denke an die Entdeckung der Inkommensurabilität).

Ja, DIE wurde tatsächlich entweder von ihm selbst oder seinen Zeitgenossen noch entdeckt. Juristische Gesetze kann man aber nicht „entdecken“. Umgekehrt kann man ein juristisches Gesetz per Gesetzesänderung ändern, im Unterschied zur Inkommensurabilität.

Manches – wie die Sklaverei oder die Vermögenskonzentration in der Hand von Familienvätern – ist heute als soziale Voraussetzung für das Recht überwunden.

Eine „soziale“ Voraussetzung für Recht gibt es nicht, außer, man lässt das Recht des Stärkeren gelten. Auch das römische Recht brauchte staatliche und keine sozialen Voraussetzungen, wie eine Gesetzessammlung, eine Jurisdiktion und eine Exekutive.

Insofern „gilt“ das Römische Recht heute noch ebenso wie die Fläche des Hypotenusenquadrats im rechtwinkeligen Dreieck noch heute gleich der Summe der Kathetenquadrate ist.

Was passiert eigentlich mit einem rechtwinkligen Dreieck, dass gegen den Satz des Pythagoras verstößt – wird es immer noch gekreuzigt, oder kommt es zu den Löwen?

Auch in der Physik oder Elektrotechnik braucht man zur Erklärung Modelle: Zum Verständnis ist es etwa sinnvoll, das Bohr’sche Atommodell heranzuziehen, obwohl es als „überholt“ gilt.

Das ist nebenbei ein ganz schlechter Vergleich, was Mathe betrifft: der Satz des Pythagoras ist keine Vereinfachung eines wenig anschaulichen Sachverhaltes, sondern gilt so, wie er ist. Es gibt Formeln für die Kantenlängen von Dreiecken, die nicht rechtwinklig sind, aber das ist nicht das, was hier beschrieben wird. Aber kann ja sein, dass man Jura besser versteht, wenn man die Entwicklung erklärt.

Theo Mayer-Maly stellte schon 1991 fest: „Das, was wir jetzt als einen fernen Traum ansehen, haben wir vor 220 Jahren noch bequem gehabt, ein europäisches ius commune, mit dem sich einige Partikularitäten verbunden haben. (…) Die nationalstaatlichen Privatrechtsordnungen sind, gemessen an der Dimension der Rechtsgeschichte, kurzfristige Episoden.“

Dass das Ding auch „ius commune“ heißt, wa?

Ob jetzt ausgerechnet die Privatrechtsordnung das Hauptproblem der EU ist, will ich im übrigen nicht beurteilen; der Pythagoras-Vergleich ist trotzdem zum Fremdschämen cringe.

7 Gedanken zu “Nein. Einfach nur: Nein!

  1. najaaaaaa … der Pythagoras ist eher so ein Speziallfall-Fall als eine ewige Wahrheit, der gilt nur unter der Einschränkung „euklidische Geometrie“, d.h. auf gekrümmten Flächen (Erde) oder eine Dimension höher auf gekrümmter Raumzeit (Sonne, schwarze Löcher, evtl das ganze Universum) passt das alles nicht mehr.

    Aber ansonsten hast du natürlich recht, der Vergleichende hat sich da nicht mit Kompetenz bekleckert, weder in Bezug auf Jura, noch auf Mathe, Geometrie oder Logik

    Gefällt 1 Person

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