Metoo-Mythos

Standardmäßig.

Vom Mythos zu #MeToo: Die Wehrhaften

Wenn ein Mann mit seiner Freundin durch den dunklen Park geht, die beiden werden angegriffen, und er hat zufällig eine Schrotflinte dabei, dann muss er nicht sein Leben riskieren, sondern ihr das Ding in die Hand drücken…

Ob Timokleia, Medusa oder Artemisia Gentileschi – von der Antike an kennen Mythos und Geschichte Frauen, die sich gegen sexuelle Gewalt zur Wehr setzten

Ja. Es gibt auch Frauen, die sich gegen nicht-sexuelle Gewalt zur Wehr setzten. Oder gegen andere Verbrechen, wie Diebstahl, Scheckbetrug oder den Enkeltrick.

Es gibt ein Gesicht, das in sekundenkurzen Videos auf Tiktok und Instagram mittlerweile beinah so oft auftaucht wie in Museen. … Es ist Medusa, die zum Monster verwandelte Frau.

Jaaaa, diese Origin-Geschichte ist aber nicht das Original. Ursprünglich galt die Gorgo Medusa als Tochter des Phorkys – eines alten Meergottes und/oder Seeungeheuers – und dessen Schwester Keto, die eine ähnliche Funktion wahrnahm. Und das ist ein Argument gegen Geschwisterehe.

Die mythologische Figur ist in den letzten Jahren zu einem Code geworden: für Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt und überlebt haben.

Und diese Anspielung beruht auf…

Bei Ovid stellt der Gott Poseidon der schönen Medusa nach und vergewaltigt sie im Tempel der Athene.

Ovid, das muss man dazu wissen, lebte um die Zeitenwende, also mehrere Jahrhunderte nach Homer oder Hesiod, d.h., seine Interpretation ist ähnlich originär wie eine heutige Interpretation des Robin-Hood-Stoffes. Was natürlich nicht dagegen spricht, die Symbolik so zu verwenden, aber – und das ist der andere Kritikpunkt – soll das heißen, dass weibliche Opfer hässlich werden? Schwierige Konsequenz.

Sie straft nicht etwa ihren Brudergott, sondern verwandelt Medusa in ein Monster mit glühendem Blick und Schlangenhaaren. Wer ihr von nun an in die Augen blickt, erstarrt zu Stein.

In der Version des Hesiod hatte sie auch freiwillig Sex mit Poseidon. Auf sanftgrasigen Wiesen. In des Frühlings Blumengewimmel. Irgendwann zwischen Hesiod und Ovid gab es dann wohl die Version, in der die beiden freiwilligen Sex, aber in einem Athenetempel hatten. Hesiod nennt die Medusa übrigens schon jammervoll – nicht nur, dass jemand sie später umbringt, um ihren Kopf als Waffe gegen riesige Meeresungeheuer (die so heißen wie ihre Mudda) einzusetzen, sondern Athene kriegt den Kopf später, um ihn auf ihren Schild zu stecken. Und außerdem war sie von Poseidon schwanger mit einem Riesen und einem geflügelten Pferd. Was insgesamt nahelegt, dass da die Geschichte ursprünglich eine ganz andere war, oder aber, mehr als eine miteinander vermischt wurden.

Es ist eine von zahlreichen Gewaltgeschichten aus der griechischen Mythologie. Da gibt es Danaë, über die Zeus als Goldregen kommt.

Eigentlich war sie eingesperrt, damit sie keinen Sex hat. Von ihrem Vater. Wegen: Patriarchat!

Nemesis, die er als Schwan vergewaltigt, Persephone, in deren Schoß er als Schlange gleitet, und Europa, die er als Stier entführt. …

Aus dem Grunde, dass diese Geschichten über Jahrhunderte weitererzählt wurden, ist nicht ganz klar, wie viel oder wenig Konsent in der ursprünglichen Version jeweils dabei war. Warum ein Gott eine Tarnung bräuchte, um die Frau zu täuschen oder deren Familie, sei mal dahingestellt.

Der Mythos der Medusa ist anders. Sie erfährt keine Gerechtigkeit, gilt nicht als Opfer oder fühlendes Wesen.

Bei Hesiod gilt sie als „jammervoll“. Also schon als Opfer, für das man Mitleid, „Jammer“, empfinden kann.

Medusa ist wütend, gefährlich und wehrhaft. Damit ist sie eine von wenigen, aber immer schon da gewesenen Frauen und Frauenfiguren dieser Art.

Ja, weil ihre Geschichte retroaktiv geändert wurde, vllt.? Denn ganz ursprünglich, so wird theoretisiert, waren Gorgonenhäupter als Schutzzeichen gegen böse Dämonen gedacht, und die Erklärung, dass Medusa nicht etwa so geboren wurde, kam viel später auf. Aber ja, Interpretation.

Auch Timokleia ist eine von ihnen. Plutarch erzählt ihre Geschichte zweimal, in seiner Biographie Alexanders des Großen und in seinem Werk „Mulierum virtutes“.

Warum ein Grieche seinem Werk einen lateinischen Titel gäbe, weiß der Gilb. Bzw., warum die Standard nicht den Namen der deutschen Übersetzung verwendet. Aber ja, Timokleia. Bringt ihren Vergewaltiger um, der außerdem auch noch geldgeil ist.

Statt um Gnade zu bitten, erklärt sie dem Heerführer ungerührt, dass ihr Bruder im Kampf gegen seine Truppen gestorben sei

Wie zigtausende Brüder anderer Frauen auch.

 Alexander, so erzählt es Plutarch, ist von ihrem Mut so beeindruckt, dass er sie ohne Strafe ziehen lässt und sie unter seinen Schutz stellt.

Wohingegen er einen Mann in derselben Situation hingerichtet hätte? Keine Ahnung, ob das so wäre, die ganze Episode beweist mal gar nichts, außer, dass Plutarch ihr Verhalten loben will.

Timokleia hat Handlungsmacht.

Funfact: Alexander lässt ihre Heimatstadt Theben schleifen, außer dem Haus, in dem einst Pindar wohnte. Was so ein echter Pndar-Fanboy ist…

Das unterscheidet diese Geschichte von vielen anderen. Oft genug wird das Unrecht zwar erkannt und benannt, den Opfern aber keine Möglichkeit geboten, sich zu wehren.

Ja, das ist ein Artefakt der Geschichte – wenn jemand, ob Frau oder Mann, in der Lage wäre, sich vor Unrecht zu wehren, würde das Unrecht entweder gar nicht erst eintreten oder aber unspektakulär abgewendet werden.

Eine solche Erzählung ist die altrömische Legende von Lucretia. Die tugendhafte Ehefrau wird von einem Kameraden ihres Mannes erpresst und vergewaltigt. Ihr Mann und ihr Vater geben ihr keine Schuld, doch Lucretia nimmt sich selbst das Leben. Sie weiß, dass sie vergewaltigt wurde, sie weiß, dass sie keine Schuld trifft – aber sie sieht sich dennoch als Ehebrecherin.

Sie sieht sich auch nicht als Ehebrecherin. Sextus findet sie irgendwie „geiler“ als andere Frauen, weil sie zu hause Socken stopft statt Party zu machen. Sextus: „Schlaf mit mir, oder ich bringe Dich um.“ Lucretia: „Ok, dann bring mich halt um.“ Sextus: „Dann bringe ich Dich um, und dann einen Sklaven, und dann sieht es aus, als hätte ich Euch in flagranti erwischt!“ Und sie schläft mit ihm, um ihren guten (postmortalen) Ruf zu wahren.

Lucretia stirbt, weil sie nicht will, dass andere „Ehebrecherinnen“ unter Verweis auf sie am Leben bleiben.

Sie stirbt, weil ihr ihre sexuelle Selbstbestimmung zwar wichtiger ist als ihr Leben, die Meinung Dritter aber wichtiger als beides. Ja, rechtfertigt keinen Selbstmord, aber was täte das schon? Nebenbei wird ihr Vergewaltiger angeklagt, obwohl der der Sohn des Königs ist. Der gestürzt wird, als das publik wird. Viva illa res publica!

Die Erzählung entsteht in einer Zeit, in der Augustus eine Strafrechtsreform plant, die Ehebrecherinnen mit dem Tod strafen soll.

Und die Republik abschaffen, wovon Frauen natürlich am meisten betroffen waren. Tante Wiki meint, dass die Erzählung viel älter ist, aber möglicherweise nicht so alt wie die eigentliche römische Republik, zu deren Gründungsmythos sie gehört. Wie falsch kann ein einfacher Artikel in einer Zeitung eigentlich werden?

Lucretia soll ein Vorbild sein, ihre Geschichte ein Lehrstück. Doch sie erzählt auch vom Leben einer Frau in einer Gesellschaft, die ihr weder Schutz noch Gerechtigkeit gewährt.

Scheiß Monarchie! Nieder mit der Tyrannei der Tarquinier!

Ähnlich ergeht es der biblischen Susanna. Die junge Frau wird, im Garten badend, von zwei Ältesten bedrängt. Als sie sich wehrt, bezichtigen sie sie vor versammelter Gemeinde des Ehebruchs mit einem erfundenen Dritten. …

Auch das ist jetzt ein Fall, in dem Vergewaltigung als schlimmes Verbrechen dargestellt wird, das mit allem Scharfsinn aufgedeckt und mit aller Härte bestraft wird. Insbesondere wird betont, dass man Autoritäten – Prinzen, Älteste – nicht einfach glauben sollte. Also eigentlich dieselbe Botschaft wie MeToo, nur dass der Standard nicht der Bote gefällt?

Erst eine göttliche Eingebung führt dazu, dass der Prophet Daniel Susanna retten kann, als sie schon zum Tode verurteilt ist.

Ob das wirklich DER Daniel ist, ist strittig, weil der im babylonischen Exil lebte, wo Älteste wenig Autorität hatten. Aber ja, die Botschaft hier ist, nicht erst auf göttliche Eingebung zu warten, sondern direkt mit rechtsstaatlichen Mitteln anzufangen. Wie die Glaubwürdigkeit von Zeugen zu hinterfragen. Hallo hierzu.

Über die Jahre wird „Susanna im Bade“ zu einem beliebten Motiv in der Kunst. Im Jahr 1610 nimmt es sich die jugendliche Artemisia Gentileschi vor. … Ihre Susanna schlägt um sich, während die Alten versuchen, sie am Haar über eine Mauer zu zerren.

Ja, jetzt kommt eigentlich „Trennung Kunst und Künstler“, aber in dem Fall scheint das sinnlos, weil…

Als sie achtzehn Jahre alt ist, wird Artemisia von einem Kollegen ihres Vaters vergewaltigt. Ihre Hilfeschreie bleiben ungehört, obwohl weitere Menschen im Haus anwesend sind.

So gaaanz schlüssig ist zwar nicht erklärt, woher die Standard weiß, dass weitere Menschen im Haus waren, aber mal fürs Argument.

Vergewaltigung ist im Italien dieser Zeit nicht strafbar, … Der Mann wird schließlich verurteilt

Jaaa, es war früher etwas schwierig, einen Vergewaltiger zu überführen. Aber der Mann hatte anscheinend auch Übung, der Justiz aus dem Wege zu gehen. „Schon 1622 geriet er wieder in Schwierigkeiten, weil er eine Prostituierte angegriffen und eine Dienerin, die gegen ihn aussagte, bedroht hatte.“ Also Gewalt gegen Frauen, auch gegen solche aus weniger angesehenen Berufen, konnte bestraft werden, wenn auch nur mit Hausarrest… „Er wurde jedoch aus dem Palazzo hinausgeworfen, als sich herausstellte, dass dieselbe Dirne, die er zuvor angegriffen hatte, dort mit ihm zusammenlebte.“ Ok, das macht mein Argument wieder kaputt. Aber im 17. Jahrhundert war das Rechtssystem nicht optimal.

So zeigt eines ihrer bekanntesten Werke die Enthauptung des Holofernes. Im alten Testament sucht die Israelitin Judith das feindliche Lager auf, wickelt den Heerführer Holofernes um den Finger und enthauptet ihn anschließend an seinem Bett.

Also deutlich nützlicher als Timokleia. UND mit Handlungsmacht. Sie macht das, was man von den schwarzen Witwen dem Namen nach erwartet, im Unterschied dazu, sich von Holofernes beschützen zu lassen. Und ja, sie ist tatsächlich Witwe, aber nicht wegen der Assyrer, sondern wegen Hitzeschlag. Soweit die Worte der heutigen Lesung.

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